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Rezensionen - Einstellungsjahr 2020

Verfasser: Uwe Bekemann (sofern nicht jeweils ein anderer Verfasser genannt ist)

Kandidatenzüge- Die Methode eines Großmeisters
Kandidatenzüge- Die Methode eines Großmeisters

Christian Bauer
Kandidatenzüge- Die Methode eines Großmeisters
421 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-94-9251-067-9
29,39 Euro



Kandidatenzüge- Die Methode eines Großmeisters

„Kandidatenzüge“ mit dem Untertitel „Die Methode eines Großmeisters“ ist die deutsche Übersetzung“ der 2018er Neuerscheinung „Candidates Moves“ des französischen Großmeisters Christian Bauer. Wie das englischsprachige Original hat auch das neue Werk der Verlag Thinkers Publishing aus Belgien herausgegeben.

Über „Candidates Moves“ habe ich in 2018 eine Rezension geschrieben. Diese lege ich der Besprechung des neuen Werks zugrunde, wobei ich auf Unterschiede aufmerksam mache.

Während das Original 405 Seiten umfasste, ist die deutsche Ausgabe 421 Seiten stark. Dies scheint eine Aufstockung des Inhalts anzudeuten, die aber nicht erfolgt ist.

Zunächst ein paar Worte zur Übersetzung: Diese ist nicht durchgängig gut gelungen. Insgesamt ist das sprachliche Erscheinungsbild bisweilen etwas irritierend. Das Werk ist mit Rechtschreibfehlern durchsetzt (insbesondere zur Zeichensetzung und zur Groß- und Kleinschreibung); inhaltlich vermittelt es bisweilen den Eindruck, als sei es ohne Berücksichtigung der jeweiligen sprachlichen Gepflogenheiten und somit eher „mechanisch“ übersetzt worden.
Aufgefallen ist mir die Problematik bereits anhand des Rückentextes. Nach meiner daraufhin erfolgten Recherche ist die Übersetzerin deutschsprachig und Schachspielerin. So finde ich keine Erklärung für meine Feststellung.

Ich bin froh über jedes Schachbuch, das in Deutsch erscheint, im Original und übersetzt. So möchte ich diese Ausführungen auch nur als Hinweis aufgenommen sehen, fehlen darf er aber nicht. Ich persönlich würde deswegen nicht von einem Kauf Abstand nehmen. Demjenigen, der über ordentliche Fremdsprachkenntnisse verfügt und sich den Umgang mit dem Original zutraut, empfehle ich jedoch eher dieses.

Zum Abschluss zwei Zitate von Stellen, die ich zur Veranschaulichung aufnehme und nicht etwa als extreme Beispiele gesucht habe.

Zitat 1 (wort- und satzzeichengetreu), Seite 165:
„Nicht der geilste Zug, da die lange Diagonale momentan gestoppft ist.
Andere Läuferzüge machten ebenfalls Sinn, sowie der ziemlich abstrakte 13.Lh3; Und 13.Lf4, wonach Schwarz über den zweischneidigen Zug 13…g5!? verfügen würde. Dieser Vorstoß wirft den gegnerischen Läufer aus seinem idealen Post weg, schafft aber auch ein Ziel in dem schwarzen Lager.“

Zitat 2, Seite 193:
„Ein Dauerthema beim Schach ist die Dichotomie zwischen „forcierten Varianten“ und „Manöverpartien“. Während die erstgenannten eine gute Vorbereitung verlangen, liegt ein möglicher Nachteil des zweiten Ansatzes in der Tatsache, dass sie häufig dem Gegner eine größere Freiheit in seinem Spiel erlauben.“
Bei diesem Beispiel wird mir der beabsichtigte Sinn nicht klar.

Die folgenden Ausführungen sind Auszüge oder Anleihen aus meiner Rezension zum englischsprachigen Original.

Bauer ist ein bemerkenswertes Buch gelungen. Unter dem interessanten Ansatz, Partien separat und nebeneinander aus weißer und schwarzer Sicht intensiv zu betrachten, hat er 41 eigene Duelle ausgewählt, die er ausführlich bespricht. Wenn man so will, enthalten die mehr als 400 Buchseiten 82 kommentierte Partien, wobei sich paarweise aber nur die Anmerkungen unterscheiden, nicht aber die Spiele selbst.

Bauer hat „Kandidatenzüge“ in vier Abschnitte mit den folgenden Überschriften gegliedert:
1. Die Zutaten für Qualitätsopfer,
2. Wie man taktisches Chaos beherrscht,
3. König im Zentrum
4. Ruhigere Partien.

Der Buchtitel verleitet zu der Annahme, dass das Prinzip des Erkennens und Bewertens von Zügen, die als Fortsetzung in Betracht kommen (Kandidatenzüge) lehrbuchartig behandelt wird. Dies ist aber nicht der Fall. Bauer hat die Partien ganzheitlich kommentiert, was einerseits heißen soll, dass diese von der Eröffnung bis zum Endspiel durchkommentiert sind, und andererseits auch die thematische Behandlung einbezieht. Der Leser findet quasi alles in Sachen Strategie und besonders Taktik angesprochen, was in einer Partie nach Einschätzung des Autors von Bedeutung war. Dabei sondiert er als Schwerpunkt das Umfeld und Methoden, die sich mit Kandidatenzügen verbinden.

Die Kapitel 1 bis 3 sind vergleichbar aufgebaut. In einer Einführung geht Bauer besonders auch auf die einzelnen Partien ein, die in der Folge - zunächst mit Weiß, dann mit Schwarz - behandelt werden, und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers so auf deren wesentliche Merkmale des Kampfes. Bisweilen finden auch hier schon kurz Methoden Erwähnung, die Bauer selbst zur Kandidatenauswahl einsetzt. Dies gilt beispielsweise für seinen Ansatz, die Merkmale einer Stellung herauszuarbeiten, die er zur Grenzziehung gerade noch so akzeptieren würde. Im Wesentlichen kommen die Methoden allerdings im Rahmen der Besprechung der Partien zum Zuge.
Das Kapitel 4 ist eine Sammlung von Duellen, für die es keine thematische Überschrift gab. Als Kriterien für seine Auswahl gibt Bauer die Komplexität des Mittelspiels mit beiderseitigen Möglichkeiten und das Spiel abseits der gut bekannten Pfade der Theorie an.

Eigentlich weiß jeder erfahrene Schachspieler, dass die Beurteilung einer Stellung im Ergebnis auch abhängig davon sein kann, ob man die weiße oder die schwarze Brille aufhat. Dennoch hat es mich überrascht, wie klar diese Unterschiede bisweilen auftreten und wie erhellend es bei einer Stellungseinschätzung wirken kann, wenn man sich genau dies dabei bewusst macht. Es ist eben beispielsweise ein immenser Unterschied, ob man einen Bauernvorstoß nach Kräften durchsetzen oder diesen eben genauso nach Kräften verhindern will.

Wer sich mit „Kandidatenzüge“ eingehend befasst, wird sein generelles Schachverständnis schärfen, vielleicht auch erweitern. Das Schachspiel erscheint in den einzelnen Partien „in einem Guss“, es wird nicht in einzelne strategische und taktische Elemente zerhackt. Wenn sich beispielsweise in einem Duell des ersten Abschnitts die Gelegenheit zu einem Qualitätsopfer zeigt, so kommt diese nicht über die Spieler wie ein plötzlicher Schauer Regen, sondern logisch und folgerichtig aus den Zusammenhängen zuvor heraus. Die Möglichkeit ist absehbar und beeinflussbar, sofern man die Zusammenhänge erkennt und entsprechend korrekt wertet.

Nicht vergessen möchte ich den Unterhaltungswert des Werkes. Wer gut kommentierte Partien mag, kommt mit „Kandidatenzüge“ voll auf seine Kosten. Im Wesentlichen bleibt Bauer in der Kommentierung bei den Aspekten des Spiels, er setzt also nicht etwa gezielt auf narrative Elemente, auch wenn diese nicht vollständig fehlen. Aber gerade auch der erhebliche Textanteil in den Erläuterungen sorgt dafür, dass man sich als Leser gut in die Gedankenwelt der beiden Spieler hineinversetzen kann.


Fazit: „Kandidatenzüge, Die Methode eines Großmeisters“ war schon in seiner englischsprachigen Originalfassung eine echte Bereicherung des Büchermarktes. Dies gilt nun auch für den deutschsprachigen Büchermarkt, auch wenn sprachlich bei diesem Werk nicht alles gelungen ist.
Sein besonderes Kennzeichen liegt darin, dass alle aufgenommenen Partien doppelt vorkommen, in unterschiedlichen Kommentierungen aus weißer und aus schwarzer Sicht. Vor allem fördern kann es das generelle Schachverständnis des Lesers. Ich kann diese Neuerscheinung zum Kauf empfehlen, insbesondere wenn der Kauf des Originalwerkes wegen unzureichender Englischkenntnisse nicht in Betracht kommt.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation: Its Past, Present and Future
Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation: Its Past, Present and Future

Gennadi Timoshchenko
Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation: Its Past, Present and Future
440 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-54-7
31,95 Euro



Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation: Its Past, Present and Future

Ich beginne meine Rezension über das bereits im Dezember 2018 veröffentlichte Werk „Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation: Its Past, Present and Future“ von Gennadi Timoshchenko mit einem abgewandelten Zitat: Spieglein, Spieglein an der Wand, welches Eröffnungsbuch hat die meisten Kapitel im Land? Diese Anleihe bei einem Märchen mag als Einleitung etwas eigenwillig erscheinen, doch irgendwie passt sie gut zu diesem Buch. Und dies hängt nicht nur damit zusammen, dass es mit der immensen Zahl von 200 Kapiteln aufwartet …

Auf 440 Seiten befasst sich Timoshchenko, slowakischer GM mit russischen Wurzeln, mit dem im Westen als Sweschnikow-Variante bezeichneten System, das über die Eingangszüge 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 entsteht. Es ist auch noch unter weiteren Bezeichnungen bekannt, so u.a. als Lasker-Pilnik-Variante oder als Lasker-Pelikan-Variante. In seinem Titel verwendet das Buch den russischen Namen.

Die Sweschnikow-Variante zählt heute zu den beliebtesten Spielweisen unter dem Dach der Sizilianischen Verteidigung. Dies gilt nicht zuletzt für das Fernschach. Schwarz macht aus positioneller Sicht Zugeständnisse, erlangt darüber aber zugleich aussichtsreiche Gegenchancen. Das Spiel zeigt bisweilen einen komplizierten Charakter, was erklären mag, dass manche Spielweisen im Fernschach beliebt sind, während sie im Duell Auge in Auge kaum oder nicht vorkommen. So findet man geeignete Wege, die ein Spielen auf Sieg mit einem (höher) dosierten Risiko unterstützen oder aber geeignet sind, ein weitgehend sicheres Remis anzusteuern.
Gewissermaßen seinen aktuellen Ritterschlag erhielt das System, als es 2018 im WM-Kampf zwischen Caruana und Carlsen zum Einsatz kam.

Offenkundig neidet Timoshchenko dem Namenspaten der Eröffnung, Jewgeni Sweschnikow, diese „Verewigung“. Zumindest beklagt er, dass sein eigener Name in der Bezeichnung des Systems fehlt. Für angebracht hält er eine Benennung als Sweschnikow-Timoshchenko-Variante oder in der umgekehrten Reihenfolge der Namen als Timoshchenko- Sweschnikow-Variante. Auch vor diesem Hintergrund des gewissen Neides passt das einleitende Schneewittchen-Zitat, das ich damit dann aber auch wieder in die Märchenkiste zurück verbannen möchte.

Die kritische Auseinandersetzung mit Empfehlungen anderer Autoren gehört zum Wesen eines Eröffnungsbuches. Timoshchenko aber fokussiert sich derart auf Sweschnikow und ein von diesem 1988 veröffentlichtes Buch über die Sweschnikow-Variante, dass ich es zunehmend als störend empfunden habe. Es ist schade, dass „Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation (…)“ teilweise wie eine Abrechnung mit einem Rivalen wirkt und dadurch Vorbehalte gegen sich selbst bei einem Leser wie mir erzeugt, weil es Zweifel an der Objektivität der Betrachtungen provoziert. Ohne das Gesamtergebnis vorwegnehmen zu wollen: Ich bin von diesem Werk sehr angetan, allerdings hätte der Autor ihm einen Gefallen getan, wenn er es menschlich neutraler verfasst hätte.

Dieses Buch ist kein typisches Eröffnungsbuch, was auch der Zusatz des Titels „Its Past, Present and Future“ anzeigt. Timoshchenko befasst sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der in Augenschein genommenen Spielweise. Eine Portion Vergangenheitsbewältigung ist auch damit verbunden, denn er sieht sich von den damaligen sowjetischen Funktionären benachteiligt und macht dies für einige negative Erfahrungen verantwortlich.

So erhält der Leser ein „Eröffnungsbuch XXL“, das einerseits eine monografische Darstellung der Sweschnikow-Variante anbietet und andererseits viele Informationen – von den Sichtweisen des Autors geprägt – zu ihrer Entwicklung, zu Spielern, zum politischen System der früheren Sowjetunion und zur Arbeit von Schachfunktionären usw.

Timoshchenko, Jahrgang 1949, ist fachlich sicher einer der bestgeeigneten Autoren für die Sweschnikow-Variante. Er gehört zu deren Protagonisten und hat viel zu ihrer Entwicklung beigetragen. Entsprechend kann er auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen, die sich sowohl auf die Praxis als auch die theoretische Auseinandersetzung mit den „Tücken“ des Systems bezieht. Also auf den Punkt gebracht: Hier schreibt ein absoluter Insider!

Dass in diesem Werk Analyseergebnisse aus einem Erfahrungsschatz stammen, lässt sich auch als Indiz aus Timoshchenkos Angabe ableiten, dass die von ihm unterstützend genutzte Hard- und Software nicht mehr dem entspricht, was heute technisch an vorderster Front eingesetzt wird. So hat er die rechnerische Exaktheit mit Houdini 2 überprüft.

Ich halte es übrigens für unzulässig, hieraus die Unterstellung abzuleiten, das Buch sei inhaltlich veraltet. In der Hand eines Experten wie Timoshchenko und in Symbiose mit dessen herausragenden Fähigkeiten und Kenntnissen ist Houdini 2 sicherlich ein überaus leistungsstarkes Werkzeug. Natürlich stammen die Analyseergebnisse nicht zuletzt aus früheren Sitzungen; sonst wären sie wohl kaum „Erfahrung“. Und Timoshchenko würde sie wohl auch kaum über den Haufen werfen (müssen), wenn er beispielsweise Stockfish gegenrechnen lassen würde. Die menschliche Komponente, der Autor selbst, bleibt. Zudem wäre es weltfremd zu glauben, dass irgendein Autor über Jahre hinweg an einem solchen Monumentalwerk wie „Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation (…)“ arbeitet und dann zum Redaktionsschluss noch einmal alle Analysen mit einer inzwischen aktuell gewordenen Engine überprüft.

Ich habe die Aktualität dieses Werkes anhand der Partien der letzten Jahre im Fernschach und im Brettschach überprüft. Dabei konnte ich teilweise auf Erfahrungen aus meinen eigenen Partien im Fernschach sowie die dazu vorgenommenen Analysen zurückgreifen. Ein Zwischenfazit dazu: „Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation (…)“ ist eine Arbeit, die den aktuellen Stand zur Sweschnikow-Variante darstellt und die Theorie in vielen Zweigen weiterbringt (dazu weiter unten mehr).

Die exorbitant hohe Zahl an Kapiteln geht darauf zurück, dass so gut wie jeder beachtenswerte Zweig des Systems entsprechend abgesetzt behandelt wird. Dieses Vorgehen hat zwei Seiten. Die Erörterung dieses Zweigs bleibt auch dann übersichtlich, wenn sie sehr ins Detail geht und Analysen eine außergewöhnliche Tiefe erreichen. Allerdings ist das Auffinden einer gesuchten Variante etwas mühseliger, weil das Auge über viele Stationen hinwegfahren muss. Somit ist die Orientierung im Buch als solchem insgesamt etwas schwieriger.

Vorteilhaft ist die Zuordnung der Kapitel zu 12 Abschnitten im Werk. Diese sind:
1. Abweichungen von der Hauptvariante im 6. Zug
2. Weiße Möglichkeiten nach 6…d6 (ohne 7.Lg5)
3. 7.Lg5 ohne 7…a6 8.Sa3
4. 7.Lg5 a6 8.Sa3 ohne 8…b5 9.Lxf6 gxf6 10.Sa3 f5 oder 9.Sd5
5. 8…b5* 9.Lxf6 gxf6 10.Sd5 f5 ohne 11.Ld3
6. 9.Lxf6 gxf6 10.Sd5 f5 11.Ld3 ohne 11…Le6 12.0-0
7. 9.Lxf6 gxf6 10.Sd5 f5 11.Ld3 Le6 12.0-0
8. 9.Sd5 ohne 9…Le7 10.Lxf6
9. 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 ohne 11.c3 0-0
10. 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 11.c3 0-0 ohne 12.Sc2 Lg5
11. 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 11.c3 0-0 12.Sc2 Lg5 ohne 13.a4 bxa4 14.Txa4 a5 15.Lc4 Tb8
12. 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 11.c3 0-0 12.Sc2 Lg5 13.a4 bxa4 14.Txa4 a5 15.Lc4 Tb8.
(* Im Inhaltsverzeichnis sowie der Übersicht zum Abschnitt fehlt der Hinweis auf die Einleitung über 8…b5.)
Die Theorie wird in einem Mix aus Partiefragmenten, Analysen und Text dargestellt. Timoshchenko offeriert eine Flut von Neuerungen in den Haupt- und Nebenvarianten. Ich habe sie nicht nachgezählt, aber es sollen rund 2000 sein. Selbst der erfahrene Anwender der Sweschnikow-Variante wird auf unzählige Ideen stoßen, die neu für ihn sind und die er für den eigenen Einsatz prüfen kann. Dies gilt nicht zuletzt auch für den Fernschachspieler und für Varianten, die gerade in dieser Form des Spiels bereits zigmal ausgespielt worden sind.

Der monografische Ansatz des Autors zeigt sich auch darin, dass er nicht von ihm empfohlene Spielweisen ebenfalls tiefer analysiert. Anders als bei einem reinen Repertoirebuch kommt der Leser zu einem umfassenderen Einblick und zu Wahlmöglichkeiten für seine eigene Partie. Interessant ist dabei oft die Begründung für oder gegen eine Alternative, da sie zugleich auch den Blick für den Zug der ersten Wahl schärft.

Timoshchenkos Lohn für seinen enormem Arbeitsaufwand ist ein 440 Seiten starkes Buch, das ich als monumental bezeichnen möchte. Hinsichtlich der stofflichen Aufarbeitung lässt es sich als wissenschaftlich beschreiben. Wenn es ein Maß für eine vollständige und aktuelle Darstellung des behandelten Eröffnungssystems gibt, dann ist dies dieses Werk. Hätte der Autor seine Arbeit frei von der oben thematisierten offen ausgetragenen Rivalität gehalten, hätte es in meinen Augen das Potenzial zu einem „Lexikon der Sweschnikow-Variante“.

Ein Quellenverzeichnis ist nicht enthalten. Auch ein echtes Variantenverzeichnis fehlt, das aber von einem detaillierten Inhaltsverzeichnis – trotz der langen Reihe aus 200 Kapiteln und fehlenden Angaben zu Unterverzweigungen – einigermaßen ersetzt wird.

Die Buchsprache ist Englisch. Der mit einem ordentlichen Schulenglisch ausgestattete Leser wird aber bequem zurechtkommen.

Fazit: „Sicilian Defense- The Chelyabinsk Variation: Its Past, Present and Future“ ist hinsichtlich des Wertes der Eröffnungstheorie, die es zum bei uns als Sweschnikow-Variante bezeichneten System anbietet, außergewöhnlich gut. Dieses Werturteil begründet sich mit der Breite und Tiefe der Darstellung, mit der Aktualität, der Nachvollziehbarkeit der Erörterungen und nicht zuletzt mit dem Ideenreichtum, der sich in einer Fülle an vorgeschlagenen Neuerungen niederschlägt.

Wer sich ausgezeichnet für den Einsatz dieses Systems präparieren möchte, sei es für das Spiel am Brett oder im Fernschach, kommt meines Erachtens an diesem Buch nicht vorbei. Insofern kann ich eine klare Kaufempfehlung aussprechen.

Für die Vorbereitung des Spiels mit Weiß gegen das System bietet das Werk ebenfalls eine sehr gute Grundlage.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



The Complete Chess Swindler
The Complete Chess Swindler

David Smerdon
The Complete Chess Swindler
361 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-911-5
23,95 Euro



The Complete Chess Swindler


Das englische Wort „swindler“ bedeutet in einer wörtlichen Übersetzung soviel wie Betrüger, Schwindler und Gauner. Der Buchtitel „The Complete Chess Swindler“ bedarf allerdings einer Erläuterung, um nicht einen falschen Verdacht aufkommen zu lassen. Dieses interessante Werk des australischen Großmeisters David Smerdon, 2020er Neuerscheinung bei New In Chess (NIC), ist nicht etwa eine Anleitung, wie man im Schach am besten unter Missachtung der Regeln betrügen kann. Es behandelt vielmehr die regelkonformen Möglichkeiten, die Ressourcen in und während einer Partie zu nutzen, um ein besseres Ergebnis zu erreichen, als dieses nach Lage der Dinge auf dem Brett tatsächlich zu erwarten ist (oder tw. subjektiv zu erwarten scheint). Wenn ich versuchen soll, eine möglichst passgenaue Charakterisierung auszusprechen, möchte ich Smerdons Arbeit als eine Anleitung für den Spieler bezeichnen, wie er sich aus einer prekären Partiesituation schwindeln kann, wobei „schwindeln“ mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist.

Ein echter „Schwindel“ liegt nach Smerdons Definition aber nur dann vor, wenn die drei folgenden Merkmale vorliegen:
1. der Schwindler startet aus einer objektiv verlorenen Stellung heraus,
2. der Schwindler provoziert sein Opfer bewusst zu einem Fehlverhalten, in der Regel unter Ausnutzung eines psychologischen Motivs,
3. das Opfer gibt seinen Vorteil auf und lässt den Schwindler mit einem Remis oder sogar dem vollen Punkt entkommen.

Der zweite Punkt dieser Aufzählung ist der Kerngegenstand des Werkes. Während der Computer die Stellung weiterhin als verloren ausweist, will Smerdon die Chancen des Lesers zum Erreichen des dritten Aufzählungspunktes maximieren. Dies ist nach seiner Definition dann erreicht, wenn der Schwindel vollständig umgesetzt und die Stellung nicht länger objektiv verloren ist.

Nach diesen einführenden Worten dürfte bereits deutlich geworden sein, dass sich „The Complete Chess Swindler“ an den Turnierspieler richtet, der seinem Gegner Auge in Auge gegenübersitzt. Auch für das Live-Schach online kann das Buch teilweise herangezogen werden, während seine Ratschläge, Hinweise und Tipps im modernen Fernschach mit einem begleitenden Computereinsatz kein neues Potenzial eröffnen.

Das Buch ist in sechs Teile gegliedert, die in einer sinngemäßen Übersetzung wie folgt überschrieben sind:
Teil 1: Was ist ein Schwindel?
Teil 2: Die Psychologie des Schwindels
Teil 3: Die Werkzeuge des Schwindlers
Teil 4: Zentrale Fähigkeiten (Kernkompetenzen)
Teil 5: Schwindel in der Praxis (Anmerkung: Hier ist „Schwindel“ im Plural zu verstehen.)
Teil 6: Übungen (und die Lösungen darauf).

Im zweiten Teil mit insgesamt neun Kapiteln geht es um Dinge wie Ungeduld, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit, Ängstlichkeit usw. Zu den in fünf Kapiteln behandelten Werkzeugen im Teil 3 gehören u.a. Trojanisches Pferd, Falle mit Köder und Berserker-Angriff. Der 4. Teil enthält sechs Kapitel zu u.a. den Themen Endspiele, Festungen, Patt und Dauerschach.

Der Autor arbeitet mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis (mit Ausnahme des Teils 5 überwiegend in fragmentarischer Form). Die meisten davon stammen aus der jüngsten oder der jüngeren Vergangenheit, manche sind aber auch schon vor etlichen Jahren gespielt worden. Ihr Alter ist relativ unbedeutend, wenn es um ihren Wert für das Thema geht.
Die Kommentierung ist textlich und nicht von Varianten geprägt. Smerdon untersucht die Stellungen natürlich herkömmlich auf ihre positionellen und taktischen Gegebenheiten, daneben aber auch auf psychologische Aspekte. Er analysiert die aufgetretenen entscheidenden Fehler auf ihre Ursache, in welchem Rahmen sie entstanden sind und welche Rolle der Gegner dabei gespielt hat. Quasi spielend und zudem sehr gut vom Autor unterhalten kommt der Leser zu einem Erkenntniszuwachs. Allein schon die konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Buch sorgt für eine Sensibilisierung für das Thema. Der gute didaktische Aufbau des Werkes und die analytische systematische Darstellung der Arten und Aspekte des Schwindels unterstützen den Leser dabei, handfeste Erkenntnisse zu verinnerlichen.
Die angesprochene gute Unterhaltung erreicht Smerdon über seine narrative Herangehensweise. Es wird nie langweilig, seinen Ausführungen zu folgen. Er garniert sie mit Anekdoten zu Spielern, geschichtlichen Aspekten, mit einer grafischen Darstellung zum Verlauf der Stellungsbewertungen in der Partie, einen Blick in den Dialog zwischen den Beteiligten und mehr.
Eine gewichtige Rolle spielt auch die bisher seltene Verarbeitung des Buchthemas in einer so konzentrierten Form in der Schachliteratur, wenn es um die Klärung geht, warum das Interesse am Werk durchgehend hoch bleibt. Mir ist dies bei seiner Durcharbeitung zur Vorbereitung dieser Rezension genauso ergangen. Ich habe mich mehrfach längere Zeiten am Stück mit ihm beschäftigt, weil es schlicht auch Spaß bereitet.

Übrigens halte ich „The Complete Chess Swindler“ nicht nur für ein grundlegendes Buch zur Anleitung des Lesers, sich Erfolge legal zu erschwindeln, sondern auch im Gegenteil solche Schwindeleien seitens des Gegners nicht zuzulassen. So gut wie alle Gegenstände, die Smerdon betrachtet, haben eine zweite Seite, nämlich jene der Vermeidung. Wer dieses Werk verinnerlicht, dürfte auch seine Wachsamkeit in der Partie hochhalten, um sich den Erfolg nicht noch „abschwindeln“ zu lassen. Er wird die Fehler zukünftig besser zu vermeiden wissen, zu denen ihn ein Schwindler verleiten will.

„The Complete Chess Swindler“ ist auch eine gute Grundlage für den Lehrer und Trainer in Sachen Schach. Die abgebildeten Beispiele können als Übungsmaterial genutzt werden. Der schon angesprochene didaktisch gute Aufbau erleichtert den Einsatz.

Fremdsprachkenntnisse auf einem ordentlichen Schulniveau reichen aus, um bequem mit dem Buch arbeiten zu können. Ich selbst musste die eine oder andere Vokabel nachschauen, weil sie jenseits des allgemeinen bzw. des in Schachbüchern zu findenden Wortschatzes lag.

Fazit: „The Complete Chess Swindler“ ist ein sehr gelungenes Spezialwerk, das ich (eigentlich) jedem Schachfreund empfehlen kann. Es vermittelt die Chance auf eine Verbesserung seiner Erfolgsrate in den eigenen Partien und garantiert eine gute Portion Unterhaltung.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Man vs Machine
Man vs Machine

Karsten Müller & Jonathan Schaeffer
Man vs Machine
474 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-96-7
28,50 Euro



Man vs Machine


Eine immense Fleißarbeit repräsentiert das Werk „Man vs Machine“ von Karsten Müller und Jonathan Schaeffer aus dem US-amerikanischen Verlagshaus Russell Enterprises. Die Autoren zeichnen die Geschichte und die Entwicklung des Kampfes zwischen Mensch und Maschine mit dem auf das Schachspiel gesetzten Schwerpunkt nach. In die Betrachtungen einbezogen werden aber auch andere Spiele, beispielsweise das Damespiel und Go. Der Untertitel des Buches, „Challenging Human Supremacy at Chess“, macht deutlich, welchen Charakters dieser Kampf war: von der Herausforderung der menschlichen Vorherrschaft im Schach durch die Maschine.
Die Autoren setzen mit ihren Betrachtungen bei dem historischen frühen Wunsch an, eine Schach spielende Maschine zu entwickeln, und lassen ihre Reise durch die Zeit in unseren Tagen enden. Diese sind nun geprägt von der Überwindung dieser menschlichen Vorherrschaft in beinahe umgekehrte Verhältnisse.

Müller und Schaeffer haben ihre Arbeit interessant in Anlehnung an die Phasen der Schachpartie aufgebaut. Damit verbunden ist eine Einteilung der Geschichte des menschlichen Versuchs, Schach spielende Maschinen zu entwickeln und diese dann so stark zu machen, dass sie dem Menschen überlegen werden, in Zeitabschnitte. So steht „Opening“ (Eröffnung) für die Zeitspanne von den Anfängen bis 1969, „Middlegame“ (Mittelspiel) für 1970 bis 1997 und „Endgame“ (Endspiel) für die Jahre von 1998 bis heute. Schon diese Zusammenstellung zeigt die atemberaubenden Fortschritte, die zugunsten der Maschinen gerade in der jüngsten Vergangenheit erreicht worden und somit von vielen unter uns begleitet worden sind. „Pre-Game“ (die Betrachtung der Verhältnisse vor dem Auftakt zum Kampf Mensch gegen Maschine) und „Post-Game“ (Nachbetrachtungen, Ergänzungsmaterial, Quellen, Partien und mehr) rahmen die Entwicklung „von der Eröffnung bis zum absolvierten Endspiel“ ein.

Früh im Werk machen die Autoren darauf aufmerksam, dass es des Fortschritts in etlichen Bereichen bedurfte, damit der Fortschritt im Computerschach überhaupt erreichbar wurde. So trägt das, was in den Jahren passiert ist, auch so etwas wie eine Evolution in sich. Ohne beispielsweise die technische Möglichkeit, Chips in mikroskopischen Dimensionen herzustellen, die Entwicklung von Programmiersprachen und immenser Speicherkapazitäten sowie den Weg der elektronischen Kommunikation wäre die Entscheidung im Kampf Mensch gegen Maschine so nicht möglich gewesen. Zum Übergang von der Vorstellung, eine Schach spielende Maschine mit mechanischen Mitteln zu erreichen, zum Traum, den Kampf über Künstliche Intelligenz zu entscheiden, wäre es kaum gleichartig gekommen.

Müller und Schäffer beschreiben die Entwicklung in einer Mischung aus Dokumentation und Erzählung. Zu Wort kommen dabei auch zahlreiche Akteure aus den unterschiedlichsten Bereichen: Spieler, Computerfachleute (teilweise beides in einer Person), Techniker, Autoren, Programmierer und mehr. Dabei bleibt das Buch durchgehend interessant, es wird nie langweilig. Es zeigt sogar eine Seite, die man dem Titel nach bei ihm kaum vermuten würde, nämlich eine gehörige Portion Humor. Beispielsweise wird Kasparow aus einem 1989 von ihm gegebenen Interview zitiert, indem er die Frage als lächerlich abgetan hat, ob ein Computer jemals Schachweltmeister werden könnte. So wie ein Computer keine Novelle schreiben oder Interviewfragen stellen könne, seien auch seine Fähigkeiten im Schach limitiert. Er jedenfalls werde nie von einem Computer besiegt werden. Die Geschichte gab im nicht Recht.
Weitblick hat beispielsweise Botwinnik in einem 1994 gegebenen Interview gezeigt, als er prognostizierte, dass niemand mehr Schachanalysen publizieren werde, ohne den Computer zu konsultieren, sobald dieser Analysen zu erstellen gelernt habe. Dies werde zu einer drastischen Veränderung der Schachliteratur führen.

Inhaltlich ist „Man vs Machine“ nicht nur ein Werk für den Schachfreund, der eine Affinität zum Computer zeigt, sondern für jeden. Die Schwerpunkte Schach und Computer werden auf Augenhöhe behandelt, quasi im geschichtlichen Gleichschritt.

Es gibt rund 180 Partien im Buch, ein paar davon fragmentarisch. Sie sind über die Kapitel verteilt, was auch damit zusammenhängt, dass es in zeitliche Epochen unterteilt ist. Überwiegend sind die Partien intensiv kommentiert, wobei natürlich das Hauptinteresse auf die Leistungsfähigkeit der Maschinen und damit die Qualität der von ihnen im Spiel getroffenen Entscheidungen gerichtet ist. Während die Kommentierung selbst durchgehend sehr gut gelungen ist, trifft dies für die Maschinen-Züge der nicht mehr ganz so nahen Vergangenheit natürlich nur bedingt zu. Gerade aber das Herausarbeiten der Entwicklung in der Qualität im Spiel der Maschinen ist ein Kern der Arbeit.

GM Karsten Müller gilt als einer der renommiertesten Endspielexperten auf der Welt; er hat zahlreiche Bücher geschrieben, die von der Öffentlichkeit gut aufgenommen worden sind. Jonathan Schaeffer ist Professor an der Universität von Alberta in Kanada. Er verfügt über eine Erfahrung von mehr als 35 Jahren in der Forschung zur Künstlichen Intelligenz.

Ein paar Worte zur Verständlichkeit des Buches: Hier möchte ich unterscheiden in die allgemeine Verständlichkeit und in die Anforderungen an den Fremdsprachler, das in Englisch geschriebene Werk aufzunehmen.
Wer die Befürchtung hat, „Man vs Machine“ könne auf über 450 Seiten viel „Fach-Chinesisch“ anbieten, kann diese sofort ablegen. Die Autoren schreiben für den Normalleser und stellen diesen Horizont in ihren Texten sicher.
Es ist allerdings viel Text zu verarbeiten. Entsprechend ergibt sich eine gewisse Herausforderung für den deutschsprachigen Leser. Der Wortschatz ist nicht üppig angelegt, aber durchaus um einiges breiter, als man dies von gewöhnlichen Schachbüchern her kennt. Wer nicht ganz so geübt ist, wird sich darauf einrichten müssen, einige Begriffe nachschauen zu müssen. Es lohnt sich aber!

Die ab Seite 374 aufgeführten verwendeten Quellen bestätigen die oben genannte Fleißarbeit der Autoren und auch den wissenschaftlichen Ansatz, den sie mit ihrer Arbeit verfolgt haben, auch indem sie Quellen zur Entwicklung des Computers und der Künstlichen Intelligenz mit Quellen zum Schachspiel und der Entwicklung Schach spielender Maschinen zusammengeführt haben.

Fazit: „Man vs Machine“ ist ein Buch anderer Art. Es verbindet die Bereiche Information und Unterhaltung. „Man vs Machine“ ist in meinen Augen eine klare Kaufempfehlung an den Leser, der neben natürlich Interesse am Thema sich zutraut, viel in englischer Sprache verfassten Text zu lesen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Playing the Najdorf
Playing the Najdorf

David Vigorito
Playing the Najdorf
544 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-907982-65-1
23,95 Euro



Playing the Najdorf


Die Auswahl an Eröffnungsbüchern zur Sizilianischen Verteidigung und speziell auch zur Najdorf-Variante, eingeleitet über 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6, ist groß. Mit „Playing the Najdorf“ (Untertitel: „ A Practical Repertoire“) von David Vigorito ist 2019 ein weiteres bemerkenswertes Werk hinzugekommen. Es ist bei Quality Chess erschienen, hat fast 550 Seiten und präsentiert sich als ein klassisches Repertoirebuch. Geschrieben ist es aus der Warte von Schwarz. Für den Spieler mit Weiß ist es im Rahmen der Zugalternativen anwendbar, die Vigorito als Repertoireempfehlungen für Schwarz ausspricht und behandelt.

Das Werk enthält 18 Kapitel, die sich auf sechs Abschnitte verteilen. Diese orientieren sich an den Möglichkeiten für Weiß im 6. Zug. Der Leser findet entsprechend die folgende Grundstruktur vor:

Teil 1: 6. Le2
Teil 2: 6. Le3
Teil 3: 6. Lg5
Teil 4: 6. Lc4
Teil 5: 6. h3
Teil 6: Seltene Abspiele im 6. Zug und Verschiedenes.

Gegen 6.Le2, 6.Le3 und 6.h3 empfiehlt Vigorito 6…e5. Damit setzt er sich von 6…e6 ab, das Lubomir Ftacnik in „Grandmaster Repertoire 6, The Sicilian Defence“ hinsichtlich 6.Le2 und 6.h3 als Hauptlinie behandelt. Nicht nur in diesem Punkt ergänzen sich „Playing the Najdorf“ und das genannte Werk recht gut. Der Spieler, der so eine Art Panoramaaufnahme von gepflegten Repertoiremöglichkeiten sucht, kann die beiden Bücher gut nebeneinander legen.
Auf 6.Lg5 legt sich Vigorito auf 6…e6 fest, womit er 6…Sbd7, das in der jüngeren Vergangenheit nicht zuletzt im Fernschach viel Bedeutung erlangt und gute Ergebnisse für Schwarz gezeigt hat, außen vor lässt. Nach 6.Lc4 konzentriert er sich auf 6…e6.
Nach 6.h3 erwähnt er neben 6…e6 die Möglichkeit 6…g6 als echte Alternative, ohne sie zu behandeln.

Die Hinwendung zu 6…e5 in drei weißen Hauptabspielen stellt eine strategische Kontinuität her, die dem Spieler in seiner eigenen Vorbereitung und in seiner Praxis sehr helfen kann. Dies betrifft einerseits die Vorbereitung, die sich auf diese Weise erheblich begrenzen lässt, aber auch die Spielführung während der praktischen Partie. Er kann – an die jeweilige Variante angepasst – typische Pläne und Manöver als Standard entwickeln und immer wieder darauf zurückgreifen. Unterstützt wird er dabei auch davon, dass der Bauernvorstoß bis e5 auch dann in Varianten zu Vigoritos bevorzugten Empfehlungen zählt, wenn ein Teil seines Repertoires auf anderen Initialzugfolgen basiert.

Der in der Zusammenstellung oben kurz bezeichnete Teil 6 des Werkes dient der inhaltlichen Vervollständigung. Der Leser findet hier Ausführungen zu seltenen Abspielen wie 6.g3 und 6.f4 und deutlich nicht vollwertigen weißen Erwiderungen sowie ein paar „anti-sizilianischen“ Versuchen von Weiß.

Die einzelnen Kapitel sind durchgehend gleichartig aufgebaut. Das Deckblatt gibt über ein detailliertes Variantenverzeichnis eine genaue Auskunft darüber, was stofflich in der Folge dargestellt wird und wie das Kapitel entsprechend organisiert ist. Es zeigt zudem mittels eines Diagramms die Ausgangsstellung an.
Vigorito stellt die Theorie in einer Kombination aus einem klassischen Variantenbaum und eingearbeiteten praktischen Partien dar, die er entsprechend thematisch verknüpft hat. Diese sind auch Träger der Informationen zur Eröffnungstheorie und damit mehr als reine Illustrationsbeispiele. Sie werden schon im vg. Variantenverzeichnis benannt. Überwiegend setzen sie erst ein, wenn die behandelte Variante eine bereits fortgeschrittene Zugfolge erreicht hat. Auch wenn sich der Schwerpunkt des Interesses bei diesen Partien auf deren eröffnungstheoretische Bedeutung richtet, werden sie vollständig abgebildet und sind bis zum Ende durchkommentiert. So ergibt sich ein ganzheitlicher Ansatz bei der Betrachtung einzelner Varianten und deren Folgen bis ins Endspiel hinein.
Einige Partien stammen aus der Fernschachpraxis.

Vigorito erklärt und erläutert viel und gut. So erfährt der Leser regelmäßig die strategischen Aspekte einer Spielweise, Gründe für seine Empfehlungen und Einschätzungen sowie Hinweise, warum er von Fortsetzungen die Finger lassen sollte. Er hat zahlreiche Varianten, insbesondere als Fragmente aus Partien, und Analysen integriert, die er aber ebenfalls regelmäßig um seine Anmerkungen ergänzt hat. So bilden unkommentierte längere Zugfolgen nur eine Ausnahme im Werk. Bisweilen geht er auf die Aussagen anderer Autoren ein, was eine intensive Auseinandersetzung mit der aktuellen Theoriemeinung dokumentiert.
Ebenfalls zahlreich vertreten sind die Diagramme im Buch. So hat man jeweils mit einem Blick den Einstieg in die folgenden Ausführungen parat. Soweit diese Diagramme Stellungen außerhalb der jeweiligen Hauptvariante betreffen, sind sie von einer geringeren Größe. Auch diese Unterscheidung ist sehr hilfreich bei der Orientierung im Stoff.

Die Kapitel werden mit einer wertenden Zusammenfassung („Conclusion“) abgeschlossen. Diese ist zumeist ausführlich gehalten und dient insbesondere dem Festhalten der maßgeblichen Weichenstellungen im Repertoire und der wichtigsten Gründe für eine Empfehlung. Wie nicht selten bei Repertoirebüchern kann es hilfreich für den Leser sein, genau diese Zusammenfassung gleich zu Beginn der Arbeit an einem Kapitel anzusteuern, um die Eckpunkte in der theoretischen Betrachtung zu erfahren und für die Folge im Hinterkopf zu behalten.

Der Untertitel des Werkes, „A Practical Repertoire“, ist hinsichtlich dessen, was Verlag und Autor mit ihm vermitteln wollen, schwer auszulegen. Der mögliche Eindruck beim Leser, dass er dieses Buch zur Hand nehmen kann und dann ein Repertoire für die Praxis quasi einsatzbereit hat, wäre abwegig. Die Fülle des Materials setzt einfach eine intensive Auseinandersetzung mit der dargestellten Theorie voraus. Natürlich wird man von keinem durchschnittlichen Klubspieler erwarten können, dass er mehr als 500 Theorieseiten zu einer einzigen Eröffnung verinnerlicht, aber um von Vigoritos Arbeit profitieren zu können, muss er das Verständnis für die dargestellten Wege entwickeln. Dies macht ein gewisses konzentriertes Studium notwendig.
Das Rückgrat des Repertoires sind nach dem Stand der Theorie praxiserprobte Wege. Insofern hat Vigorito ein praktisches Repertoire zusammengestellt. An etlichen Stellen bietet er Neuerungen an, die letztlich als eine Art Feintuning verstanden werden können.
Nach meiner Einschätzung ist „Playing the Najdorf“ so qualifiziert, dass es auch den Ansprüchen eines Spitzenspielers genügt. Er bekommt für seine Praxis ein aktuelles und mit neuen Ideen angereichertes Material an die Hand. Er wird – wie ebenfalls der Fernschachspieler in seiner laufenden Partie – auch schwierige Partieführungen meistern, die weniger starken Spielern in der Praxis Probleme bereiten dürften. Vigorito setzt sich mit dieser Problematik auseinander. Ein sehr schönes Beispiel findet sich hierfür auf Seite 157. Dort schreibt er sinngemäß ins Deutsche übersetzt: „Das Endspiel ist ausgeglichen und zwei Fernschachpartien sind von dieser Stellung ausgehend mit einem Remis geendet, aber in einer praktischen Partie gäbe es Chancen für beide Seiten.“
Erkennbar wird hier die Unterscheidung des Autors nach „theoretisch erreichbar“ und „praktisch unter realistischen Ansätzen erreichbar“, was dem Untertitel „A Practical Repertoire“ eine weitere Bedeutung gibt.
Mit diesen Ausführungen habe ich zugleich den Adressatenkreis beschrieben, den ich von „Playing the Najdorf“ in erster Linie angesprochen sehe. Dies sind die Spielerkategorien vom Klubspieler bis zum sehr starken Turnierspieler sowie die Fernschachspieler.

Das Quellenverzeichnis ist sehr umfangreich, insbesondere zum Schriftgut. Es enthält maßgebliche Bücher, die im Zeitraum 1993 bis 2019 auf den Markt gekommen sind. Den Hauptanteil nehmen jüngere Werke ein.
Leider gibt es keine Auskunft zu den verwendeten Partien-Datenbanken. Aus den verwendeten Partiefragmenten und den Anmerkungen im Text lassen sich dazu aber gewisse Rückschlüsse ziehen. So lässt sich mindestens feststellen, dass Vigorito sehr aktuelles Material aus Meisterschaften und Open-Turnieren wie auch solches aus dem Bereich des Fernschachs verwendet hat.

„Playing the Najdorf“ entspricht hinsichtlich der „technischen Qualität“ dem üblichen hohen Standard der Bücher von Quality Chess – sauberer Druck auf feinem Papier. Der Rezension lag die kartonierte Fassung des Buches zugrunde. Der verwendete Karton ist stabil. So lässt sich davon ausgehen, dass er auch dann noch ausreichend Haltung beweisen wird, wenn der Leser das Werk oftmalig zur Hand genommen hat, was bei dessen Umfang nicht außergewöhnlich wäre. Gegen einen, allerdings deutlichen, Aufschlag ist „Playing the Najdorf“ auch in einer gebundenen Fassung erhältlich.

David Vigorito ist US-amerikanischer Internationaler Meister mit einer aktuellen Elozahl von 2339. Er lebt in der Nähe von Boston, Massachusetts. Da er als Schachlehrer an Schulen tätig ist und auch private Stunden gibt, erklärt sich sein im Buch erkennbar werdendes didaktisches Geschick.
Obwohl „Playing the Najdorf“ in seiner Muttersprache verfasst ist, sollte der deutschsprachige mit Englischkenntnissen auf einem ordentlichen Schulniveau ohne besondere Schwierigkeiten mit dem Werk zurechtkommen.

Fazit: „Playing the Najdorf“ bietet Schwarz ein qualifiziertes Repertoire auf der Basis der Najdorf-Variante an, das dem Leser anspruchsvoll verständlich gemacht und so entsprechend gut vermittelt wird. Das Buch spricht insbesondere den Klubspieler bis zum starken Turnierspieler wie auch den Fernschachspieler an. Zahlreiche Vorschläge für Neuerungen machen das Werk für den erfahrenen Spieler zusätzlich interessant.
Das Buch rechtfertigt eine klare Kaufempfehlung.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Kaufman’s New Repertoire for Black and White
Kaufman’s New Repertoire for Black and White

Larry Kaufmann
„Kaufman’s New Repertoire for Black and White“
457 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-862-0
29,95 Euro



„Kaufman’s New Repertoire for Black and White“


Mit „Kaufman’s New Repertoire for Black and White“ hat New In Chess (NIC) ein Nachfolgewerk für das 2012 erschienene Repertoirebuch mit dem sehr ähnlichen Titel „The Kaufman Repertoire for Black and White“ herausgegeben. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Neuauflage, sondern um eine neue Arbeit. Dies geht am deutlichsten daraus hervor, dass der Autor Larry Kaufman, US-amerikanischer Großmeister, renommierter Autor und Experte im Computerschach (u.a. Mitwirkung an Rybka und Komodo) seine Empfehlungen für Weiß komplett von 1.d4 auf 1.e4 umgestellt hat.
Seine Begründung für diesen Schritt kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Er meint, dass Weiß zwar natürlich nicht ziehen und gewinnen kann, wenn er mit 1.e4 eröffnet, aber aus einer etwas besseren Stellung spielt, ohne innerhalb der ersten 30 bis 40 Züge ein offensichtliches Remis zuzulassen. Diese Schwelle ist für ihn markant, weil sie dafür steht, wie weit eine Eröffnung generell analysiert werden kann. Mit einer ähnlichen Begründung wenden sich andere Autoren und Spieler gerade 1.d4 zu.
Für das Urteil über das neue Werk ist diese Überlegung allerdings ohne Bedeutung.

„Kaufman’s New Repertoire for Black and White“ ist nicht der Versuch, ein Komplettrepertoire für alle maßgeblichen Möglichkeiten des Gegners, dem Spiel eine Richtung zu geben, anzubieten. Nach meiner Einschätzung hat Kaufman sich nicht zuletzt davon leiten lassen, was der Praktiker braucht, um mit einem begrenzten Aufwand ein möglichst breites Spektrum abzudecken. Dies sollte jedem Schachfreund auch klar sein, wenn er sich entscheidet, das Buch zu kaufen. Auf rund 450 Seiten komplett (also inklusive der „technischen“ Seiten, Verzeichnisse etc.) kann man kein Rundum-sorglos-Paket als Repertoire erwarten, und dies auch noch für beide Seiten.
Wer für selten gespielte Eröffnungen detaillierte Empfehlungen sucht, wird hier eher nicht fündig werden und sollte sich einem Spezialwerk zuwenden.
Einer von mehreren besonderen Werten dieses Buches liegt darin, dass es unter Berücksichtigung der Praxisrelevanz von Eröffnungen ein komplettes Repertoire für Schwarz und Weiß anbietet.

Das hinter dem Buch stehende Konzept lässt sich wie folgt beschreiben: Der Leser soll ein Repertoire erhalten, das er mit Weiß wie auch mit Schwarz anwenden kann. Es soll ihn für die wichtigsten Spielweisen rüsten und es ihm erlauben, viel Theorie zu umgehen. Nach Möglichkeit werden hierzu Spezialvarianten angeboten, die Überraschungspotenzial haben, den Gegner vor von ihm selbst zu lösende Probleme stellen und in den allgemeinen aktuellen Stand der Theorie eingebettet sind. Ebenfalls nach Möglichkeit soll der Leser zwischen verschiedenen Spielweisen wählen können, je nach Fähigkeit und Geschmack, beispielsweise zwischen einer eher positionellen und einer eher taktisch geprägten Lösung.

Das Inhaltsverzeichnis ist zu lang, als dass es in dieser Rezension vollständig abgebildet werden könnte. Der folgende Auszug, sinngemäß ins Deutsche übersetzt, ermöglicht aber einen bereits ordentlichen Überblick.
Teil I – Repertoire für Weiß
Kapitel 1: ungewöhnliche schwarze Erwiderungen
Kapitel 2 bis 6: Caro-Kann, Französisch (Tarrasch), Russisch, Philidor, schwarze Gambits, Italienisch und Spanisch (mit 6.d3)
Kapitel 7 und 8: Sizilianisch (mit 2.Sc3 und mit 2.Sf3)
Teil II –Repertoire für Schwarz
Kapitel 9: Seltene, ungewöhnliche weiße Züge
Kapitel 10: Englisch
Kapitel 11: Damenindisch gegen Réti
Kapitel 12 – Anti-Grünfeld und English (Symmetrievariante)
Kapitel 13: Damenbauernspiele
Kapitel 14 bis 16: Grünfeld-Komplex
Kapitel 17 bis 19: Mittelgambit, Ponziani, Läuferspiel und Wiener Partie
Kapitel 19: Gambits
Kapitel 20 und 21: Schottisch, Vierspringerspiel und Italienisch
Kapitel 22 – 26: (Spanisch, Breyer-Variante, Marshall-Angriff u.m.).

Kaufman bedient sich praktischer Partien als Träger seiner Ausführungen zur Theorie. Diese sind ganz überwiegend in der jüngsten Vergangenheit gespielt worden, in Meisterschaften wie auch in Open. Mehrere Partien aus dem Fernschach sind ebenfalls vertreten. Inhaltlich sind sie miteinander verwoben, so dass sie eine verbundene Darstellung sicherstellen. Kaufman hat sie in einem Mix aus Text und Varianten so kommentiert, dass sie sich auf die eröffnungstheoretischen Aspekte konzentrieren.
Ein Variantenverzeichnis am Ende des Buches ermöglicht einen Blick ins Repertoire nach einer Baumstruktur.

Eine herausragende Besonderheit von „Kaufman’s New Repertoire for Black and White“ hängt mit seiner Eigenschaft als Experte für das Computerschach zusammen. Früh im Werk geht er darauf ein, indem er seine Arbeitsmethode beschreibt. Er stellt heraus, dass er jede Stellung mit der jüngsten Version von Lc0 (und damit den neuesten neuronalen Netzwerk-Engines) und mit Komodo 13 überprüft hat. Weiterhin hat er gelegentlich u.a. Stockfish und Houdini beigezogen. Die Berechnungen der Engines haben damit eine extrem hohe Qualität. Die Rechenresultate werden durchgehend im Werk im Rahmen der Anmerkungen angegeben.

Kaufman gibt zahlreiche Neuerungen an, von denen viele offenkundig auch den Computerberechnungen zu verdanken sind.

Die Frage nach den besonders angesprochenen Adressaten des Werkes möchte ich in einer aufzählenden Weise beantworten und dabei jeweils auch angeben, womit sich meine Einschätzung begründet.
1. Jeder Klubspieler hinsichtlich der Zusammenstellung des Materials. Er profitiert damit von der getroffenen Eingrenzung des Materials und der damit verbundenen Begrenzung seines Aufwandes.
2. Jeder fortgeschrittene Klubspieler hinsichtlich der angebotenen Erläuterungen. Kaufman arbeitet viel mit Varianten, die häufig nicht (durch)kommentiert sind. Hier ist eine gehobene Spielstärke des Lesers erforderlich, um die eigene fundierte Stellungseinschätzung vorzunehmen und dabei nachzuvollziehen, warum die Engine zu einem bestimmten Rechenergebnis gekommen ist.
3. Der Fernschachspieler. Auf seiner Suche nach vom Rechner überprüften Eröffnungsvarianten wird er hinsichtlich der behandelten Linien weder qualifizierteres Material finden noch selbst produzieren können.

Im Rahmen der Kommentierung sind die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers moderat. Kaufman beschränkt sich überwiegend auf den für Schachbücher üblichen Wortschatz. Soweit er insbesondere eingangs des Werkes längere Texte eingearbeitet hat, haben diese teilweise einen komplizierteren Satzbau und bedienen sich auch eines weiteren Wortschatzes. Insgesamt aber dürfte der Leser mit einem ordentlichen Schulenglisch ohne große Probleme gut mit dem Buch arbeiten können.

Fazit: „Kaufman’s New Repertoire for Black and White“ ist ein Repertoirebuch für Weiß und für Schwarz, das eine kompakte Eröffnungsvorbereitung erlaubt. Es stattet den Leser mit Lösungen aus, die nach Praxisrelevanz der Eröffnungen nach Umfang, Breite und Tiefe variieren. Mittels überraschender Nebenwege erhält der Leser die Möglichkeit, viel Theorie auszublenden.
Die rechnerische Korrektheit der Varianten wird über ein methodisches Vorgehen erreicht, das im Rahmen der Eröffnungsliteratur bisher ohne Beispiel sein dürfte.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



The 100 Endgames You Must Know Workbook
The 100 Endgames You Must Know Workbook

Jesus de la Villa
„The 100 Endgames You Must Know Workbook“
287 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-817-0
22,95 Euro



„The 100 Endgames You Must Know Workbook“


„The 100 Endgames You Must Know Workbook“ ist eine Ergänzung zum inzwischen mehrfach aufgelegten und damit sehr erfolgreichen Buch „100 Endgames You Must Know“ von Jesus de la Villa. Beide Werke sind bei New In Chess (NIC) erschienen.
Bei dem neuen Werk handelt es sich um ein Workbook im klassischen Sinne. Es enthält 300 Aufgaben, die in Anlehnung an das Grundwerk den Leser veranlassen, dessen Stoff Schritt für Schritt noch einmal durchzugehen, um das Erlernte zu vertiefen und auch zu überprüfen. Entsprechend ist es gleichartig wie „100 Endgames You Must Know“ aufgebaut. Vorausschicken möchte ich aber, dass der Besitz dieses ursprünglichen Buches nicht zwingend erforderlich ist, um mit dem Workbook zurechtzukommen. Dieses kann auch wie ein ganz normales Buch mit Schachaufgaben genutzt werden.

Der folgende Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis, sinngemäß ins Deutsche übersetzt, zeigt auf, zu welchen Endspielarten der Autor Beispiele behandelt und wie er diese im Buch organisiert hat.

Kapitel 1 - Elementare Endspiele (einfache Endspiele)
Kapitel 2 - Springer vs. Bauer
Kapitel 3 - Dame vs. Bauer
Kapitel 4 - Turm vs. Bauer
Kapitel 5 - Turm vs. zwei Bauern
Kapitel 6 - Gleichfarbige Läufer: Läufer + Bauer vs. Läufer
Kapitel 7 - Läufer vs. Springer: ein Bauer auf dem Brett
Kapitel 8 - Ungleichfarbige Läufer: Läufer + zwei Bauern vs. Läufer
Kapitel 9 - Turm + Bauer vs. Turm
Kapitel 10 - Turm + zwei Bauern vs. Turm
Kapitel 11 - Bauernendspiele
Kapitel 12 - Andere Materialverhältnisse
Kapitel 13 - Appendix
Kapitel 14 - Lösungen.
„Appendix“ ist hier nicht wirklich nur ein Anhang, sondern etwas qualifiziertes Neues. Jesus de la Villa geht in diesem Kapitel etwas ausführlicher auf Festungen ein, verbunden mit 20 an den Leser gerichteten Aufgaben.
Das Kapitel 14 enthält die Lösungen für alle Aufgaben, ist hierfür also die zentrale Adresse. Zu jeder Aufgabe in den vorangehenden Kapiteln ist auch vermerkt, auf welcher Seite der Leser die Lösung darauf findet. Er muss also nicht lange blätternd suchen, bevor er die richtige Stelle erreicht.

Die Aufgaben sind über das Werk hinweg fortlaufend durchnummeriert. Die Ausgangsstellung wird über ein Diagramm definiert, neben dem zusätzlich symbolisch angezeigt wird, welche Seite am Zug ist. Über spezifisch gestellte Fragen wird dem Leser aufgetragen, was genau von ihm erwartet wird. Diese können von einer recht einfachen Natur sein, beispielsweise ob eine Stellung gewonnen ist oder nicht bzw. wie es sich um ein Remis verhält. Genauso aber kommt es vor, dass er eine Stellungseinschätzung oder eine Variantenberechnung vornehmen soll. Etliche Male hat er sich zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten zu entscheiden. Die Aufgabenstellungen sind sehr vielseitig, das Buch wird nicht langweilig.

Es lässt sich nicht sagen, für welche Leistungsbereiche der Spieler „The 100 Endgames You Must Know Workbook“ besonders geeignet ist. Das Spektrum aber ist breit. Jesus de la Villa, der übrigens selbst nicht nur Großmeister, sondern auch ein erfahrener Trainer ist, hat den Stoff jeweils in den Kapiteln in der Weise zu ordnen versucht, dass er mit leichteren Aufgaben angefangen und sie dann im Schwierigkeitsgrad gesteigert hat. Die letzten Aufgaben eines Kapitels sind somit die schwersten. Ich habe an Beispielen versucht, diese Umsetzung zu überprüfen. Im Ergebnis kann ich bestätigen, dass sie dem Autor gelungen ist. Einführende Beispiele sind teilweise in Sekunden bzw. spätestens beim zweiten Blick für einen durchschnittlichen Klubspieler zu lösen. Abschließende Beispiele in Kapiteln sind aber „echte Klopper“, an denen ich mir mit dem Tiefgang, den ich für die Vorbereitung dieser Rezension aufbringen konnte, die Zähne ausgebissen habe. Mit mehr zeitlichem Aufwand, mehr Ehrgeiz und mehr Konzentration hätte ich mein Ergebnis vielleicht noch etwas verbessern können.
Vermutlich ist einiges Material aus der Trainertätigkeit des Autos ins Buch eingeflossen, so dass seine Schulungseignung erprobt ist.
In allen Fällen habe ich ohne Brett und nur mit Blick auf das Diagramm im Buch gelöst. Wenn die Aufgabe der eigenen Kragenweite entspricht, geht dies also.

Jesus de la Villa gibt übrigens einen interessanten Tipp, wie der Leser nach seiner individuellen Stärke am besten mit dem Buch arbeiten kann. Er unterteilt die Leser auf der Basis deren jeweiliger Selbsteinschätzung in zwei Gruppen, wenig erfahren bis mäßig spielstark einerseits und darüber hinaus andererseits. Der weniger starke Leser soll in einem Kapitel von vorne nach hinten arbeiten, vielleicht auch nur bis zur jeweiligen Hälfte der Aufgaben, um dann zunächst mit einem anderen Kapitel fortzusetzen. Den übrigen Beispielen kann er sich später widmen, wenn er an Spielstärke gewonnen hat. Der spielstarke Leser soll den umgekehrten Weg im Kapitel nehmen, von hinten nach vorne. Sobald ihm die Aufgaben zu leicht werden, sie ihn nicht mehr herausfordern, soll er aufhören.

Interessant sind Zusatzinformationen in den Kapiteln, die dem Leser anzeigen, wie fehlergeneigt eine bestimmte Endspielart in der Praxis ist. Hierzu hat Jesus de la Villa seine Erkenntnisse aus Auswertungen der Partien-Datenbank gewonnen. Der Leser bekommt damit einen nützlichen Hinweis zur Praxisrelevanz seines Studiums und einen Ansporn für seinen Ehrgeiz.

Die Lösungen sind ein ausführlicher Mix aus Text und Varianten. Da alle Beispiele aus praktischen Partien stammen, die nicht selten auch zwischen sehr bekannten guten Spielern ausgetragen worden sind, erfährt man hier auch den Namen desjenigen, der brilliert hat oder sich auch nach einem fehlerhaften Spiel geschlagen geben musste. Es baut auf, wenn man sieht, dass auch „die Großen“ im Schach nicht vor – teilweise auch schweren – Fehlern gefeit sind.
Schon einleitend findet sich im Werk ein schönes Zitat von Eleanor Roosevelt. Sinngemäß besagt es: „Lerne von den Fehlern der anderen. Du lebst nicht lange genug, um sie alle selbst zu machen“.

Der für den Leser zu erzielende Lerneffekt setzt sich aus beiden Komponenten zusammen – einerseits der eigenen praktischen Übung an der Aufgabenstellung und andererseits der dazugehörenden Lösung. Und weit gefasst muss man eigentlich von drei Komponenten ausgehen, da es sich bei „The 100 Endgames You Must Know Workbook“ eben um ein ergänzendes Workbook handelt. Vor der Arbeit damit kann schon das Grundwerk durchgegangen worden sein.

Das Buch ist in englischer Sprache geschrieben. Fremdsprachkenntnisse auf Schulniveau reichen für eine bequemen Umgang damit aus.

Fazit: „The 100 Endgames You Must Know Workbook“ ist ein unterhaltsames Workbook und damit eine Ergänzung zum erfolgreichen Buch „100 Endgames You Must Know“. Es kann problemlos genutzt werden, auch wenn der Leser nicht im Besitz des Grundwerkes ist.
300 über Diagramm und Fragestellung an den Leser gerichtete Aufgabenstellungen und die ausführlichen Lösungen dazu kombinieren dessen praktische Übung mit der Wissensvermittlung. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade sorgen dafür, dass ein breites Spektrum von Lesern angesprochen wird.
Das Buch ist eine klare Kaufempfehlung.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



An Attacking Repertoire for White with 1.d4
An Attacking Repertoire for White with 1.d4

Viktor Moskalenko
„An Attacking Repertoire for White with 1.d4“
367 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-830-9
29,95 Euro



„An Attacking Repertoire for White with 1.d4“


Viktor Moskalenko, aus der Ukraine stammender Großmeister, Trainer und Autor mehrerer sehr anerkannter Bücher über Eröffnungen, hat mit „An Attacking Repertoire for White with 1.d4“ 2019 ein Repertoirebuch vorgelegt, mit dem er diesmal insbesondere den Weißspieler anspricht. Der Titel ist vielleicht etwas irreführend, weil er den Eindruck vermittelt, dass dem Leser ein Komplettrepertoire auf der Basis einer Eröffnung mit dem Damenbauern angeboten wird. Dies ist aber nicht der Fall. Er erhält für ausgewählte, allerdings darunter sehr wichtige und häufig gespielte Systeme Repertoireempfehlungen. Der Untertitel „Ambitious Ideas and Powerful Weapons“ deutet diesen wichtigen Unterschied an.

„Solche ehrgeizige/ambitionierte Ideen“ und „starke/kraftvolle Waffen“ stellt Moskalenko für die folgenden Eröffnungen vor:
- Königsindische Verteidigung (Vierbauernangriff),
- verschiedene Benoni-Formen,
- Wolga-Benkö-Gambit,
- Grünfeld-Indisch,
- Nimzowitsch-Indisch,
- Slawisch,
- Damengambit (angenommen und abgelehnt - Semi-Slawisch, Abtauschvariante),
- Baltische Verteidigung (in Deutschland besser als „Keres-Verteidigung“ bekannt),
- Tschigorin und
- Albins Gegengambit.

Der Stoff verteilt sich auf insgesamt 14 Kapitel, die sich über rund 350 Buchseiten erstrecken.

Als Adressat dieses bei New in Chess (NIC) erschienenen Werkes sehe ich an erster Stelle den zumindest schon etwas erfahreneren Spieler, der schon über ein eigenes d4-Repertoire verfügt. Für ihn ist „An Attacking Repertoire for White with 1.d4“ eine große Chance zum Update und zum Ausbau seines Repertoires. Versprechen kann er sich dabei vor allem Material, das sehr dynamisch ausgelegt ist und nicht selten ein aggressives Vorgehen erwartet. Man ist gehalten, auf Sieg zu spielen und dabei auch etwas zu riskieren, aber wohl dosiert.

Das Muster, nach dem die Kapitel aufgebaut sind, lässt sich wie folgt skizzieren:
- In einer Einführung erhält der Leser neben allgemeinen Informationen, die ihm vermitteln, was er überhaupt gerade vor sich hat, etwas zur Geschichte der Spielweise, die ihr zugrundeliegenden wesentlichen Ideen, Pläne, Gegenmittel des Gegners und eigene Reaktionsmittel darauf, besondere Stellungsstrukturen, statistische Daten u.ä. Hinsichtlich der Gegenstände dieser Einführung unterscheiden sich die einzelnen Kapitel.
- Mittels ausgewählter kommentierter Partien, von denen etliche vom Autor selbst gespielt worden sind, stellt Moskalenko das Repertoire vor. Diese sind so miteinander verwoben, dass sich ein schlüssiges Bild von der Lage der Theorie ergibt.
- Eine kurze Zusammenfassung hält die wesentlichen Aspekte für den Leser fest.
Die erwähnte Kommentierung orientiert sich an dem, was zum Verständnis aus eröffnungstheoretischer Sicht erforderlich ist. Sie besteht aus Texterläuterungen, Partiefragmenten (zum Teil auch aus dem Fernschach) und Analysen. Hinsichtlich des Anforderungsniveaus unterstützen die Kommentare die oben von mir getroffene Aussage, dass sich „An Attacking Repertoire for White with 1.d4“ vor allem an den fortgeschrittenen Spieler richtet. Der unerfahrene Leser wird die Erläuterungen oft nicht einschätzen können bzw. die Konsequenzen bestimmter Feststellungen nicht abschätzen können.

Die Kommentierung nutzt verschiedene Symbole zur Kennzeichnung bestimmter Passagen. So werden beispielsweise ein Revolver für beste oder überraschende Fortsetzungen, Klemmbretter für Hauptideen und Warnschilder für einzuprägende Inhalte verwendet. Daneben wird dann aber immer auch die von der Grafik vertretene Rubrik genannt. So ist die Darstellung zwar „etwas doppelt gemoppelt“, aber die hervorgehobenen Passagen heben sich besser ab und man kann auch erkennen, wenn eine Grafik fehlerhaft verwendet worden ist (so etwa auf Seite 220 ein Revolver für eine trickreiche Idee, die eigentlich von einem Zauberhut vertreten wird).
Aber: Das Werk verwendet diese Symbole für meinen Geschmack inflationär. Insbesondere der Revolver vermittelt den Eindruck, dass fast alle Empfehlungen gefährliche Waffen sind. Hier hätte ich mir weniger Symbole gewünscht, so dass die Seiten übersichtlicher geblieben wären.

Gelegentlich hat sich der Leser auch persönlich einzubringen, indem er Aufgaben zu erfüllen bzw. Lösungen für bestimmte Brettsituationen zu finden hat. Ob er mit seinem Ergebnis richtig liegt, erfährt er unmittelbar im Anschluss, integriert in den weiteren Text.

Am Ende des Buches sind ein gelungenes Variantenverzeichnis, ein Spielerverzeichnis und ein Quellenverzeichnis eingearbeitet.

Die Buchsprache ist Englisch, Fremdsprachkenntnisse auf Schulniveau sollten für ein weitgehend bequemes Verstehen ausreichen.

Fazit: „An Attacking Repertoire for White with 1.d4“ ist ein Werk, das vor allem dem fortgeschrittenen Spieler zu empfehlen ist. Es bietet ausgewählte Spielweisen an, die einen dynamischen Charakter haben und zumeist ein aggressives Spielen unterstützen. Verfasst worden ist es aus der Warte von Weiß, kann aber auch vom Spieler mit Schwarz gut verwendet werden, allerdings beschränkt auf die Auswahl von Fortsetzungen, die der Autor für Weiß getroffen hat.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Emanuel Lasler, A Reader
Emanuel Lasler, A Reader

Taylor Kingston
„Emanuel Lasler, A Reader“
400 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-949859-00-3
33,50 Euro



„Emanuel Lasler, A Reader“


Dr. Emanuel Lasker, geboren am 24. Dezember 1868 und gestorben am 11. Januar 1941, hat auf verschiedenen Gebieten Bemerkenswertes geleistet. Dem Schachspieler ist er besonders natürlich als zweiter offizieller Weltmeister bekannt, der über die bisher längste Zeitspanne hinweg den Titel gehalten hat (1894 bis 1921). Aber auch als Buchautor, Herausgeber eines Schachmagazins, Kommentator und Komponist von Problemen und Studien ist er der Schachwelt bestens in Erinnerung geblieben.
Außerhalb des Schachspiels hat er sich als Mathematiker, Philosoph und als Erfinder von Spielen einen Namen gemacht.

„Emanuel Lasker, A Reader“ will keine Biografie über diesen großen Menschen sein und ist dies auch nicht. Auch ist das Werk keine Sammlung seiner besten Partien, auch wenn viele seiner Duelle enthalten sind. Wie der Herausgeber Taylor Kingston in seinem Vorwort herausstellt, war es ihm als Aufnahmekriterium vorrangig wichtig, dass die Partie von Lasker kommentiert worden ist. Ob er sie auch selbst gespielt hat oder sie zu seinen besten Leistungen zählt, war für ihn weniger bedeutend.

„Emanuel Lasker, A Reader“ ist ein Kompendium, das ein so detailliertes und differenziertes Bild von der Person zeichnet, wie es eine allenfalls bestens gelungene Biografie hätte schaffen können. Originalarbeiten Laskers werden ergänzt von Beiträgen aus der Feder von Dr. Karsten Müller und Dr. Ingo Althöfer. GM Karsten Müller gilt als einer der weltweit besten Endspielkenner. Er hat sich mit Laskers Endspielkunst und mit seiner Leistung als Komponist von Aufgaben aus dem Problemschach und von Studien befasst. Ingo Althöfer ist Professor der Mathematik in Jena und selbst passionierter und starker Hobbyschachspieler. Bekannt geworden ist er vor Jahrzehnten durch seine „3-Hirn“-Experimente (Kombination von zwei Schachcomputern und einem menschlichen Spieler). Er hat sich mit einem Ausschnitt aus Laskers Schaffen im Bereich der Mathematik befasst.

Das Werk besteht aus insgesamt vier Teilen. Diese sind, in einer sinngemäßen Übersetzung aus dem Englischen:
1. Schriftwerke zum Schach
2. Lasker als Philosoph und Sozialkritiker
3. Lasker als Mathematiker
4. Verschiedenes (u.a. das Spiel „Lasca“).

Der Lasker-Fan wird sich für sich für alles interessieren, was das Buch zu bieten hat. Für den weiteren Teil dieser Rezension setze ich aber die Brille des Schachspielers auf und konzentriere mich auf den Teil 1, Schriftwerke zum Schach.
Dieser Abschnitt enthält 12 Themenbereiche, zwei davon sind die bereits genannten Beiträge von GM Müller.
„The London Chess Fortnightly“ zeigt von Lasker verfasste Textbeiträge und kommentierte Partien in der gleichnamigen britischen Schachzeitschrift. Einige Seiten sind als Faksimile eingearbeitet und zusätzlich entsprechend auch optisch interessant. Lasker ist für seine aufgelockerte Kommentierung bekannt, die sich teilweise von der spröden Sachbuchsprache abhob. Sie ist passagenweise auch in diesen Auszügen zu erkennen.
Von Laskers Duellen um die WM-Krone sind besonders die Kämpfe gegen Steinitz, Marshall, Tarrasch und Capablanca mit zahlreichen kommentierten Partien vertreten (der Wettkampf gegen Marshall im Rahmen eines langen Beitrags „Lasker’s Chess Magazine (1904-1090)“ und mit Anmerkungen beider Spieler).
Auszüge aus Turnierbüchern sind zu Hastings 1895 und St. Petersburg 1909 integriert.
Weitere Auszüge gibt es von Laskers erstem Buch „Common Sense in Chess“ sowie von „Laskers’s Manual of Chess“.

Beeindruckend ist auch die Vielseitigkeit, mit der „Emanuel Lasker, A Reader“ die Vielseitigkeit Emanuel Laskers selbst nachzeichnet. Es gibt humorvolle Einzelbeiträge wie „The Chess Career of Baron Munchausen“ über ernste Aufsätze wie „Why are Chess Masters Short Lived?“ bis hin zu Traurigem wie Nachrufe zu James Mason, Michael Tschigorin und Harry Neslson Pillsbury.

Insgesamt ist „Emanuel Lasker, A Reader“ eine wahre Fundgrube für Schachbegeisterte und historisch Interessierte.
In seinem Vorwort bedauert Taylor Kingston, dass er mehrere beabsichtigte Inhalte nicht realisieren konnte. Gemessen an dem, was dieses Werk bietet, fehlen sie nicht.

Wer dieses Buch bequem durcharbeiten möchte, sollte gute englische Sprachkenntnisse haben.

Fazit: „Emanuel Lasker, A Reader“ ist ein sehr empfehlenswertes Buch über Emanuel Lasker. Es verbindet die verschiedenen Schaffensbereiche, in denen sich Lasker einen Namen gemacht hat. Im Vordergrund steht dabei sein Schaffen als Spieler und Autor in Sachen Schach.
„Emanuel Lasker, A Reader“ ist eine klare Kaufempfehlung an den Leser mit guten Englischkenntnissen.



Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.





The Modern Scotch
The Modern Scotch

Alexander Khalifman, Sergei Soloviov
„The Modern Scotch“
527 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-619-7188-24-0
22,50 Euro



„The Modern Scotch“

Mit „The Modern Scotch“, erschienen im bulgarischen Verlag Chess Stars, haben die beiden Autoren Alexander Khalifman und Sergei Soloviov ein umfangreiches Werk über die Schottische Eröffnung vorgelegt. Während Khalifman als früherer FIDE-Weltmeister und Autor der Buchreihen „Opening for White According to Anand“ bzw. „… According to Kramnik“, um nur einen kleinen Ausschnitt seiner Leistungen und Arbeiten zu geben, nicht weiter vorstellen muss, ist Soloviov vielen vermutlich weniger bekannt. Er ist Internationaler Meister (IM) und hat zahlreiche Bücher geschrieben (zur Eröffnung, biografische Partiensammlungen etc.).


Zunächst einmal ein paar Informationen zum Aufbau des Buches: „The Modern Scotch“ bedient sich nicht des Aufbaus der meisten Repertoirebücher von Chess Stars (Untergliederung der Kapitel in eine kompakte Einführung zu den wesentlichen Aspekten der Spielweise, eine umfassende Erörterung der Theorie und vollständige kommentierte Partien zur Illustration und Vertiefung). Vielmehr ist es klassisch in der Form der Gliederung in Teile/Abschnitte (vier an der Zahl) und sich darauf verteilende Kapitel (insgesamt 30) organisiert. Zusammengekommen sind mehr als 520 Seiten, die Theorie pur anbieten, da auf ergänzende kommentierte Partien gänzlich verzichtet worden ist.
Die einzelnen Buchteile, zum Teil auch die einzelnen Kapitel, werden zunächst kurz erläuternd eingeführt, die Last der Theorie ist den Kapiteln übertragen.

Teil 1 mit insgesamt fünf Kapiteln befasst sich nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4. Sxd4 mit allem außer den Haupterwiderungen 4…Lc5 und 4…Sf6.
Teil 2 behandelt in ebenfalls fünf Kapiteln die Folgen von 4…Lc5 5.Sb3.
In Teil 3 geht es um 4…Sf6 5.Sxc6 bxc6 6.e5 inklusive 6…De7 7.De2 Sd5, aber ohne 8.c4, erneut in fünf Kapiteln.
In Teil 4 gehen die Autoren quasi auf Teil 3 aufsetzend in 15 Kapiteln auf alles ein, was über 8.c4 entsteht.

In seinem Vorwort macht Khalifman darauf aufmerksam, dass nach seiner Auffassung in der Eröffnung nicht im Vordergrund stehen kann, wie Schwarz den Ausgleich schafft, sondern wie Weiß einen Vorteil herausholen kann, um eben seinen Anzugsvorteil entsprechend zu nutzen. Vor diese offensive Betrachtung sah er die Autoren in „The Modern Scotch“ gestellt.

Das Werk enthält eine Fülle an Theorie, die es in einer Mischung aus Text und Erläuterungen und in der Form der Baumstruktur aus Haupt- und Nebenvarianten anbietet. Überwiegend werden die Gründe für Empfehlungen oder für Einschätzungen etc. angegeben, aber nicht immer. So gibt es auch längere Passagen mit nur wenigen Texterläuterungen. Hierbei handelt es sich dann zumeist um Partiefragmente, von denen ein bemerkenswerter Anteil aus der Fernschachpraxis stammt.
Auch in der Kommentierung lässt „The Modern Scotch“ erkennen, dass es sich an den ambitionierten und schon fortgeschrittenen Turnier- und Vereinsspieler richtet. Erläuterungen auf einem von unerfahrenen Spielern verwertbaren Niveau bietet es allenfalls sporadisch an. So muss der Leser schon selbst die Begründung für Aussagen der Art, dass die Dame vor der Einleitung einer bestimmten Aktion besser auf a5 stehen sollte bzw. der Läufer nach einem Manöver zu weit vom König entfernt steht, um nur zwei Beispiele in Stellvertretung für viele zu bezeichnen.

Der erste Adressat des Werkes ist nach meiner Einschätzung der leistungsstarke Spieler, der entweder Schottisch bereits in seinem Repertoire hat und ganz gezielt aktualisieren und unterfüttern will oder aber Schottisch neu aufnehmen und hierzu die Fülle des Materials zur Frage sichten will, was er für seine vertiefende Befassung braucht. Daneben sehe ich den Fernschachspieler als ersten Adressaten an, der ein Kompendium sucht, das er während seiner eigenen Partie einsetzen und für das Beiziehen weiterer Hilfsmittel nutzen kann. Er kann auch sehr von der Ordnung, die „The Modern Scotch“ in die Theorie bringt, profitieren.

„The Modern Scotch“ ist übersichtlich gestaltet; die Hauptzüge sind fett gedruckt, die Nebenvarianten werden abgesetzt angeboten. Zahlreiche Diagramme unterstützen bei der Arbeit mit dem Werk. Nicht erwarten darf der Leser, dass sie die Verwendung eines Brettes, egal in welcher Form, entbehrlich machen. Viele Varianten sind einfach zu lang, als dass sie auf der Basis der Diagramme im Kopf weiterverfolgt werden könnten; dies gilt zumindest für jemanden mit meiner eigenen Kragenweite.
Hilfreich bei der Orientierung ist auch das hinreichend detaillierte Variantenverzeichnis auf den letzten Buchseiten.

Die Bibliografie enthält ältere wie auch jüngere Buch-Quellen. Das Gros des Materials stammt nach meiner Einschätzung allerdings aus Datenbanken, von denen mir bekannter Weise vier allein Fernschachpartien enthalten.

Etwas größeres Augenmerk habe ich auf „technische“ Fehler gerichtet, weil mir ein solcher gleich im Vorwort aufgefallen ist. So ganz verständlich ist mir ein solches Auftreten gerade in einem Vorwort nicht, wenn ein hinreichendes Korrekturverfahren stattgefunden hat. Im Vorwort ist das Schachzeichen „mit der Idee“ an einer Stelle abgebildet, an der drei Punkte für einen Zug von Schwarz stehen sollten. Solche Fehler verursacht die Autokorrektur des Textprogramms, wenn ein Schachzeichensatz verwendet wird.
Ich habe trotz meiner gehobenen Aufmerksamkeit keine Fehler auf den weiteren Seiten des Buches gefunden, über die wegen ihrer Zahl oder ihrer Art zu berichten wäre.

Die Buchsprache ist Englisch. Wer über Sprachkenntnisse auf Schulniveau verfügt, wird mit dem Werk ohne besondere Probleme zurechtkommen.

Fazit: „The Modern Scotch“ ist ein gelungenes Werk. Zum Kauf empfehlen möchte ich es demjenigen, in dessen Hand ich es gut aufgehoben sehe, weil er seine Stärken nutzen kann und nicht von diesen überfordert wird. Für den spielstarken Leser mit Vorerfahrung zu Schottisch oder mit der Ambition, sein Repertoire damit zu ergänzen ist wie für den Fernschachspieler dieses Buch eine Chance, erstklassiges und erstklassig bewertetes Material für die eigene Prüfung verfügbar zu bekommen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Forcing Chess Moves
Forcing Chess Moves

Charles Hertan
„Forcing Chess Moves“
432 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-856-9
27,95 Euro



„Forcing Chess Moves“


In seiner vierten und zugleich erweiterten Auflage ist 2019 das Werk „Forcing Chess Moves“ von Charles Hertan bei New In Chess (NIC) erschienen. Wenn ein Schachbuch innerhalb von 11 Jahren vier Auflagen erfährt, dann weckt es Erwartungen – auch bei einem Rezensenten. Und wenn das Urteil über vorhergehende Ausgaben in der Fachpresse und in Rezensionen so positiv wie in diesem Fall ausfällt, gilt dies noch umso mehr. Was also macht „Forcing Chess Moves“ zu so etwas wie einem Liebling der in Sachen Schach Schreibenden? Welche Art von Schachbuch bekommt der Käufer bei ihm in die Hand?

Das Werk lässt sich in das Genre der Taktikbücher einreihen. Es stellt aber nicht in einer wie von üblichen Arbeiten bekannten Weise Elemente der Schachtaktik vor, sondern widmet sich der Frage, wie man in seiner Partie vorgehen kann, damit man ein bestimmtes mögliches Manöver nicht übersieht. Auch Großmeister sind nicht davor gefeit, eine sich bietende zwingende Möglichkeit taktischer Art nicht zu erkennen und hierdurch den greifbaren Erfolg auszulassen, wie Hertan zurecht feststellt. Und es wird nicht einen einzigen erfahrenen Schachfreund geben, der ein gleiches Missgeschick nicht auch von sich selbst berichten könnte.
Hertans Mittel ist eigentlich denkbar einfach. „Mach es wie ein Computer!“, lässt sich seine Aufforderung auf den Punkt bringen. Der Leser soll lernen und es zu seiner Devise machen, die Berechnung immer mit den Zügen zu beginnen, die den Gegner zu einer aus der eigenen Warte vorteilhaften Reaktion zwingen. Dieser kann somit nicht abweichen und muss sich in den für ihn nachteiligen Ablauf fügen. Und nach dem „brute force“-Prinzip soll er dann alle Möglichkeiten in seine Berechnungen einbeziehen, also nichts nach dem Prinzip „geht sowieso nicht“ ausschließen. Hertans Logik ist dabei bestechend – kann der Gegner mit einem zwingenden Zug in die Niederlage oder ggf. in ein Remis gedrängt werden, so ist genau dieser Zug richtig. Ohne Bedenkzeit für andere Züge zu verschwenden, soll der Leser sich diesem Kandidaten widmen.

Das Prinzip ist für eine Reihe von Situationen auf dem Schachbrett das Mittel zum Erfolg. Im Einzelfall kommen die Elemente der Schachtaktik zum Einsatz, die schon der Anfänger erlernt, von Springergabel bis Opfer.
In insgesamt 13 Kapitel hat Hertan sein Werk gegliedert. Inhaltlich lassen sie sich wie folgt skizzieren:

Kapitel 1: Arten von zwingenden Zügen und deren Einsatz.
Kapitel 2: Arten von Mattangriffen unter Einsatz zwingender Züge.
Kapitel 3: Akkurate Berechnung unter Ausschluss der eigenen Voreingenommenheit (Vermeidung, dass Züge deshalb nicht in die Berechnung einbezogen werden, weil der Spieler sie gleich zu Beginn der Betrachtung für unmöglich hält).
Kapitel 4: Erkennen überraschender zwingender Züge.
Kapitel 5: Abwehr einer gegnerischen Drohung durch das Aufstellen einer gleich starken oder stärkeren eigenen Drohung.
Kapitel 6: Zwingende stille Züge.
Kapitel 7: Zwingende Angriffszüge in der Gestalt eines Rückzugs.
Kapitel 8: Zwischenzüge.
Kapitel 9: Zwingende Züge in der Verteidigung.
Kapitel 10: Zwingende Züge im Endspiel.
Kapitel 11: Intuition und Kreativität.
Kapitel 12: Übungen verschiedener Art.
Kapitel 13: Hierarchie nach Hertan: Hilfsmittel für eine verbesserte Variantenberechnung.

Die Kapitel 1 bis 11 sind allesamt gleichartig aufgebaut. Zunächst führt Hertan den Leser in den jeweiligen Gegenstand der Betrachtung ein. Dabei zeigt er die Bedeutung auf, die eine Fähigkeit des Lesers, wie ein Computer mit der Stellung umzugehen, für das bestmögliche Spiel zum Thema hat. Im Anschluss daran steigt er über intensiv besprochene Beispiele in die Anwendung in einer Partie ein. Dies ist der Bereich, der dem Studium des Lesers gewidmet ist. Er soll konzentriert und im Detail die Beispiele durcharbeiten, um auf diese Weise den jeweiligen Stoffbereich zu verstehen und zu verinnerlichen. Es geht also nicht darum, dass er wie in herkömmlichen Taktikbüchern Elemente der Schachtaktik schlicht kennen lernt. Er soll vielmehr auch zu dem bestimmten Verhalten hingeleitet werden, in der eigenen Partie die ihm bekannten Manöver konsequent auf die Anwendbarkeit in einer aktuellen Brettsituation zu prüfen und diese Prüfung nach den Anforderungen der Objektivität durchzuführen.
Diese Kapitel werden abgeschlossen mit Übungsaufgaben zum Thema. Sie sind so angeordnet, dass der Leser auf der Vorderseite einer Buchseite zumeist vier Aufgaben gestellt bekommt und er die Lösungen für diese auf der Rückseite findet. In diesem Rhythmus geht es bis zum Ende des Kapitels weiter.
Seine konzeptionelle Vorstellung zum Umgang des Lesers mit dem Stoff beschreibt Hertan bereits eingangs des Werkes, so dass er damit quasi auch eine Anleitung zur Nutzung gibt.

Im Kapitel 12 wartet ein Mix aus Aufgaben auf den Leser. Hier geht es also um seine Fähigkeiten, die er zu allen behandelten Elementen bzw. Themen des Buches aufgebaut haben sollte.

Alle Aufgaben, also auch jene in den einzelnen Kapiteln, werden über ein Ausgangsdiagramm gestellt. Zusätzlich gekennzeichnet ist, welche Seite sich am Zug befindet.
Eine konkrete Fragestellung zeigt dem Leser an, was genau von ihm erwartet wird.

Das Kapitel 13 stellt eine Art Checkliste zum Einsatz zwingender Züge in der Partie auf und enthält auch Hilfestellungen, die an FAQ erinnern.

Hertan erklärt sehr ausführlich, nachvollziehbar und überzeugend. Dies gilt sowohl für die Bereiche eines Kapitels, in denen er den jeweiligen Stoff vorstellt, also auch für die Lösungen auf die Übungsaufgaben. Schritt für Schritt wird der Leser von den Grundzügen immer tiefer in den jeweiligen Stoffbereich eingeleitet. Aus meiner Sicht ist es als mustergültig zu bezeichnen, wie Hertan sich Mühe gibt, den Leser den Stoff wirklich verstehen zu lassen und wie er immer wieder darauf hinarbeitet, dass der Leser „Computer-Augen“ entwickelt, also möglichst objektiv alles prüft und seine Berechnungen konsequent durchführt und zu Ende bringt.
Die Buchsprache ist Englisch, mit Fremdsprachkenntnissen auf Schulniveau sollte der Leser aber ganz bequem mit dem Buch arbeiten können.

Fazit: „Forcing Chess Moves“ ist ein ganz besonderes Lehrbuch zur Taktik im Schach. Es zielt darauf ab, den Leser zwingende taktische Möglichkeiten in seiner Partie erkennen und ihn diese dann objektiv und qualifiziert anwenden zu lassen. Es spricht jeden Spieler an, vom Anfänger bis zum erfahrenen Vereins- und Turnierspieler.
Ich kann für dieses Werk eine klare Kaufempfehlung aussprechen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



The Modernized Dutch Defense
The Modernized Dutch Defense

Adrien Demuth
„The Modernized Dutch Defense“
467 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510556
24,95 Euro




„The Modernized Dutch Defense“

„The Modernized Dutch Defense“ aus der Feder des französischen Großmeisters Adrien Demuth ist ein Repertoirebuch zur Holländischen Verteidigung, in dessen Zentrum das Leningrader System (Leningrader Variante, Leningrader Verteidigung) steht. In diesem Aufbau setzt Schwarz auf das Fianchetto seines Königsläufers.
Das Werk ist eine Neuerscheinung aus 2019 und umfasst 467 Seiten. Es ist in drei Abschnitte gegliedert, die insgesamt 12 Kapitel enthalten.

Der folgende Ausschnitt aus dem Inhaltsverzeichnis, sinngemäß ins Deutsche übersetzt und ergänzt um den Umfang des jeweiligen Kapitels in Seiten, zeigt auf, wie Demuth seine Arbeit aufgebaut hat, welche Spielweisen er in welchem Umfang behandelt und somit auch, wie er das Repertoire gegen Abweichungen des Spielers mit Weiß abgesichert hat. Dies gilt insbesondere auch für die Möglichkeit, dass die Partie zunächst über Zugfolgen aus der Réti-Eröffnung oder der Englischen Eröffnung läuft.

ABSCHNITT I – Frühe Seitenwege nach 1.d4 f5
Kapitel 1 - Das Staunton-Gambit (21 Seiten)
Kapitel 2 - Das System mit 2.Sc3 (37 Seiten)
Kapitel 3 - Der Göring-Angriff 2.Lg5 (26 Seiten)
Kapitel 4 – Seltene Abspiele im zweiten Zug (69 Seiten)
Kapitel 5 - Systeme mit einem frühen c3 und/oder Sh3 (38 Seiten)

ABSCHNITT II - Klassische Systeme
Kapitel 6 – Weiße Seitenwege im dritten Zug (43 Seiten)
Kapitel 7 – Abspiele mit einem frühen b4 (26 Seiten)
Kapitel 8 - Systeme mit b3 (46 Seiten)
Kapitel 9 – Das aggressive 2.c4 Sf6 3.Sc3 (38 Seiten)
Kapitel 10 – Das Klassische Leningrader System (74 Seiten)

ABSCHNITT III - Reti und Englische Zugfolgen
Kapitel 11 – Das Leningrader System der Holländischen Verteidigung gegen die Réti-Eröffnung (27 Seiten)
Kapitel 12 - Das Leningrader System der Holländischen Verteidigung gegen die Englische Eröffnung (38 Seiten).

Die Kapitel werden mit einer Titelseite eingeleitet, die ein Diagramm mit der Ausgangsstellung enthält sowie die Initialzugfolge angibt. Die Folgeseite, mit „Chapter Guide“ überschrieben, enthält eine Übersicht über die im Kapitel behandelten Varianten. Leider enthält das Werk kein umfassendes Variantenverzeichnis, das mit diesen Übersichten in den Kapiteln korrespondiert. So ist es etwas mühselig, bestimmte gesuchte Passagen anzusteuern. Dies dürfte besonders für den noch unerfahrenen Spieler gelten, dem noch ein Überblick über die theoretische Zuordnung fehlt.

Die Kapitel sind sehr übersichtlich gestaltet. Die jeweilige Ausgangsvariante wird deutlich hervorgehoben. Die Hauptzüge sind fett geschrieben, die Kommentare und Varianten sind großzügig abgesetzt. Varianten zweiter Ordnung sind schwächer gedruckt, so dass sie sofort zu erkennen sind.
Es gibt angenehm viele Diagramme, zu denen jeweils auch angemerkt wird, mit welchem Zug die ausgewiesene Stellung erreicht worden ist. Auf die Hauptzüge bezogene Diagramme sind größer als jene für Positionen aus Nebenvarianten.

Demuth erklärt viel und gut. Sehr gut gefällt mir, dass er sich durchgehend intensiv zu strategischen Aspekten, zu den Plänen und den Hintergründen dazu äußert. Dies unterstützt das Verständnis ganz erheblich. Bemerkenswert ist auch, dass er verwendete Computervorschläge nicht einfach angibt, sondern oft auch interpretiert. So erfährt der Leser, warum die Engine nach der Einschätzung des Autors zu einem bestimmten Ergebnis gekommen ist bzw. welche Aspekte den Ausschlag für das Rechenergebnis gegeben haben dürften. Ich gehe davon aus, dass Demuth überwiegend mit Stockfish gearbeitet hat.

Etwas vorsichtig bin ich mit einer Bestätigung, dass „The Modernized Dutch Defense“ auch zahlreiche Neuerungen enthält. Als Neuerung gekennzeichnet sind tatsächlich etliche Züge, sowohl in den Haupt – als auch in den Nebenvarianten. Dies gilt auch für ein teilweise noch frühes Stadium der Partie. Als es mich an einer Stelle wunderte, dass eine bestimmte Fortsetzung sehr plausibel aussah und dennoch neu sein sollte, habe ich meine Partiendatenbank befragt und gleich mehrere Partien gefunden, in denen sie schon angewendet worden war. Um zu schauen, ob dies eine Ausnahme sein konnte, habe ich gezielt für einen willkürlich gewählten Bereich geprüft, ob darin die angegeben Neuerungen für Hauptzüge tatsächlich ohne bisheriges Beispiel sind. Ca. die Hälfte der von mir geprüften Beispiele war schon bekannt, teilweise auch schon seit etlichen Jahren und besonders auch durch eine Anwendung im Fernschach (nur drei Beispiele zur Bestätigung: Seite 174 - 10…Sf7, S. 178 - 8…Db6 und S. 181 - 12.c3).
Dies lässt mich feststellen, dass für den Leser, der nicht auf die Ergebnisse aus dem Fernschach zurückgreift, tatsächlich vieles neu sein wird, soweit es eben aus der Fernschach-Praxis stammt. Der Fernschachspieler mit einer gut sortierten Partiendatenbank wird bisweilen schon über praktisches Material verfügen.

Die Buchsprache ist Englisch. Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind aber nur moderat, so dass jeder mit „Schulenglisch“ ausgestattete Leser problemlos mit dem Werk zurechtkommen sollte.

Fazit: „The Modernized Dutch Defense“ ist ein gelungenes Repertoirebuch zur Holländischen Verteidigung, in dem das Leningrader System im Zentrum steht. Das Repertoire stützt sich auf aktuelle Theorie und Praxis. Die Erläuterungen für den Leser sind sehr ansprechend, insbesondere auch hinsichtlich der strategischen Aspekte und der Pläne. Teilweise sind als Neuerungen gekennzeichnete Fortsetzungen bereits aus der Praxis bekannt, insbesondere aus dem Fernschach.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



The Safest Grünfeld Reloaded
The Safest Grünfeld Reloaded

Alexander Delchev
„The Safest Grünfeld Reloaded“
351 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-619-7188-25-7
22,95 Euro




„The Safest Grünfeld Reloaded“

"The Safest Grünfeld Reloaded" ist ein überarbeitetes, aktualisiertes und erweitertes Repertoirebuch aus 2019 von Alexander Delchev, das 2011 ohne die Titelergänzung "Reloaded" auf den Markt gekommen ist. Delchev ist Großmeister aus Bulgarien und ein renommierter Autor. Erschienen ist das Werk im bulgarischen Verlag Chess Stars.

In insgesamt 14 Kapiteln stattet Delchev den Leser mit einem Komplettrepertoire auf der Basis der Grünfeld-Indischen Verteidigung aus, das er um Antworten auf Versuche von Weiß absichert, der genannten Verteidigung aus dem Weg zu gehen.

Das Werk folgt dem besonderen Format der Repertoirebücher aus dem Hause Chess Stars, das durch einen dreiteiligen Aufbau gekennzeichnet ist. Die einzelnen Spielweisen werden zunächst in einem Abschnitt "Main Ideas" hinsichtlich ihrer grundlegenden Aspekte vorgestellt. Zu diesen zählen insbesondere die wesentlichen Pläne zur Spielführung, Bauernstrukturen und taktische Motive, regelmäßige Zugfolgen und Zugumstellungen, Einschätzung und Bewertung der Theorie. Soweit es sich anbietet, findet der Leser an dieser Stelle auch ein paar Informationen zur Geschichte der Variante, zu Protagonisten etc.

Die intensive Darstellung und Erörterung der Theorie findet im Abschnitt "Step by Step" statt. Abgeschlossen wird das Kapitel vom Abschnitt "Complete Games", in dem der Einsatz des jeweiligen Systems in kommentierten Partien illustriert wird. Die jeweiligen Anmerkungen dienen in erster Linie dem Zweck der Schulung. Entsprechend fokussieren sie sich auf die eröffnungstheoretischen Belange und ergänzen zugleich inhaltlich den Abschnitt "Step by Step".

Im Vorwort eröffnet Delchev dem Leser, wie aus seiner Sicht ein gutes Repertoirebuch gestaltet sein sollte. Demnach sollte es zunächst klären, welches die positionellen Ziele einer Spielweise sind, was es zu erreichen und zu vermeiden gilt. Dann sollten die typischen Bauernstrukturen und einzelne Pläne untersucht werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass der Leser ein generelles Grundverständnis aufbaut, das ihm in seiner Partie auch dann noch helfen wird, wenn er Einzelheiten nicht mehr im Gedächtnis hat.

Diesem Ansatz folgt "The Safest Grünfeld Reloaded" mustergültig.

Delchev gibt an, dass er im Vergleich zum Ursprungwerk mehr auf die dynamischen Chancen für Schwarz Wert gelegt hat. Der Leser soll häufiger auch auf einen Sieg spielen können. Auf Seite 77 beispielsweise verweigert er deshalb einer Variante den Status als seine Hauptvariante, weil sie intensiv analysiert worden ist und Schwarz nicht mehr als ein sicheres Remis verspricht.

Die Entwicklung der Theorie hat Delchev intensiv überprüft, was auch das Quellenverzeichnis andeutet. Es enthält wichtige Neuerscheinungen der letzten Jahre, insbesondere auch zu Eröffnungen, die Weiß zur Vermeidung der Grünfeldindischen Verteidigung einsetzen kann. Die entsprechenden Ausführungen im Werk hat Delchev angabegemäß komplett neu geschrieben.

Die Aktualisierung wird auch darin erkennbar, dass viel neues Material aus der Praxis verarbeitet worden ist. Dabei nehmen im Fernschach gespielte Partien eine bemerkenswerte Rolle ein.

Überprüft hat Delchev auch seine früheren Einschätzungen und Empfehlungen. An mehreren Stellen hat er sie geändert.

Delchev legt einen besonderen Wert darauf, dem Leser mit intensiven Erklärungen und Erläuterungen sowie Empfehlungen zu helfen. Er begnügt sich nicht mit floskelhaften Angaben wie "X steht besser" oder unkommentierten Varianten mit einem abschließenden Symbol zum Stand. Der Leser soll verstehen, was geschieht und warum es zur jeweiligen Einschätzung kommt.

Das Repertoire ist aus der Sicht von Schwarz geschrieben. Es enthält deshalb die wesentlichen Erwiderungen für Weiß und nicht alle Möglichkeiten für Schwarz. Sehr oft aber gibt Delchev Alternativen auch für den Nachziehenden an, so dass eine flexible Gestaltung des Repertoires unterstützt wird.

Dass sich die Anschaffung von "The Safest Grünfeld Reloaded" auch lohnen kann, wenn man sich bereits über Literatur gut ausgestattet sieht, wird an etlichen Stellen deutlich. Mal ist es beispielsweise eine kritische Auseinandersetzung mit einer Variante oder Einschätzung in einem anderen Werk, dann ist es die Aufnahme einer Fortsetzung mit Potenzial, die noch nicht oder selten gespielt worden ist. Auf Seite 38 nimmt er einer Variante von Boris Awruch den Wind aus den Segeln, dessen Bücher zur Grandmaster Repertoire-Serie von Quality Chess zum Besten zählen, was ich bisher aus diesem Bereich der Schachliteratur gesehen habe. Zum gegen die Grünfeldindische Verteidigung gerichteten Sämisch-Aufbau mit 3.f3, behandelt im Kapitel 12, schlägt er einen Zug 11...Te8! vor, der erst einmal in einer Turnierpartie aus dem Jahr 2016 gespielt worden ist. Typisch für das Vorgehen Delchevs allgemein ist es, dass er das Überraschungspotenzial anführt, dann aber in einer Punktaufzählung mit einem abschließenden Resümee die positionellen Aspekte aufzeigt.

Das Werk richtet sich meines Erachtens an den Spieler im Bereich des Klubniveaus. Es kann für die Aufnahme der Grünfeldindischen Verteidigung in das eigene Repertoire wie auch für dessen Aktualisierung und Verfeinerung genutzt werden.

Ein ordentliches Stichwortverzeichnis erleichtert das Navigieren über die Buchinhalte hinweg.

Fremdsprachkenntnisse auf Schulniveau reichen für ein bequemes Verstehen aus.

Fazit: "The Safest Grünfeld Reloaded" ist für mich eine klare Kaufempfehlung.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Cheparinov´s 1.d4!, Volume 1 King´s Indian and Grünfeld
Cheparinov´s 1.d4!, Volume 1 King´s Indian and Grünfeld

Ivan Cheparinov
„Cheparinov´s 1.d4!, Volume 1 King´s Indian and Grünfeld“
191 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510709
25,95 Euro




Cheparinov´s 1.d4!, Volume 1 King´s Indian and Grünfeld

„Cheparinov´s 1.d4!, Volume 1 King´s Indian and Grünfeld“ ist der Auftaktband zu einer Serie aus Repertoirebüchern, über die Weiß mit einem Komplettrepertoire ausgestattet werden soll.
Ivan Cheparinov ist ein aus Bulgarien stammender Großmeister, der mit seiner Elo-Zahl von 2718 (zum Zeitpunkt des Erscheinens des 1. Bandes) zur absoluten Weltelite gezählt werden kann. Das von ihm ausgearbeitete Repertoire wendet er auch selbst an. Er veröffentlicht nicht nur in der Turnierpraxis bereits eingesetzte Züge und Varianten, sondern auch die Ergebnisse seiner Analysen im Rahmen seiner Vorbereitung als Spieler sowie natürlich als Autor.

Zunächst ist festzustellen, dass sein Repertoire gegen Königsindisch und gegen Grünfeld-Indisch überwiegend sehr aggressiv ausgelegt ist. Dies passt mit seinen Worten in der Einleitung zusammen, in der er ankündigt, zumeist zweischneidige Varianten anzubieten. Dabei hat er besonders den Turnierspieler im Auge. Er soll Schwarz unter Druck setzen und ihm schwer zu treffende Entscheidungen abringen können. Nicht selten geht es auch zuoberst darum, schneller als Schwarz zu einem gefährlichen Angriff zu kommen. Cheparinov zieht dabei auch ins Kalkül, dass Weiß den Vorteil einer guten Vorbereitung bzw. eines Wissensvorsprunges für sich nutzen kann. Dies gilt für den Leser, indem er ihm auch bisher unveröffentlichtes Material zur Verfügung stellt.
Für den Fernschachspieler mit den schwarzen Steinen ist diese Erwägung weniger bedeutend als für den Spieler auf der Turnierbühne. Er kann seine Antworten auf die Herausforderungen von Weiß ohne Zeitdruck und mit Unterstützung des Computers finden. Auch für ihn aber gilt, dass er sich gegen intensiv geprüfte Attacken behaupten muss. Ebenfalls in der Einleitung bestätigt Cheparinov, dass er alle Varianten mit starken Engines überprüft hat, auch wenn er stets seine persönliche Einschätzung vertritt, ggf. auch der Einschätzung des Computers nicht folgend.

Das Repertoire baut durchgehend auf 3.f3, somit auf Sämisch-Strukturen. Es wird in vier Kapiteln erörtert, die wie folgt überschrieben sind:

1. Early Sidelines
2. Benoni Structures
3. The Grünfeld
4. The King´s Indian Sämisch.

Die aggressive Ausrichtung, gepaart mit der Veröffentlichung bisher unveröffentlichten Materials wird gut an einem Beispiel zum Grünfeld-Inder deutlich. Auf Seite 75 bringt Cheparinov in der Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sb6 6.Sc3 Lg7 7.Le3 0-0 8.Dd2 e5 9.d5 c6 10.h4 cxd5 11.exd5 h5 12.g4 Sa6 die Neuerung 13.d6. Nach diesem „Hammer“ sind alle weißen Kräfte in den Angriff einbezogen. Am Brett ist diese Situation schwer zu verteidigen.
Dass der Autor auch die aggressivsten Fortsetzungen für Schwarz auf dem Schirm hat, bestätigt er beispielsweise auf Seite 103. Hier geht er im System nach 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sb6 6.Sc3 Lg7 7.Le3 0-0 8.Dd2 Sc6 9.0-0-0 f5 10.e5 auf das von Carlsen und AlphaZero gespielte Opfer 10...f4 ein. Im Ergebnis hält er es, über Analysen unterfüttert, für zweifelhaft.

Da Cheparinov ein Weißrepertoire zusammengestellt hat, deckt er die wesentlichen schwarzen Möglichkeiten jeweils ab. Die Wege für Weiß behandelt er nur, soweit sie in sein Repertoire fallen. Wichtige alternative Wege für Weiß gibt er aber an. So kann der Leser andere Quellen beiziehen, wenn er diese vertiefen möchte.

Als die von seinem Buch angesprochenen Leser sieht Cheparinov Amateure wie auch Profis. Damit ein Amateur von ihm profitieren kann, muss er meines Erachtens aber bereits eine ordentliche Spielstärke erreicht haben. Der noch nicht so versierte Spieler wird die scharfen Varianten vermutlich nicht ohne weiteres unbeschadet überstehen.
Cheparinov erklärt gut, was heißen soll, dass er seine Einschätzungen ganz überwiegend begründet und die in der Spielführung einzuhaltende rote Linie aufzeigt.

Die Buchsprache ist Englisch. Fremdsprachkenntnisse auf Schulniveau reichen für einen bequemen Umgang mit dem Werk aus.

Fazit: „ Cheparinov´s 1.d4!, Volume 1 King´s Indian and Grünfeld“ ist ein starkes Repertoirebuch für den spielstarken Amateur bis zum Profi. Es bildet den Auftakt für eine Serie, die den Spieler mit Weiß mit einem kompletten Repertoire ausstatten soll.
Auf der Basis dieses Werkes kann Weiß sein Spiel gegen die Königsindische Verteidigung und gegen Grünfeld-Indisch besonders aggressiv aufbauen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.



Attacking with g2-g4
Attacking with g2-g4

Dmitry Kryakvin
Attacking with g2-g4
288 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-865-1
21,95 Euro




Attacking with g2-g4

Ein sehr interessantes Werk verbirgt sich hinter dem Titel „Attacking with g2-g4“ aus der Feder des russischen Großmeisters Dmitry Kryakvin, 2019 erschienen bei New in Chess (NIC). Denkt man vielleicht zunächst an eine neue Abhandlung zu Grobs Angriff, so liegt man falsch. Es geht in dieser Übersetzung aus dem Russischen vielmehr um den Angriffszug g2-g4 in verschiedenen Eröffnungen.

Mit diesem Bauernvorstoß kann Weiß beispielsweise in der Slawischen Verteidigung, in der Holländischen und der Königsindischen Verteidigung wie auch im Nimzowitsch-Inder quasi mit der Faust auf den Tisch hauen und die Verhältnisse durcheinanderbringen und eskalieren. Im Vordergrund steht dabei zumeist der Kampf um die Initiative.

„Attacking with g2-g4“ ist nicht etwa eine systematische Aufarbeitung zur Frage, wann, unter welchen Bedingungen etc. der Bauernvorstoß gespielt werden kann, sondern eine exemplarische Darstellung. Das Werk ist in acht Teile gegliedert, auf die sich insgesamt 17 Kapitel verteilen. Insgesamt 84 Partien aus der Meisterpraxis, zum Thema kommentiert, sind das Herz der Arbeit. Eingangs stellt Kryakvin heraus, dass g2-g4 auch als Vermächtnis des früheren Weltmeisters M. Botwinnik betrachtet werden kann, der früh die Bedeutung dieses Angriffszuges erkannt hat.

Ab dem vierten Kapitel konzentriert Kryakvin seine Betrachtung auf den Einsatz des thematischen Vorstoßes in bestimmten Eröffnungen. Regelmäßig stellt er zunächst ein paar einleitende Aspekte vor, beispielsweise zur geschichtlichen Entwicklung und zu wichtigen Nuancen. Diesen folgen die jeweiligen kommentierten Partien. Eine wertende Zusammenfassung bildet den Abschluss der Erörterung. Diese hält ohne Anspruch auf Vollständigkeit Erkenntnisse aus der Besprechung fest, so etwa zu strategischen Aspekten, Spielplänen etc.

Zur Kommentierung der Partien bleibt zu ergänzen, dass der Autor Fragen bzw. Aufgaben eingearbeitet hat, über die er den Leser einbindet. Diese beschränken sich nicht auf eröffnungstheoretische Aspekte. So sind sie auch in späteren Partiephasen zu finden.

„Attacking with g2-g4“ ist darauf ausgelegt, das Grundverständnis des Lesers zum genannten Bauernvorstoß als Angriffswaffe zu erweitern. Das Werk ist unterhaltsam geschrieben. Hierdurch unterstützt es den Leser in seinem Streben, konzentriert mit ihm zu arbeiten. Die Buchsprache ist Englisch. Der Leser mit Fremdsprachkenntnissen auf Schulniveau kommt gut mit ihm zurecht.

Fazit: „Attacking with g2-g4“ ist eine Empfehlung für den Spieler, der seine Fertigkeiten im Umgang mit diesem Angriffszug qualifizieren möchte. Dies gilt für beide Rollen, Angreifer und Verteidiger.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.

 

The Modernized Delayed Benoni
The Modernized Delayed Benoni

Ivan Ivanisevic
The Modernized Delayed Benoni
236 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510655
27,95 Euro




The Modernized Delayed Benoni
Im Gegensatz zur modernen Benoni- Verteidigung, von der man üblicherweise spricht, wenn die Partie über die Eingangszüge 1. d2–d4 Sg8–f6 2. c2–c4 c7–c5 3. d4–d5 e7–e6 eröffnet wird, wird bei der verzögerten modernen Benoni-Verteidigung zunächst g7-g6 und Lf8-g7 gespielt, bevor d7-d6 und dann auch die Rochade folgen. e7-e6 und e6xd5 (manchmal auch e6-e5) werden verzögert ausgeführt. Dieser Spielweise widmet sich der serbische Großmeister Ivan Ivanisevic in seinem Buch "The Modernized Delayed Benoni", 2019 erschienen bei Thinkers Publishing. Das Buch ist konzeptionell eine Mischung aus Ratgeber, Anleitung und Repertoirebuch. So erinnert es mich ein wenig an Eröffnungsbücher aus Buchreihen wie "Wie spielt man ...", allerdings für den Spieler mindestens im gehobenen Leistungsbereich.

Ivanisevic orientiert seine Darstellungen an dem, was der deutlich fortgeschrittene Spieler aufgrund seiner bereits vorhandenen Kenntnisse verstehen kann. Spieler im unteren Leistungsbereich werden offene Fragen behalten. Sie werden von (Analyse-)Varianten, von denen es reichlich gibt, weniger profitieren können, soweit sie keine Kommentare enthalten, und manche Einschätzungen nicht nachvollziehen können, weil sie nicht begründet werden. Um hierfür ein Beispiel zu geben: Bereits auf der ersten Theorieseite ist zu lesen, dass eine bestimmte Fortsetzung eine Ungenauigkeit ist. Worauf sich dieses Urteil stützt, kann der weniger versierte Spieler kaum ergründen.

Benoni ist an sich schon keine Anfängereröffnung. Es ist entsprechend nachvollziehbar, in welchen Lesern Ivanisevic sein Klientel sieht.

Der starke Spieler mit Vorkenntnissen zur Benoni-Verteidigung erhält über "The Modernized Delayed Benoni" ein Update und ein Mittel zum "Fein-Tuning". Einige Neuerungen sind im Werk zu finden, mit denen der Gegner überrascht werden kann.

Es gibt acht Kapitel im Buch, von denen mich die Nummern vier, sieben und acht am meisten überzeugen. In diesen ist der Anteil der Erläuterungen, Begründungen etc. deutlich höher als in den weiteren Kapiteln. Diese setzen vermehrt auf die Abbildung nicht oder kaum kommentierter Varianten. Besonders ausführlich gestaltet ist das Kapitel 8, das sich mit dem Sämisch-System befasst. In seiner Einleitung erklärt Ivanisevic, das die Ausführungen erheblich von Erkenntnissen Ivan Sokolovs profitieren, mit dem zusammen er ein Vorgängerprojekt bearbeitet hat, dessen Ergebnisse für die vorliegende Arbeit nutzbar waren.

Zwei Anhänge ergänzen die Kapitel.

Das Inhaltsverzeichnis - beschränkt auf die Darstellung der Eröffnungstheorie - sieht wie folgt aus:
1. Rare 5th Moves
2. The Fianchetto Variation
3. White Avoids the Main Variation
4. The Main Variation
5. Allowing ... Bg4 in the Main Variation
6. The Classical 7.Be2
7. The Four Pawns Attack
8. The Sämisch
Appendix 1: Transpositions and Move Orders
Appendix 2: Classical Modern Benoni.

Es gibt mehrere Einzelaspekte, die mir an "The Modernized Delayed Benoni" sehr gut gefallen:
- Ein flexibler Umgang mit dem behandelten System: Wenn er es ausnahmsweise für besser hält, von der verzögerten Variante in die moderne Variante oder anders zu wechseln, dann empfiehlt Ivanisevic diesen Schritt.
- Der Autor behält Verbindungen zwischen dem Buchsystem und der Königsindischen Verteidigung im Auge, so dass der Königsindisch-Anhänger ebenfalls vom Werk profitieren kann.
- Ivanisevic zeigt praxisrelevante Zugumstellungen auf.

Jedes Kapitel enthält eine abschließende wertende Zusammenfassung. Teilweise bietet es sich an, diese frühzeitig beim Befassen mit einem Kapitel zu lesen, um bereits vorab Leitgedanken nutzen zu können.
Unterschiedlich intensiv sind die Einleitungen der Kapitel. Hier gefallen mir jene am besten, die bereits Aussagen zur Strategie und zu Plänen treffen.
Die Buchsprache ist Englisch. Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind nicht allzu hoch.
Fazit: "The Modernized Delayed Benoni" ist eine Empfehlung für den fortgeschrittenen, den spielstarken Schachfreund. Dieser kann insbesondere dann, wenn er bereits Benoni in seinem Repertoire hat, seine Kenntnisse aktualisieren und erweitern.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.

 

The King’s Indian according to Tigran Petrosian

Strategy Meets Dynamics

Igor Yanvarjov
The King’s Indian according to Tigran Petrosian
421 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-57-8
34,95 Euro




The King’s Indian according to Tigran Petrosian
Wer sich für die Königsindische Verteidigung interessiert, hat heute die Wahl zwischen vielen aktuellen Büchern. Die Palette reicht von Einführungen für unerfahrene Spieler bis hin zum mehrbändigen Monumentalwerk. So stellt sich natürlich bei jeder Neuerscheinung die Frage, für wen sie eine Bereicherung sein kann, vielleicht sogar ersatzweise für eine bereits vorhandene Arbeit.

2019 ist „The King’s Indian according to Tigran Petrosian“ als Übersetzung aus dem Russischen in den Markt gekommen. Sein Autor ist der russische Internationale Meister Igor Yanvarjov, der herausgebende Verlag ist Russell Enterprises.

Wo ist die Lücke im Bücherregal, die Yanvarjov füllt? Mit welchen Stärken weiß sein Werk zu überzeugen? Und welchen Wert soll ein Königsindisch-Repertoire haben, das sich an einem vor rund 35 Jahren verstorbenen Meister orientiert?

Tigran Petrosjan, wie sein Nachname in deutscher Schreibweise lautet, war der neunte Weltmeister im Schach (1963 bis 1969). Er lebte von 1929 bis 1984 und galt als begnadeter Positionsspieler. Teilweise wurde sein Stil als defensiv und zäh gesehen. Die Königsindische Verteidigung mit ihren lang angelegten Plänen und regelmäßig weit in die Partie verlegten heftigeren Auseinandersetzungen war für ihn geradezu wie gemacht. Ganz dem System getreu war er auch bekannt dafür, dass er seine Kräfte auf dem Brett durchaus auch explodieren lassen konnte, wenn sich die Gelegenheit nach langer Vorbereitung bot. Und auch das passt zum Königsinder.

„The King’s Indian according to Tigran Petrosian“ enthält 289 ausgezeichnet kommentierte Partien Petrosjans, natürlich allesamt zum Thema „Königsindisch“ eröffnet. Ausnahmsweise ist die Eröffnung nicht in reiner Form auf das Brett gekommen, sondern in einer verwandten Konstellation, beispielsweise mit vertauschten Farben. Meines Wissens gab es bisher noch keine solche Sammlung, die dem ehemaligen Weltmeister ein Denkmal setzt. Damit ist sowohl eine erste mit diesem Werk gefüllte Lücke im Bücherregal gefunden und mit der ausgezeichneten Kommentierung auch eine seiner Stärken angesprochen. „The King’s Indian according to Tigran Petrosian“ hält die Erinnerung an diesen großen Spieler wach und porträtiert seine Leistung mit einem ganz eigenen Schwerpunkt.

Die Partien verteilen sich auf 14 Kapitel, die wiederum drei Teilen des Buches zugeordnet sind. Der folgende Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis gibt einen Überblick über die Gliederung.

Part I Tabiyas
Chapter 1 Classical Variation
Chapter 2 The Sämisch System
Chapter 3 The Fianchetto Variation
Chapter 4 The Benoni
Chapter 5 Other Systems
Part II Elements of Success
Chapter 6 Portrait of a Chess Player
Chapter 7 Lessons from Petrosian
Chapter 8 The Problem of the Exchange
Chapter 9 “Furman’s Bishop&rdquo
Chapter 10 “Pawns are the soul of chess&rdquo
Chapter 11 Playing by Analogy
Chapter 12 Maneuvering Battle
Part III Experiments
Chapter 13 Realist or Romantic?
Chapter 14 The King’s Indian with Colors – and Flanks – Reversed.


Die Königsindische Verteidigung zählt zu jenen Eröffnungen, zu deren guter Behandlung mehr als nur ein Variantenstudium erforderlich ist. In der eigenen Partie ist ein tiefes Verständnis des Systems von Nöten, um die Entscheidungen in seinem Geist treffen zu können. Zu diesem Aspekt ist das vorliegende Werk in meinen Augen ungemein wertvoll. Es bietet dem Leser sehr qualifizierten Stoff in Hülle und Fülle an, der sein Auge schärfen und sein Gefühl für die Verteidigung wachsen lassen wird. Wer es ungeachtet dessen, dass damit ein immenser Zeitaufwand verbunden sein wird, intensiv durcharbeitet, kann die behandelten Systeme zukünftig garantiert gut spielen. Die Anmerkungen decken alles ab, was erforderlich ist, um tief in die jeweilige Partie einzudringen. Der Leser setzt sich mit den strategischen Aspekten wie mit den taktischen Möglichkeiten auseinander. Er lernt die Theorie kennen und muss dabei nicht befürchten, dass diese in der Zeit seit dem Partiedatum bis heute ihre Meinung zu einer Variante geändert haben könnte, ohne dass er dies erfährt. Yanvarjov zeigt im Rahmen der Kommentierung auf, wenn sich in einer Partie „alte Theorie“ findet, und gibt den aktuellen Stand an. Er hat zahlreiche Originalkommentare Petrosjans eingebaut, mit dem ihn übrigens eine persönliche Bekanntschaft verband. Auch auf Anmerkungen anderer Meister hat er zurückgegriffen. Das Allermeiste stammt aber aus seiner eigenen Feder.

Die in meinen Augen herausragende Stärke des Werkes liegt darin, dass es wie kein anderes mir bekanntes Buch zur Königsindischen Verteidigung so intensiv, verständlich und qualifiziert den Leser zu einem Insider macht.

Der Leser erhält die aktuelle Theorie, in weitem Rahmen über Petrosjans Praxis, daneben über die Kommentierung. Der Wert des Repertoires steht außer Zweifel. Interessant ist auch, dass Yanvarjov bei einer eingetretenen Änderung der Meidung der Theorie die maßgeblichen Gründe hierfür angibt. Dem Aufbau des Verständnisses können diese Ergänzungen nur dienen.

Wie schon erwähnt wird der Leser viel Zeit aufbringen müssen, wenn er „The King’s Indian according to Tigran Petrosian“ komplett und konzentriert durcharbeitet. Entsprechend ist seine Disziplin gefragt. Diese wird durch Auflockerungen in der Kommentierung gestützt. Es gibt erzählende Passagen, Informationen zu Petrosjan und seiner Karriere, ergänzende Angaben zu Elementen der Partie, zum Beispiel zur verbrauchten Bedenkzeit für Züge, und mehr.

Über sichere Englischkenntnisse sollte der Leser verfügen, wenn er möglichst bequem mit dem Buch arbeiten möchte, denn es ist reichlich Text aufzunehmen. Fazit: „The King’s Indian according to Tigran Petrosian“ ist eine ausgezeichnete Neuerscheinung in der englisch-sprachigen Literatur. Es bietet dem Leser – nach meiner Einschätzung ab Klubniveau – die große Chance, die Königsindische Verteidigung wirklich zu verstehen und dabei zugleich zu einem qualifizierten Repertoire zu kommen. Ich kann die Anschaffung nur sehr empfehlen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


Strategy Meets Dynamics

Strategy Meets Dynamics

Ivan Sokolov
Strategy Meets Dynamics
323 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-94-9251-060-0
28,95 Euro




Strategy Meets Dynamics
"Strategy Meets Dynamics" ist der Titel des dritten und zugleich letzten Bandes aus der Serie "Chess Middlegame Strategies", die Ivan Sokolov für das belgische Verlagshaus Thinkers Publishing geschrieben hat. Die beiden Vorbände sind in 2017 und 2018 veröffentlicht und von der Schachwelt sehr gut aufgenommen worden. Band 3 ist in der zweiten Jahreshälfte 2019 auf den Markt gekommen.

Das Werk richtet sich an den fortgeschrittenen Spieler. Anhand von 43 intensiv besprochenen Partien geht Sokolov, der über viele Jahre hinweg zur Weltelite zählte und auch als Autor eine allgemein sehr hohe Anerkennung genießt, darauf ein, wie ein dynamisches Spiel über besondere stellungsgemäße Manöver erreicht oder unterstützt werden kann. Seine Arbeit konzentriert er dabei zu manchen Themen auf ausgewählte Stellungsmuster, basierend auf Bauernstrukturen. Da es zu diesen über bestimmte Eröffnungen kommt, konzentriert sich seine Arbeit insoweit auch auf diese.
Sokolov will nicht etwa die Theorie verschiedener Elemente der Schachstrategie darstellen, sondern deren praktischen Einsatz; die Theoriekenntnis des Lesers wird dabei vorausgesetzt. Inhaltlich lässt es sich entsprechend als "angewandte Schachstrategie" skizzieren.
Bisweilen geht das Werk auf den Einsatz des besprochenen Elementes auch in ähnlichen Strukturen ein.

"Strategy Meets Dynamics" enthält sieben Kapitel, die sich wie folgt beschreiben lassen:

Kapitel 1 ("Karpov's King in the Center"):
Anatoly Karpov, 13. Weltmeister, setzte den Verzicht auf die Rochade ganz bewusst ein, um seine dynamischen Möglichkeiten in der Partie zu verbessern. In fünf der sechs im Kapitel behandelten Partien hat Karpov mit Schwarz am Brett gesessen, im zusätzlichen Duell mit Vishy Anand noch ein weiterer Weltmeister. Die behandelten Stellungen werden im Wesentlichen über Caro-Kann erreicht, Anand wendet die Idee in der Damenindischen Verteidigung an.

Kapitel 2 ("Geller/Tolush Gambit Plans & Ideas"):
In drei Partien kommt das genannte Gambit, bei uns eher in der umgekehrten Reihenfolge der Namen als Tolusch-Geller-Gambit geläufig, in reiner Form auf das Brett, in zwei weiteren lagen ähnliche Strukturen vor. Die grundsätzliche Zugfolge führt über 1. d2-d4 d7-d5 2. c2-c4 c7-c6 3. Sf3 Sf6 4. Sb1-c3 d5xc4 5. e2-e4 usw. Darüber hinaus soll der Leser in seinem Spiel profitieren, das über verschiedene Variationen der Slawischen Verteidigung, das Angenommene Damengambit, die Wiener Partie und Katalanisch erreicht wird.

Kapitel 3 ("Anti Moscow Gambit Typical Plans & Ideas"):
Das Anti-Moskauer Gambit (in der Halbslawischen Verteidigung) wird über die Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 c6 3.Sf3 Sf6 4. Sc3 e6 5. Lg5 h6 6. Lh4 usw. erreicht. Die fünf im Kapitel analysierten Partien sollen nach Sokolov dem Leser helfen, seine Fähigkeiten nicht nur für dieses System zu verbessern, sondern seiner Vervollkommnung generell dienen.

Kapitel 4 ("Space vs Flexibility"):
Die hier in drei Partien behandelten Muster entstehen insbesondere über Caro-Kann, die Skandinavische und die Französische Verteidigung sowie über die Meraner Variante in der Halbslawischen Verteidigung, mit einem weißen c-Bauern schon auf c4. Diese Aufzählung der maßgeblichen potenziellen Eröffnungswege ist aber nicht abschließend. Der Titel, zu übersetzen mit "Raum gegen Flexibilität", zeigt gut an, worum es im Folgenden geht.

Kapitel 5 ("Positional Exchange Sacrifice"):
Die 11 in diesem Kapitel erörterten Partien beinhalten einen Gegenstand der hohen Kunst im Positionsspiel, das positionell begründete Qualitätsopfer. Dieser Teil des Buches wendet sich am meisten dem Gespür des Lesers zu. Dieser bekommt zwar auch Anhaltspunkte dafür geliefert, die auf eine in der Stellung liegende Opfermöglichkeit hindeuten können, doch auf seine reine Rechenfähigkeit gestützt wird er mit diesen nicht viel anfangen können. Entsprechend dient das Kapitel besonders auch einer Schärfung der Intuition. Diese ist nicht auf bestimmte Stellungsmuster und damit Eröffnungsquellen beschränkt.

Kapitel 6 ("Open File"):
Dieses Kapitel enthält sieben Partien. Offene Linien sind ein Standardthema zur Schachstrategie. Das "technische" Wissen hierzu wird beim Spieler vorausgesetzt. Untersucht wird das freie Spiel dazu.

Kapitel 7 ("G-Pawn Strategies"):
Mit dem aggressiven Vorgehen des g-Bauern können sich verschiedene Absichten verbinden. In sechs Partien geht Sokolov auf den Einsatz dieses Mittels ein. Eine Festlegung des Einsatzes in die Richtung bestimmter Eröffnungen erfolgt nicht. Entsprechend trägt der Nutzen dieses Kapitels für den Leser auch wieder einen generellen Charakter.

Wie schon bei früheren Werken Sokolovs ist mir auch bei meiner Arbeit mit "Strategy Meets Dynamics" die Klarheit aufgefallen, mit der er den Leser in alle wichtigen Winkel der Partie und damit ins Wesen des behandelten strategischen Elements führt. Es sieht immer ungemein logisch und nachvollziehbar aus, wenn er die Zusammenhänge etc. erklärt. Sokolov beherrscht wie wenige andere die hohe Kunst, dem interessierten Leser anspruchsvolles Wissen so nachvollziehbar anzubieten, dass er Schritt für Schritt folgen und damit verstehen kann. Ich bemerke jeweils bei mir das Gefühl aufkeimen, dass es doch so schwer nicht sein kann, es ihm in der nächsten eigenen Partie gleichzutun. Sokolov führt durch gutes Beispiel, wie man zu den richtigen Einschätzungen und dann den richtigen Entscheidungen kommt.

Mehrfach ist mir aufgefallen, dass besonders auch der Fernschachspieler von diesem Werk angesprochen werden kann. Dies gilt nicht nur für die konkreten Inhalte, sondern auch für seinen Geist, denn Sokolov will Verständnis und Intuition vermitteln. Dabei weist er der Variantenberechnung eine durchaus wichtige, aber nicht die alles dominierende Rolle zu. Im Fernschach kann der Spieler zur Variantenberechnung die Engine als Hilfsmittel beiziehen, nicht aber zur intuitiv richtigen Entscheidung.
Für seine Arbeit an "Strategy Meets Dynamics" hat Sokolov natürlich auch auf Engineunterstützung gesetzt. Eine recht vielsagende Aussage trifft er auf Seite 129. Ich erlaube mir ein entsprechendes Zitat, in einer sinngemäßen Übersetzung: "Aus meiner Warte als menschlicher Spieler erscheint dieses Bauernrennen unberechenbar zu sein. Ich habe den Computer nur zu dem Zweck beigezogen, den Stellungsausgleich festzustellen. Und dies ist die Hauptvariante der Engine (... )".

Das vorliegende Werk ist unabhängig davon nutzbar, ob der Leser auch über die beiden vorhergehenden Bände aus der Serie "Chess Middlegames Strategies" verfügt.

Da recht viel Text zu verarbeiten ist, sind geübte Englischkenntnisse von Vorteil.

Fazit: "Strategy Meets Dynamics" ist ein sehr starkes Buch zur angewandten Schachstrategie. Es richtet sich in erster Linie an den fortgeschrittenen Leser. Dabei konzentriert es sich in Teilen auf ausgewählte Stellungssituationen und dort hinführende Eröffnungswege. Diese aber sind breit gestreut.
Daneben ist das Werk eine klare Empfehlung an jeden Freund ausgezeichnet kommentierter Meisterpartien.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Portrait des Meisters

Portrait des Meisters

Ulrich Geilmann
Portrait des Meisters
144 Seiten, kartoniert
ISBN: -
12,80 Euro




Portrait des Meisters
In "Portrait des Meisters" beschreibt der Autor Ulrich Geilmann den Werdegang des französischen Großmeisters Laurent Dubois von seinem ersten Kontakt mit dem Schachspiel bis zum tragisch verlaufenden Auftakt des Kampfes um die Weltmeisterkrone, den er als Herausforderer bestritt. Obwohl, bestritt ist eigentlich begrifflich unpassend, weil es nicht zu einem echten Match kam und Weltmeister Kordanowski seinen Titel - und auch sein Leben - kampflos behalten durfte. Sie verstehen nicht und meinen, sich im falschen Märchen zu befinden? Sie kennen weder den französischen Großmeister Laurent Dubois noch den Schach-Weltmeister Kordanowski aus Russland?

In die Einleitung seines Werkes, hier passend als Präludium, also Vorspiel, bezeichnet, hat Geilmann auch einen Zeitungsausschnitt eingebettet. Er zeigt einen Artikel, der über den WM-Auftakt im Pariser Louvre am Vortag berichtet und stammt vom 17. Februar 2029. Dubois ist einerseits eine fiktive Person, andererseits aber auch sehr real, indem er Schachgrößen wie Aljechin, Morphy, Steinitz, Fischer und andere in sich vereinigt. In seinem erzählenden Werk will Ulrich Geilmann, den es - im Gegensatz zu seinem Romanhelden - natürlich wirklich gibt, nicht etwa ein Psychogramm über Dubois und damit wohl in gewisser Weise über die von ihm stellvertretenen Schachgrößen abliefern, auch wenn dies die Titelseite glauben machen will. Vielmehr setzt er sich ohne den Anspruch auf eine wissenschaftliche Sichtweise allein mit verschiedenen Aspekten und Erwägungen zum Thema "Schach und seelische Erkrankungen" auseinander. Er ist der Schachwelt insbesondere als Buchautor, Vizepräsident der Schachbundesliga e.V. und ehemaliger Teamchef der Bundesliga-Mannschaft der SF Katernberg bekannt, und natürlich als Spieler.

Dubois lebt in Paris und kommt erst als Vierzigjähriger zufällig in Kontakt zum Schachspiel. Der Ort ist geschickt gewählt, weil Paris als historische Stätte des Schachspiels eine hervorragende Kulisse abgibt und das Grab Alexander Aljechins in der Stadt liegt, der zu Dubois´ Idol wird. Er ist mit einem herausragenden Talent ausgestattet, was sich schon zu Beginn seiner Aktivitäten zeigt, als er gleich seine erste Partie im Gartenschach nach einer kurzen Befassung mit den Regeln gegen einen spielstarken Gegner gewinnt. Die Fiktion erlaubt Geilmann, seinen Helden erst mit 40 Jahren zum Schachspiel finden zu lassen und ihn dann in kurzer Zeit bis zum Großmeister und dann WM-Herausforderer aufsteigen zu lassen. In gewisser Weise ist Dubois damit nicht nur ein Konzentrat aus mehreren echten Größen der Schachgeschichte, sondern auch ein moderner Hans im Glück. Letzteres gilt aber nicht unbeschränkt, weil er seinen Aufstieg teuer bezahlt. Mal sind es Betrugsvorwürfe, denen er sich ausgesetzt sieht, dann sind es Benachteiligungen und Ausgrenzungen, denen er unterliegt. Zumindest sieht er sich zunehmend in der Opferrolle und der Pflicht, sich gegen unredliche Machenschaften zur Wehr setzen zu müssen. So kommt es dann auch zum Eklat zum WM-Auftakt ...

Geilmann schreibt in einer Weise, wie man sie aus der Schachpresse kennt. Turnierberichte beispielsweise erscheinen täuschend echt. So lässt sich oft die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht erkennen.

In einem quasi zweiten Teil geht er auf Schachgrößen der Vergangenheit ein, über die zum Thema "Schach und seelische Erkrankungen" schon viel geschrieben worden ist. Ich empfinde es als angemessen und wohltuend zugleich, dass er sich dabei jeder "hobby-psychologischen" Einordnung enthält. Verschiedene Schachaufgaben, der Praxis von Dubois und andere Meistern entnommen, garnieren das Werk. Die Lösungen erfährt der Leser zusammengefasst im hinteren Teil des Werkes.

Das Vorwort stammt von GM Michael Prusikin, ein launisches Nachwort vom "Schachtherapeuten" Manfred Herbold selbst. Mehrere historische Fotos lockern den textlichen Inhalt auf und helfen teilweise dabei, die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit zu verwischen.
Das gelungene Layout stammt von Fränk Stiefel.

Fazit: "Portrait des Meisters" ist ein interessantes Erzählwerk zum Schach mit einem ernsten Kristallisationskern. Man möchte fortlaufend erfahren, wie es im Leben des Meisters weitergeht, was sein Fesselungspotenzial bestätigt. Wer nicht nur gerne Schach spielt, sondern auch erzählenden Lesestoff sucht, wird bei diesem Werk fündig. Mich überzeugt es, so kann ich es zum Kauf empfehlen.
"Portrait des Meisters" ist bei "Der Schachtherapeut" Manfred Herbold erschienen und kostet 12,80 Euro. Es kann bezogen werden über den Herausgeber wie auch allgemein über den Handel.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise vom Herausgeber "Der Schachtherapeut" (www.schachtherapeut) zur Verfügung gestellt.