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Rezensionen - Einstellungsjahr 2020

Verfasser: Uwe Bekemann (sofern nicht jeweils ein anderer Verfasser genannt ist)

 

Strategy Meets Dynamics

Strategy Meets Dynamics

Ivan Sokolov
Strategy Meets Dynamics
323 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-94-9251-060-0
28,95 Euro




Strategy Meets Dynamics
"Strategy Meets Dynamics" ist der Titel des dritten und zugleich letzten Bandes aus der Serie "Chess Middlegame Strategies", die Ivan Sokolov für das belgische Verlagshaus Thinkers Publishing geschrieben hat. Die beiden Vorbände sind in 2017 und 2018 veröffentlicht und von der Schachwelt sehr gut aufgenommen worden. Band 3 ist in der zweiten Jahreshälfte 2019 auf den Markt gekommen.

Das Werk richtet sich an den fortgeschrittenen Spieler. Anhand von 43 intensiv besprochenen Partien geht Sokolov, der über viele Jahre hinweg zur Weltelite zählte und auch als Autor eine allgemein sehr hohe Anerkennung genießt, darauf ein, wie ein dynamisches Spiel über besondere stellungsgemäße Manöver erreicht oder unterstützt werden kann. Seine Arbeit konzentriert er dabei zu manchen Themen auf ausgewählte Stellungsmuster, basierend auf Bauernstrukturen. Da es zu diesen über bestimmte Eröffnungen kommt, konzentriert sich seine Arbeit insoweit auch auf diese.
Sokolov will nicht etwa die Theorie verschiedener Elemente der Schachstrategie darstellen, sondern deren praktischen Einsatz; die Theoriekenntnis des Lesers wird dabei vorausgesetzt. Inhaltlich lässt es sich entsprechend als "angewandte Schachstrategie" skizzieren.
Bisweilen geht das Werk auf den Einsatz des besprochenen Elementes auch in ähnlichen Strukturen ein.

"Strategy Meets Dynamics" enthält sieben Kapitel, die sich wie folgt beschreiben lassen:

Kapitel 1 ("Karpov's King in the Center"):
Anatoly Karpov, 13. Weltmeister, setzte den Verzicht auf die Rochade ganz bewusst ein, um seine dynamischen Möglichkeiten in der Partie zu verbessern. In fünf der sechs im Kapitel behandelten Partien hat Karpov mit Schwarz am Brett gesessen, im zusätzlichen Duell mit Vishy Anand noch ein weiterer Weltmeister. Die behandelten Stellungen werden im Wesentlichen über Caro-Kann erreicht, Anand wendet die Idee in der Damenindischen Verteidigung an.

Kapitel 2 ("Geller/Tolush Gambit Plans & Ideas"):
In drei Partien kommt das genannte Gambit, bei uns eher in der umgekehrten Reihenfolge der Namen als Tolusch-Geller-Gambit geläufig, in reiner Form auf das Brett, in zwei weiteren lagen ähnliche Strukturen vor. Die grundsätzliche Zugfolge führt über 1. d2-d4 d7-d5 2. c2-c4 c7-c6 3. Sf3 Sf6 4. Sb1-c3 d5xc4 5. e2-e4 usw. Darüber hinaus soll der Leser in seinem Spiel profitieren, das über verschiedene Variationen der Slawischen Verteidigung, das Angenommene Damengambit, die Wiener Partie und Katalanisch erreicht wird.

Kapitel 3 ("Anti Moscow Gambit Typical Plans & Ideas"):
Das Anti-Moskauer Gambit (in der Halbslawischen Verteidigung) wird über die Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 c6 3.Sf3 Sf6 4. Sc3 e6 5. Lg5 h6 6. Lh4 usw. erreicht. Die fünf im Kapitel analysierten Partien sollen nach Sokolov dem Leser helfen, seine Fähigkeiten nicht nur für dieses System zu verbessern, sondern seiner Vervollkommnung generell dienen.

Kapitel 4 ("Space vs Flexibility"):
Die hier in drei Partien behandelten Muster entstehen insbesondere über Caro-Kann, die Skandinavische und die Französische Verteidigung sowie über die Meraner Variante in der Halbslawischen Verteidigung, mit einem weißen c-Bauern schon auf c4. Diese Aufzählung der maßgeblichen potenziellen Eröffnungswege ist aber nicht abschließend. Der Titel, zu übersetzen mit "Raum gegen Flexibilität", zeigt gut an, worum es im Folgenden geht.

Kapitel 5 ("Positional Exchange Sacrifice"):
Die 11 in diesem Kapitel erörterten Partien beinhalten einen Gegenstand der hohen Kunst im Positionsspiel, das positionell begründete Qualitätsopfer. Dieser Teil des Buches wendet sich am meisten dem Gespür des Lesers zu. Dieser bekommt zwar auch Anhaltspunkte dafür geliefert, die auf eine in der Stellung liegende Opfermöglichkeit hindeuten können, doch auf seine reine Rechenfähigkeit gestützt wird er mit diesen nicht viel anfangen können. Entsprechend dient das Kapitel besonders auch einer Schärfung der Intuition. Diese ist nicht auf bestimmte Stellungsmuster und damit Eröffnungsquellen beschränkt.

Kapitel 6 ("Open File"):
Dieses Kapitel enthält sieben Partien. Offene Linien sind ein Standardthema zur Schachstrategie. Das "technische" Wissen hierzu wird beim Spieler vorausgesetzt. Untersucht wird das freie Spiel dazu.

Kapitel 7 ("G-Pawn Strategies"):
Mit dem aggressiven Vorgehen des g-Bauern können sich verschiedene Absichten verbinden. In sechs Partien geht Sokolov auf den Einsatz dieses Mittels ein. Eine Festlegung des Einsatzes in die Richtung bestimmter Eröffnungen erfolgt nicht. Entsprechend trägt der Nutzen dieses Kapitels für den Leser auch wieder einen generellen Charakter.

Wie schon bei früheren Werken Sokolovs ist mir auch bei meiner Arbeit mit "Strategy Meets Dynamics" die Klarheit aufgefallen, mit der er den Leser in alle wichtigen Winkel der Partie und damit ins Wesen des behandelten strategischen Elements führt. Es sieht immer ungemein logisch und nachvollziehbar aus, wenn er die Zusammenhänge etc. erklärt. Sokolov beherrscht wie wenige andere die hohe Kunst, dem interessierten Leser anspruchsvolles Wissen so nachvollziehbar anzubieten, dass er Schritt für Schritt folgen und damit verstehen kann. Ich bemerke jeweils bei mir das Gefühl aufkeimen, dass es doch so schwer nicht sein kann, es ihm in der nächsten eigenen Partie gleichzutun. Sokolov führt durch gutes Beispiel, wie man zu den richtigen Einschätzungen und dann den richtigen Entscheidungen kommt.

Mehrfach ist mir aufgefallen, dass besonders auch der Fernschachspieler von diesem Werk angesprochen werden kann. Dies gilt nicht nur für die konkreten Inhalte, sondern auch für seinen Geist, denn Sokolov will Verständnis und Intuition vermitteln. Dabei weist er der Variantenberechnung eine durchaus wichtige, aber nicht die alles dominierende Rolle zu. Im Fernschach kann der Spieler zur Variantenberechnung die Engine als Hilfsmittel beiziehen, nicht aber zur intuitiv richtigen Entscheidung.
Für seine Arbeit an "Strategy Meets Dynamics" hat Sokolov natürlich auch auf Engineunterstützung gesetzt. Eine recht vielsagende Aussage trifft er auf Seite 129. Ich erlaube mir ein entsprechendes Zitat, in einer sinngemäßen Übersetzung: "Aus meiner Warte als menschlicher Spieler erscheint dieses Bauernrennen unberechenbar zu sein. Ich habe den Computer nur zu dem Zweck beigezogen, den Stellungsausgleich festzustellen. Und dies ist die Hauptvariante der Engine (…)".

Das vorliegende Werk ist unabhängig davon nutzbar, ob der Leser auch über die beiden vorhergehenden Bände aus der Serie "Chess Middlegames Strategies" verfügt.

Da recht viel Text zu verarbeiten ist, sind geübte Englischkenntnisse von Vorteil.

Fazit: "Strategy Meets Dynamics" ist ein sehr starkes Buch zur angewandten Schachstrategie. Es richtet sich in erster Linie an den fortgeschrittenen Leser. Dabei konzentriert es sich in Teilen auf ausgewählte Stellungssituationen und dort hinführende Eröffnungswege. Diese aber sind breit gestreut.
Daneben ist das Werk eine klare Empfehlung an jeden Freund ausgezeichnet kommentierter Meisterpartien.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Portrait des Meisters

Portrait des Meisters

Ulrich Geilmann
Portrait des Meisters
144 Seiten, kartoniert
ISBN: -
12,80 Euro




Portrait des Meisters
In "Portrait des Meisters" beschreibt der Autor Ulrich Geilmann den Werdegang des französischen Großmeisters Laurent Dubois von seinem ersten Kontakt mit dem Schachspiel bis zum tragisch verlaufenden Auftakt des Kampfes um die Weltmeisterkrone, den er als Herausforderer bestritt. Obwohl, bestritt ist eigentlich begrifflich unpassend, weil es nicht zu einem echten Match kam und Weltmeister Kordanowski seinen Titel - und auch sein Leben - kampflos behalten durfte. Sie verstehen nicht und meinen, sich im falschen Märchen zu befinden? Sie kennen weder den französischen Großmeister Laurent Dubois noch den Schach-Weltmeister Kordanowski aus Russland?

In die Einleitung seines Werkes, hier passend als Präludium, also Vorspiel, bezeichnet, hat Geilmann auch einen Zeitungsausschnitt eingebettet. Er zeigt einen Artikel, der über den WM-Auftakt im Pariser Louvre am Vortag berichtet und stammt vom 17. Februar 2029. Dubois ist einerseits eine fiktive Person, andererseits aber auch sehr real, indem er Schachgrößen wie Aljechin, Morphy, Steinitz, Fischer und andere in sich vereinigt. In seinem erzählenden Werk will Ulrich Geilmann, den es - im Gegensatz zu seinem Romanhelden - natürlich wirklich gibt, nicht etwa ein Psychogramm über Dubois und damit wohl in gewisser Weise über die von ihm stellvertretenen Schachgrößen abliefern, auch wenn dies die Titelseite glauben machen will. Vielmehr setzt er sich ohne den Anspruch auf eine wissenschaftliche Sichtweise allein mit verschiedenen Aspekten und Erwägungen zum Thema "Schach und seelische Erkrankungen" auseinander. Er ist der Schachwelt insbesondere als Buchautor, Vizepräsident der Schachbundesliga e.V. und ehemaliger Teamchef der Bundesliga-Mannschaft der SF Katernberg bekannt, und natürlich als Spieler.

Dubois lebt in Paris und kommt erst als Vierzigjähriger zufällig in Kontakt zum Schachspiel. Der Ort ist geschickt gewählt, weil Paris als historische Stätte des Schachspiels eine hervorragende Kulisse abgibt und das Grab Alexander Aljechins in der Stadt liegt, der zu Dubois´ Idol wird. Er ist mit einem herausragenden Talent ausgestattet, was sich schon zu Beginn seiner Aktivitäten zeigt, als er gleich seine erste Partie im Gartenschach nach einer kurzen Befassung mit den Regeln gegen einen spielstarken Gegner gewinnt. Die Fiktion erlaubt Geilmann, seinen Helden erst mit 40 Jahren zum Schachspiel finden zu lassen und ihn dann in kurzer Zeit bis zum Großmeister und dann WM-Herausforderer aufsteigen zu lassen. In gewisser Weise ist Dubois damit nicht nur ein Konzentrat aus mehreren echten Größen der Schachgeschichte, sondern auch ein moderner Hans im Glück. Letzteres gilt aber nicht unbeschränkt, weil er seinen Aufstieg teuer bezahlt. Mal sind es Betrugsvorwürfe, denen er sich ausgesetzt sieht, dann sind es Benachteiligungen und Ausgrenzungen, denen er unterliegt. Zumindest sieht er sich zunehmend in der Opferrolle und der Pflicht, sich gegen unredliche Machenschaften zur Wehr setzen zu müssen. So kommt es dann auch zum Eklat zum WM-Auftakt …

Geilmann schreibt in einer Weise, wie man sie aus der Schachpresse kennt. Turnierberichte beispielsweise erscheinen täuschend echt. So lässt sich oft die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht erkennen.

In einem quasi zweiten Teil geht er auf Schachgrößen der Vergangenheit ein, über die zum Thema "Schach und seelische Erkrankungen" schon viel geschrieben worden ist. Ich empfinde es als angemessen und wohltuend zugleich, dass er sich dabei jeder "hobby-psychologischen" Einordnung enthält. Verschiedene Schachaufgaben, der Praxis von Dubois und andere Meistern entnommen, garnieren das Werk. Die Lösungen erfährt der Leser zusammengefasst im hinteren Teil des Werkes.

Das Vorwort stammt von GM Michael Prusikin, ein launisches Nachwort vom "Schachtherapeuten" Manfred Herbold selbst. Mehrere historische Fotos lockern den textlichen Inhalt auf und helfen teilweise dabei, die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit zu verwischen.
Das gelungene Layout stammt von Fränk Stiefel.

Fazit: "Portrait des Meisters" ist ein interessantes Erzählwerk zum Schach mit einem ernsten Kristallisationskern. Man möchte fortlaufend erfahren, wie es im Leben des Meisters weitergeht, was sein Fesselungspotenzial bestätigt. Wer nicht nur gerne Schach spielt, sondern auch erzählenden Lesestoff sucht, wird bei diesem Werk fündig. Mich überzeugt es, so kann ich es zum Kauf empfehlen.
"Portrait des Meisters" ist bei "Der Schachtherapeut" Manfred Herbold erschienen und kostet 12,80 Euro. Es kann bezogen werden über den Herausgeber wie auch allgemein über den Handel.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise vom Herausgeber "Der Schachtherapeut" (www.schachtherapeut) zur Verfügung gestellt.