informativ
Rezensionen
neutral
unterhaltsam

 

 

 

 

 

Rezensionen - Einstellungsjahr 2019

Verfasser: Uwe Bekemann (sofern nicht jeweils ein anderer Verfasser genannt ist)

 

Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines

Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines

John Shaw
Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines
384 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78483-071-7
22,50 Euro




Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines
John Shaw, GM und mehrfacher Schottischer Meister, ist als Autor von Eröffnungswerken dafür bekannt, dass er das jeweilige System intensiv durchdringt und es sehr ausführlich darstellt. Dabei setzt er erfolgreich seine Fähigkeit ein, das Wesentliche vom Rest zu unterscheiden und sich darauf zu konzentrieren. Seine Erörterungen orientiert er erkennbar an dem, was er für den von ihm adressierten Leser als wichtig und zu bewältigen ansieht. Er ist wie nicht viele andere in der Lage, Herausforderungen aufgrund von Bergen an Material in Hauptsystemen zu bestehen, so dass der Leser im Ergebnis ein praxistaugliches Konzentrat erhält.

"Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines" ist der zweite Band einer insgesamt dreibändigen Buchreihe, in der Shaw ein Weiß-Repertoire auf der Basis eines Anzugs des Königsbauern zusammenstellt. Band 1 befasst sich mit Caro-Kann, 1…e5 und seltenen Systemen, Band 3 mit der Sizilianischen Verteidigung.
Herausgeber der Buchreihe ist Quality Chess, "French Defence & Sicilian Sidelines" ist 2018 auf den Markt gekommen.

Shaw stellt die Tarrasch-Variante, die er auch selbst gerne anwendet, in den Mittelpunkt seines Französisch-Repertoires. Seine Empfehlungen basieren also auf 3.Sd2.
Vor dem tieferen Einstieg stellt er die Grundregeln für den weißen Aufbau auf, nach denen im Repertoire verfahren wird. Hierzu gehört beispielsweise die Festlegung, dass Weiß auf 3…Sf6 immer 4.e4-e5 spielt oder dass …c5 immer mit dxc5 beantwortet wird, es sei denn, dass der eigene Läufer zuvor bereits nach d3 geführt worden ist. Diese "Regeln" sind eine sehr gute Hilfe. Sie dienen dem Erlernen und Verstehen des Systems und nicht zuletzt auch der Hilfestellung in der eigenen praktischen Partie.

Die Darstellung und Erörterung der Repertoireempfehlungen findet in fünf Abschnitten im Werk statt, auf die sich 14 Kapitel verteilen. Vier Abschnitte mit 12 Kapiteln befassen sind mit der Französischen Verteidigung.
Die vier Abschnitte zur Französischen Verteidigung tragen die folgenden Überschriften:


French - Various 3rd Moves
French - 3…Sf6
French - 3…c5
French - 3…dxe4.

Ich sehe absolut keinen Sinn darin, in der Besprechung eines Werkes wie "Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines" einzelne Varianten oder Empfehlungen herauszupicken und anhand dieser Beispiele Rückschlüsse auf das Werk als solchem zu ziehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass auf rund 300 Seiten zu einem System sowohl die eigene Fürsprache findende Varianten abgebildet sind wie auch solche, die man als Rezensent als kritisch ansieht. Gleiches gilt zur Frage, ob der Autor neueste Entwicklungen aufgenommen hat oder an bewährten Varianten festhält, warum auch immer. Was bei der Befassung mit dem vorliegenden Werk aber auffällt, sind die zahlreichen Neuerungen, die es anbietet. Shaw gibt dem Leser einiges an die Hand, mit dem er in der Praxis überraschen kann bzw. was ihm Raum für Experimente gibt.

Jedes Kapitel wird mit einer Variantenübersicht eröffnet, die zugleich als Kompass genutzt werden kann, um bestimmte Seiten mit einer gesuchten Fortsetzung anzusteuern. Zusammen mit dem ausführlichen Verzeichnis am Ende des Buches wird der Leser in die Lage versetzt, sich ausgezeichnet über alle Inhalte hinweg zu orientieren und bestimmte Buchinhalte aufzurufen.
Das Gros der Darstellungen der Theorie behandelt Shaw über Meisterpartien. Diese sind im Variantenbaum miteinander verwoben und werden um allgemeine theoretische Darstellungen ergänzt. Ins Thema eingeführt wird der Leser regelmäßig durch eine kurze theoretische Einleitung.

Die große Stärke des Werkes liegt in der Art und Weise, wie Shaw erläutert und erklärt. Nicht selten geht er geradezu mustergültig vor, indem er die Besonderheiten einer Variante, einer Stellung u.ä. und die daraus abzuleitenden Schlüsse ausführlich zusammenstellt. Zwei Beispiele dazu: Auf Seite 184, rechte Spalte, merkt er zu einem Zug an, dass er ursprünglich die Absicht hatte, eine andere Empfehlung zum Vorgehen zu geben. Er begründet sein ursprüngliches Vorhaben und erklärt auch seine Sinneswandlung. Im Ergebnis wird der Leser in den Denkprozess einbezogen und die Erwägungen pro und contra werden quasi zu einem eigenen Durchdenken. Auf Seite 204, linke Spalte, empfiehlt er einen Zug, den er an anderer Stelle zuvor abgelehnt hat. Er zeigt die Unterschiede zwischen beiden Situationen auf und erklärt damit auch, warum der fragliche Zug nun von Vorteil ist und was er bringt. Besser als Shaw kann man es meines Erachtens kaum machen.

Wenn ich oben festgestellt habe, dass Shaw sich an dem orientiert, was der Leser brauchen dürfte und was er bewältigen kann, sehe ich auch die von ihm gemachten Unterschiede zwischen der Praxis im Nahschach und jene im Fernschachspiel. Auf Seite 318 links oben folgt er mit seinen Ausführungen der Erkenntnis, dass eine Stellung im Fernschach gehalten werden könnte, im Nahschach aber kaum fehlerfrei und damit erfolgreich zu spielen wäre.
Das Buch und damit die Buchreihe richten sich an den Klubspieler, der bereit ist, mit Fleiß und Eifer sein Spiel zu verbessern. Seinem Repertoire spricht er die Qualität zu, dass es auch von Großmeistern eingesetzt werden könnte.

Die Buchsprache ist Englisch. Da recht viel und nicht immer einfach strukturierter Text zu verarbeiten ist, sollte der Leser über Fremdsprachkenntnisse mindestens auf einem ordentlichen Schulniveau verfügen. Auch der Wortschatz ist nicht immer auf das Übliche begrenzt.

Fazit: "Playing 1.e4 - French Defence & Sicilian Sidelines" ist ein Spitzen-Repertoirebuch für den Klubspieler, der insbesondere mit der Tarrasch-Variante auf die Französische Verteidigung seines Gegners reagieren möchte. Es bietet dem Leser die Chance, die behandelten Systeme von Grund auf zu erlernen und zu verstehen, eine große Stärke sind dabei die ausgezeichneten Erläuterungen und Erklärungen. Entsprechend ist das Werk eine glatte Kaufempfehlung. Wer nachhaltig von ihm profitieren möchte, muss bereit sein, Ehrgeiz und Zeit zu investieren.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Complete Manual of Positional Chess, Volume 2

The Complete Manual of Positional Chess, Volume 2

Konstantin Sakaev & Konstantin Landa
The Complete Manual of Positional Chess, Volume 2
368 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-742-5
24,50 Euro




The Complete Manual of Positional Chess, Volume 2
Es ist ungefähr zwei Jahre her, dass ich "The Complete Manual of Positional Chess", Volume 1, von Konstantin Sakaev und Konstantin Landa rezensiert habe. Seit bereits einigen Monaten ist auch der zweite Band, "Volume2" also, erhältlich, womit diese kleine Buchreihe komplett geworden ist. Die Autoren sind dieselben geblieben und dies gilt natürlich auch für den Verlag New In Chess (NIC).

Eigentlich kann ich zu diesem 2. Band genau das Gleiche schreiben wie zum Vorgängerwerk, das übrigens sehr gut von der Fachpresse aufgenommen worden ist. Auch mich hat es damals überzeugt, wie der Rezension zu entnehmen ist.

"The Complete Manual of Positional Chess", Volume 2, besteht aus zwei Teilen, auf die sich insgesamt 58 Kapitel verteilen. Während sich Band 1 noch mit den Phasen Eröffnung und Mittelspiel allgemein befasste, geht es nun um positionelle Elemente als solche, weitgehend unabhängig vom Zeitpunkt, in dem sich eine Partie befindet. Im ersten Teil mit 20 Kapiteln behandeln die Autoren die Bauernführung, im zweiten mit folglich 38 Kapiteln Belange der Dynamik im Schach. Auch diesmal ist das Inhaltsverzeichnis sehr konkret und damit besonders aussagekräftig, so dass ich mich erneut entschieden habe, es vollständig abzubilden. Das Buch ist englischsprachig, das nachfolgende Inhaltsverzeichnis bilde ich in einer von mir sinngemäß übersetzten Fassung ab.

Teil I - 'Bauern sind die Seele im Schach'
Kapitel 1: Der Freibauer
Kapitel 2: Der gedeckte Freibauer
Kapitel 3: Die Blockade von Freibauern
Kapitel 4: Ein Bauernkeil im gegnerischen Lager
Kapitel 5: Bauernumwandlung in die Dame
Kapitel 6: Die Blockade einer Bauernkette
Kapitel 7: Eine Bauernkette aufbrechen
Kapitel 8: Rückständige Bauern
Kapitel 9: Doppelbauern
Kapitel 10: Isolierte Bauern
Kapitel 11: Verbundene Bauern
Kapitel 12: Hängende Bauern
Kapitel 13: Bauernmehrheit/Bauernminorität in einem wichtigen Brettbereich, der Minoritätsangriff
Kapitel 14: Schwächung der gegnerischen Bauernstruktur
Kapitel 15: Bauerndurchbrüche
Kapitel 16: Zerstörung des gegnerischen Bauernzentrums
Kapitel 17: Ein Schlag gegen den am besten verteidigten Punkt
Kapitel 18: Die Sicherheit der Königsstellung
Kapitel 19: Der Angriff mit dem Turmbauern
Kapitel 20: Zerstörung der Königsstellung

Teil II - Dynamik
Kapitel 21: Offener/direkter Angriff
Kapitel 22: Abzugsschach und Abzugsangriffe
Kapitel 23: Verstärkung des Angriffs durch Herbeiführen weiterer Kräfte
Kapitel 24: Das Öffnen von Linien
Kapitel 25: Die Fesselung
Kapitel 26: Die Gabel
Kapitel 27: Der Doppelangriff
Kapitel 28: Das Abschneiden gegnerischer Kräfte
Kapitel 29: Ablenkung
Kapitel 30: Überforderung/Überfrachtung von Figuren
Kapitel 31: Die Zwickmühle
Kapitel 32: Laskers Kombination
Kapitel 33: Ersticktes Matt
Kapitel 34: Figurenfallen
Kapitel 35: Schwache Grundreihe
Kapitel 36: Opfer auf h7 (h2)
Kapitel 37: Angriff gegen f7 (f2)
Kapitel 38: Blockade
Kapitel 39: Die Bedeutung der siebten Reihe
Kapitel 40: Der Angriff gegen den unrochierten König
Kapitel 41: Königsangriff
Kapitel 42: Den König aus seiner sicheren Stellung drängen, Königsjagd
Kapitel 43: Den König in ein Mattnetz zwingen
Kapitel 44: Angriffe auf unterschiedlichen Flügeln, entgegengesetzte Rochaden
Kapitel 45: Aktivierung untätiger Figuren für den Angriff
Kapitel: Beseitigung von Verteidigern
Kapitel 47: Diagonalen ausbauen
Kapitel 48: Zwischenzüge
Kapitel 49: Gegnerische Figuren auf schlechte Felder locken
Kapitel 50: Felder und Linien für den Angriff frei machen
Kapitel 51: Unsichere Figurenstellungen, Röntgenblick
Kapitel 52: Stille Züge/Prophylaxe während des Angriffs
Kapitel 53: Der Gegenangriff
Kapitel 54: Der Gegenschlag
Kapitel 55: Unerwartete Möglichkeiten, langschrittige Ressourcen (von außerhalb des im Fokus stehenden Brettareals)
Kapitel 56: Das intuitive Opfer
Kapitel 57: Das positionelle Opfer
Kapitel 58: Stellungen mit außergewöhnlichen Materialverhältnissen.

Auch dieser zweite Band basiert auf Material, mit dem Schachlehrer der DYSS, Talentschule im russischen Schach, fortgeschrittene junge Spielerinnen und Spieler zur weiteren Entwicklung verholfen haben, orientiert an einer Elozahl von ca. 2000 bis 2200. Zum Adressatenkreis zählen erstrangig Schachlehrer und Trainer etc. sowie autodidaktisch vorgehende Spielerinnen und Spieler mit ehrgeizigen Zielen.

Die Kapitel sind ganz überwiegend gleichartig aufgebaut. Nach einer kurzen, immer aber für das Verständnis ausreichenden Einleitung wird das Thema anhand von Beispielen aus der Praxis besprochen. Zumeist handelt es sich dabei um Fragmente aus den Jahren bis 2000, aber auch jüngeres Material hat Eingang in das Werk gefunden.
Den Kapitelabschluss bildet fast immer die Zusammenstellung von Ergänzungsmaterial, bestehend aus Partien, die dann aus einer anderen Quelle stammen müssen, regelmäßig aus einer Partiendatenbank.

Erneut machen die Autoren darauf aufmerksam, dass "The Complete Manual of Positional Chess" nicht streng nach der Chronologie des Buches durchgearbeitet werden muss, solange sichergestellt, ist, dass sich der Leser in allen Themenbereichen sicher auskennt bzw. sich diese über das Buch erarbeitet.

Die im Rahmen der Einführung von den Autoren ergänzend gegebenen allgemeinen Empfehlungen zur Anleitung eines Spielers und damit auch zur Selbst-Schulung entsprechen jenem im 1. Band (Studium der Partien aus Partiensammlungen, Analyse der eigenen Spiele, Steigerung der Kompetenz im Schach sowie zum körperlichen und psychischen Befinden des Spielers etc.).

Mit Englischkenntnissen auf Schulniveau wird der Leser ohne große Probleme mit dem Werk zurechtkommen.

Fazit: "The Complete Manual of Positionel Chess", Volume 2, ist wie Band 1 ein qualifiziertes Schulungs- und Trainingsbuch, das sich am schon recht spielstarken Schachfreund (ca. 2000 - 2200 Elo) orientiert. Es richtet sich an Lehrende und Trainer im Schach wie auch an ehrgeizige Autodidakten. Es kann eingesetzt werden, ohne dass der Leser zwingend auch Band 1 besitzen müsste.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Bologan's Caro-Kann

Bologan's Caro-Kann

Victor Bologan
Bologan's Caro-Kann
351 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-778-4
28,95 Euro




Bologan's Caro-Kann
"Bologan's Caro-Kann" verrät schon im Titel, was dem Leser angeboten wird - ein Schwarz-Repertoire gegen 1.e4 auf der Basis von Caro-Kann, also der Erwiderung 1…c6. Das Werk ist eine Neuerscheinung aus 2018 bei New In Chess (NIC). Mit Victor Bologan hat es einen Autor aus der Weltspitze.

"Bologan's Caro-Kann" scheint zunächst Ansprüche auf den Titel "Eröffnungsbuch mit den meisten Kapiteln" anmelden zu wollen. Deren Zahl beläuft sich auf 59. Sie verteilen sich auf vier Abschnitte mit - in Übersetzung - den Überschriften
- seltene Linien,
- Steiner-System, Panov-Angriff, Abtauschvariante,
- Klassisches System und
- Vorstoß-Variante.
Bei rund 350 Buchseiten ist schon rechnerisch klar, dass manche Kapitel sehr kurz sein müssen. So ist es auch, das untere Limit liegt bei zwei Seiten. Ich möchte den positiven Effekt dieser Umsetzung herausstellen, und dieser liegt in der ausgezeichneten Gliederung. Das Werk ist sehr gut geeignet, um unter seiner Einbeziehung Struktur in das eigene Material des Lesers zu bringen, vom Inhalt seiner Partiendatenbank bis zu anderen Büchern und elektronischen Medien. Auch aus der Sicht des Fernschachspielers ist dies in meinen Augen ein wichtiger Aspekt. Konzentriert man sich auf eine Spielweise bzw. auf den Bereich mehrerer verwandter Spielweisen, kann dieses Werk als Basis sehr gute Dienste leisten.

Zum Stichwort Fernschach ist eine Besonderheit zu erwähnen. Bologan stützt sich in einem großen Umfang auf Fernpartien. Gleich im Vorwort nimmt er hierzu ausführlich Stellung. Er stellt heraus, dass gerade heutige Fernpartien von höchster Qualität sind, weil die Spieler alle Ressourcen aus der Verbindung aus menschlichem Intellekt und Rechnerhilfe nutzen.

Die Kapitel werden zumeist kurz theoretisch eingeführt, bevor die Theorie des Repertoires im Anschluss in der Form eines Variantenbaums mit Haupt- und Nebenvarianten tiefer behandelt wird. Abweichungen sind häufig Fragmente aus Fernpartien. Vollständige Partien enthält "Bologan's Caro-Kann" nicht.
Den Abschluss eines Kapitels bildet eine kurze wertende Zusammenfassung ("conclusion"). Sie stellt die wesentlichen Aspekte zum behandelten Abspiel zusammen und kann nicht selten wie ein kurzer Merksatz zur gebotenen Spielweise genutzt werden.

Die Erläuterungen sprechen nach meiner Einschätzung insbesondere den schon etwas erfahreneren Klubspieler an. Für den Anfänger ist das Werk meines Erachtens nur bedingt geeignet. Ich begründe meine Einschätzung vor allem damit, dass die Kommentierung in der Regel die Situation auf dem Brett beschreibt und bewertet. Anleitung zur Spielführung, die auch dem Spieler helfen könnte, der sich noch am Anfang seiner Entwicklung befindet, leistet das Werk zumeist nicht.
Das Material ist aus der Sicht von Schwarz zusammengestellt. Bologan legt Wert darauf, nach Möglichkeit mehrere Alternativen zur Auswahl zu stellen, damit der Leser nicht auf eine einzige Zugmöglichkeit festgelegt wird. Es lässt sich also feststellen, dass dem Leser eine Auswahl immer dann angeboten werden soll, wenn sich diese auf in etwa gleichwertige Zugalternativen bezieht.

In einem fünften Abschnitt des Werkes stehen 40 Aufgaben bereit, vom Leser gelöst zu werden. In ihrer Mehrzahl erwarten diese Übungen von ihm, dass er einen typischen Plan in der Eröffnung findet. Hier kann er ganz besonders das bis dahin Erlernte anwenden und überprüfen. Manchmal gilt es einen forcierten Weg zu finden.
Was genau er jeweils leisten soll, muss der Leser selbst erkennen. Er erhält immer nur ein Diagramm für die Ausgangsstellung, die Information zum am Zug befindlichen Spieler und die Seite, auf der er die Lösung findet.
Die Lösungen sind gesammelt im Anschluss an die Übungen abgebildet und sind so wie die Erörterungen im Theorieteil gestaltet.

Am Ende des Werkes ist u.a. ein ausführliches Variantenverzeichnis abgebildet, das bei der Navigation über die Buchinhalte hinweg gute Dienste leistet.

"Bologan's Caro-Kann" ist in englischer Sprache geschrieben. Mit Fremdsprachkenntnissen auf Schulniveau sollte der Leser keinerlei Probleme beim Verstehen haben.

Fazit: "Bologan's Caro-Kann" ist ein Repertoirebuch mit Licht und Schatten. In der Hand des "richtigen" Adressaten ist es aber eine Bereicherung der Schachliteratur. Dieser richtige Adressat ist für mich der (Fernschach-)Spieler, der auch Struktur für sein Repertoire auf der Basis von Caro-Kann sucht. Die Informationen aus dem Buch und solche aus seinen anderen Quellen können in jeweiliger Ergänzung in den Strukturen des Werkes zusammengeführt und genutzt werden.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Test Your Chess Skills

Test Your Chess Skills

Sarhan Guliev & Logman Guliev
Test Your Chess Skills
206 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-809-5
14,95 Euro




Test Your Chess Skills
Bücher mit Schachaufgaben haben Konjunktur. Es gibt eine ganze Palette jüngerer Werke, aus denen der Schachfreund auswählen kann. Daneben gibt es ein breites Angebot an Literatur zu allen Phasen der Partie, in dem ebenfalls ein Aufgaben- und Lösungsteil zu finden ist.

Als ich die 2018er Neuerscheinung "Test Your Chess Skills" des Brüderpaars GM Sarhan Guliev und IM Logman Guliev zur Vorbereitung dieser Rezension erstmals in die Hand genommen habe, bin ich wohl unterbewusst davon ausgegangen, dass mich mit Ausnahme der konkreten Beispiele nicht viel Neues erwarten würde, denn es hat mich gleich mit der ersten Aufgabenstellung überrascht. Wie aus anderen Werken bekannt erfährt der Leser zunächst über ein Diagramm und ein kleines Symbol, mit welcher Ausgangsstellung er sich zu befassen hat und welche Seite am Zug ist. Er hat dann aber nicht etwa wie üblich nach einem konkreten Manöver oder ähnlich zu suchen, sondern die Frage zu beantworten, ob Weiß gewonnen oder besser steht oder die Stellung ausgeglichen ist. Das ist alles, mehr erfährt er nicht. Wie ins kalte Wasser seiner Partie geworfen muss er sich also an die Stellungsanalyse machen, ohne jeden seinem Denken eine Richtung gebenden weiteren Hinweis. Dass von ihm mehr als nur eine platte konkrete Antwort auf die Frage nach dem Stellungsurteil erwartet wird, erkennt er spätestens dann, wenn er zur Lösung vorblättert. Die Angabe zu deren Fundstelle komplettiert die Informationen im Rahmen der Aufgabenstellung.
Die ausführliche Lösung gibt das richtige Ergebnis der Stellungsbewertung bekannt und begründet das Urteil. Zugleich zeigt sie im Stil einer herkömmlichen Partiekommentierung auf, wie es in der Partie, der das Beispiel entnommen ist, tatsächlich weitergegangen ist. Ab der zweiten Aufgabe kann der Leser sein Lösungsangebot dann an dieser Messlatte orientieren.

Die mit Abstand meisten der 224 Aufgaben in "Test Your Chess Skills" und die Lösungen darauf bedienen sich dieser Struktur. Die zur Auswahl stehenden Urteile differieren dabei; so kann sich der Leser beispielsweise auch mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob eine Partei hoffnungslos, schlechter oder vielleicht doch ausgeglichen steht.
Einige Beispiele dieser Art sind ergänzt um zusätzliche konkrete Aufgabenelemente. Sie bieten dann eine Auswahl von Zügen an, aus denen der Leser denjenigen auswählen soll, der in der Stellung gespielt werden sollte. Natürlich ist ihm dann auch eine Begründung seiner Entscheidung anhand konkreter Varianten abverlangt.
In einer vergleichsweise geringen Zahl findet der Leser Aufgabenstellungen vor, in denen er keine allgemeine Frage zur Stellungssituation beantworten, sondern allein konkrete Züge oder Manöver der vorstehend beschriebenen Natur finden soll.

Die Lösungen bieten allesamt zusätzlich eine Schlussfolgerung aus dem jeweiligen Beispiel bzw. einen Merksatz an. Hierdurch stellen die Autoren sicher, dass der daraus zu ziehende allgemeine Nutzen erkannt und verinnerlicht wird.
Zur Unterhaltung, etwas aber auch zur Intensivierung der Wirkung der Schlussfolgerung bzw. des Merksatzes, dienen ergänzende Aphorismen bekannter Persönlichkeiten. Zumeist handelt es sich dabei um Größen im Weltschach, aber auch Philosophen und Schriftsteller kommen zu Wort. Beispielsweise ist auch Franz Kafka mit einem Spruch für die Ewigkeit im Werk zu finden.

Die im Buch verwendeten Aufgaben stammen allesamt aus den Turnierauftritten der beiden Autoren. Damit ist sichergestellt, dass sie einen uneingeschränkten Praxisbezug haben. Da Sarhan Guliev nicht nur GM und dreimaliger Meister von Aserbeidschan ist, sondern auch ein erfahrener Schachtrainer, ist davon auszugehen, dass das im Buch verwendete Material auch in Sachen Schulung dem Praxistest unterzogen worden ist.

"Test Your Chess Skills" selbst sieht den Klubspieler als seinen Adressaten an. Dem möchte ich zustimmen, den Kreis in der Spielstärke aber nach unten erweitern. Vom regelfesten Anfänger (mit Einschränkungen) bis zum versierten Klubspieler dürfte dieses Werk ein Gewinn für den lernwilligen Schachfreund sein. Die Schlussfolgerungen und Merksätze werden den Leser mit größerer Erfahrung nicht mehr erreichen, die geforderten Stellungsanalysen aber ganz sicher.
Für mich ist dieses Werk eine sehr qualifizierte Einladung, um im Schach besser zu werden. Und da es zudem unterhaltsam gestaltet ist, macht die Beschäftigung mit ihm auch Spaß.
Allerdings sollte der Interessent nicht davon ausgehen, dass er das Buch mal salopp durchgehen kann und dann profitiert. Es verlangt vielmehr Zeit und Disziplin. Wenn man die 224 Aufgaben tatsächlich intensiv mit Sinn und Verstand lösen und dann die Buchlösung jeweils durchgehen will, wird man kaum über zwei oder drei Beispiele am Tag hinauskommen. So wird das Buch schon rechnerisch eine ganze Weile im Blickfeld bleiben.

Rein subjektiv ist "Test Your Chess Skills" für mich das beste Buch dieses Genres, das ich in letzter Zeit für das Spektrum des kundigen Anfängers bis zum erfahrenen Klubspieler in der Hand gehalten habe. Erschienen ist es übrigens bei New In Chess (NIC) als Übersetzung aus dem Russischen.

Wenngleich die Anforderungen an die Englischkenntnisse des Lesers in Sachen Vokabular und Satzbau nicht allzu hoch sind, sollte dieser über Sprachkenntnisse auf Schulniveau verfügen, weil es einiges an Text zu verstehen gilt.

Fazit: "Test Your Chess Skills" ist ein sehr gelungenes Buch mit Schachaufgaben aus allen Phasen der Partie und den Lösungen darauf. Es stellt den Leser vor eine ähnliche Aufgabe wie in dessen praktischer Partie. Eine konsequente "Arbeit" mit diesem auch unterhaltsamen Werk wird die Spielstärke des Lesers bis weit in den Klubbereich heben können. Profitieren wird er insbesondere auch hinsichtlich seiner strategischen wie seiner analytischen Fähigkeiten.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

French Defense (The Solid Rubinstein Variation)

French Defense (The Solid Rubinstein Variation)

Hannes Langrock
French Defense (The Solid Rubinstein Variation)
280 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-92-9
21,95 Euro




French Defense (The Solid Rubinstein Variation)
Mit "French Defense", Untertitel "The Solid Rubinstein Variation" verfolgt der deutsche IM Hannes Langrock die Absicht, den Schwarzspieler mit einem Komplettrepertoire gegen 1.e4 auszustatten. Erhältlich ist das Werk nunmehr in einer zweiten Auflage. Sie ist seit 2018 auf dem Markt und unterscheidet sich angabegemäß vom Ursprungswerk aus 2014 durch eine Überarbeitung und Erweiterung. Der Titel belegt bereits, dass die Buchsprache Englisch mit amerikanischen Schattierungen ist (defense ist die amerikanische Schreibweise für Verteidigung und wir sonst mit c statt mit s geschrieben). Russell Enterprises ist das herausgebende Verlagshaus.

Die Rubinstein-Variante führt über die Eingangszüge 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 oder Sd2 dxe4 4.Sxe4 Sd7. Sie gilt als ultra-solide, aber auch als etwas langsam bzw. nicht energisch genug. Mit genau diesem (Vor-)Urteil möchte Langrock aufräumen. Er will zeigen, dass dieses System Schwarz einen sicheren Ausgleich erlaubt, ohne dass er Schwächen im eigenen Lager eingehen müsste. In Varianten mit einem Doppelbauern auf schwarzer Seite, wenn Weiß mit seinem Läufer auf f6 schlägt und Schwarz mit gxf6 antwortet, bestätigt er die Schwächung, sieht sie aber aufgrund des Läuferpaars als kompensiert an. Die Rubinstein-Variante führt nicht selten über ein positionelles Ringen bis ins Endspiel. Wer als Schwarzspieler seine Fähigkeiten besonders auch in der letzten Partiephase verortet, kann dementsprechend hiervon profitieren.

In einer Einleitung, die sich stilecht an zwei Partien Akiba Rubinsteins, dem "Paten" dieser Spielweise, orientiert, informiert der Autor den Leser über die wesentlichen strategischen Aspekte des Systems. Langrock selbst hat die Rubinstein-Variante 2004 in sein Repertoire aufgenommen, als er für die Bundesliga nominiert worden war und ein zweites Standbein gegen 1.e4 suchte. Seine reiche Erfahrung mit ihm wird auch bereits in der Einleitung erkennbar, indem er eine 2009 gespielte eigene Partie im Anschluss an jene von Rubinstein ergänzt.

Es gibt 18 Kapitel im Buch, die sich teilweise konkret mit bestimmten Varianten befassen und teilweise die Reaktion von Schwarz auf verschiedene weiße Entscheidungen zur Spielanlage gestalten bzw. optimieren sollen. Zur zweiten Alternative ist beispielsweise das Kapitel 7 zu zählen, in dem Langrock sich mit dem Fall befasst, dass Weiß lang rochiert oder sich diese Möglichkeit zumindest lange als Option offenhält.
Die Kapitel starten mit einer kurzen Einführung, die den Leser über die wesentlichen, quasi übergeordneten Aspekte des in der Folge betrachteten Systems informiert. Bisweilen enthält diese auch zusätzliche Informationen zu Dingen außerhalb des unmittelbaren Brettgeschehens, so insbesondere zu hervorzuhebenden Protagonisten der Spielweise.
Die eigentliche Darstellung des Repertoires erfolgt im Anschluss anhand von Partien aus der Praxis. Unter diesen sind ältere Schätzchen zu finden, aber auch Duelle aus dem aktuellen Turniergeschehen. Häufiger ist als Spieler mit den schwarzen Steinen Georg Meier eingetragen, der für seine guten Erfolge mit dem Buchsystem bekannt ist.

Langrock erklärt sehr gut in einem Mix aus Varianten, bei denen es sich zumeist um Partiefragmente handelt, und Text. Gelegentlich führt er die jeweilige Variante erheblich bis in die Tiefe der Partie fort, ohne sie dann noch weiter besonders zu kommentieren. Dies ist für den schon stärkeren Spieler, der sich ganz konkret auf einen bestimmten Weg vorbereiten will, wie auch für den Fernschachspieler von Vorteil. Der noch weitgehend unerfahrene Spieler wird damit weniger anfangen können. Diese Feststellung ist für mich eines von mehreren Indizien dafür, dass der besonders von diesem Werk angesprochene Spieler das Klubniveau erreicht haben sollte.
Aus dem Fernschachspiel hat Langrock übrigens einiges an Material verwendet, was für die rechnergeprüfte Qualität der Varianten spricht. Gelegentlich ist aber auch ein Hinweis auf den Computer im Text zu finden, was belegt, dass Langrock natürlich auch selbst auf dieses Hilfsmittel zur Überprüfung zurückgegriffen hat.

Soweit ich dies stichprobenweise feststellen konnte, ist das Werk auf dem aktuellen Stand der Theorie. Die verwendeten Ressourcen umfassen die wichtigsten gedruckten und elektronischen Werke in jeweils aktuellen Fassungen.

Da es einiges an Text zu verstehen gilt, sollte der Leser über gefestigte Englischkenntnisse verfügen. Der Wortschatz und der Satzbau sollten ihn insgesamt aber kaum vor besondere Probleme stellen.

Fazit: "French Defense (The Solid Rubinstein Variation)" ist ein gut gemachtes Repertoirebuch, das dem Leser mindestens ab Klubniveau weiterhelfen kann. Die Rubinstein-Variante wird ihm gekonnt vermittelt; der Autor legt besonderen Wert darauf, dass der Leser das System verstehen kann und sich nicht nur Varianten einzuprägen hat. Da die Rubinstein-Variante nicht zu den beliebtesten Systemen in der Französischen Verteidigung zählt, birgt sie auch ein gewisses Überraschungspotenzial gegen einen ansonsten möglicherweise gut vorbereiteten Gegner.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Strategic Chess Exercises

Strategic Chess Exercises

Emmanuel Bricard
Strategic Chess Exercises
221 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-760-9
23,50 Euro




Strategic Chess Exercises
"Strategic Chess Exercises" von Emmanuel Bricard ist als Übersetzung aus dem Französischen eine 2018er Neuerscheinung bei New In Chess". Das Original stammt aus dem Jahre 2016.
Bricard ist Großmeister, früherer Landesmeister Frankreichs und seit vielen Jahren ein erfolgreicher Trainer. Das Material, das er in diesem Buch verwendet hat, stammt aus seiner Trainertätigkeit, ist also praktisch erprobt.

Der Markt bietet dem Leser eine breite Auswahl an Büchern, in denen er sich anhand von Übungsaufgaben überprüfen und dabei seine Spielstärke heben kann. Diese widmen sich zumeist Themen aus dem Bereich der Taktik. In "Strategic Chess Exercises" geht es aber darum, die richtigen Pläne zu finden, also um die Strategie in der Partie.
Bricard sieht das breite Spektrum der Klubspieler als Hauptadressaten seines Werkes an, was ich gut nachvollziehen kann.

Der Stoff verteilt sich auf vier Kapitel, von denen jeweils zwei ein Pärchen bilden. Im ersten Kapitel sind die Übungen aus der Phase des Mittelspiels zu finden und im zweiten, dem mit Abstand längsten, die Lösungen hierauf. Entsprechend verhält es sich mit den Kapiteln drei und vier, diesmal aber auf das Endspiel ausgerichtet.
Fast alle Beispiele sind praktischen Partien entnommen, ergänzend ist eine Studie vertreten. Von den insgesamt 90 Übungen entfallen 63 auf das Mittelspiel.

Die Übungen werden jeweils über ein Diagramm eingeführt, das zusätzlich die Information über den am Zug befindlichen Spieler anzeigt. Die Aufgaben sind überwiegend offen formuliert; so ist beispielsweise manchmal ein den Gewinn bringender Plan zu entwickeln, die Möglichkeit zum Erringen der Initiative auszuarbeiten oder auch die Frage zu beantworten, wie eine Seite den Druck auf den Gegner erhöhen kann. Bisweilen muss sich der Leser auch mit den Möglichkeiten für beide Seiten befassen.

Ausgezeichnet finde ich Bricards Ansatz, keinerlei Anhaltspunkte dafür zu bieten, auf welche Motive der Strategie der Leser jeweils sein Augenmerk richten soll. So befindet sich dieser in einer vergleichbaren Situation wie in seinem eigenen Duell am Brett, bei dem ihm auch niemand das zum Erfolg führende strategische Mittel einsagt. Am Ende des Werkes gibt aber eine als Index eingearbeitete Aufstellung die vorne vermiedene Auskunft. Dem lernenden Leser möchte ich den Tipp geben, nach der Bearbeitung einer Aufgabe und für einen späteren Zeitpunkt vielleicht mit Bleistift das Motiv in die Übungsaufgabe zu übertragen. So kann er bei einem neuen "Arbeitsgang" überprüfen, ob ihm das Motiv so geläufig ist oder geworden ist, dass er es auch gezielt verfolgen kann.

Die Lösungen werden ganz überwiegend anhand der vollständigen Partie besprochen. Die Eingangszüge bis zur entscheidenden Stelle werden unkommentiert gelassen. Ab diesem Zeitpunkt in der Partie aber beschreibt und erläutert Bricard sehr intensiv. Das jeweilige Beispiel erscheint optisch wie eine sehr intensiv kommentierte Partie. Inhaltlich aber sorgen die Kommentare für den Lernerfolg, indem sie am Ziel orientiert das mit dem Beispiel verbundene Wissen vermitteln und anzuwenden veranschaulichen.

"Strategic Chess Exercises" ist ein ausgezeichnetes Handbuch auch für Schachlehrer und Trainer. Die Übungen und die Lösungen darauf können weitgehend eins zu eins unmittelbar eingesetzt werden.

Es gibt insgesamt recht viel zu lesen in diesem Buch. Auch wenn die Anforderungen an den Fremdsprachler nicht allzu hoch sind, weil der englische erweiterte Grundwortschatz kaum überschritten wird und der Übersetzer (Tony Kosten) erkennbar auf einen einfachen Satzbau geachtet hat, stellt allein der Umfang des Textes eine gewisse Herausforderung dar. Unabhängig davon reichen Englischkenntnisse auf Schulniveau aus.

Fazit: "Strategic Chess Exercises" ist ein Buch, das den Autodidakten unter den Klubspielern sehr gute Hilfestellung gibt, sein strategisches Spielvermögen zu verbessern. Eine konzentrierte Arbeit mit dem Werk vorausgesetzt wird er - in meinen Augen ohne Zweifel - erkennen, wie er sein Spiel planvoller führen kann.

Dem Schachlehrer und Trainer bietet es eine Fülle an unmittelbar einsetzbarem Schulungsmaterial.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Play the Queen's Indian Defence

Play the Queen's Indian Defence

Jewgeni Soloschenkin
Play the Queen's Indian Defence
319 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-619-7188-21-9
22,95 Euro




Play the Queen's Indian Defence
"Play the Queen's Indian Defence" von Jewgeni Soloschenkin folgt einem spezifischen übergeordneten Ziel: Weiß soll nicht verhindern können, dass man sich als Spieler mit den schwarzen Steinen der Damenindischen Verteidigung bedient. Das Motto ist also mit etwas anderen Worten: Damenindisch aus allen Lagen.
Soweit Weiß geschlossene Systeme ansteuert, aus denen die Themaeröffnung theoretisch und ggf. unter Zugumstellung erreicht werden kann, soll der Leser die Chance auch auf der Basis der Informationen aus diesem Buch nutzen können. Deshalb legt Soloschenkin viel Wert auf die Darstellung der verschiedenen Zugfolgen und der Übergänge zwischen den Systemen, über die auch außerhalb des Standardweges 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 die Damenindische Verteidigung auf das Brett kommen kann.

"Play the Queen's Indian Defence" kommt aus dem bulgarischen Verlag Chess Stars, ist aber nicht nach dem für dessen Repertoirebücher bekannten besonderen Format aufgebaut. In der Behandlung der Theorie folgt es somit nicht einer Dreiteilung der einzelnen Kapitel in "Quick Repertoire", "Step by Step" und "Complete Games", sondern geht monologartig vor. Es gibt eine Baumstruktur aus Haupt- und Nebenvarianten, vollständige Partien sind nicht aufgenommen (außer jenen, die als Nebenvariante fungieren und ausnahmsweise komplett abgebildet sind).

Beim Durcharbeiten des Werkes sind mir zwei Besonderheiten aufgefallen, die ich für sehr erwähnenswert halte.
1. Das Werk stützt sich nicht nur auf viel aktuelles Praxismaterial aus den Meisterduellen am Brett, sondern auch aus dem Fernschachspiel. Dies freut mich nicht nur als Fernschachspieler, sondern überzeugt hinsichtlich der rechnerischen Korrektheit der Varianten. Im modernen Fernschach ist davon auszugehen, dass die Partien in herkömmlichen Turnieren allesamt technikunterstützt gespielt worden sind. Die Varianten sind also sauber mittels Engines gecheckt. Nun könnte der Leser, der das Duell im Nahschach bevorzugt, das Buchkonzept hinterfragen, indem er darauf hinweist, dass die rechnerische Genauigkeit der Varianten nicht zugleich deren Spielbarkeit bei kurzer Bedenkzeit auf der Turnierbühne belegt. Genau dies berücksichtigt Soloschenkin. Besonders deutlich wird dies auf Seite 133. Anhand einer Fernschachpartie belegt er, dass eine Stellung theoretisch Remis ist. Er verweist darauf, dass die Spielführung am herkömmlichen Brett sehr schwierig und fehlergeneigt ist, so dass der Remisausgang - anders als im Fernschach - nicht zwingend angenommen werden kann. Ob mit dem Gegner gegenüber oder irgendwo auf der Welt - Soloschenkin widmet seine Betrachtung beiden Bereichen des Schachspiels.
2. Solochenkin tut nicht so, als ob der Klubspieler immer die neuesten Entwicklungen auf der Turnierbühne kennen und die Modevarianten spielen müsste, um nicht unterzugehen. Wenn eine frühere Hauptspielweise inzwischen abgelöst ist, aber auch heute noch ein vollwertiges Spiel verspricht, geht er gewöhnlich darauf ein, selbst wenn es dann nur in der Form eines Hinweises geschieht. So kann sich der Leser entscheiden, ob er nicht doch die Alternative zu seiner ersten Wahl machen möchte, eventuell unter Beiziehung eines anderen Buches. Ein gutes Beispiel für dieses Vorgehen ist Kapitel 15 zur Nimzowitsch-Variante mit 4...La6.

Insgesamt ist "Play the Queen?s Indian Defence" in vier Teile gegliedert, auf die sich 19 Kapitel verteilen. Der Inhalt lässt sich im Abriss wie folgt zusammenfassen:
Teil 1: Abweichungen von den Hauptsystemen.
Teil 2: Miles-, Awerbach- und Botwinnik-Varianten.
Teil 3: Petrosjan-System.
Teil 4: Nimzowitsch-Variante.

Das Repertoire ist aus der Sicht von Schwarz geschrieben. Die damit verbundene Konzentration auf ausgewählte schwarze Alternativen wird über die og. Hinweise des Autors auf andere Möglichkeiten abgemildert.

Soloschenkin gibt sich große Mühe den Leser die Spielweisen verstehen zu lassen. Er erklärt sehr intensiv und geht insbesondere auch auf die strategischen Ideen und Anforderungen ein. Soweit die Grundgedanken eines Systems erstmals auftreten, passiert dies sogleich zu Beginn eines Kapitels.

Das Buch arbeitet mit einem Mix aus Varianten und Texterläuterungen. Für den herkömmlichen Klubspieler wird das Maß dessen, was er für sein Spiel als Vorbereitung als Varianten im Gedächtnis braucht und er sich merken will und kann, nach meiner Einschätzung häufig unterhalb der Darstellungstiefe liegen. Hier kann er seinen Weg festlegen, auf der Basis seines (neu erlangten) Wissens zur Spielführung mit zusätzlichen konkreten Zugfolgen zu arbeiten, oder eben auch nicht.
Der Fernschachspieler wird die Variantenbreite begrüßen.

Der Leser, der über Englischkenntnisse auf Schulniveau verfügt, wird sprachlich vor keine bemerkenswerten Anforderungen gestellt.

Fazit: "Play the Queen's Indian Defence" ist ein gelungenes Repertoirebuch zur Damenindischen Verteidigung, das ich dem Klubspieler sowie dem Fernschachspieler empfehlen kann.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Schach-Weltmeisterschaft 2018 (eine Gast-Rezension von Gerd Schowalter)

Schach-Weltmeisterschaft 2018

Jerzy Konikowski, Uwe Bekemann
Schach-Weltmeisterschaft 2018
190 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-3-95920-079-0
19,80 Euro




Schach-Weltmeisterschaft 2018
Die beiden bekannten Autoren haben schon wiederholt gemeinsam Bücher herausgebracht. Aber wenige Tage nach Beendigung des Großereignisses schon ein Buch darüber? Sollte es sich um einen Schnellschuss handeln? Schon auf Seite 15, beim ersten Diagramm eine Ungenauigkeit (nicht Schwarz, sondern Weiß wird zu einer konkreten Entscheidung gezwungen!). Außerdem sorgt auf Seite 81 die "Gratwanderung" mit "d" statt mit "t" geschrieben, für ein leichtes Schmunzeln. Denn Prof. Althöfer meinte mit seiner blumigen Feststellung nicht die Thermometerskala, sondern eine gefährlichen Gebirgspfad, auf dem man abstürzen kann. Also keine Sorge, Freunde, dieses Buch ist sehr gewissenhaft und seriös geschrieben!

Schon vor Beendigung der Weltmeisterschaft ließen sich nämlich mehrere Kapitel erstellen. Dies gilt etwa für die Auflistung aller Weltmeister (S. 10) oder die Prognosen der Experten, der Großmeister Karsten Müller und Artur Jussupow und des Professors Ingo Althöfer (S. 58 ff.) Auch die Kurzporträts der Protagonisten (S. 13 ff.) in Kapitel 1, die bisherigen Duelle (S. 37 ff.) in Kapitel 2 und die Kombinationen von Carlsen und Caruana, die zum Lösen auffordern, stammen aus früheren Turnieren (S. 51 ff.). Die Lösungen (ab S. 56) verraten nichts vorzeitig und lassen den Leser und Löser in einem Punktesystem seine Einordnung vom "durchschnittlichen Vereinsspieler bis zum Großmeister" feststellen (Kapitel 3).

Die Aufstellung der 50 besten Spieler der Welt (Stand 3. Dezember 2018, S. 186) und das Namensverzeichnis (S. 187) konnten natürlich ebenfalls vor Beendigung des Wettkampfes fertig gestellt werden.

Die Partien nehmen natürlich den größten Raum des Buches ein (S. 84 - 184). Sie sind ausnahmslos wiedergegeben, selbst die Spiele des Tiebreaks. Durchgängig finden sich tiefgreifende Analysen, die nicht nur von Konikowski und Bekemann stammen, sondern dankenswerterweise, wie es im Vorwort (S. 7f.) vermerkt ist, von IGM Karsten Müller. Dabei wird nicht selten auf Analysen früherer Partien, besonders im Eröffnungsstadium hingewiesen. Mehrere Fotos der Wettkämpfer, des Spielortes London usw. lockern die Texte auf.
Sehr schön sind auch die gekonnten Zusammenfassungen am Ende einer jeden Partie. Ausreichend vorhandene Diagramme in allen Partien sind für den Leser hilfreich.

Fazit: Dieses Buch über die WM ist keineswegs ein Schnellschuss. Die Autoren haben nicht nur die Vorgeschichte informativ dargestellt, sondern auch alle Partien gewissenhaft für den Leser aufbereitet. Schön sind auch die Aufstellung der bisherigen 16 Weltmeister, der TOP 50 der Welt und die Lösungsaufgaben "Kombinieren Sie wie Carlsen und Caruana".
Wie vom Verlag längst gewohnt, sind Satz und Druck vorbildlich, so dass sich dieses Buch gut einreiht in vergleichbare Werke früherer Weltmeisterschaften. Uneingeschränkte Empfehlung!


 

Chess Pattern Recognition for Beginners

Chess Pattern Recognition for Beginners

Arthur van de Oudeweetering
Chess Pattern Recognition for Beginners
240 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-803-3
20,95 Euro




Chess Pattern Recognition for Beginners
Mit "Chess Pattern Recognition for Beginners" hat der niederländische IM, erfahrene Trainer und Autor Arthur van de Oudeweetering ein Buch zur Mustererkennung im Schach vorgelegt, mit dem er vor allem unerfahrene Spieler erreichen möchte. Er spricht zum Adressatenkreis von Anfängern bzw. Post-Anfängern. Mit ihm ergänzt er zwei Vorgängerwerke zum Thema, die er für Fortgeschrittene geschrieben hat und in denen quasi das vorausgesetzt worden ist, was er in seinem neuen Werk vorstellt.

Unter Mustererkennung ist die Fähigkeit des Spielers zu verstehen, in Stellungen die Möglichkeit zur Umsetzung bestimmter Manöver und Wendungen zu erkennen, um sie dann erfolgreich einsetzen zu können. Es geht also um bekannte und wiederkehrende Motive, die in den Stellungen stecken und auf ihre Entdeckung warten. Der Sinnspruch "Übung macht den Meister" trifft gerade auch auf die Entwicklung und Schärfung dieser Fähigkeit zu, die für jeden Spieler von einer herausragenden Bedeutung ist.

Den Schwerpunkt seiner Betrachtung legt van de Oudeweetering auf strategische Aspekte des Spiels. Taktische Dinge wie beispielsweise Kombinationen oder bestimmte überraschende Einschläge in die gegnerische Stellung kommen nicht als Selbstzweck vor und können höchstens mal für das Erreichen eines strategisch gesetzten Ziels eine Rolle spielen, dann aber untergeordnet.

Van de Oudeweetering hat sein Werk in vier Teile gegliedert, auf die sich insgesamt 25 Kapitel verteilen. Die Überschriften dieser vier Teile sind (in einer sinngemäßen Übersetzung):

1. Typische Bauern und Figuren
2. Wenn Bauern aufeinandertreffen
3. Wann abtauschen und wann nicht
4. Opfer - die Klassiker.

Aus ihnen lässt sich gut ableiten, wie die große Klammer um alle jeweiligen Kapitel aussieht.

Die Kapitel sind durchgehend gleich aufgebaut. Eine kurze Einleitung umschreibt, was den Leser erwartet. An diese schließen sich sechs bis acht Beispiele aus der Turnierpraxis an, in denen das erörterte Muster aufgetreten ist. Den Abschluss bildet eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte, die der Leser als Lernerfolg aus dem Kapitel mitnehmen soll.
Bei den Beispielen handelt es sich um Duelle im Spitzenschach der Gegenwart und der Vergangenheit, diese auch länger zurückliegend. Zumeist sind sie vollständig abgebildet. Für die Schlüsselstellungen bietet das Werk Diagramme an.
Die Erläuterungen des Autors sind sehr gut auf den Adressatenkreis zugeschnitten. So wird außer Regelfestigkeit kaum etwas vorausgesetzt. Die Muster werden nicht schlicht vorgestellt und erörtert, sondern in einer Weise behandelt, dass der Leser sie in seiner Partie auf sich allein gestellt zu erkennen lernt.

Ich kann dem Leser empfehlen, nach der Einleitung des Kapitels zunächst sofort zur Zusammenfassung an dessen Ende zu springen. Im Anschluss daran kann er sich an die Beispiele machen. So stellt er sicher, dass er von Beginn an weiß, worum es geht und worauf er achten sollte.

Nach dem ersten Teil sowie am Ende des Buches für die Teile zwei bis vier sind Lösungsaufgaben eingearbeitet. Hier ist der Leser selbst gefordert und kann überprüfen, inwieweit er den Stoff bereits verinnerlicht hat. Er erfährt jeweils recht konkret, was sich ihm als Aufgabe stellt, so dass auch hier die Ausrichtung des Werkes auf den noch unerfahrenen Spieler gut erkennbar wird.
Die Lösungen sind gesammelt im Anschluss an die Aufgaben zu den Teilen zwei bis vier abgebildet, also auch jene für die Aufgaben zum ersten Teil. Sie sind erfreulich ausführlich und geben dem Leser damit eine gute weitere Gelegenheit, um zu lernen.

Insgesamt betrachtet halte ich "Chess Pattern Recognition for Beginners" bis in den Bereich des Klubspielers hinein für geeignet. Dies begründet sich unter anderem auch damit, dass manche Manöver nicht zum Standardinhalt der einführenden Schachbücher zählen und längst nicht immer in den aufgenommenen Beispielen auf der Hand liegen.

Das Buch ist, wie natürlich schon der Titel anzeigt, in englischer Sprache verfasst. Es ist einiges an Text zu verarbeiten, allerdings sind die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse moderat. Normales Schulenglisch sollte für ein recht bequemes Verstehen ausreichen.

Fazit: "Chess Pattern Recognition for Beginners" überzeugt mich in gleicher Weise wie seine Vorgänger, die sich an fortgeschrittene Spieler richten. Der Leser, den ich bis in den Klubbereich als Adressaten sehe, wird sehr gut informiert und angeleitet zugleich. Schon bei der Vorbereitung meiner Rezension hat es mir Spaß bereitet; dies wird dem Leser sicher nicht anders ergehen. Weil Übung den Meister macht und dieses Buch Übung und Spaß vermittelt, kann ich es uneingeschränkt empfehlen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Strike Like Judith!

Strike Like Judith!

Charles Hertan
Strike Like Judith!
255 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-770-8
22,90 Euro




Strike Like Judith!
"Strike Like Judith!" von FIDE-Meister Charles Hertan und 2018 erschienen bei New In Chess (NIC) ist eine Sammlung von 110 Beispielen aus der Praxis von Judith Polgar, in denen sie ihre großartigen taktischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat. Als jüngste der drei ungarischen Polgar-Schwestern gilt sie als bisher beste Schachspielerin aller Zeiten. In der von Männern dominierten allgemeinen Elo-Weltrangliste war ihre beste Platzierung der 8. Rang.

Einem Vorwort des Autors, in dem er sich u.a. mit eher allgemeinen Aspekten wie dem Einfluss des Computers auf das Schachspiel, Fragen einer Zuordnung des Spiels zur Wissenschaft, zur Kunst oder auch zu keiner Kategorie und sowohl mit der Veränderung der Anforderungen an heutige Spitzenspieler als auch mit Reaktionen darauf befasst, folgt eine auf Judith Polgar konzentrierte Einleitung. Neben Informationen zur Person erfährt der Leser hier auch einiges zu Ihrem Turnierspiel und zu Besonderheiten im Kontakt zu anderen Spielern.

Der Kern des Buchthemas, die 110 Taktikbeispiele, ist der Gegenstand der nachfolgenden sechs Kapitel. Diese sorgen durch die Zuordnung der Partien, die zumeist als Fragment, manchmal aber auch vollständig abgebildet sind, für eine gewisse Gliederung des Materials. Daran ändert nichts, dass Hertans Einschätzungen zur Zuordnung mehr oder weniger auch subjektiv geprägt sind. So könnte manche Partie sicher auch in einem anderen Kapitel und damit zu einem anderen Thema besprochen werden.

Die Überschriften der einzelnen Kapitel geben teilweise zu wenig Anhaltspunkte auf den Inhalt, als dass hier die Abbildung des Inhaltsverzeichnisses sinnvoll sein könnte. So beschreibe ich lieber kurz, um was es jeweils geht.
Kapitel 1: Erkennen von Mustern und Strukturen, die über ein taktisches Manöver genutzt werden konnten.
Kapitel 2: Judith Polgar mit Weiß gegen die Sizilianische Verteidigung.
Kapitel 3: Die Kunst der Variantenberechnung.
Kapitel 4: Taktische Manöver im Endspiel.
Kapitel 5: Plötzliche unerwartete und entscheidende Taktikschläge.
Kapitel 6: Best of aus Judith Polgars Praxis.

Wenn nicht ausnahmsweise die vollständige Partie abgebildet ist, erfährt der Leser jeweils, wer im folgenden Fragment am Brett gesessen hat und in welchem Wettbewerb die Partie ausgetragen worden ist. Ein Diagramm, ergänzt um ein Symbol zum am Zug befindlichen Spieler, zeigt ihm die Ausgangsstellung.

Die Darstellung erinnert sehr an die herkömmliche Kommentierung von Partien aus Text und Varianten. Gelegentlich hat Hertan informative oder narrative Sequenzen eingebaut, die den Unterhaltungswert des Werkes erhöhen.
Er geizt nicht mit Diagrammen, so dass zumindest der erfahrene Spieler sich dem Stoff zumeist ohne das Brett und nur anhand des Buches widmen kann. Nicht immer hat Judith Polgar in den verwendeten Beispielen das Brett als Siegerin verlassen. Immer aber hat sie mit einer taktischen Aktion eine Art Glanztat vollbracht. Es ist von ihr bekannt, dass Sie über einen immensen Kampfgeist verfügte und so gut wie immer auf Sieg gespielt hat. Diese bedingungslose Haltung am Brett spiegelt sich im Buch wieder, es zeigt ihren Weg zum jeweiligen Erfolg.

In erster Linie setzt Hertan Judith Polgar mit diesem Werk ein den Leser unterhaltendes Denkmal. Ein bisschen wird auch für die Entwicklung seiner eigenen Spielstärke abfallen, denn man weiß ja, dass ein intensives Nachspielen von Beispielen aus der Meisterpraxis eine schulende Wirkung hat.

Zumeist wird der fremdsprachige Leser mit Hertans Ausführungen gut zurechtkommen, wenn er über ein ordentliches Schulenglisch verfügt. Längere Texte können schon mal das Nachschlagen einzelner Begriffe erforderlich machen, da der verwendete Wortschatz nicht gerade schmal ist.

Fazit: "Strike Like Judith!" kann dem Spieler so gut wie unabhängig von der eigenen Spielstärke empfohlen werden. Er erhält ein unterhaltsames und zugleich informatives Werk über das Schaffen von Judith Polgar, konzentriert auf ihre taktischen Einfälle und Manöver am Brett.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Clinch it!

Clinch it!

Cyrus Lakdawala
Clinch it!
253 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-801-9
24,95 Euro




Clinch it!
Emanuel Lasker wird der Aphorismus zugeschrieben, nach dem nichts schwieriger als der Gewinn einer Partie ist, in der man eine Gewinnstellung erreicht hat. Es wird auch keinen erfahrenen Spieler geben, der nicht eigene Beispiele benennen könnte, in denen er den greifbaren Sieg in eine Remis- oder sogar in eine Verluststellung gepatzt hat.
Der schlecht stehende Gegner hilft in der Regel nicht dabei, den Sieg schnell einzufahren. Er kämpft ohne Rücksicht auf Verluste, denn er hat nichts mehr zu verlieren.

Dieser Thematik, den winkenden Erfolg nicht mehr aus der Hand zu geben, widmet sich Cyrus Lakdawala in seinem Werk "Clinch it!" (Untertitel: How to Convert an Advantage into a Win in Chess - "wie man im Schach einen Vorteil in einen Sieg umwandelt"), das 2018 bei New In Chess (NIC) erschienen ist. "Clinch it!" bedeutet so viel wie den Gewinn festhalten, ihn sich nicht mehr nehmen lassen, ihn einsacken.

Nach einer ausführlichen Einleitung findet der Leser auf den rund 250 Buchseiten fünf Kapitel mit den folgenden Überschriften vor:
1. Exploiting a development lead
2. Exploiting the attack
3. Defense and counterattack
4. Accumulating advantages
5. Converting favorable imbalances.

In der Einleitung führt Lakdawala 35 wiederkehrende und allgemeine Ursachen dafür auf, dass der Spieler eine vorteilhafte Stellung verdirbt. Er gibt an, dass seine Sammlung rund 300 Ursachen enthält, die er aber nicht in einer langen Liste am Anfang seines Buches abbilden wollte. Er verweist auf die nachfolgenden Inhalte, in denen weitere Gründe genannt werden, jeweils durch eine kursive Schrift hervorgehoben. Die weit gefächerte Aufzählung enthält Einträge wie beispielsweise Rechenfehler, Zaudern und Zweifel, psychologischer Zusammenbruch oder auch Über- oder Unterschätzung der Stellung und übertriebene Vereinfachung.
Eine weitere Auflistung sog. "psychologischer Irrtümer", die aber eher als Ratschläge bezeichnet werden können, lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf Aspekte wie den Kontrollverlust über die eigene Initiative bzw. den eigenen Angriff, ein notwendiges Übel zu akzeptieren oder Übermut zu vermeiden.

Nun hätte ich erwartet, dass Lakdawala in den nachfolgenden Kapiteln die Fehler in den Fokus nimmt, die zum Verwirken des zu erwartenden Sieges führen, auch um sich dabei den Ursachen und Vermeidungsstrategien zu widmen. Dies ist aber nicht der Fall. Er stellt anhand praktischer Beispiele das richtige Vorgehen dar, um einen Vorteil in den Sieg zu realisieren. Hierbei aber geht es um Ideen und Manöver, die zum allgemeinen Repertoire des Spielers zählen. Das Besondere im jeweiligen Beispiel liegt regelmäßig allein darin, dass zum Zeitpunkt des Einsatzes ein (erheblicher) Vorteil bereits bestand. Sie gehören aber auch zum Besteck oder Handwerkszeug des Spielers in ausgeglichenen oder für ihn nachteiligen Stellungen.
So sehe ich in "Clinch it!" eher ein Buch zu verschiedenen Aspekten der allgemeinen Mittel- und der Endspielführung als eines zur Sicherung des Sieges aus einer vorteilhaften Stellung heraus.

Das Thema des Werkes ist sehr gut gewählt, die Form der Umsetzung aber spiegelt dessen Ansatz nicht umfassend wider.

Lakdawala behandelt den Stoff anhand von Partiefragmenten aus allen Zeiten des modernen Schachspiels. Dieser weit gespannte Bogen ist wörtlich zu nehmen, denn auch von Greco sind Beispiele im Werk vertreten, die also rund 400 Jahre alt sind. Er erklärt ausführlich und so instruktiv, wie man es von ihm kennt. Er greift dabei auf seine etwa 40jährige Erfahrung als Schachlehrer zurück, der weiß, wo den Anfänger oder auch den Klubspieler der Schuh drückt. Als Autor muss man ihn vermutlich keinem Schachfreund mehr vorstellen, denn er schreibt Bücher in kurzer Folge. Als Spieler hat er es bis zum Internationalen Meister (IM) gebracht.
Über Übungen, die fortlaufend in die Erörterungen eingestreut sind, muss sich der Leser auch konstruktiv mit dem Stoff befassen. Wenn es eine Entwicklung zu vermeiden gilt, macht den Leser eine Warnung darauf aufmerksam. Übungen und Warnungen sind durch die Fettschrift der Bezeichnung hervorgehoben. Und wenn es mal philosophisch wird, etwa weil Lakdawala zu bedenken gibt, dass eine Amputation besser ist als der Tod des Körpers als solchem, ist auch dies entsprechend hervorgehoben.

Es gibt viel Text aufzunehmen, eben weil Lakdawala viel und intensiv erklärt und zudem auch noch einiges am Rande zu erzählen weiß. So ist "Clinch it!" nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam. Der Fremdsprachler muss entsprechend viel verstehen. Der im Buch zum Tragen kommende breite Wortschatz stellt dabei eine gewisse Herausforderung dar.

Fazit: "Clinch it!" halte ich für ein durchaus gelungenes Buch, allerdings nicht konsequent an seinem Ansatz orientiert geschrieben. Dem Leser werden an Beispielen Methodik und Verfahren für ein erfolgreiches Schach dargestellt. Sie greifen generell und nicht nur in Partien, in denen er sich bereits einen den Gewinn versprechenden Vorteil erarbeitet hat. Wer von "Clinch it!" auf den Punkt gebrachte Mittel und Wege erwartet, den Ursachen für den Verlust eines Gewinnvorteils entgegen zu wirken, wird sich weniger zufrieden gestellt sehen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

How Ulf Beats Black

How Ulf Beats Black

Cyrus Lakdawala
How Ulf Beats Black
287 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-771-5
25,95 Euro




How Ulf Beats Black
Als ich mich etwas in das Werk „How Ulf Beats Black“ vertieft hatte, kam mir das Stichwort „Industriespionage“ in den Kopf. Ich verbinde es mit einem Vorgang, bei dem ein Unberechtigter sich Zugang zu einem Betriebsgeheimnis verschafft, z. B. zu geschützten Informationen über ein Produkt. Sein Ziel mag es sein, dieses Produkt selbst herstellen zu können. Aber was bedeutet es, wenn diese Informationen offen verfügbar sind, keinem Patentschutz o. ä. unterliegen und nur herausgearbeitet oder entschlüsselt werden müssen? Ein ganz normaler Vorgang, der beim Gelingen zum eigenen Produkt verhilft.

Der US-amerikanische IM, Schachlehrer und Trainer sowie sehr fleißige Autor Cyrus Lakdawala hat sich die Partien des früheren Weltklassespielers Ulf Andersson vorgenommen, um dessen Repertoire mit Weiß herauszuarbeiten. Dies ist nicht erst mit der Absicht geschehen, das vorliegende Buch zu schreiben, sondern bereits vor vielen Jahren, weil er das Repertoire für seine eigene Praxis adaptieren wollte. Er hat dann herauszuarbeiten versucht, welche Gemeinsamkeiten die von Andersson eingesetzten Systeme verbinden. Aus diesen hat er die Leitideen für die Spielführung wie auch seine Einschätzung abgeleitet, für welche Spielernatur das Repertoire geeignet ist.

Herausgekommen ist ein aus meiner Sicht systematisch sehr harmonisch abgestimmtes Repertoire, das Lakdawala im Buch in seiner gewohnt eingängigen Art erörtert. Wo er einen Bedarf auf Neuerungen gesehen hat oder ihm Partien aus dem Fundus von Andersson zur Vervollständigung der Darstellung gefehlt haben, hat er auf Beispiele anderer Spieler zurückgegriffen, nicht zuletzt auch auf eigene Duelle.
Nicht überall, wo sich Theorie und Praxis heute andere Zugfavoriten gesucht haben, hat Lakdawala diesen Bedarf gesehen oder anerkannt. Wer seine Eröffnungsvorbereitung mit dem Einprägen konkreter Zugfolgen verbindet, sollte zumindest eine gut sortierte und vor allem aktuelle Partiendatenbank hinzuziehen. Allerdings ist dieser Spielertypus eher nicht der von Lakdawala angesteuerte Adressat.

Schon in seiner Einführung beschreibt Lakdawala, für welchen Spielertyp das Repertoire geeignet ist. Zu den Kriterien bzw. Anforderungen an den Spieler zählen u.a.:
- Er favorisiert Eröffnungen, die sich mit einem guten Konzept erfolgreich spielen lassen, ohne dass man alle Züge aus dem Gedächtnis reproduzieren kann.
- Er ist eher Positionsspieler als ein geborener Angreifer, Taktiker, auf Offene Spiele und Iniative ausgerichteter Spieler.
- Er erzielt gute Ergebnisse in ruhigen Partien mit positionellen Manövern.
- Für seine Spielstärke besitzt er ausgeprägte Fähigkeiten für das späte Mittelspiel und das Endspiel.
- Er hat ein gutes Auge im Umgang mit schwachen Feldern im gegnerischen Lager.
- Er ist gut im Spiel mit Leichtfiguren, insbesondere wenn die gegnerischen schwächer als die eigenen sind.
- Er ist ein eher vorsichtiger Spieler, der nicht auf einen schnellen Sieg gepolt ist und zu dessen Eröffnungspräferenzen Einfachheit und Klarheit gehören. Diese letztgenannte Eigenschaft korrespondiert mit Lakdawalas Feststellung, dass Andersson gerne früh in der Partie das Material reduziert hat, nach Möglichkeit auch die Damen.

Lakdawala erörtert das Repertoire, wie oben schon angedeutet, anhand von Partien. Er erklärt viel, erläutert Hintergründe und gibt sich insgesamt größte Mühe, dem Leser das Verständnis der Systeme zu erleichtern. Für seine besondere sprachliche Kompetenz, die auch in einem breiten Wortschatz ihren Ausdruck findet, und seinen metapherhaften, teilweise „blumigen“ Stil ist er bekannt. Diese Eigenschaft lebt er im vorliegenden Werk geradezu aus. Mir persönlich macht es Spaß, ihm zu folgen. Allerdings muss man als Fremdsprachler mit mehr Mühe rechnen, um dem Autor in dessen Muttersprache immer voll folgen zu können. Definitiv zählen in „How Ulf Beats Black“ etliche Vokabeln nicht zum zumindest erweiterten Grundwortschatz.
Es wäre übertrieben, "How Ulf Beats Black" auch einen biografischen Charakter zuzusprechen, aber immerhin bietet das Werk auch einen Ausschnitt aus dem praktischen Schaffen Ulf Anderssons an.

Zur Erläuterung hat Lakdawala fortlaufend Aufgaben in die Kommentierungen eingebaut, die den Leser veranlassen, sich auch produktiv mit dem Stoff zu befassen. Die Ergebnisse erfährt dieser sogleich fließend im Anschluss. Wenn es etwas mit prinzipieller Bedeutung im Spiel gibt, hat er dies entsprechend hervorgehoben. Auch arbeitet er gerne mit Aufzählungen, die dem Leser die kompakte Wissensaufnahme erlauben.

Der folgende Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis und in der englischen Originalsprache zeigt an, welche Systeme das Repertoire bilden.
1: Ulf versus the King's Indian
2: The Pseudo-Grünfeld
3: Queen's Indian and Hedgehog lines
4: Quadruple fianchetto lines
5: The move order 1.Nf3 d5 2.c4
6: Ulf in the Catalan
7: Ulf versus the Tarrasch Defence
8: Ulf versus the Symmetrical English
9: Ulf versus the Modern, the Pirc and the Accelerated Dragon
10: Ulf versus the Dutch
11: Ulf in the Exchange Slav
12: What did Ulf play?

Im 12. Kapitel hat Lakdawala 39 Aufgaben zusammengestellt. Hierbei handelt es sich um Brettsituationen aus Anderssons Praxis. Der Leser erfährt über ein Diagramm und eine ausführliche Beschreibung, was von ihm erwartet wird. Die Lösungen sind gesammelt im sich anschließenden Teil zu finden.

Am Ende des Werkes sind vor allem ein Varianten- und ein Spielerverzeichnis aufgenommen. Das Variantenverzeichnis ist ausführlich und um Diagramme zu den Schlüsselstellungen bereichert.

Ich habe Cyrus Lakdawala oben als fleißigen Autor bezeichnet. Er schreibt Bücher fast wie am Fließband. Das eine oder andere Werk hat ihm in der Vergangenheit die Kritik eingebracht, oberflächlich gearbeitet zu haben oder auch fehlerhaft. Ich habe viele Arbeiten von ihm gesehen und manche dabei als weniger gelungen eingeschätzt. Man sollte sich aber hüten, gegenüber einer neuen Arbeit dieses Autors Vorbehalte zu entwickeln. „How Ulf Beats Black“ ist nach meiner Feststellung keine oberflächliche Arbeit und auch "echte" Fehler konnte ich nicht feststellen.

Bevor ich zum Fazit komme: Auch in diesem Werk habe ich, wie früher schon in anderen Büchern Lakdawalas, deutsche Worte gefunden, ohne dass diese auf eine Übersetzung aus dem Deutschen hindeuten würde. Diesmal ist es auf Seite 21 "Ich bin ein Ulfier." Ich habe keine Idee, was es damit auf sich haben könnte, aber interessant ist dies schon.

Fazit: „How Ulf Beats Black“ ist ein Werk, das einer interessanten Idee zur Zusammenstellung eines Repertoires folgt. Die Umsetzung ist sehr gut gelungen, insbesondere im Hinblick auf die Darstellung des roten Repertoire-Fadens als auch der vorbildlichen Erläuterungen des Autors. Wer sich dem Spielertyp zugehörig sieht, den Lakdawala selbst definiert hat, erhält ein gelungenes Buch und ein nicht minder qualifiziertes "systematisches" Repertoire an die Hand.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems

The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems

Milos Pavlovic
The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems
350 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510136
25,50 Euro




The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems
Für sein Werk "The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems" hatte sich der serbische Großmeister und anerkannte Autor Milos Pavlovic die Aufgabe gestellt, für Schwarz ein positionell orientiertes Standardrepertoire gegen die drei weißen Eröffnungszüge 1.d4, 1. c4 und 1.Sf3 zu erarbeiten. Dieses basiert auf dem Abgelehnten Damengambit, der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung und der im Buchtitel nicht genannten Katalanischen Eröffnung. Behandelt werden dabei auch hybride Spielweisen. Das Buch ist entsprechend aus der Sicht des Nachziehenden geschrieben. Es ist aber auch problemlos zu nutzen, wenn man sich für das Spiel mit den weißen Steinen präparieren will. Allerdings ist dabei zu beachten, dass die schwarzen Zugalternativen nur abgebildet sind, soweit sie den Repertoireempfehlungen des Autors entsprechen.

Das Werk ist in sechs Teile untergliedert, auf die sich 23 Kapitel verteilen. Das Inhaltsverzeichnis ist zugorientiert erstellt und übernimmt dabei die Funktion eines Variantenverzeichnisses, das es nicht zusätzlich gibt. Der Stoff wird wie folgt behandelt:
Teil 1: Abgelehntes Damengambit (5.Lg5 & 6.Lxf6)
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Le7 5.Lg5 h6 6.Lxf6 Lxf6 in drei Kapiteln.

Teil 2: Abgelehntes Damengambit (5.Lg5 & 6.Lh4)
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Le7 5.Lg5 h6 6.Lh4 Sbd7 in zwei Kapiteln.

Teil 3: Abgelehntes Damengambit (5.Lf4)
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Le7 5.Lf4 0-0 in fünf Kapiteln.

Teil 4: Abgelehntes Damengambit (andere Fortsetzungen im 5. Zug)
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Le7 in zwei Kapiteln. Hier werden detailliert die Folgen von 5.g3 und 5.Dc2 behandelt.

Teil 5: Katalanische Eröffnung
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.g3 dxc4 5.Lg2 c5 6.0-0 Sc6 in vier Kapiteln.

Teil 6: Nimzowitsch-Indische Verteidigung
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 in sieben Kapiteln.
Auf die häufigste Fortsetzung mit 4.e3 setzt Pavlovic auf die Hübner-Variante (mit 4...c5 5.Ld3 Sc6 6.Sf3 Lxc3+ 7.bxc3 d6).

Jeder Teil wird mit einem Deckblatt, das die Initialzüge zeigt, eingeleitet, jedes Kapitel zusätzlich mit einer Variantenübersicht ("Chapter's guide").

Sehr gut gemacht ist die Ordnung im Buch. Als Leser weiß man immer ganz genau, welcher Variante der gerade besprochene Stoff zugeordnet ist. Die Schlüsselzüge werden mittels eines farblichen Hintergrundes hervorgehoben. Die zahlreich eingesetzten Diagramme lassen aufgrund einer unterschiedlichen Größe sofort erkennen, ob sie der Hauptvariante oder einer Abzweigung zugeordnet sind. Nebenvarianten sind im Druckbild deutlich abgesetzt.
Der Verlag, Thinkers Publishing aus Belgien, knausert also nicht mit Papier, was sich auch im angenehm großen Druckbild niederschlägt.

Milos Pavlovic setzt für mich offensichtlich darauf, dass seine Leser bereits einiges an Schachverständnis mitbringen. Seine Erläuterungen setzen jenseits der Schwelle an, die ein noch unerfahrener Spieler für das Verstehen der Systeme braucht. Auch geht er überwiegend nicht ins Detail. So erfährt man beispielsweise die Ideen, die hinter einem Vorgehen stehen, oder dass eine Seite über ein gutes Spiel verfügt. Eine Anleitung zur Spielführung oder aber die Gründe für eine Einschätzung gibt Pavlovic regelmäßig nicht. So ist die Darstellung zwar ein Mix aus Text und Varianten, aber auf einem höheren Level. Varianten sind zahlreich im Buch vertreten und können auch schon mal länger ausfallen. Teilweise stammen sie als Fragmente aus Partien, von denen übrigens nicht wenige im Fernschach gespielt worden sind. Nicht selten sind auch Analysen im Werk zu finden, die ich dann regelmäßig Pavlovic zugeschrieben habe, soweit keine Urheber angegeben sind.

Neben dem schon stärkeren Klub- bzw. Turnierspieler ist für mich der Fernschachspieler Adressat des Werkes. Er kann besonders auch von der Strukturierung des Materials profitieren, die es anbietet. Ergänzt um eine gut sortierte Partiendatenbank hat "The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems" das Potenzial zu einem roten Repertoire-Faden während der Partie. Was das Buch trotz der zahlreich aufgenommenen Varianten nicht abbildet, ergänzt die Datenbank.
Teilweise geht Pavlovic Vereinfachungen nicht aus dem Weg bzw. sucht er diese sogar. Weniger komplizierte Stellungen machen Stellungsbeurteilungen moderner Engines verlässlicher als solche in komplizierten und auf eine lange Sicht angelegten Strukturen. Ob dies im persönlichen Fernschach ein Vor- oder Nachteil ist, liegt beim Spieler selbst.

Die Buchsprache ist Englisch. Fremdsprachkenntnisse auf Schulniveau reichen aus, um ohne besondere Probleme mit dem Werk arbeiten zu können.

Fazit: "The Modernized Nimzo - Queen's Gambit Declined Systems" ist ein gelungenes Repertoirebuch, das eher den fortgeschrittenen Spieler als den unerfahrenen anspricht. Sein Autor Milos Pavlovic möchte den Leser mit einem Standardrepertoire ausstatten, mit dem er in der Praxis wahrscheinlich häufig auftreten kann. Grundsätzlich kann es auf die weißen Eröffnungszüge 1.d4, 1.c4 und 1.Sf3 eingesetzt werden.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.