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Rezensionen - Einstellungsjahr 2021

Verfasser: Uwe Bekemann (sofern nicht jeweils ein anderer Verfasser genannt ist)

The Hippopotamus Defence
The Hippopotamus Defence

Alessio De Santis
The Hippopotamus Defence
320 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-831-6
29,95 Euro



The Hippopotamus Defence


Wer sich ein Buch wie „The Hippopotamus Defence“ von Alessio De Santis zulegt, hat sich in der Regel bereits klar gemacht, welcher Art Eröffnung ihn bei der Lektüre erwartet. Ob der Kauf subjektiv dann als gelungen oder als Fehlgriff empfunden wird, hängt in der Folge kaum noch davon ab, ob die Eröffnung als solche für den Spieler in Betracht kommt, sondern vielmehr von der Qualität der Präsentation im Buch.
Das vorliegende Werk, bereits 2019 bei New In Chess (NIC) erschienen, ist vor diesem Hintergrund in meinen Augen beispielgebend gelungen und bringt damit alle Voraussetzungen mit, um vom Käufer als Gewinn wertgeschätzt zu werden.
Ganz bewusst ziehe ich diese Bewertung nach vorne, um meine für sie maßgeblichen Gründe zusammenstellen zu können, ohne mich ggf. wiederholt zur Spielbarkeit des Systems äußern zu müssen. Wer sich für die Hippopotamus-Verteidigung entscheidet, entscheidet sich zugleich für die charakteristischen Konsequenzen dieser Wahl, insbesondere für den verhaltenen Aufbau der eigenen Kräfte auf zunächst nur drei Reihen, für eine solide, lange aber passive Vorgehensweise sowie für das Ausblenden von viel Eröffnungstheorie. In die Potenziale, die die Hippopotamus-Verteidigung von sich aus mit sich bringt, weiht De Santis den Leser in „The Hippopotamus Defence“ sehr gelungen ein.

Bei dieser Verteidigung, für die es keinen allgemein anerkannten deutschen Namen gibt, handelt es sich nicht um eine ganz spezifische Eröffnungsvariante, mit der Schwarz auf eine ebenso spezifische gegnerische Eröffnungswahl reagiert, sondern um ein universelles System. In Deutschland wird sie gelegentlich auch als „Feustel-Verteidigung“ bezeichnet, weil FM Bernd Feustel ihr in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in seinem Buch „Eröffnungen – abseits aller Theorie“ etwas aus dem Niemandsland der „unregelmäßigen Eröffnungen“ verholfen bzw. sie als eigenständige Verteidigungsidee in etablierten Eröffnungen bekannter gemacht hat. Die Verteidigung kann beinahe beliebig gegen alles eingesetzt werden, was Weiß seinem Gegner präsentiert. Entsprechend ist „The Hippopotamus Defence“ nicht darauf ausgelegt, dass sich der Leser bestimmte Varianten einprägen soll. Vielmehr geht es darum, dass er die schwarzen Aufbauzüge, die De Santis in seiner Einführung bereits – in zwei unterschiedlichen und jeweils typischen Reihenfolgen – abschließend bezeichnet, auswendig lernt und diese dann mit Sinn und Verstand sowie in Abhängigkeit von den gegnerischen Entscheidungen in der angebrachten Reihenfolge spielt. Das Verständnis, das der Leser für diese Form seines Eröffnungsspiels braucht, will ihm der Autor Schritt für Schritt vermitteln. Dazu zählt auch die Vorbereitung zur Entscheidung, ob „das Nilpferd“ vollständig auf das Brett kommen soll oder nach dem eingeschlagenen Weg der Partie ein Teilaufbau besser ist.
Der Leser wird übrigens schon gleich nach dem Vorwort und beschränkt auf eine einzige Seite darauf vorbereitet, dass er nicht einfach stumpf seine Aufbauzüge abspulen kann, sondern sich ihm die Aufgabe stellt, seinen bevorzugten Aufbau komplett oder nur zum Teil zu realisieren. In einer zweispaltigen Darstellung auf Seite 9, die das Wesen des Systems in 60 Sekunden(!) offenlegen soll, macht der Autor deutlich, dass es neben dem Komplettaufbau mehrere „Semi-Hippos“ gibt.

De Santis hat eine interessante Struktur für sein Buch gewählt, die mich ein wenig an Repertoirebücher von Chess Stars erinnert. Er hat seinen Stoff in 3 Abschnitte eingeteilt, die mit „Flash“, „Reflection“ und „In depth“ betitelt sind. „Flash“ dient der schnellen Visualisierung von Stellungsbildern, der Veranschaulichung strategischer Pläne und wiederkehrender Motive, der Beschreibung von Vor- und Nachteilen alternativer Entscheidungen etc. Im günstigen Fall soll bereits eine drei- bis vierstündige Arbeit zum gewünschten Lernerfolg verhelfen.
In „Reflections“ sollen die Strategien sowie die vom Gegner initiierten Probleme in Breite studiert werden. Sehr ansprechend geht De Santis auf unterschiedliche Zentrumsformen sowie Übergänge zwischen ihnen ein. Hier bietet das Werk Chancen für eine universelle Erweiterung des Verständnisses beim Spieler, dessen Nutzen sich nicht auf Partien beschränkt, die mit der Bucheröffnung beginnen.
„In depth“ ist der Bereich, in dem De Santis tiefer in die Probleme der Theorie zu diesem System einsteigt. Er legt aber Wert auf die Feststellung, dass er sich am Anforderungsprofil des Klubspielers orientiert. Einen besonderen praktischen Nutzen verknüpfe ich hier mit Kapiteln zur Theorie in Abhängigkeit von der Zentrumsform und der Vermeidung von Fehlern, ohne dass dies etwa ein Hinweis darauf sein soll, dass die weiteren Gegenstände im Abschnitt 3 eher unwichtig sein könnten.
Den 3 bezeichneten Abschnitten sind insgesamt 16 Kapitel zugeordnet.

Methodisch arbeitet De Santis den Stoff teilweise abstrakt auf, was insbesondere für allgemein-theoretische Aspekte gilt, teilweise arbeitet er mit Partien und Fragmenten. Dies ist seine bevorzugte Alternative für die Besprechung von Gegenständen, die von einer konkret-spezifischen Natur oder mit ausgewählten Brettsituationen verbunden sind. Das Kapitel 12 beispielsweise ist mit „Instructive games“ betitelt und zeigt seinen Partien-Bezug somit schon in der Überschrift an. Und tatsächlich geht es dann um oben schon in anderem Zusammenhang kurz erwähnte Übergänge von einer konkreten Eröffnungsstruktur in eine andere, um nach den beteiligten Bauern unterschiedene spezielle Angriffsformen, um Benoni-Strukturen u.w.
Mit seinen Erläuterungen zielt der Autor erkennbar sehr darauf ab, seinen Leser das Verstehen der Hippopotamus-Verteidigung zu erleichtern. Er erklärt intensiv und holt dabei oft auch schon den noch weniger spielstarken Leser mit seinen Erläuterungen ab. Wenngleich De Santis sich, wie schon erwähnt, am Anforderungsprofil des Klubspielers orientiert, kann auch der noch weitgehend unerfahrene Spieler hinreichend gut mit „The Hippopotamus Defence“ arbeiten. Soweit der Autor generalisierende Aussagen für angebracht hält, etwa weil sie als Regel verstanden oder als Merksatz von Nutzen sein können, sind sie in Kästchen gefasst und so entsprechend abgehoben deutlich erkennbar.
Leitmotive und Manöver werden verschiedentlich über Diagramme visualisiert, in denen abgebildete Pfeile die Bewegungen bzw. Beziehungen anzeigen.

Hinsichtlich der aufgenommenen Partien differenziert De Santis in Schwierigkeitsgrade. Die an den Leser gerichteten Anforderungen reichen von leicht bis schwer, gekennzeichnet über Smileys in der Anzahl von 1 bis 3.

Auf den abschließenden Buchseiten finden sich ein ordentliches Variantenverzeichnis und eine Zusammenstellung von Hinweisen, die den Leser bei der Zusammenstellung eines sinnvollen Gesamtrepertoires inklusive der Hippopotamus-Verteidigung unterstützt.

Die Buchsprache ist Englisch. Mit Fremdsprachkenntnissen auf Schulniveau sollte der Leser aber bequem mit dem Werk arbeiten können. Persönlich habe ich im Zuge der Vorbereitung dieser Rezension die Arbeit mit „The Hippopotamus Defence“ als angenehm empfunden. Dies lag auch am Schreibstil des Autors, den ich als einfach, sachlich und doch zugleich auch als unterhaltsam bezeichnen möchte.

Fazit: Wer das universelle Verteidigungssystem „Hippopotamus-Verteidigung“ gut angeleitet kennen lernen und ggf. in sein Repertoire aufnehmen möchte, ist mit diesem Werk gut gedient. „The Hippopotamus Defence“ ist eine sehr gelungene Arbeit und deshalb eine Kaufempfehlung für den wie beschrieben vordisponierten Spieler.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6
Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6

Ilya Odessky
Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6
463 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-890-3
27,95 Euro



Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6


Der Titel „Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6“ lässt schon erahnen, dass sich hinter ihm ein Buch für den Blitzspieler verbirgt. Der Untertitel „Odessky’s Sparkling Lines & Deadly Traps“ schlägt in die gleiche Kerbe. Der Leser soll also mit spritzigen Varianten und tödlich wirkenden Fallen ausgestattet werden, die ihm schnelle Siege je nach Farbe seiner Steine mit 1.b3 oder 1…b6 einbringen. Es handelt sich bei diesem Werk um eine Neuerscheinung des Jahres 2020 bei New In Chess (NIC).
Der Autor ist Ilya Odessky, russischer IM, der das herkömmliche Wettkampfschach bereits vor etlichen Jahren aufgegeben und dann nach Abstinenz das Online-Schach für sich entdeckt hat. Dass er dabei auf eine bemerkenswerte Erfolgsentwicklung verweisen kann, erklärt er auch mit der Wahl außergewöhnlicher Eröffnungen, zu denen eben auch jene in Folge der beiden frühen Entwicklungszüge mit dem b-Bauern zählen.

Im Zuge der Vorbereitung einer Rezension versuche ich mich auch gerne etwas tiefer über den jeweiligen Autor zu informieren, wenn er denn nicht schon allgemein ein Begriff ist. Über die bei FIDE zu findenden Spielerinformationen hinaus war dies bei Ilya (Ilia) Odessky nicht ganz so einfach. Mit ein bisschen Beharrlichkeit kommen dann aber doch ein paar interessante Informationen zusammen. So lässt er sich als Autor eines Buches zur Owen-Verteidigung, auch als Englische Verteidigung bekannt, identifizieren, das 2007 bei Russian Chess House erschienen ist und sich damit ebenfalls mit b7-b6 als frühem Entwicklungszug befasst.
Weiterhin wird Odessky als Schachjournalist und – neben u.a. Kasparow und Ponomariov – Mitunterzeichner eines politischen Offenen Briefes an Wladimir Putin bezeichnet, nachzulesen u.a. auf den Seiten von ChessBase.
Informationen, die auch Bilder enthalten, sind zudem bei chesstranslation.com zu finden.

„Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6“ macht auf den ersten Blick einen gut organisierten Eindruck, der sich dann aber in der Folge um einiges relativiert. Schon beim Blick in das Inhaltsverzeichnis wird erkennbar, dass Odessky keine klare Trennung zwischen 1.b3 und 1…b6 vollzogen hat. Dies mag aus inhaltlicher Sicht begründbar sein, weil es viele gegenseitige Anleihen im Stoff - zu Ideen, Manövern und nicht zuletzt Plänen - gibt, erschwert die Arbeit mit dem Werk aber erheblich. Mir ist es an exemplarisch ausgewählten Stellen nicht immer gelungen, mich zu orientieren und den roten Faden zu behalten. Wenig Unterstützung bietet dabei auch das Variantenverzeichnis am Ende des Buches, das zwar ausführlich ist und auch zwischen 1.b3 und 1…b6 unterscheidet, leider aber keine Seitenzahlen angibt. Der Leser erfährt zur abgebildeten Variante lediglich die Nummer der Partie oder Partien, in denen sie besprochen wird. Man muss sich also durchblättern, um die gesuchte Stelle zu erreichen.

Bei den gerade bezeichneten Partien handelt es sich um insgesamt 82 Fragmente, die vom ersten Zug bis zur Entscheidung und manchmal auch darüber hinaus intensiv erörtert werden. Odessky erläutert umfassend; so ergibt sich ein guter Mix aus Text und Varianten. Der Schreibstil ist unterhaltsam, so dass es unabhängig vom Geschehen in Sachen Schach nicht langweilig wird.

Oft verweist Odessky darauf, dass er jeweilige Züge und Varianten mit dem Computer überprüft hat, das Ergebnis gibt er an. Bisweilen bestätigt er, dass ein Gegenstand der Betrachtung rechnerisch zweifelhaft oder nachteilig für die betroffene Seite ist, was in einer Blitzpartie dann aber erst einmal bewiesen sein will.
Nach meinem Eindruck, der auf mehreren von mir untersuchten Stellen basiert, hat Odessky die Analysen nicht oder zumindest nicht immer unter einer Feinjustierung der Engine durchgeführt, so etwa zum Erwartungsfaktor. Die nach Fernschachpraxis durchgeführte Analyse kann deshalb zu abweichenden Einschätzungen führen. Die Fairness verlangt hier aber den Hinweis darauf, dass die Analyseergebnisse unter Fernschachbedingungen nur beschränkt aussagekräftig sind, wenn es um die praktischen Chancen in einer Blitzpartie geht.

Ebenfalls ganz im Sinne des Blitzschachs sind Aussagen des Autors etwa mit dem Inhalt, dass der Computer in einer Stellung nichts gefunden hat, was sich als Verbesserung anbietet, aber nichts dagegen spricht, das Risiko einer abweichenden Wahl einzugehen.
Nicht erklären kann ich mir eine gewisse Zurückhaltung des Autors hinsichtlich der Angabe von Namen, die sich aber durchgehend erkennen lässt. Ein interessantes Beispiel lässt sich auf Seite 183 finden. Hier geht er auf eine Partie ein, die er gegen einen Meister aus Deutschland gespielt hat, ohne den Namen zu nennen. Ich war dann neugierig und habe die Partie eingegeben und in meinen Datenbanken gesucht, die eigentlich recht gut sortiert sind. Gefunden habe ich sie nicht darin. Vermutlich aber handelt es sich um ein flüchtiges Duell im Internet, das allenfalls auf dem Spielserver gespeichert worden ist. In diesem Fall war die Partie eigentlich schon nach einem Dutzend Zügen klar entschieden, wurde aber – mit für das Blitzschach üblichen Ungenauigkeiten – weitergeführt.

Auch wenn das Fernschachspiel gelegentlich im Buch erwähnt wird, spricht dies nicht dafür, auf eine Fernschachtauglichkeit der behandelten Variante zu setzen. Auf Seite 386 beispielsweise geht Odessky auf eine Linie ein, die er in „mehreren Fernschachpartien“ gefunden hat. Meine dem nachvollzogene Suche hat mich nur zwei Partien finden lassen, von denen eine im niedrigen Leistungsniveau ausgetragen und die andere dadurch entschieden worden ist, dass Schwarz wie in allen weiteren noch offenen Partien des Turniers aufgegeben hat.

Die in „Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6“ vorgestellten Eröffnungswege sind sicher eine gute Wahl für das Blitzschach, weil sie das Potenzial haben, den Gegner von Beginn an aus seiner Praxis sowie Vorbereitung zu bringen. So wird der Spieler, der sich mit diesem Werk vorbereitet hat, vermutlich häufig einen schnellen Zeitvorteil erlangen, indem er rasch einige Züge abspulen kann während sein Gegner nachdenken muss. Da sind dann auch schnell mal Fehler gemacht, die sogar etwas dubiose Wege spielbar machen können.

Wer bequem mit dem Werk arbeiten können möchte, sollte über Englischkenntnisse auf einem ordentlichen Schulniveau verfügen, weil es recht viel zu lesen gilt.

Fazit: „Winning quickly with 1.b3 and 1. ...b6“ ist eine für das Blitzschach optimierte Erörterung der etwas exotischen thematischen Eröffnungswahl. In dieser schnellen Variante werden sich auf dieser Basis gute Erfolge erzielen lassen, was die Ergebnisse des Autors selbst bestätigen. Der Spieler, der ein Hilfsmittel allein für den Einsatz im Fernschach sucht, kann das Werk als Ideensammlung nutzen, sollte dabei aber sehr genau prüfen, ob eine empfohlene Spielweise auch außerhalb des Blitzschachs mit hinreichend Erfolgschancen verbunden ist.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Mastering Positional Sacrifices
Mastering Positional Sacrifices

Mirijn van Delft
Mastering Positional Sacrifices
315 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-883-5
24,95 Euro



Mastering Positional Sacrifices


„Mastering Positional Sacrifices“ aus der Feder des niederländischen Internationalen Meisters Merijn van Delft widmet sich einem der faszinierendsten Themen, die das Schachspiel bietet – das Opfer von Material mit dem Ziel, einen positionellen Vorteil zu erlangen, auch kurz als Positionsopfer bezeichnet. Diese lassen sich nicht konkret berechnen, sie basieren in großem Maße auf Stellungsgefühl und Intuition. Ob sie zum Ziel führen, zeigt sich in der Regel erst nach etlichen weiteren Zügen. Und wenn sie dem Spieler den Erfolg einbringen, können sie eine Partie zu einem Kunstwerk machen.
Mir persönlich war es nie vergönnt, eine Stärke zur Anwendung dieses Mittels außerhalb von Gambit-Eröffnungen zu entwickeln. Auch war ich das Opferwagnis vor Augen nicht mutig genug, es anzuwenden. Vermutlich hängt hiermit auch die Bewunderung des Spielers zusammen, der mit einem Positionsopfer den Schalter zu seinen Gunsten umlegt. Er macht einen Zug, der aus seiner Hand ein genialer Kniff ist, während er den meisten Hobbyspielern nicht als Möglichkeit auffallen und allenfalls als Fehler passieren würde.

„Mastering Positional Sacrifices“ ist 2020 bei New In Chess (NIC) erschienen und hat das Potenzial zu einem neuen Standardwerk. Van Delft arbeitet das Thema von den Anfangsgründen bis zur hohen Kunst auf und lässt den Leser zum Schluss das Erlernte an Übungsaufgaben anwenden.
Im ersten von vier Abschnitten geht es um die Grundlagen des Opfers. In vier Kapiteln, die sich mit Elementen des guten, des aktiven Figurenspiels, mit Bauernstrukturen, mit Felderkomplexen von einer bestimmten Farbe und mit Initiative bzw. Dominanz im Spiel befassen, errichtet van Delft quasi den Unterbau für alles, was noch folgen wird. Hierzu nutzt er historische bis aktuelle Meisterpartien, die er intensiv und auf Aspekte, die vor dem Hintergrund des Opferspiels eine Rolle spielen, untersucht und bespricht. Hierfür hat er Themenblöcke gebildet und die Partien entsprechend zugeordnet. Im Kapitel 1 geht es beispielsweise um die Linienöffnung, um das Öffnen geschlossener Stellungen und von Diagonalen. Jedes Kapitel wie auch jeden thematischen Block leitet er mit allgemeinen Informationen ein. Die Erörterung der Partien erfolgt sehr ausführlich. Passagenweise wird jeder Zug oder jedes Zugpaar intensiv erläutert. Das Positionsopfer kann man nicht klassisch durch ein Einprägen erlernen. Der Weg kann nur über ein qualifiziertes Spielverständnis führen, um das sich van Delft zugunsten des Lesers vorbildlich bemüht.
Die Kapitel werden von einer Zusammenfassung abgeschlossen, die sich regelmäßig inhaltlich auf das beschränkt, was auch tatsächlich zuvor schon zur Sprache gekommen ist.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit typischen Positionsopfern. Van Delft beginnt das erste von zwei Kapiteln dieses Bereichs mit den Abläufen im Wolga-Benkö-Gambit, setzt mit jenen im Marshall-Angriff (Marshall-Gambit) in der Spanischen Partie fort, kommt dann zum „Powerplay mit Weiß“ und zuletzt zum Gegenspiel mit Schwarz. „Powerplay“ steht hier für einen enormen Druck, den Weiß entwickelt, so etwa im Königsgambit. Für seine Darstellungen zum Gegenspiel mit Schwarz verwendet er Bauernopfer in der Grünfeld-Indischen wie auch der Königsindischen Verteidigung sowie der Taimanov-Variante der Sizilianischen Verteidigung. Für den Leser ist es sehr nützlich, dass van Delft ein breites Spektrum an Eröffnungen abdeckt, aus denen heraus die Opferstellungen entstehen.
Im 6. Kapitel geht es um typische Qualitätsopfer. Schwerpunkte bilden zunächst die Russische, die Französische und die Sizilianische Verteidigung. Es folgen als Thema das Opfer Turm gegen Läufer auf a1 und auf e6 (bzw. e3 mit Schwarz) und Überlegungen und Hinweise zum Aufbau eines Eröffnungsrepertoires.
Meine Beschreibung der Art und Weise, wie van Delft den Stoff vor dem Leser ausbreitet, zum Abschnitt 1 des Werkes gilt identisch auch für den Abschnitt 2 und in der Folge auch für Abschnitt 3.

Wenn van Delft den Leser bis hierher im Ferrari hat mitfahren lassen, steigt er nun mit ihm in den Formel 1-Boliden um. Im 3. Abschnitt geht es darum, die Grenzen des Möglichen auszuloten. Es geht um den Extremsport in Sachen Positionsopfer im Schach, um mich dem Begriff des Autors anzuschließen. Der Leser begibt sich hier im ersten Kapitel (insgesamt schon Kapitel 7 im Werk) in die Welt der doppelten Qualitätsopfer, der Damenopfer und der Turmopfer. Für die meisten von uns würden solche Opfer regelmäßig wohl den Selbst-Kick aus der Partie bedeuten. Aber auch wenn dieser Teil des Buches für den „Normaladressaten“ kaum praktische Relevanz haben dürfte, helfen die Ausführungen des Autors zur Erweiterung des Verständnisses des Lesers. Und höchst unterhaltsam ist er allemal, was allerdings für alles von Seite 7 bis Seite 315 gilt.
Die Überschrift des nächsten Kapitels legt die Latte der Erwartung hoch, denn es geht um nicht weniger als um Helden („heroes“). Der Leser muss aber nicht befürchten, hier nur eine Art von Reminiszenz auf überragende Opferspieler vorzufinden. Vielmehr verbindet van Delft „diese Ehrung“ mit weiteren Sparten zum Thema, so beispielsweise zum Opfer, um einen starken Springer zu erhalten.
Im letzten darstellenden Kapitel, als durchnummerierte Nummer 9 den Abschnitt 3 abschließend, geht es um das Opferspiel in Verbindung mit Engines und künstlicher Intelligenz. Die Kapitelüberschriften sind „Mensch gegen Maschine (man versus machine)“, „AlphaZero“ und „Leela“.

Eine echte Herausforderung, oder besser 48 Mal eine echte Herausforderung, erwartet den Leser im Abschnitt 4. Hier kann er sich an Übungsaufgaben versuchen, bei denen er jeweils nicht mehr als ein Ausgangsdiagramm und die Angabe zur am Zug befindlichen Seite vorfindet. Nach der Arbeitsanweisung des Autors soll der Leser wie in seiner eigenen Partie vorgehen, also analysieren. Was er dabei suchen soll, muss er selbst herausfinden, auch so wie in seiner Partie. Es kann ein den Gewinn verschaffendes positionelles Opfer sein, um das es geht, aber auch ein taktisches Opfer, die beste Verteidigung in einer grundsätzlich verlorenen Stellung und mehr. Und weil sich 48 schön teilen lässt, hat er die Aufgaben in vier Gruppen zu je 12 Beispielen geordnet. Der Schwierigkeitsgrad reicht von der Stufe 1, der den meisten Spielern korrekte Lösungen in Aussicht stellt, bis zur Stufe 4, die für überaus „harte Nüsse“ steht. Die sehr ausführlich gehaltenen Lösungen nehmen gleich im Anschluss an die Aufgaben ein eigenes Kapitel ein, die abschließende Nummer 11.

„Mastering Positional Sacrifices“ verschafft jedem Leser die Chance, unter Anleitung tief in die Welt des Positionsopfers einzudringen. Aber darauf beschränkt sich das Werk nicht; vielmehr ist es auch allgemein ein Kurs zum Positionsspiel. Unterhaltsam ist es nicht allein wegen der zahlreichen wunderbaren Opfermanöver, die es zeigt, sondern auch aufgrund des Erzählstils.

Es gilt zwar einiges an englischsprachigem Text zu verarbeiten, doch ist dieser gemessen am Wortschatz und am Satzbau nicht mit großen Herausforderungen an den Leser verbunden. Wer sich mit einem ordentlichen Schulenglisch ans Werk begibt, wird allemal damit zurechtkommen.

Fazit: „Mastering Positional Sacrifices“ ist ein sehr gelungenes Buch, in dem es systematisch um das Positionsopfer geht. Sein Schulungspotenzial geht jedoch darüber hinaus und erstreckt sich u.a. auch auf das Positionsspiel allgemein. Die 48 Übungsaufgaben am Ende verlangen dem Leser alles ab. Selbst soweit er diese nicht erfolgreich absolvieren kann, fördern sie im Zusammenwirken mit den Lösungen das Verständnis enorm.
Das Werk hat das Potenzial zu einem neuen Standardwerk.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



The Modernized Marshall Attack
The Modernized Marshall Attack

Milos Pavlovic
The Modernized Marshall Attack
232 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510853
24,95 Euro



The Modernized Marshall Attack


„The Modernized Marshall Attack“ von Milos Pavlovic befasst sich mit der Abtauschvariante im Marshall-Angriff der Spanischen Partie und mit Spielweisen für Weiß, die entweder der Abtauschvariante aus dem Weg gehen oder sogar Schwarz daran hindern, zu diesem Angriff zu greifen. Erschienen ist das Werk bei Thinkers Publishing in 2020.

Das Material verteilt sich auf drei Abschnitte mit insgesamt 14 Kapiteln. In Teil 1 geht es nach den Grundzügen des Marshall-Angriffs und dann 9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 um den weißen Aufbau mit d4, im Teil 2 um den Aufbau mit d3 und im Teil 3 um die weißen Anti-Marshall-Möglichkeiten. Auf weiteren rund 35 Seiten hat der Autor in einem Anhang („Appendix“) die mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.Lxc6 dxc6 5.0-0 f6 eingeleitete Abtauschvariante der Spanischen Partie thematisiert. So ganz passt diese Ergänzung nicht in das Grundkonzept. Sinn macht sie aber dennoch ohne Zweifel, denn das Buch ist aus der Warte von Schwarz geschrieben und mit 4.Lxc6 kann Weiß der Partie früh eine ganz eigene Richtung geben. Auch hiergegen findet der Leser entsprechend Anleitung und Ideen im Werk.

Sein Vorwort abschließend erklärt Pavlovic, dass „The Modernized Marshall Attack“ praktisch den Lesern aller Spielstärken helfen wird. Ich denke, dass dies zu optimistisch gedacht ist. Unterhalb der Klubstärke dürften sich schnell eine Überforderung und Frustration beim Leser einstellen. Das Buch setzt viel an Verständnis voraus. Einfache Erläuterungen oder gar eine Einführung mit Basisinformationen für den unerfahrenen Spieler würde er vergeblich suchen. Für den Einsatz ab Klubniveau und dann nach oben offen ist das Werk besser verortet.
Besonders gut kann ich es mir als Ergänzungswerk für den Leser vorstellen, der den Marshall-Angriff bereits im Repertoire hat und dieses erneuern und erweitern möchte.

Die Erörterung erfolgt in einem bunten Mix aus Varianten, die sich aus Partiefragmenten und Analysen rekrutieren, und Kommentaren. Diese sind ganz überwiegend substanziell, indem sie besondere Stellungsmerkmale identifizieren, die daraus resultierenden Möglichkeiten herausarbeiten, ganz konkret als vor- oder nachteilig gewertete Aspekte bezeichnen und Stellungseinschätzungen begründen. Die Varianten können auch schon mal etwas länger ausfallen, sind aber auch dann überwiegend nicht etwa unkommentiert.
Die Darstellung ist durchgehend sehr übersichtlich. Die Hauptzüge werden abgesetzt und sind in Fettschrift gehalten. Nebenvarianten sind nach Kategorie farblich unterschieden. Zahlreiche Diagramme unterstützen die Aufnahme. Zeigen sie eine Stellung aus der Hauptvariante, so sind sie etwas größer als jene in den Nebenvarianten.
Organisiert ist der Stoff nach der klassischen Baumstruktur. Ergänzende Illustrationspartien sind nicht integriert.

Pavlovic hat zahlreiche eigene Analysen eingebracht, worauf er auch aufmerksam macht. In einer englischsprachigen Besprechung fand ich die Aussage, dass der Hinweis, es handele sich um eine Neuerung, nicht immer zutreffe. Dieser bin ich dann genauer nachgegangen und fand sie bestätigt. Ein besonderes Beispiel dazu: Auf Seite 27, rechte Spalte, handelt es sich bei einem Zug 21…Dd7 im Rahmen einer Analyse angeblich um eine Neuerung. Ich habe 11 Partien, die älteste in 1991 gespielt, mit dieser Fortsetzung gefunden. Der frühere Fernschach-Weltmeister Timmerman hat den Zug sogar mal gegen sich auf dem Brett gehabt und das Duell gewonnen. Pavlovic hat einiges Material aus dem Fernschachspiel aufgenommen. So wundert es mich etwas, dass ihm hier die Historie des Zuges durchgegangen ist.

Das schwarze Bauernopfer im Marshall-Angriff ist absolut solide. Dies wird auch deutlich, wenn man die Fernpartien auswertet, die jenseits der Elo-Schwelle von 2450 (beidseitig) und etwa in den vergangenen fünf Jahren gespielt worden sind. Es gibt keine Weißsiege, Schwarzsiege allerdings auch nicht. Entsprechend willkommen können die Analysen von Pavlovic sein, die zumindest neue Ideen und Ansätze anbieten, die weiter überprüft und dann eventuell in der eigenen Praxis dem Tauglichkeitstests unterzogen werden können.

Die Anforderungen an die Englischkenntnisse des Lesers sind moderat.

Fazit: „The Modernized Marshall Attack“ ist ein empfehlenswertes Buch für den fortgeschrittenen Spieler ab dem Bereich des Klubniveaus und den Fernschachspieler. Es enthält viel aktuelles und neues Material, das besonders auch dabei helfen kann, das Repertoire des Spielers zum Thema zu aktualisieren und zu erweitern.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.