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Rezensionen (Einstellungsjahr 2018)
von Uwe Bekemann
   
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the Modern Sämisch
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Mastering Complex Endgames
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Keres - move by move
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First Steps: the Modern
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The Invincible
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The Scotch Gambit
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A Practical Black Repertoire with d5, c6 Vol. 1
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Thinking Inside the Box
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Gyula Breyer: The Chess Revolutionary
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The Complete French Advance
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Schach unter der Lupe
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Bishop Endings: An Innovative Course
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Fighting the London System
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The Queen's Gambit Declined - move by move
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The Chameleon Variation
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Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames
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Most stunning victories of 2016
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TP Chess Puzzle Book 2016
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First Steps: the Queen's Gambit
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Kotronias on the King`s Indian - Volume five

 

the Modern Sämisch

the Modern Sämisch

Eric Montany
the Modern Sämisch
368 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-401-1
23,95 Euro




the Modern Sämisch
"the Modern Sämisch" aus der Buchserie "opening repertoire" von Everyman Chess ist das Erstlingswerk des US-amerikanischen Meisters Eric Montany. Zu dessen Erfolgen zählt der zweimalige Titelgewinn des Bundesstaates Colorado. Beim Blick in die Angaben des Buches zu seiner Person fragt man sich zunächst, was an Colorado wohl schöner sein mag als an Hawaii, von wo er stammt.

Montany hat ein Repertoire ausgearbeitet, mit dem Weiß auf der Basis des Sämisch-Systems gegen die Königsindische Verteidigung des Nachziehenden vorgehen kann. Dabei setzt er nicht auf den Platzhirsch 6.e3, sondern auf 6.Lg5. Die Eingangszugfolge ist also 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 0-0 6.Lg5.
Schaut man in aktuelle Statistiken, dann ist 6.Lg5 sowohl im Spitzenschach am Brett wie auch im Fernschach auf Rang 3 der Beliebtheitsskala vertreten, kommt dabei aber nicht über den Status "ferner liefen" hinaus. Interessant ist dabei aber dennoch die Erfolgsstatistik im Fernschach. Hier präsentiert sich diese Alternative mit einer 70%-Medaille (Zeitraum ab 2010, beide Spieler mit einer Fernschach-Wertungszahl von 2400+).
"the Modern Sämisch" widmet sich einer Idee, die neben einem immensen Überraschungspotenzial auch Solidität in Aussicht stellt.

Das Werk stellt die Theorie nicht klassisch anhand eines Baumes aus Haupt- und Nebenvarianten vor, sondern auf der Basis von insgesamt 46 kommentierten und inhaltlich miteinander verwobenen Partien. Zur Ergänzung findet der Leser an mehreren Stellen zusätzliche theoretische Ausführungen ohne einen ganz speziellen Partiebezug.
Wer die Besprechung über einen Variantenbaum bevorzugt, kann sich am Variantenverzeichnis im hinteren Bereich des Werkes orientieren. Dieses bietet ihm genau einen solchen roten Faden an und verweist dabei auf die jeweilige Partie, in der ein Abspiel zu finden ist.

Inklusive der Einleitung und einer gesonderten Hervorhebung der wichtigsten Zugumstellungsmöglichkeiten hat Montany seine Arbeit in 11 Kernbestandteile gegliedert. Der nachstehende Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis, den ich - mit Ausnahme der Abkürzungen für die Figuren - bewusst in der englischen Originalsprache abbilde, veranschaulicht recht gut, was den Leser insgesamt thematisch erwartet.

Introduction
The Opening Moves
1) 6...h6 7 Le3 e5?! and the Attempted Classical
2) 6...Sc6 and the Panno Variation
3) 6...c5 and the Modern Benoni
4) The Modern Benoni: Main Lines
5) 6...c6 and the Byrne System
6) 6...a6 and the Attempted Benko
7) 6...Sbd7 - Independent Lines
8) 4th and 5th Move Deviations
9) Move Orders and Unusual Lines.

Das Kapitel 9 widmet sich solchen Zugumstellungen, die zum Entstehen der Königsindischen Verteidigung über andere Systeme führen, so beispielsweise über die Pirc-Verteidigung. Zugumstellungen, die in den von Montany ausgewählten Partien von der "dogmatischen Folge" abweichen, fängt er gleich zu Beginn dadurch ab, dass er eben die Standardzugfolge zusätzlich abbildet.

Die Kommentierung der Partien richtet sich in der Phase der Eröffnung an den Erfordernissen der Wissensvermittlung bzw. daran aus, was dem Leser zum Verstehen des Stoffes hilft. Über eine Mischung aus Text und Varianten versucht Montany dem Leser näherzubringen, wie die von ihm vorgestellten Alternativen zu spielen sind und welche Haupt- und Nebenwege er kennen muss. Bei den Nebenwegen handelt es sich häufig um Fragmente aus praktischen Partien. Insgesamt gibt sich Montany große Mühe in seinen Erklärungen und Begründungen, so dass der Leser erfährt, warum beispielsweise ein bestimmtes Vorgehen besser als ein anderes ist oder eine Seite einen Vorteil hat. Etwas übertrieben aber hat er für meinen Geschmack "gebietsweise" hinsichtlich der Aufnahme von Partiefragmenten. Diese werden teilweise über eine lange Folge von Zügen abgebildet, ohne dass sie erläutert werden oder wobei sie nur sehr spärliche Anmerkungen aufweisen. Schon in ganz jungen Jahren habe ich mich regelmäßig gefragt, was ich als wissensdurstiger Leser mit diesen Informationen anfangen sollte. Zweifel am Wert solcher Zugketten habe ich damals besonders auch vor dem Hintergrund entwickelt, dass eine Seite in der Partie nur hätte einmal abweichen müssen, schon wären das Ergebnis der Variante bzw. die Stellungseinschätzung an deren Ende fraglich geworden. Von erzwungenen Abläufen abgesehen, die aber auch nicht Standard waren, habe ich mich deshalb nie mit schlichten langen Varianten anfreunden können.
Als markantes Beispiel sind mir die Seiten 308 und 309 aufgefallen, auf denen gleich drei imposante Zugketten vorkommen, mit der Länge von 19, 26 und 34 Zügen. Hinsichtlich des Einsatzes der Partiefragmente hätte ich mir ein selektiveres Vorgehen gewünscht, was die Abbildung der Variante als solches als auch deren Länge betrifft. Dies gilt auch für meine Einschätzung durch die Brille eines Fernschachspielers, der naturgemäß auch gerne Varianten angeboten erhält.

Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage nach dem Spieler, auf den dieses Werk zugeschnitten ist. In der Einführung erklärt Montany jeden Zug, was den Eindruck vermittelt, dass er sich bereits am Bedarf des Anfängers orientiert. Dies ändert sich aber schon gleich im ersten Kapitel. Hier wird inhaltlich ein Spielverständnis vorausgesetzt, das ich im Bereich des Klubspielers verorte.

Nach eigenen Angaben hat Montany zur Überprüfung seiner Empfehlungen die Engines Stockfish, Rybka und Houdini eingesetzt, jeweils in verschiedenen Versionen. Dies stärkt das Vertrauen in die rechnerische Korrektheit der Varianten, überprüft habe ich diesen Aspekt nicht.

Fernschach kommt in "the Modern Sämisch" vor, ist aber keine ins Auge stechende Größe. Eine der kommentierten Partien kommt aus diesem Bereich, zudem gibt es einige Partiefragmente über die Inhalte verteilt. Hier hat der Autor die Möglichkeit genutzt, über aktuelle Fernpartien zu rechnergestützt ermittelten Varianten zu kommen, soweit ihm dies angesichts der nicht üppigen Materialbreite bei der Wahl von Praxisbeispielen aus diesem Genre möglich war. Man darf unterstellen, dass im oberen Leistungsbereich des modernen Fernschachspiels kein einziger Zug ohne "Zertifikat des Rechners" ausgeführt wird, sofern er jenseits der anerkannten Theorie liegt.

Insgesamt müsste der Fremdsprachler mit Englischkenntnissen auf Schulniveau ordentlich mit dem Werk zurechtkommen. Ein wenig meine ich den Muttersprachler in Montanys Texten zu erkennen, denn sein Wortschatz ist breiter als gewöhnlich in Schachbüchern.

Fazit: "the Modern Sämisch" ist ein gelungenes Repertoirebuch, das den Spieler mit Weiß das geeignete Rüstzeug verschafft, um gegen die von Schwarz gewählte Königsindische Verteidigung mit dem Sämisch-System und hier der interessanten Idee 6.Lg5 vorzugehen. Den Adressatenkreis des Werkes ordne ich im Bereich des Klubspielers ein. Teilweise lange und nicht durchkommentierte Varianten dürften dabei nur eingeschränkt zum Verstehen beitragen, schaden aber auch nicht.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Mastering Complex Endgames

Mastering Complex Endgames

Adrian Michaltschischin, Oleg Stetsko
Mastering Complex Endgames
409 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-94-9251-011-2
29,95 Euro




Mastering Complex Endgames
"Mastering Complex Endgames" ist ein Werk über das Endspiel im Schach, das die Autoren GM Adrian Michaltschischin und IM Oleg Stetsko zunächst für die Russisch sprechende Schachwelt geschrieben hatten. In seiner englischsprachigen Übersetzung ist es 2017 auf den Markt gekommen, erschienen ist es bei Thinkers Publishing. Nach Alexander Beljawski, der ein Vorwort beigesteuert hat, ist die Arbeit der beiden renommierten Autoren in ihrem Original 2012 enthusiastisch aufgenommen worden.

Der Kern des Vorhabens liegt darin, dem Leser bei der Entwicklung seiner Fähigkeiten bzw. bei deren Schulung zu helfen, in dessen eigener Partie aus komplexen Stellungen heraus in bekannte Muster oder in theoretische Erfolgspositionen zu kommen. Hier gehen die Autoren weitgehend davon aus, dass der Leser bereits über das allgemeine Rüstzeug der Endspieltheorie verfügt. Er kennt also bereits Techniken im Vorgehen beispielsweise im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern oder mit isolierten Bauern. Dieses Knowhow gilt es dann in der eigenen Partie anzuwenden, indem aus der Lage auf dem Brett die Möglichkeit oder das Erfordernis zu einem bestimmten Handeln erkannt und dieses aufgegriffen und richtig umgesetzt wird.
Dieser Ansatz ist nicht etwa neu. Er kommt auch herkömmlich in Endspielbüchern zum Tragen, in denen zunächst jeweils Praktiken allgemein besprochen, dann aber zusätzlich auch auf komplexe Stellungen übertragen werden. In "Mastering Complex Endgames" allerdings konzentrieren sich die Autoren vollständig auf das Erkennen und Anwenden von Endspieltechnik in komplexen Stellungen.

Durch die Kapitelbildung weiß der Leser, um welche Art der Endspieltechnik es sich jeweils handelt. Die Überschriften der insgesamt 12 Kapitel im Werk zeigen recht gut an, womit es sich insgesamt beschäftigt. Auf diese reduziert sieht das Inhaltsverzeichnis in der Buchsprache wie folgt aus:

Kapitel 1: Weaknesses in the Pawn Structure
Kapitel 2: Structural Concessions
Kapitel 3: An Isolated Pawn
Kapitel 4: Queens on the Board
Kapitel 5: Multi-Piece Endgames
Kapitel 6: Two-Piece Endgames
Kapitel 7: Opposite-Colour Bishops
Kapitel 8: An Exchange Up
Kapitel 9: Rook Against Two Minor Pieces
Kapitel 10: Queen Against Two Pieses
Kapitel 11: The Technique of Defending
Kapitel 12: Converting to a Pawn Endgame.

Zu Beginn eines Kapitels findet der Leser einige allgemeine einführende Informationen zum jeweiligen Gegenstand der Behandlung. Anhand von Beispielen aus der Meisterpraxis steigen Michaltschischin und Stetsko dann in medias res ein. Ausgehend von einem Diagramm filtern sie zunächst die wesentlichen Merkmale aus einer Stellung heraus, die dann auch die Leitschnur für das weitere Vorgehen bilden. In der Form einer intensiven Kommentierung zeigen sie im Anschluss auf, wie die Partie zum Gewinn oder in ein Remis geführt worden ist, indem die der Stellung innenwohnenden Möglichkeiten zur Anwendung von Endspieltechniken erkannt worden sind, oder wie dies hätte passieren können, sofern es dem Spieler am Brett nicht gelungen ist. Der Leser lernt durch Beispiel und Erläuterung.

Nun darf man sich dies nicht so vorstellen, dass die Autoren die Kommentierung allein an den Endspielaspekten ausgerichtet hätten. Diese sind zwar Kern des Ganzen, darüber hinaus aber sieht alles so ähnlich wie in beispielsweise Partiensammlungen aus. So ist es nicht immer ganz einfach, immer den roten Faden des Weges vor Augen zu behalten. Der Nachvollziehbarkeit des Verlaufs im Duell dient diese Umsetzung aber sehr.

Michaltschischin und Stetsko setzen nicht nur aktuelle Beispiele von der Turnierbühne ein, sondern auch etliche historische Duelle. Sie haben ihre Auswahl entsprechend an der Geeignetheit des Materials ausgerichtet und nicht versucht, eine inhaltliche Aktualität schon durch eine bewusste Konzentration auf moderne Partien anzuzeigen. Die Gefahr eines ungewollten negativen Begleiteffekts sehe ich nicht, da der Inhalt der Erörterungen zeitlos ist. Insbesondere ist nicht zu befürchten, dass der Leser auf dem Gebiet der Eröffnungen möglicherweise eine veraltete Spielweise aufnehmen könnte, da die erste Phase der Partie überhaupt nicht betrachtet wird.

Der erstrangige Adressat von "Mastering Complex Endgames" ist in meinen Augen der Spieler ab Klubstärke. Dies gilt, soweit er sich auch für das Endspiel ein grundlegendes theoretisches Rüstzeug verschafft hat. Daneben werden Übungsleiter und Trainer von diesem Buch profitieren können.

Wenn ich oben geschrieben habe, dass der Ansatz für dieses Werk nicht neu ist, so heißt dies nicht, dass es nicht auch etwas für den Leser bereithält, das im Vergleich zu anderen Endspielbüchern quasi etwas Neues beinhaltet. Die Spielführung im Endspiel Dame gegen zwei Türme ist kein seltener Fall in der Praxis und doch gibt es in der Literatur nicht allzu viele Besprechungen dazu. Dies führen die Autoren aus und nehmen sich dann dieses Themas intensiv an.

Beim Durcharbeiten von Büchern zur Vorbereitung einer Rezension achte ich auch immer auf "technische" Ungenauigkeiten. In "Mastering Complex Endgames" ist mir hierzu doch das eine oder andere Beispiel aufgefallen. Stellvertretend für mehrere sei ein Fehler auf Seite 170 genannt. Hier fehlen in der Notation der Hauptvariante gleich mehrere Züge, was bei der Korrekturlesung hätte auffallen sollen.

Noch etwas zur Buchsprache: Dass "Mastering Complex Endgames" eine englischsprachige Übersetzung aus dem Russischen ist, hatte ich bereits oben erklärt. Die Anforderungen an die Englischkenntnisse sind sehr moderat, mit einem normalen Schulenglisch kommt der Leser allemal aus. Und wenn er meint, dass er nicht ganz fehlerfrei im Englischen unterwegs ist, macht dies nichts, denn der Übersetzer des Werkes ist dies offenkundig auch nicht.

Fazit: "Mastering Complex Endgames" ist ein qualifiziertes Lehr- und Trainingsbuch für den fortgeschrittenen Spieler im Bereich mindestens des Klubniveaus wie auch den Übungsleiter und Trainer. Es widmet sich den Fertigkeiten, die der Spieler braucht, um in seiner eigenen Partie die Stellungsmerkmale richtig zu lesen, um sie dann in die Richtung eines positiven Ergebnisses entwickeln zu können. Konkret geht es darum, die Endspieltechnik konkret und sachgerecht einzusetzen, was das Erkennen der Möglichkeiten aus den Strukturen der Stellung voraussetzt.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Keres - move by move

Keres - move by move

Zenón Franco
Keres - move by move
464 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-371-7
22,95 Euro




Keres - move by move
Paul Keres (1916 - 1975) gilt als einer der weltbesten Schachspieler aller Zeiten, auch wenn er nie den Weltmeisterthron besteigen konnte. Seine Stärke entfaltete er in allen Phasen der Partie, was ihn zu einem "kompletten" Spieler machte. Bekannt geworden ist er auch für seine freundliche und zuvorkommende Art, die ihn zu einem Sympathieträger machte. So ist von ihm zu lesen, dass er seiner Zeit als der Gentleman unter den Schachspielern der Weltspitze angesehen wurde.

In seinem Buch "Keres - move by move" versucht der aus Paraguay stammende und heute in Spanien lebende Großmeister Zenón Franco den Schachfreund wie dich und mich von Keres lernen zu lassen und ihn zugleich als Mensch und Spieler vorzustellen. So ist dieses Werk im Sektor der Lehrbücher, konzentriert auf das Mittelspiel, mit biografischen Elementen einzuordnen. Auf 464 Seiten und in 15 Kapiteln bespricht er 38 Partien des Meisters in einer sehr ausführlichen Form. Die Kapitel sind chronologisch geordnet und widmen sich zumeist einem Zeitraum aus mehreren Jahren, manchmal auch einer bestimmten herausragenden Turnierveranstaltung. In seiner Kommentierung bedient sich Franco der typischen Methodik aller Bücher aus der "move by move"-Reihe von Everyman Chess. Der Leser wird fortlaufend interaktiv eingebunden, indem ihm Fragen in den Mund gelegt werden oder er Fragen seines imaginären Lehrers zu beantworten bzw. auch von ihm gestellte Übungsaufgaben zu lösen hat. Auf diese Weise wird virtuell ein Szenario entwickelt, in dem Schüler und Lehrer gemeinsam am Brett handeln. Ein Ziel des Werkes liegt darin, den Leser am Schaffen von Paul Keres und unter Anleitung von Zenón Franco einer Verbesserung der Spielstärke zu erlauben.

Ein weiteres Ziel liegt darin, den Schachfreund mit Wissen aus dem Bereich der Schachgeschichte auszustatten. Bisweilen ausdrücklich und bisweilen nebenbei erfährt er etwas über einen der besten Spieler aller Zeiten und kann zukünftig mitreden. Randinformationen betreffen auch andere Spieler der Vergangenheit bis heute, ergänzen also den Wert des Buches als Informationsquelle.

Nicht vergessen werden sollte, dass "Keres - move by move" die Erinnerung an Paul Keres wach hält und auch wieder neu entfacht. So fügt Franco den bereits vorhandenen literarischen Denkmälern des aus Estland stammenden Meisters ein weiteres kleines hinzu.
Im Bereich der letzten Seiten ist auch eine Liste der größten Erfolge von Paul Keres zu finden. Sie ist imposant und umfasst die größten und bedeutendsten Veranstaltungen in seiner aktiven Zeit. Der Leser sieht, dass Keres über mehr als drei Jahrzehnte hinweg in der Weltspitze gespielt hat.

Seine Versuche, den Weltmeistertitel zu erringen, vermitteln ein tragisches Bild. Er hat sieben Mal am Kandidaten-Zirkel teilgenommen und vier Mal verpasste er das Herausforderungsrecht als Zweiter nur denkbar knapp. Ganz besonders enttäuscht dürfte er 1962 in Curacao gewesen sein, als er den Titelkampf fast schon greifbar hatte und dann durch einen klaren Fehler eine Partie gegen Benkö verlor.
Vielleicht stimmt eine Aussage von Reshevsky, die in der Einführung des Werkes zur Frage, warum Keres nie Weltmeister werden konnte, zu lesen ist. Reshevsky meint, dass ihm der Killerinstinkt gefehlt habe. Spasski sucht die Erklärung in den besonderen Verhältnissen, mit denen Keres zurechtkommen musste. Er fragt, wie denn ein junger Spieler den Kopf für Schach frei halten soll, wenn er sein Heimatland liebt und dieses politisch nacheinander von Stalin, Hitler und dann wieder Stalin eingenommen wird.
Das Scheitern späterer Versuche wird allgemein teilweise mit (schach-)politischen Ränkespielen erklärt. Diese Richtung einer Erklärung vertieft Franco nicht und bemerkt, dass solche Hintergründe nicht belegt seien.

Wenn ich oben von 38 Partien gesprochen habe, beschreibt dies noch nicht vollständig diesen Teil des Inhalts. Sie sind nur das Herzstück der Betrachtung. Sie sind markante Beispiele aus der Praxis von Paul Keres und bilden das Rückgrat des Stoffes, an dem der Leser lernen soll. Eine Partie stammt übrigens aus dem Bereich des Fernschachs und repräsentiert damit einen wichtigen Abschnitt in dessen Karriere. Er war auch hier sehr erfolgreich und hat das Spiel zur Entwicklung seiner Systeme genutzt.
Kommentierte vollständige Partien sind 45 an Zahl in "Keres - move by move" vertreten. Ausnahmsweise war darin Keres auch mal nicht mit am Brett, sondern beispielsweise Kasparov und Timman. Neben dem Kern aus Keres-Partien und Ergänzungspartien hat Franco noch zahlreiche Fragmente eingearbeitet, die vor allem das Verstehen des Lesers unterstützen sollen.

Üblicherweise lässt sich in den Büchern der Reihe "move by move" eine enge Rückkopplung zwischen den oben schon genannten Fragen und Übungen und der nachfolgenden Kommentierung feststellen. Zum vorliegenden Werk ist mir aufgefallen, dass dies nicht immer so deutlich zutage tritt. So kommt es beispielsweise vor, dass der Leser eine Information erhält, nach der es die Wahl zwischen mehreren geeigneten Fortsetzungen gibt. Er soll sich dann für eine dieser Möglichkeiten entscheiden. In der Folge bekommt er aber nur eine Information zu der als beste angesehenen Alternative. Wenn es mehrere spielbare Ideen gibt, dann wäre zu erwarten gewesen, dass auch die weiteren Wege, für die sich der Leser also nachvollziehbar entschieden haben mag, zumindest kurz beleuchtet werden. So aber bleibt er mit seinen Überlegungen allein. Ähnliche Fälle einer in meinen Augen nicht hundertprozentig gelungenen Verbindung aus interaktivem Element und nachfolgender Kommentierung verteilen sich über das Buch und sind erwähnenswert, auch wenn nicht von einem häufigen Vorkommen gesprochen werden kann.

Als Adressaten des Werkes sehe ich das breite Spektrum vom regelfesten Anfänger bis zum Klubspieler, soweit es um das Schachspiel als solches geht. Für die narrativen Elemente, biografischen Teile und die statistischen Daten gibt es natürlich keine Eingrenzungen.

"Keres - move by move" ist in Englisch geschrieben, aber mit Fremdsprachkenntnissen auf Schulniveau ohne besondere Probleme zu verstehen.

Fazit: "Keres - move by move" ist ein gelungener Vertreter aus der "move by move"-Reihe von Everyman Chess. Das Werk widmet sich einem in jeder Hinsicht Großen im Weltschach. Es lehrt Schach, besonders zur Behandlung des Mittelspiels, es informiert über Paul Keres und es sorgt für Unterhaltung. Als Tenor meiner detaillierten vorangehenden Darstellung kann ich das Werk gut zum Kauf empfehlen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

First Steps: the Modern

First Steps: the Modern

Cyrus Lakdawala
First Steps: the Modern
256 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-410-3
21,95 Euro




First Steps: the Modern
"First Steps: the Modern" von Cyrus Lakdawala ist 2017 bei Everyman Chess erschienen, richtet sich vornehmlich an den in seiner Spielstärke noch nicht allzu weit entwickelten Spieler und will diesem verständlich vermitteln, wie man universell mit der Erwiderung 1g6 auf den ersten weißen Zug reagieren kann. Zugleich gibt er ihm ein Grundrepertoire auf dieser Basis an die Hand.

Üblicherweise bilde ich in meinen Rezensionen als Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis ab, was den Leser in einem Werk erwartet. Zur vorliegenden Arbeit weiche ich davon ab, weil die Überschriften der insgesamt 12 Kapitel zumeist nicht ausreichend aussagekräftig sind. Stattdessen nehme ich nachfolgend die Initialzüge der Systeme auf, die Lakdawala im Anschluss an eine Einführung in den einzelnen Kapiteln behandelt. Diese sind:

1. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.Le3
2. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.Sf3 a6
3. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.Lg5
4. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.Lc4
5. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.g3
6. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.c3
7. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 d6 4.f4 a6
8. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 c5 4.d5 Lxc3+ 5.bxc3 f5
9. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.e4 d6 4.Sc3
10. 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.e4 d6 4.Sf3
11. 1.c4 g6 2.Sc3 Lg7 3.g3 d6 4.Lg2 e5
12. 1.d4 g6 2. anders.

Es gibt 35 Partien aus der Meisterpraxis im Buch, über deren Kommentierung Lakdawala die Theorie erläutert sowie Repertoireempfehlungen gibt. Mit Ausnahme von fünf Duellen sind sie allesamt ab dem Jahr 2000 gespielt worden, also unter aktuellen Bedingungen. Aus dem Fernschachspiel ist keine dabei. Die Kommentierung bedient sich der bekannten besonderen Elemente der Reihe "First Steps:" wie textlich hervorgehobene Einschübe, die den Leser auf etwas aufmerksam machen oder ihn warnen wollen oder auch als interaktives Element wirken, indem sie ihn zur Mitwirkung veranlassen. So hat er sich mit gezielten Fragen zu befassen oder auch Übungen zu absolvieren, z.B. eine Variante zu berechnen oder eine kritische Entscheidung zu treffen. Die Antworten oder erwarteten Lösungen werden ihm dann unmittelbar im Anschluss im Rahmen der weiteren Anmerkungen gegeben. Regelmäßig erhält er zum Abschluss einer Partie noch eine Zusammenfassung, die ihm ganz konkret aufzeigt, was er aus der Befassung mit ihr mitnehmen sollte.

Neben den hervorgehobenen Hinweisen, Übungen, Tipps und Warnungen findet der Leser auch zahlreiche allgemeine Regeln im Schach in den Text eingearbeitet. Wenn Lakdawala ihm anzeigen möchte, dass eine Situation von genereller Bedeutung vorliegt, für die es eine Regel bzw. Empfehlung zur Vorgehensweise gibt, dann setzt er diese optisch durch Kursivschreibung ab. Die Ausrichtung auf den noch weitgehend unerfahrenen Spieler wird auch an dieser Stelle deutlich, da seine Erläuterungen auf einem sehr niedrigen Niveau der Spielstärke ansetzen.

Zur thematischen Behandlung habe ich einen Kritikpunkt. Ich hätte mir gewünscht, dass "First Steps: the Modern" etwas deutlicher aufzeigt, wo die Grenze zwischen der Modernen Verteidigung und der Pirc-Verteidigung verläuft. Mehrere Partien gehen in Pirc über und Lakdawala spricht dies auch an. Eine deutlichere Angabe zur Grenzziehung hätte gerade auch dem lernenden Spieler vermutlich helfen können.

Lakdawala ist ein Autor, dessen Stil eine teilweise blumige Sprache beinhaltet. Mehr als andere formuliert er metapherhaft, was zumindest dem Schachfreund, der auch Spaß an Sprache hat, erfreuen kann. Als Fremdsprachler allerdings bereitet dieser Stil größere Mühe als ein nüchterner. Zudem verfügt Lakdawala über einen breiten Wortschatz, den er "gnadenlos" einsetzt.
Mir persönlich gefällt sein Stil, wenn er es darin nicht manchmal übertreibt. Hin und wieder kommt es vor, dass ich mich als Leser zum Horchen geneigt fühle, ob vielleicht die Glocken zu läuten beginnen, weil er zu einer Art Predigt ansetzt.

Auf der anderen Seite ist die sehr strukturierte Art, wie er Stellungsbeurteilungen etc. präsentiert oder auch Pläne darstellt, in meinen Augen ein klarer Pluspunkt auch im hier besprochenen Werk. Er arbeitet viel mit Aufzählungen, die dem Leser klare Vorstellung geben, was alles er wie zu handhaben hat.

Auch wenn ich schon sehr viele Rezensionen über Schachbücher geschrieben habe, gibt es immer wieder mal etwas Neues, so auch bei "First Steps: the Modern". Auf der Seite 20, gleich zu Beginn der Partie Nummer 2, habe ich mich an einen "Gruß aus der Küche" erinnert gefühlt, den man in guten Speiselokalen in der Form eines kleinen Leckerlis vor der eigentlichen Speise erhält. Lakdawala sendet einen Gruß an die deutschsprachigen Leser, beabsichtigt oder eben nicht. "Ich bin ein Moderner", so ist der Zug 1g6 eingangs kommentiert, warum auch immer.

Ein Variantenverzeichnis ist auf den letzten Seiten des Buches abgebildet. Mehr oder weniger zufällig ist mir darin ein kleiner Fehler aufgefallen. Auf Seite 253 fehlt in einer Zugfolge eine Zugnummer. Ansonsten ist das Verzeichnis auf das Wesentliche beschränkt, aber ausreichend. Die Schlüsselsituationen sind zusätzlich mit einem Diagramm ausgestattet.

Fazit: "First Steps: the Modern" ist ein Lehr- und Repertoirebuch, das sich an den noch nicht allzu weit in seiner Spielstärke entwickelten Schachfreund richtet. Es will ihn in die Lage versetzen, 1g6 in allen Lagen mit Verstand in der eigenen Partie einzusetzen. Zugleich gibt es dem Leser ein Grundrepertoire in die Hand. Für mich handelt es sich um ein gelungenes und damit empfehlenswertes Buch für den Leser, der die Herausforderungen an den englischen Sprachschatz anzunehmen bereit ist.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Invincible

The Invincible

Tibor Károlyi
The Invincible
541 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-907982-81-1
29,99 Euro




The Invincible
"The Invincible", auf Deutsch "Der Unbesiegbare" ist der dritte und letzte Band der bei Quality Chess erschienenen Serie "Mikhail Tal's Best Games". Ihr Autor ist Tibor Károlyi, Internationaler Meister, Trainer und bekannter Autor aus Ungarn. Mit diesem Werk deckt Károlyi die Jahre 1972 bis 1992 ab. Ich habe zur Vorbereitung meiner Rezension auch jene hinzugenommen, die ich 2014 zum Band 1 mit dem Titel "The Magic of Youth" geschrieben habe, um auch noch einmal eine Klammer um die komplette Buchreihe ziehen zu können.

Beginnen möchte ich mit einer Anekdote, die ganz am Ende des Buches zu finden ist. Als ich sie gelesen hatte, musste ich an einen alten Witz denken. Er geht so:
"Treffen sich zwei Freunde. Meint der eine: "Sonntag war ich auf der Pferderennbahn. Da ist mir etwas passiert!"
"Erzähl!"
"Also, mein Schuhband war aufgegangen. Da habe ich mich gebückt, um es wieder zuzubinden. Und da hat mir doch glatt jemand einen Sattel auf den Rücken geschnallt!"
"Und dann?"
"Na ja, ich bin Dritter geworden."

Ende Mai 1992 stand es gesundheitlich sehr schlecht um Michail Tal. Er befand sich im Krankenhaus und es hieß, dass er auf dem Sterbebett liege. Als währenddessen dann aber ein Arzt das Krankenzimmer betrat, traute er seinen Augen nicht, denn das Bett des sterbenden Großmeisters war leer. Die diensthabende Krankenschwester teilte ihm mit, dass Tal in großer Eile das Krankenhaus verlassen habe, um in einem Schachturnier mit acht Teilnehmern mitzuspielen. Und Tal wurde Dritter.
Im Gegensatz zum Buchtitel "The Invincible" wurde Michail Tal vier Wochen darauf doch besiegt, wenn auch nicht im Schach. Er starb am 28. Juni 1992.

Intensiver als mit der kleinen Anekdote zuvor lässt sich wohl kaum darstellen, was das Schachspiel in Tals Leben war, und warum der Buchtitel "The Invincible" so treffend ist.

Jedem einzelnen Jahr im Zeitraum 1972 bis 1992 ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Der Überschrift lässt sich jeweils auch entnehmen, mit welcher Elo-Zahl Tal an welcher Stelle in der Weltrangliste positioniert war. So wird man als Leser daran erinnert, dass er noch 1992 den Platz 170 mit einer Zahl von 2525 eingenommen hat.
Die zur intensiven Betrachtung ausgewählten Tal-Partien des Jahres werden in Blöcken nach den Turnieren, in denen er sie gespielt hat, behandelt. Zunächst wird die jeweilige Veranstaltung kurz beschrieben. Besonderheiten im Verlauf, die Turnier- bzw. die Tabellensituation, in der Tal eine unter die Lupe genommene Begegnung gespielt hat, die Situation von Konkurrenten usw. werden von Károlyi geschildert.

Insgesamt kommt das Werk auf seinen deutlich mehr als 500 Seiten auf 108 intensiv kommentierte Duelle. Nicht immer sind sie von vorne bis hinten durchkommentiert; zumeist entweder am Anfang oder auch am Ende ist in einer Reihe von Partien nur die Zugfolge abgebildet und die Kommentierung auf einen Abschnitt beschränkt worden, der allein ausreichend interessant ist. Zumeist setzt Károlyi auf einen Mix aus Textanmerkungen und Varianten. Die diesbezüglichen Analysen sind teilweise verzweigt und gehen erheblich in die Tiefe, ohne dass dies schon mal Zweifel an der Angemessenheit des Tiefgangs auslösen könnte. Zu bedenken ist dabei auch, dass sich "The Invincible" nicht auf einen Kreis von Spielern eines bestimmten Leistungsbereichs konzentriert, sondern grundsätzlich jeden erreichen will. Ich gehe sehr davon aus, dass es auch diesmal zu Károlyis Leitideen zählte, bei der Prüfung der Partien und der Analyse auf moderne Engines zu setzen, so wie er es ausdrücklich im 1. Band erklärt hat. Dieses Vorgehen ließ Ergebnisse erwarten, die Neues enthielten.
Nicht immer gefallen haben mir zugbasierte Anmerkungen in der Form sehr langer Partiefragmente oder auch aus ganzen Partien.

Die letzten Seiten zu einem Jahr werden von einer Zusammenfassung des Turnierjahrs hinsichtlich der spielerischen Aktivitäten und der Erfolge Tals sowie einer Ergebnisstatistik eingenommen.

In meiner damaligen Rezension über "The Magic of Youth" habe ich dem Leser empfohlen, sich an einem herkömmlichen, einem realen und nicht nur am virtuellen Brett mit den Partien zu befassen. Diesen Hinweis möchte ich nunmehr wiederholen, er greift auch hier. Am besten werden die Partiezüge auf einem Brett ausgeführt und die Analysen auf einem zweiten verfolgt. So liefert das "Partiebrett" fortlaufend die Startaufstellungen für die Varianten.

Auch im vorliegenden Band gibt es wieder zahlreiche Textpassagen, die Michail Tal als Spieler und auch als Mensch dem Leser näherbringen. Oftmals geht es in ihnen um Begebenheiten, die von Tals Kontaktpartnern oder auch von Zeitzeugen berichtet werden. Durchgehend zeigen sie, dass Michail Tal ein sehr lebenswürdiger, netter und humoriger Mensch gewesen ist, dem Starallüren fremd waren. Eine Episode ist auf Seite 141 beschrieben und stammt von Istvan Csom. Er berichtet, dass er Tal einst gebeten hat, ein vom Ex-Weltmeister geschriebenes Buch zu signieren. Dieser tat es mit den Worten "für meinen Kollegen". Dabei berichtet er von einer Episode, nach der Gufeld, als dieser Großmeister geworden war, dies Korchnoi berichtet und sich als Kollege bezeichnet habe. Gufeld habe als Antwort erhalten, dass seine Kollegen Janosevic und Damjanovic seien

Alle Geschichten und Geschichtchen geben der biografischen Seite von "The Invincible" eine weitere Facette. Sie machen das Werk auch zu einem kurzweiligen Lesestoff.

Reichlich Statistik und mehrere Indices schließen auch diesen Band der Reihe "Mikhail Tal's Best Games" ab.

Die Buchsprache ist Englisch, Fremdsprachkenntnisse auf einem ordentlichen Schulniveau und die Bereitschaft, die eine oder andere Vokabel jenseits des allgemeinen Wortschatzes nachzuschlagen reichen zu einem recht bequemen Verständnis aus.

Fazit: "The Invincible" ist als einzelnes Werk wie auch als Element der Trilogie über Michail Tal eine Bereicherung. Es verbindet qualifiziert analysierte und kommentierte Partien Michail Tals mit Wissenswertem und narrativen Elementen.
So ist das Werk für mich eine klare Kaufempfehlung für eigentlich jedermann, auch wenn der Anfänger im Schach den Partieanalysen sicher nicht bis ins Detail verständlich wird folgen können.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Scotch Gambit

The Scotch Gambit

Alex Fishbein
The Scotch Gambit
128 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-74-5
18,95 Euro




The Scotch Gambit
"The Scotch Gambit" aus der Feder des US-amerikanischen Großmeisters Alex Fishbein ist ein interessantes Büchlein von rund 125 Seiten, das an das Gedicht "April" von Heinrich Seidel erinnert. Es kennt wohl jeder den Vers "April! April! Der weiß nicht, was er will." Warum das? Vor allem aus zwei Gründen, und zwar:
1. Das Gros der Darstellungen wird nur über einen Aprilschauer zum Schottischen Gambit eingeleitet, behandelt dann aber das Zweispringerspiel.
2. Fishbein erklärt mittelstarke Spieler bis zu Spitzenspielern zu den Adressaten, die er mit seinem Werk ansprechen möchte. Zugleich empfiehlt er dem lernenden Spieler die Wahl seiner Eröffnungen so, dass sie seinen Sinn für Initiative, seine Fähigkeit zur Variantenberechnung und sein Gefühl für Königssicherheit stärken. Damit verbindet er ein Plädoyer für schnelle und dynamische Wege in die Partie gegenüber positionell angelegten Spielen, die den taktischen Kampf nach später in der der Partie verlegen. Nur sollte ein mindestens mittelstarker Spieler die von ihm hervorgehobenen Fähigkeiten längst haben, so dass seine Fürsprache zugunsten des Schottischen Gambits bzw. des Zweispringerspiels einen Knick in der Logik enthält.

Wichtiger für die Bewertung des Buches aber sind die Aspekte, die sich unmittelbar mit dem behandelten Stoff verbinden.
"The Scotch Gambit" ist ein für Weiß geschriebenes Repertoirebuch. Sein Untertitel "An Energetic and Aggressive System for White" zeigt Fishborns Ansatz. Er will dem Anziehenden ein Repertoire anbieten, mit dem er quasi von Beginn an darauf spielt, die Fäden der Partie in der Hand zu haben, insbesondere initiativ vorzugehen. Er erklärt, dass seine Arbeit geradezu seine Buch gewordene Datenbank ist, da er nur Spielweisen empfiehlt, die er auch selbst als Spieler anwendet oder anwenden würden. Seine Zusicherung, für beide Seiten unter neutralen und objektiven Ansätzen nach den besten Alternativen vorgegangen zu sein, dürfte eine Selbstverständlichkeit ausdrücken.

Das Buch umfasst insgesamt 10 Kapitel mit den - sinngemäß übersetzt - folgenden Überschriften:
Kapitel 1: Hauptvariante des Modernen Angriffs
Kapitel 2: Abweichungen von der Hauptlinie
Kapitel 3: Variante mit 3...Lc5
Kapitel 4: Varianten mit 5...Sg4 und 5...Se4
Kapitel 5: Variante mit 5 0-0
Kapitel 6: Max-Lange-Angriff
Kapitel 7: Von der Lasa-Variante
Kapitel 8: Abweichungen von der von der Lasa-Variante
Kapitel 9: Jobava-Variante
Kapitel 10: Andere schwarze Fortsetzungen nach 1.e4 e5 2.Sf3.

Sieben dieser Kapitel beginnen mit einer theoretischen Betrachtung des Abspiels ("theoretical section"). Hier zeigt Fishbein auf, wie es nach seiner Auffassung strategisch zu behandeln ist. Er will hier den aktuellen Stand der Theorie abbilden und auch Korrekturen zu herkömmlichen Auffassungen, soweit sie seines Erachtens angebracht sind, vornehmen.
Dieser Bereich ist eine große Stärke des Werkes. Hier erfährt der Leser die Grundlagen, allerdings ganz konkreter Natur, für seine Spielanlage. Fishbein erklärt intensiv und beschränkt sich auf vergleichsweise wenige Varianten, so dass die Texterläuterungen deutlich dominieren.
Dass ausgerechnet der im 6. Kapitel erörterte Max-Lange-Angriff ohne Theorieeinleitung auskommen muss, ist nach meinem Empfinden schade und auch nicht erklärlich. So ist dieses Kapitel unter diesem Aspekt der Aprilschauer in eine Sonnenscheinphase hinein.
Alle Kapitel enthalten einen Bereich "Illustrative Games", in dem das jeweilige Eröffnungsthema im Praxiseinsatz untersucht wird. In Kapiteln mit einer theoretischen Einleitung folgen die Partien als zweiter Teil, in den drei anderen als alleiniger Inhalt. Die Partien stammen aus allen Zeiten des modernen Spiels, es gibt also historische Duelle ebenso wie aktuell gespielte im Buch. Auch der Autor selbst ist mehrfach vertreten, was seinen Ansatz unterstreicht, seine Auffassungen und sein Knowhow als Spieler verarbeitet zu haben. Auch das Fernschachspiel ist vertreten. Fishbein begründet seine Auswahl mit der Qualität und der Aussagekraft der verarbeiteten Partien.
Zu den Schwerpunkten des Interesses in der Kommentierung zählen neben der Theorie allgemein der Übergang von der Eröffnung ins Mittelspiel und typische Mittelspielpläne. Unabhängig davon bildet Fishbein die Partien vollständig ab, was ich gut finde, denn so kann der interessierte Leser auch noch erkennen, wie ein Vorteil verwertet worden ist bzw. woran der Erfolg gescheitert ist. Platzsparend und der reduzierten theoretischen Relevanz entsprechend werden die späten Züge der Partie aber nicht mehr bzw. nur noch spärlich kommentiert.

Ein von Fishbein auf ein Viertel taxierter Anteil der Partien zeigt auf, wie Weiß nicht spielen sollte und wie Schwarz Fehler seines Gegners ausnutzen und auf Sieg spielen kann. Auf diesen Aspekt gestützt erklärt er, dass "The Scotch Gambit" auf für den Spieler mit Schwarz etwas zu bieten hat, unabhängig von seiner Kernausrichtung auf das Spiel des Anziehenden.

Zu erwähnen bleibt, dass zur Abrundung des Repertoires auch Übergänge zur Italienischen Partie soweit ein schwarzes Ausweichen im 2. Zug behandelt werden (Russisch, Philidor), dies aber eher zur Vermeidung einer systematischen Lücke.
Ich hätte ein Variantenverzeichnis begrüßt, das man im Buch vergeblich sucht.

Das Werk ist in Englisch geschrieben und bei Russell Enterprises erschienen. Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind nicht allzu hoch.
Es gibt das Werk auch als eBook; der Rezension liegt die gedruckte Fassung zugrunde.

Fazit: "The Scotch Game" ist ein interessantes Buch für den schon gut fortgeschrittenen Spieler, der nicht lange positionell auftreten möchte, sondern mit einer Überraschungspotenzial versprechenden Eröffnung ein initiatives Spiel anstrebt. Bei einer Übernahme der Initialzüge geht er den Weg über das Schottische Gambit und wird regelmäßig Stellungen aus dem Bereich des Zweispringerspiels auf dem Brett haben.
Das Buch ist erkennbar die Arbeit eines Praktikers, der etwas von seinen Untersuchungsergebnissen und Erfahrungen an die Leserschaft weitergibt.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

A Practical Black Repertoire with d5, c6 Vol. 1

A Practical Black Repertoire with d5, c6 Vol. 1

Alexei Kornev
A Practical Black Repertoire with d5, c6 Vol. 1
307 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-619-7188-14-1
24,95 Euro




A Practical Black Repertoire with d5, c6 Vol. 1
Mit "A Practical Black Repertoire with d5, c6" will Alexei Kornev eine logische Ergänzung zu seiner vor gut einem Jahr abgeschlossenen zweibändigen Serie "A Practical Black Repertoire with Sf6, g6, d6" schaffen, auf die der Spieler mit Schwarz in einer Situation zurückgreifen kann, in der er nicht unbedingt auf einen Sieg spielen muss. Während er damals auf die Königsindische und die Pirc-Verteidigung gesetzt hat, sind es nun die Slawische Verteidigung und Caro-Kann. Der 1. Band mit dem Titel "The Slav and Other Defences" ist der Titel des Auftaktwerkes, dem sich diese Rezension widmet.

Das Buch ist in sechs Teile untergliedert, auf die sich insgesamt 26 Kapitel verteilen. Die ersten 22 Kapitel widmen sich der Slawischen Verteidigung, die restlichen vier allen jenen Spielweisen, in denen Weiß auf den Zug c2-c4 verzichtet. Hier werden dann u.a. das Londoner System, das Blackmar-Diemer-Gambit und der Torre-Angriff behandelt. Das Repertoire ist also gut abgesichert, allerdings sollte der Leser zu den Nebensystemen nicht allzu viel an Material erwarten. In einer Zeit, in der beispielsweise mehrere Spezialwerke zum Londoner System miteinander konkurrieren, kann sich ein Autor wie Kornev nur auf eine Skizze von ausgewählten Hauptideen konzentrieren, die den Nachziehenden nicht viel mehr als vor der völligen Ahnungslosigkeit bewahren können. Für eine bessere Ausstattung gegen weiße Abweichungen muss dann eben zusätzliche Literatur her.

Die erwähnten sechs Teile des Buches sind wie folgt zugbasiert überschrieben:

Teil 1: 1.d4 d5 2.c4 c6
Teil 2: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6
Teil 3: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6
Teil 4: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.e3 a6
Teil 5: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 dxc4
Teil 6: 1.d4 d5 ohne c4.

Ich hatte zuvor schon mehrere von Alexei Kornev geschriebene Bücher rezensiert, deshalb war ich mit einer gehobenen Erwartungshaltung an die Arbeit mit "The Slav and Other Defences" herangegangen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Kornev gibt sich einmal mehr große Mühe, den Leser die von ihm vorgestellten Systeme verstehen zu lassen. Er erläutert und begründet extensiv, in den Hauptvarianten passagenweise sogar so gut wie jeden Halbzug. Seine Bewertungen sind fast immer substantiell. "Leere" Anmerkungen wie ein isoliertes "Schwarz steht besser" vermeidet er konsequent. Er lässt den Leser nicht im Unklaren, worauf sich sein Urteil stützt, und damit stellt er häufig eine Beziehung her zwischen der bewerteten Stellung und seinen Anmerkungen zuvor, die sich gleichermaßen auf strategische wie taktische Aspekte beziehen. Der Leser soll sein Repertoire erfahren und mit Verstand zu spielen erlernen. Diese Art der Gestaltung stellt sicher, dass "The Slav and Other Defences" einen Adressatenkreis hat, den ich beginnend bereits beim regelfesten Anfänger verorten möchte. Dies gilt zumindest für die Anforderungen an das Verstehen der Ausführungen des Autors.

Auch wenn Kornev sich in seiner Arbeit auf das Verständnis des Lesers konzentriert und kein "Variantenbolzen" provoziert, weiß er natürlich, dass konkreten Zugfolgen in der heutigen Zeit eine hohe Bedeutung zukommt und deren Abspulen in der Partie zur Realität gehört. So weiß er natürlich ebenfalls, dass diese angesichts der explosiven Entwicklung der Eröffnungstheorie teilweise sehr weit in eine Partie führen, und er bedauert dies sogar. Es gibt hierzu eine markante Stelle im Werk, nämlich auf der Seite 253. Hier hat er eine Variante anhand einer Fernpartie bis in den 48 Zug behandelt. Dafür entschuldigt er sich beinahe, indem er Verständnis für einen angesichts dieser Variantenlänge vielleicht enttäuschten Leser aufbringt. Es wirkt dann schon etwas resignativ, wenn er feststellt, dass Computer heutzutage Varianten teilweise bis in eine leblose Wüste entwickeln.
Bevor aber ein falscher Eindruck entstehen mag: Die Tiefe der Betrachtung an dieser Stelle entspricht nicht dem Normalwert in "The Slav and Other Defences".

Kornev schreibt für den Spieler mit Schwarz, für diesen hat er das Repertoire zusammengestellt. Die beachtenswerten Zugalternativen für Weiß sollten also alle aufgenommen sein, während die schwarzen Alternativen nur im Rahmen der Vorschläge und Empfehlungen zu finden sind. Im Rahmen der vom Autor getroffenen Auswahl ist das Werk aber ebenso gut vom Weißspieler zu nutzen. Kornev bemüht sich um neutrale und objektive Aussagen.

Schon für frühere Bücher dieses Autors konnte ich die Aussage treffen, dass er sich intensiv auch auf Fernpartien gestützt hat. So ist es auch diesmal wieder. Zahllose Fragmente stammen aus vor allem ICCF-Turnieren, etliche Male haben dabei auch deutsche Spieler mitgewirkt.
Vielleicht hat diese Auffälligkeit auch sein etwas resignatives Statement beeinflusst, das ich zuvor erwähnt habe?

Erwähnen möchte ich noch, dass "The Slav and Other Defences" sich nicht des typischen Aufbaus für Repertoirebücher des bulgarischen Verlags Chess Stars bedient, in dem das Werk 2017 erschienen ist (Unterteilung der Kapitel in "Quick Repertoire", "Step by Step" und "Annotated Games"). Es folgt einem herkömmlichen Aufbau mit einem Baum aus Haupt- und Nebenvarianten. Partien zur Illustration etc. sind nicht enthalten, der Leser erhält "Theorie pur".

Das Werk ist in Englisch geschrieben, Fremdsprachkenntnisse auf Schulniveau reichen zu einem bequemen Umgang mit ihm aus. Der Wortschatz ist nicht breit angelegt und die Satzkonstruktionen sind möglichst einfach gehalten.

Auf den letzten Seiten des Werkes gibt es ein Variantenverzeichnis, das den Leser bei der Orientierung über alle Stoffbereiche hinweg gut unterstützt.

Fazit: "The Slav and Other Defences" ist der Auftakt zu einer zweibändigen Reihe, über die der Leser mit Schwarz ein logisches Repertoire auf der Basis der Slawischen Verteidigung und Caro-Kann erhalten soll. Das Werk ist unabhängig davon, ob der Leser sich auch den zweiten Band zu Caro-Kann beschaffen wird, gut nutzbar.
Der Leser wird intensiv angeleitet, das vorgestellte Repertoire mit Verstand in der eigenen Partie einzusetzen. Aufgrund der verständlichen Darstellungen und der Erläuterungen, die nicht allzu viel an Vorkenntnissen voraussetzen, ist das Werk eine Empfehlung für Spieler schon ab einer noch recht niedrigen Spielstärke.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Thinking Inside the Box

Thinking Inside the Box

Jacob Aaagaard
Thinking Inside the Box
408 Seiten, gebunden, mit festem Einband
ISBN: 978-1-907982-35-4
29,99 Euro




Thinking Inside the Box
Mit "Thinking Inside the Box" schließt Jacob Aagaard seine Reihe "Grandmaster Preparation" bei Quality Chess ab. Das Werk ist in 2017 erschienen und ist, anders als die fünf Vorbände, nicht einem ganz konkreten Bereich der Fertigkeiten im Schach gewidmet. Es zieht vielmehr eine Klammer um alle vorherigen Bücher der Serie, verbunden mit einer ganz persönlichen Note. Im Vorwort meint Aagaard dazu, sinngemäß ins Deutsche übersetzt: "Die fünf vorhergehenden Bücher waren Lehr- und Übungsbücher, die dazu bestimmt waren, den Leser bestimmte Fertigkeiten erlernen zu lassen, um sie ihn dann in praktischen Übungen voll und ganz verstehen zu lassen, damit er sie selbst einsetzen kann. In diesem Band wollte ich verschiedene Themen erörtern, die mit der Verbesserung der Spielstärke in Beziehung stehen, wobei ich mich auf das konzentrieren wollte, was für den Leser vermutlich am wichtigsten sein würde."

Ich kann mir vorstellen, dass für viele Fernschachspieler ein seitenstarker Appendix aus der Feder von Nikolaos Ntirlis zum Einsatz von Engines das Highlight dieses Bandes sein wird. Dazu später mehr.

Die gesamte Serie "Grandmaster Preparation" ist auch eine Darstellung der Philosophie Aagaards zur Art und Weise, ein besserer Schachspieler zu werden, von ersten Schritten und Erfolgen bis hin zur Meisterstärke. Dabei orientiert er sich an seinem eigenen Weg.

Das Inhaltsverzeichnis sieht wie folgt aus:
Kapitel
1 Simple but Difficult
2 The Psychology of Chess Improvement
3 Who Are You?
4 Decision Making
5 Four Types of Decisions
6 Simple Decisions
7 What is Calculation?
8 The Calculation Process
9 Abstract Thinking
10 Strategic Concepts
11 Dynamic Strategic Concepts
12 Openings
13 Analyse Your Own Games
14 Training Methods
Appendices
Nutrition
Advanced Engine Management.

Im 1. Kapitel geht Aagaard auf ein Erlebnis ein, dass wohl beinahe jeder Turnierspieler schon so durchgemacht hat, immer und immer wieder. Bei der späteren Analyse der eigenen Partie unter Einsatz einer Engine stellt man sich die Frage, warum man den einen oder anderen Zug nicht gesehen hat, den die Maschine so natürlich findet. Er führt dieses Erleben bis in die Feststellung, dass eine Lösung zwar einfach sein kann, das Finden aber schwer ist. Was für einen Zuschauer, auch ohne Engine, einfach zu sein scheint, ist es für den Spieler nicht, wenn er schon drei Stunden am Brett schwierige Probleme gelöst hat und nicht weiß, wo die nächste an ihn gerichtete Herausforderung lauert.
Den Lernprozess des Lesers, in der eigenen Partie gut gespielt haben zu können, auch wenn er beim besten Einsatz nicht alles gesehen hat, leitet Aagaard mit einer mega-schwierigen Aufgabe ein. In maximal 30 Minuten soll der Leser von einer Diagrammstellung ausgehend einen weißen Lösungsweg finden, den bis auf einen auch mehrere Großmeister nicht haben entdecken können. Am Ende hat man das Beste gegeben, den Erfolg nicht errungen und doch davon profitiert. Ich bin an dieser Aufgabe kläglich gescheitert.
Anhand einer 2007 gegen JonathanRowson geführten Partie, aus der auch die gerade erwähnte Aufgabe stammt, lässt Aagaard den Leser sein eigenes Erleben nachfühlen, denn die von ihm mit Weiß geführten Steine erreichten nur ein Remis

Das 2. Kapitel orientiert er eng an seiner Vorstellung davon, welcher Strategie der Spieler zur Verbesserung seiner Spielstärken folgen sollte, und mit der er sicher Erfolg haben wird. Dabei denkt er in den Kategorien Allgemeine Prinzipien/Regeln, Training/Übung, Vorbereitung, Situation am Brett und Vorgehen nach einer Partie. Auf diese geht er in der Folge sehr intensiv ein und verbindet sie mit Partien aus der Meisterpraxis, die er überwiegend selbst gespielt hat. An diesem Kapitel wird besonders deutlich, wie dieser Band, die Nummer 6 aus der Serie "Grandmaster Preparation", mit den anderen in Verbindung steht. Er greift Themen wieder auf, so etwa die Vorbereitung des Spielers, und erörtert sie neu und in Verbindung mit weiteren Aspekten.
Auch dieses Kapitel beginnt er mit einer Aufgabe an den Leser. Dieser soll sich so viel Zeit nehmen wie er braucht, um einen Plan für Weiß herauszuarbeiten, der die nächsten sechs Züge umfasst und - dies steht zwischen den Zeilen - Weiß den Weg in einen Sieg einschlagen lässt. Diesen Plan soll er mit jenem vergleichen, den Aagaard selbst an späterer Stelle anbietet.

Mit leichten Veränderungen, im Stil aber gleichbleibend, warten auch die Folgekapitel auf, deren jeweiliges Thema sich recht aussagekräftig aus dem oben abgebildeten Inhaltsverzeichnis ablesen lässt. Anstelle einer Aufgabe findet der Leser bisweilen ein Foto als Einleitung vor und anstelle von Erläuterungen etc. des Autors können ihn dann zunächst auch einige Aufgabenstellungen erwarten, denen er sich widmen soll. Das, was Aagaard an den Leser bringen will, kommt regelmäßig in der Form von viel Text und ergänzender Darstellung an Partien daher. Wer Aagaard vorwerfen würde, mit Erklärungen, Erläuterungen zu sparen, täte ihm bitter unrecht. Nicht nur ausnahmsweise hatte ich das Gefühl, dass er nicht eher abschließt, bis er ganz sicher auch noch den Letzten mitgenommen hat, der möglichweise seine Anschauungen noch nicht bis in das kleinste Zipfelchen verstanden haben könnte. Ich persönlich finde dieses Bemühen gut, denn das Verständnis auf der Seite des Lesers kann nur davon profitieren. Anstrengend aber ist dieses Qualitätsmerkmal auch, denn das, was Aagaard schreibt, will auch rein fremdsprachlich erst mal aufgenommen sein. Dabei sind seine Anforderungen an die englischen Sprachkenntnisse nicht immer niedrig, was sich insbesondere auf einen recht breiten Wortschatz bezieht. Die Materie selbst ist an sich schon anspruchsvoll, so dass man viel Zeit einplanen sollte, um das Werk vollständig und konzentriert durchzuarbeiten. Das schachliche Verständnis wird nicht nur beim Durchschnittsspieler wachsen, sondern auch bei jenen, die sich schon von einem höheren eigenen Level aus des Werkes bedienen.

Als ein Appendix gibt es den Abschnitt "Advanced Engine Management", der nicht zuletzt auch für einen Fernschachspieler höchst interessant ist. Dieser ist von Nikolaos Ntirlis geschrieben, der sich nicht nur allgemein über den Engineeinsatz äußert, sondern auch praktische Tipps gibt. Bis hin zu Analysemethoden wie etwa die Rückwärtsanalyse, für die das Fernschachspiel ein ganz besonderer Einsatzbereich ist, geht Ntirlis auf rund 35 Seiten sehr ausführlich auf den qualifizierten Einsatz von Engines ein.

Der Rezension liegt "Thinking Inside the Box" in einer gebundenen Fassung mit festem Einband zugrunde. Für einen Fünfer weniger ist das Buch auch kartoniert zu haben.

Fazit: "Thinking Inside the Box" ist ein sehr anspruchsvolles Werk, das die "Grandmaster Preparation"-Serie von Quality Chess abschließt. Es beinhaltet keine komplett neuen Stoffgebiete, sondern setzt sich auf neue Weise und mit anderen Schwerpunkten mit Themen auseinander, die bereits Gegenstand der fünf Vorbände waren.
Es zielt darauf ab, dem Leser die Verbesserung seiner Spielstärke zu ermöglichen, indem er in einer geordneten Weise sein Schachverständnis ausbaut. Der Stoff ist anspruchsvoll und eher für einen Spieler geeignet, der bereits eine ganz ordentliche Spielstärke erreicht hat. Gute Englischkenntnisse sind hilfreich, weil es reichlich Text zu lesen gilt und die Anforderungen an den Fremdsprachler nicht gerade niedrig sind.
Ich empfehle das Buch besonders dem Spieler, der sich bereits auf einem guten Klubniveau bewegt und genügend Ehrgeiz und Disziplin aufzubringen bereit ist, um wirklich alles aufnehmen zu können, was Jacob Aagaard anbietet. Dem Fernschachspieler empfehle ich "Thinking Inside the Box" zudem besonders vor dem Hintergrund des ausführlichen Beitrags von Nikolaos Ntirlis zum Enginemanagement.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Gyula Breyer: The Chess Revolutionary

Gyula Breyer: The Chess Revolutionary

Jimmy Adams
Gyula Breyer: The Chess Revolutionary
876 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-721-0
45,95 Euro




Gyula Breyer: The Chess Revolutionary
Ich fühle mich immer geehrt und herausgefordert zugleich, wenn ich eine Rezension über ein Werk wie "Gyula Breyer: The Chess Revolutionary" von Jimmy Adams, Neuerscheinung 2017 bei New In Chess (NIC), schreiben darf. Bücher wie dieses haben eine eigene Aura, ihre Prüfung ist aufwändig und nicht leicht zu bewältigen, ihre sachgerechte und angemessene Bewertung ist schwerer neutral und möglichst objektiv zu halten als beispielsweise bei Büchern zur Eröffnungstheorie oder Partiesammlungen.

Dieses Werk umfasst annähernd 900 Seiten (876 sind es genau), wird gebunden und mit Hardcover ausgeliefert und kostet 45,95 Euro. Es gibt nichts in den Bücherregalen, womit es inhaltlich in Konkurrenz steht. Sein Verfasser Jimmy Adams ist Schachhistoriker, der vergleichbare Arbeiten bereits zu Zukertort und Tschigorin geleistet hat.
In erheblichem Umfang entstammt der Inhalt Quellen, die bisher nur in ungarischer Sprache vorlagen und deshalb ins Englische übersetzt werden mussten. Ich nehme an, dass der Übersetzer, dessen Name auf der Titelseite mit Peter Szabó angegeben wird, Ungarisch als Muttersprache hat. Dies dürfte die Authentizität des Übersetzungstextes gefördert haben.

Der Inhalt lässt sich im Wesentlichen den folgenden Kategorien zuordnen:
1. Vom Autor Jimmy Adams verfasste Texte zur Aufarbeitung des historischen Materials.
2. Historische Texte / Originaltexte, die, soweit sie zuvor nur in ungarischer Sprache vorlagen, für die Abbildung im Buch übersetzt worden sind.
3. Kommentierte Partien, mehr als 200 an Zahl.
4. Fotos.
5. Tabellarisch dokumentierte Daten, statistische Auswertungen, Verzeichnisse zu Partien, im Buch vorkommenden Namen und Eröffnungen.

Gyula Breyer, dem sich das Werk widmet, ist weniger als Spieler denn als Vordenker bekannt geworden, obwohl er vor rund 100 Jahren zur Weltelite zählte. Der 1. Weltkrieg, fortdauernd schwere gesundheitliche Probleme sowie sein früher Tod im Jahre 1921 im Alter von nur 28 Jahren haben gewiss eine immense Rolle dabei gespielt, dass die Zahl seiner herausragenden Erfolge begrenzt blieb. So passt es auch ins Bild, dass er seinen bedeutendsten Turniersieg 1920 in Berlin feiern konnte.
Er zählte zu den Protagonisten der sogenannten Hypermodernen Schule, zu deren wesentlichen Ideen eine von der klassischen Schachlehre abweichende Zentrumsbehandlung zählte. Seine Auffassungen, die er teilweise in provokative Worte fasste, vertrat er nicht nur im Spiel am Brett, sondern auch in Veröffentlichungen wie etwa Kolumnen. Seine Anerkennung als Vordenker verdiente er sich auch über die Entwicklung von Spielweisen in der Eröffnung. Nach ihm benannt ist die Breyer-Verteidigung in der Spanischen Partie, die somit einen Beitrag geleistet hat, dass Gyula Breyer bisher nicht ganz in Vergessenheit geraten ist.

Mit seiner Fleißarbeit sorgt Jimmy Adams nicht nur dafür, dass dieses drohende Vergessen zunächst einmal wieder für eine gewisse Zeit verhindert wird, sondern auch für eine Steigerung in der Beachtung Gyula Breyers. Die Übersetzung der bisher nur im Ungarischen vorliegenden Texte in die englische Sprache wird dabei ihr Übriges leisten. Als historisch wertvoll anzusehendes Material findet hierdurch eine ganz neue Verbreitung. Dieses bezieht sich natürlich insbesondere auf Gyula Breyer selbst, gibt aber auch viel von der damaligen Lage des Schachspiels in Ungarn, Europa und auf Weltebene preis. Zeitzeugen wie beispielsweise István Abonyi, dessen Vita auch die Präsidentschaft im Ungarischen Schachbund sowie später auch die Präsidentschaft des früheren Weltfernschachverbandes IFSB beinhaltet, werden dabei auch selbst vom zeitlichen Blick zurück erfasst.
Hinzu kommen Einblicke in die schwere politische Lage, die zeitweise alles rund um das Schachspiel in den Hintergrund treten ließ.

Bei allen Gedanken zur Erhaltung und inhaltlichen Verbreitung des archivarisch wertvollen Materials, zur Geschichtsschreibung und damit zum Informationsgehalt des besprochenen Werkes darf aber eines nicht vergessen werden: Es ist überaus unterhaltsam. Ich habe einige Stunden damit verbracht und habe es nicht einmal zwischendurch aus der Hand gelegt, weil ich der Befassung mit ihm überdrüssig geworden wäre.
Ein großer Anteil am Unterhaltungswert kommt den oben schon angesprochenen mehr als 200 im Buch aufgenommenen Partien zu. Neben Breyer selbst kommen auch andere Personen mit Kommentaren und Analysebeiträgen zu Wort. Nicht selten finden sich Anmerkungen mehrerer Kommentatoren, zumeist Zeitgenossen Breyers, parallel in einer Partie. Auch werden Urheber von Kommentaren teilweise nicht persönlich benannt, sondern die Quellen angegeben, oft damalige Zeitschriften. Wer selbst Spaß am Nachspielen guter und gut kommentierter Partien hat, kommt in "Gyula Breyer: The Chess Revolutionary" voll auf seine Kosten.

Wer als Fremdsprachler einigermaßen bequem mit diesem Werk arbeiten können möchte, sollte über ordentliche und möglichst auch geübte Englischkenntnisse verfügen. Es gibt viel Text, der verstanden werden will, und dieser beschränkt sich nicht auf einen um vorwiegend dem Schachjargon zuzurechnende Begriffe erweiterten Grundwortschatz sowie einfache sprachliche Konstruktionen.

Fazit: "Gyula Breyer: The Chess Revolutionary" ist eine starke Bereicherung der Schachliteratur. Es ist ein schachhistorisch wertvolles und ein unterhaltsames Werk, das mit 45,95 Euro seinen Preis hat. Wer Interesse an der Schachhistorie hat oder besonders auch die Entwicklung der Spielauffassung im Schach, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Gleiches gilt für denjenigen, der seine Freude am Nachspielen von Partien hat. Jede einzelne von ihnen umgibt eine eigene Aura, so wie dies auch für das komplette Werk als solches der Fall ist.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Complete French Advance

The Complete French Advance

Jewgeni & Vladimir Sweschnikow
The Complete French Advance
286 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-718-0
29,90 Euro




The Complete French Advance
The "Complete French Advance", 2017 erschienen bei New In Chess (NIC), würde man als Upgrade bezeichnen, wenn es sich dabei um Software handeln würde. Da es hier aber um ein Buch geht, könnte man auf die Idee kommen, von einer erweiterten Neuauflage zu sprechen. Aber auch das träfe den Sachverhalt nicht so recht. Das aus Vater und Sohn bestehende Autorenpaar Jewgeni und Vladimir Sweschnikow hat ein neues Werk über die Vorstoßvariante der Französischen Verteidigung geschrieben, das auf einen 2007 von Olms herausgegebenen und damals noch von Vater Sweschnikow allein geschriebenen Vorgänger aufbaut. Ich habe die damalige Arbeit nicht kennen gelernt oder aber der Kontakt ist mir wieder entfallen, so dass ich keinen eigenen Vergleich herstellen kann.
Es gab aber wohl eine klare Rollenverteilung zwischen den beiden Autoren, die für die Ausrichtung des Materials, die Bewertung von Stellungen und Eröffnungswegen sowie die rechnerische Qualität der angegebenen Varianten zweifellos von großer Bedeutung ist. So lassen sich die Ausführungen des Werkes hierzu dahingehend interpretieren, dass Jewgeni Sweschnikow das Werk geprägt hat, soweit es nicht um die computergestützte Überprüfung der Korrektheit von Varianten sowie um das Identifizieren von theoretischen Entwicklungen der vergangenen Jahre ging, dieses ebenfalls unter Einsatz des Computers. Was also mit dem Einsatz des Computers als Werkzeug zu tun hatte, lag in der Hand des Sohnes, alles andere in jener des Vaters.
Jewgeni Sweschnikow ist für seinen ideenreichen, fantasievollen Stil sowie als Querdenker bekannt, dessen Sichtweisen nicht immer mit herrschenden Auffassungen übereinstimmten. Und zu seinen Meriten zählt auch der Erfolg, den er gerade auch mit diesem charakterstarken Verhalten errungen hat. Heute sind Eröffnungswege anerkannt und werden oft gespielt, weil er ihre Qualität herausgearbeitet und nachhaltig gegen alle Zweifel und Kritik vertreten hat.
Die skizzierte Rollenverteilung trug dazu bei, dass seine Kreativität nicht dem Urteil des Computers unterworfen wurde. Genau dies bestätigt er auch. So lässt sich vermuten, dass er nur dann von seinem Sohn eingefangen worden ist, wenn die Maschine keinen Zweifel am errechneten Ergebnis zuließ, Rechenfähigkeit also Intuition eindeutig ausstach.

Der etwas eigentümliche Aufbau des Werkes ist mit seiner Entstehungsgeschichte zu erklären. So wirkt insbesondere der Beitrag von Vladimir Sweschnikow eher wie angeflanscht. Auf die Kernteile reduziert sieht das Inhaltsverzeichnis, sinngemäß ins Deutsche übertragen, wie folgt aus:

Kapitel 1: Das Für und Wider von 3.e5
Kapitel 2: Die beiderseitigen Pläne in Abhängigkeit von der Bauernstruktur
Kapitel 3: Die facettenreiche Blockade
Kapitel 4: Was würden Sie spielen? / Lösungen
Kapitel 5: Theoretische Entdeckungen in den jüngst vergangenen Jahren
Kapitel 6: Statt einer Zusammenfassung.

Im 3. Kapitel geht es um die Technik der Blockade, wie sie schon von Nimzowitsch in die moderne Spielauffassung eingetragen worden ist. Der "französische Bauer" soll von Weiß möglichst lange auf e6 gehalten werden, um Schwarz die Befreiung zu erschweren, ihm insbesondere die Aktivierung seines Königsläufers nicht gelingt, dem der Bauer im Weg steht.
Das 4. Kapitel richtet sich mit 82 Diagrammstellungen an den Leser. Zumeist erfährt er nur, welche Seite am Zug ist, und muss dann die beste Fortsetzung finden. Manchmal soll er einen Plan für den am Zug befindlichen Spieler ausarbeiten oder die Konsequenzen eines bestimmten Manövers ermitteln. Alle Beispiele stammen aus praktischen Partien; einige von ihnen sind nach dem Erscheinen des Ursprungswerkes gespielt worden, also neu. Die Lösungen findet der Leser gesammelt im Anschluss. Es ist angenehm, dass die Buchseite mit der jeweiligen Lösung bereits konkret unter der Aufgabenstellung bezeichnet wird, so dass sie ohne Blättern und Suchen erreicht werden kann. Inhaltlich sind die Lösungen variantenorientiert gestaltet und enthalten nur wenige Texterläuterungen. Wenn die betreffende Quellpartie nur noch wenige Folgezüge bis zum Ergebnis aufwies, ist sie vollständig abgebildet. In den übrigen Fällen erfährt der Leser das Resultat und die Zugnummer, unter der es eingetreten ist.

Nicht hundertprozentig ist die Einbindung des 5. Kapitels gelungen. Autoren und / bzw. Verlag haben darauf geachtet, dass Zugfolgen, die sowohl im übernommenen Teil als auch im Rahmen der Entdeckungen in den jüngst vergangenen Jahren, im Variantenverzeichnis am Buchende zusammengestellt werden. Es ist aber nicht (immer) gelungen oder vielleicht auch nicht gewollt worden, neue Bewertungen "nach vorne" zu übernehmen. Um den letzten Bewertungsstand der Autoren zu erkennen, ist bei der chronologischen Bearbeitung immer wieder auch ein Ausflug nach hinten in das Kapitel 6 angebracht. Da hätte ich mir eine besser abgestimmte Lösung gewünscht oder einen konkreten Hinweis auf die Stelle einer weiteren Behandlung erwartet.

Das 6. Kapitel kann ich nicht so recht einordnen. Die Autoren wollen wohl ein bewertetes Extrakt liefern, versehen aber den Zug 1e6 mit einem Fragezeichen und bezeichnen ihn als Fehler. Dies ist ernst gemeint, hat mich aber eher von Beginn an auf Distanz zum Kapitel gebracht.

Alle theoretischen Erörterungen erfolgen anhand von insgesamt 131 Partien aus der Meisterpraxis. Jewgeni Sweschnikow favorisiert diese Methode des Lehrens, wie er schon in der Einführung anmerkt. Die Kommentierung ist eine bunte Mischung aus Text und Varianten, die mir zusagt, wenn auch passagenweise mal die eine und dann auch wieder die andere Methode dominiert.
Die Partien sind innerhalb der Kapitel bestimmten Oberthemen zugeordnet, die auf diese Weise gut strukturiert behandelt werden. Solche Oberthemen sind beispielsweise "Raumvorteil und/oder Endwicklungsvorteil, typische Endspiele" oder "Ausnutzung eines schwachen Felderkomplexes". Die einzelnen Partien selbst sind dann oft noch mit einem besonderen Charakteristikum überschrieben, beispielsweise "Angriff auf den König auf dem Damenflügel". So kann der Leser eine Verbindung zwischen dem ausschlaggebenden Manöver und dem "Masterplan" der Partie herstellen.

In der Einführung ist zu lesen, dass "The Complete French Advance" für jede Klasse von Spieler interessant sein soll, vom Freizeitspieler über den Klubspieler bis hin zum Großmeister. Den noch sehr unerfahrenen Spieler möchte ich vom Adressatenkreis des Werkes ausnehmen, da ich ihn von Beginn an für überfordert ansehe. Ein Großmeister könnte vielleicht an den von Mensch und Computer überprüften Neuerungen der letzten Jahre interessiert sein, was ich aber nur schlicht vermuten kann. Auf den Klubspieler ist das Werk in meinen Augen auf jeden Fall zugeschnitten.

Zwei einzelne Passagen mit Einschätzungen Vater Sweschnikows sind mir eine Einzelanmerkung in der Rezension wert. Die Erste davon findet man auf Seite 227. Er schreibt, sinngemäß übersetzt: "() Generell muss man die Vorschläge des Computers in geschlossenen Stellungen mit großer Vorsicht behandeln." Er erklärt, dass er seiner Intuition vertraut und ihr entsprechend den Vorteil sucht. Und er ist dann auch jederzeit bereit, die Belastbarkeit seiner Erkenntnisse am Brett zu überprüfen. Der Einblick in die Analyseküche eines so erfahrenen und erfolgreichen Tüftlers wie Jewgeni Sweschnikow ist auch für den Fernschachspieler beachtenswert, der sich in seiner Partie in einer durchaus mit Sweschnikow vergleichbaren Situation befindet.
Die zweite Passage steht auf Seite 277. Übersetzt gibt er hier den folgenden Ratschlag: "Wenn Sie auf der Höhe der neuesten Eröffnungsideen sein wollen, dann folgen Sie nicht den Partien der absoluten Top-Spieler. Richten Sie in erster Linie Ihre Aufmerksamkeit auf das Spiel der Spezialisten in der betreffenden Variante, denn sie sind ständig auf der Suche nach neuen Ideen." Am Beispiel mehrerer bekannter Spieler erläutert und begründet er im Anschluss seine Ansicht.

Das oben schon angesprochene Variantenverzeichnis ist um Diagramme bereichert und eine gute Hilfe bei der Orientierung im Buch. Ihm folgt ein langes Partienverzeichnis, welches die Rolle des letzten Inhaltes übernimmt.

Die Anforderungen an die Englisch-Kenntnisse des Lesers sind nicht hoch. Da er aber doch einiges an Text zu bewältigen hat, würde ihm eine gewisse Übung sicher helfen.

Fazit: "The Complete French Advance" ist ein gelungenes Werk mit einem Schönheitsfehler, der in einer nicht optimalen Einbindung des 5. Kapitels besteht. Es gibt Anleitung und bietet Ideen an, die dem Spieler ab Klubniveau aufwärts helfen können.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Schach unter der Lupe

Schach unter der Lupe

Dr. Hans-Joachim Krebs
Schach unter der Lupe
180 Seiten
ISBN: 978-3-947648-09-2 (Hardcover), 978-3-947648-10-8 (Softcover)
19,80 Euro (Hardcover), 16,80 Euro (Softcover)




Schach unter der Lupe
Sagt Ihnen der Name Ernst Zermelo etwas oder geht es Ihnen wie mir, so dass sie ihn bisher noch nicht fest in Ihrem Gedankengut verankert haben? Er war, soweit überliefert, kein großer Schachspieler, und doch hat er einen Meilenstein in Verbindung mit dem Schachspiel gesetzt. Ernst Zermelo lebte von 1871 bis 1953 und war vor allem ein exzellenter Mathematiker. Er bewies im Jahr 1913 für Spiele wie das Schachspiel, dass es von Beginn an entweder für Weiß oder für Schwarz eine dominante Strategie gibt, wonach das Spiel unabhängig vom Spiel des Gegners gewonnen werden kann, oder aber beide Spieler ein Remis erzwingen können.

"Nett zu wissen, aber damit ist es dann auch getan", könnte man nun vielleicht denken und dieser Feststellung für die Praxis keine weitere Bedeutung zumessen. Das aber wäre eine arg voreilige Reaktion, denn gerade auch in unserer vom Computer dominierten Zeit läge darin eine Unterschätzung. Mit seinem Buch "Schach unter der Lupe" eröffnet der Schachamateur und promovierte Naturwissenschaftler Hans-Joachim Krebs den Erkenntnissen Zermelos eine neue Chance, die Beachtung der Praxis zu erringen. Mit Praxis meine ich gleich mehrere Bereiche, so etwa die Spielauffassung im Schach an sich, die grundsätzlichen Begriffe der Lehre und die Wortwahl bei der Kommentierung von Partien wie auch die Programmierung und den Einsatz von Programmen zur Berechnung von Zügen im Spiel (sogenannte Engines).

Bevor ich diese Aspekte konkretisiere, möchte ich das Vorgehen erläutern, mit dem Hans-Joachim Krebs seine "schwere Kost" an Frau und Mann bringt.
Wie von einem Autor, der in den Naturwissenschaften und in der Mathematik zuhause ist, nicht anders zu erwarten, hat Hans-Joachim Krebs das Pferd mit den Zügeln der Logik aufgezäumt. Er beginnt mit der Annahme, dass die Ausgangsstellung im Schach ausgeglichen ist. Dies ist eine Annahme, da der wissenschaftliche Beweis hierfür bisher (noch) nicht erbracht worden ist. Wenn eine Stellung ausgeglichen ist, dann kann man in ihr logischerweise keinen Gewinnzug finden. Dieses Gleichgewicht muss sich also erhalten, wenn beide Spielpartner ausschließlich "korrekte" Züge machen. Solange dem so ist, gibt es in jeder Folgestellung mindestens einen Zug, der das Gleichgewicht erhält.
Eine Partie kann folglich nur durch einen Fehler aus der Waage geraten. Aber was ist ein Fehler? Wir kennen in der Kommentierung mehrere Definitionen dazu, je nach den Folgen eines Fehlgriffs. In der Logik des Autors kann von einem Fehler nur dann gesprochen werden, wenn er die Partie von "=" in "+-" oder in "-+" verändert, die Veränderung also etwas Absolutes in sich trägt. Alle Züge, die eine Partie für den Gegner gewinnbar machen, sind Fehler; demgegenüber sind alle Züge "korrekt", die diese Konsequenz vermeiden. Es gibt somit keine kleinen Fehler oder große, es gibt Fehler und korrekte Züge, sonst nichts.

Aber wie können wir die absolute Wahrheit in der Partie erkennen? Wie können wir erkennen, wie eine Partie ausgehen wird, wenn die aktuelle Stellung mit ausschließlich fehlerfreien Zügen fortgesetzt wird? Wir können es außerhalb des Bereichs, für die das Ergebnis über Tablebases durch Berechnung ermittelt worden ist, in der Regel nicht. Dies aber ist unbefriedigend, denn wir wollen natürlich nur fehlerfreie Züge machen. Wir bedienen uns der Hilfsmittel, die der Erfahrung im Schach entsprungen sind und auch heute noch entspringen. Weil uns die "Zermelo-Lupe" nicht zur Verfügung steht, nutzen wir die "Steinitz-Lupe", also die Kriterien, die es uns hilfsweise erlauben, uns der "absoluten Wahrheit" zu nähern. Die Auffassungen und Einschätzungen, die auf Wilhelm Steinitz zurückgehen, sollen unsere Ohnmacht mildern, das uns unbekannte theoretische Ergebnis in der Partie zu erkennen. Aber tun sie dies wirklich? Sind die Mittel der Stellungseinschätzungen, die verwendeten Kriterien und Begriffe, die Mittel der Kommentierung tatsächlich geeignet?

Wir kennen die Stellungseinschätzung "Weiß steht etwas besser", wenn wir nach den Methoden von Steinitz etc. die Stellung einschätzen. Nach Zermelo gibt es "etwas besser" aber nicht. Entweder die Stellung ist gewonnen oder sie ist gleich. Also kann "etwas besser" nur bedeuten, dass die Einschätzung etwas aus dem Bereich der "Märchenerzählung" ist oder dass der Gegner, in diesem Fall Schwarz, mehr in die Lage versetzt wird, einen absoluten Fehler zu begehen, die Partie also zu eigenen Lasten aus der Waage zu bringen. Hier verlässt der Ansatz die Objektivität und tritt in die Subjektivität ein.
"Schach unter der Lupe" widmet sich auch der Frage, inwieweit sich die "Steinitz-Lupe", die nach Positionsmerkmalen kleine Vorteile addiert, mit der "Zermelo-Lupe" in Verbindung bringen lässt bzw. zu Widersprüchen führt.

Besonders erwähnt hatte ich eingangs auch die Schach-Engines, die heute aus der Realität nicht mehr wegzudenken sind. Dr. Hans-Joachim Krebs versteht sein Werk besonders als Grundlage, auf dessen Basis die Stellungsbewertung auf Korrekturbedarf überprüft und diskutiert werden kann. Dies geht keinesfalls an den Engines vorbei. Diese sind ebenfalls nicht in der Lage, die absolute Wahrheit in der Bewertung zu ermitteln, und damit ebenfalls nur Sammler von Indizien. Der Anwender, besonders auch im Fernschach, sollte sich dies klar machen. Seine Engine - egal welche - ist nicht in der Lage, das Dilemma der menschlichen Einschätzung für sich auszuschließen, sondern unterliegt ihm in gleicher Weise. Einer Engine-Hörigkeit wohnt die Gefahr inne, genau den Grat zwischen "Zermelo-Lupe" und "Steinitz-Lupe" unzulässig zu verwischen. Beides zusammen, menschliches Spielverständnis und Rechenkraft der Engine, verfeinert die Steinitz-Lupe und trägt damit die Chance in sich, der Wahrheit "etwas weiter näher zu kommen".
Oder wird es der AlphaZero-Algorithmus sein, der die Steinitz-Lupe verwirft und neue Regeln schafft, die diese Nähe intensivieren? Allerdings nutzt dieser Algorithmus auch Methoden aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung. In einem streng deterministischen, also kein Zufallselement beinhaltenden Spiel wie Schach kann dies nicht zum Erkennen der "ganzen Wahrheit" führen.

"Schach unter der Lupe" wird von CM Manfred Herbold unter seinem Label "Der Schachtherapeut" herausgegeben. Er ist als Schach- und Fernschachspieler wie auch als Autor bekannt. Es ist erfreulich, dass dieses Werk mit auch seinem Engagement den Weg in die Öffentlichkeit findet. Es hat einen individuellen Wert in der Diskussion um das Schachspiel und verdient ganz klar Beachtung.
Wer das Schachspiel unter auch wissenschaftlichen Ansätzen verstehen möchte und in die Logik abseits des herkömmlichen Brettgeschehens eintauchen möchte, wird von "Schach unter der Lupe" ausgezeichnet bedient.
Das Werk ist nicht leicht zu verstehen. Dies liegt nicht an ihm selbst, sondern an der Materie, die es enthält. Hans-Joachim Krebs legt seine Ideen und seine Kritik an vielen Beispielen dar, um den Leser in der Aufnahme des Stoffes zu unterstützen.

Das Buch hat rund 180 Seiten und ist vor allem beim Herausgeber Manfred Herbold erhältlich (E-Mail: mherbold@gmx.net / Tel.: 06351-125374). Als Softcover-Ausgabe kostet es 16,80 Euro, mit Hardcover: 19,80 Euro. Innerhalb von Deutschland erfolgt die Zustellung versandkostenfrei.

Fazit: "Schach unter der Lupe" ist meine Kaufempfehlung an die Schachwelt.


 

Bishop Endings: An Innovative Course

Bishop Endings: An Innovative Course

Efstratios Grivas
Bishop Endings: An Innovative Course
178 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-94-9251-017-4
23,95 Euro




Bishop Endings: An Innovative Course
In eine schwierige Konkurrenzsituation hinein hat Efstratios Grivas sein Endspielbuch "Bishop Endings: An Innovative Course" geschrieben. Der Schachfreund wird auf diesem Sektor bereits recht breit gestreut bedient und mit der Reihe "The Modern Endgame Manual" ist unter dem polnischen Label Chess Evolution gerade erst jüngst ein viel beachteter Kurs auf den Markt gekommen. Er beinhaltet zwei Bände, betitelt mit "Minor Piece Endings", die eine klare Überlappung mit dem hier besprochenen Werk zeigen. An diesen also muss sich "Bishop Endings: An Innovative Course" messen lassen oder aber eine spezielle Nische für sich finden, um eine Bereicherung im Bücherregal zu sein. Und genau hierin liegt die Chance dieser von Thinkers Publishing herausgegebenen Neuerscheinung.

Grivas stellt fest, dass selbst Großmeister gelegentlich fundamentale Prinzipien durchgehen müssen, um sie im Gedächtnis zu halten. Nach dem Durcharbeiten des Buches ist genau dies der Ansatz, unter dem es sachgerecht und angemessen bewertet werden kann. Seine Qualitäten liegen eher eng begrenzt in einem Bereich, in dem es dem Anfänger im Schach die Führung von Läuferendspielen beizubringen gilt. Hierfür sind die Ansprüche an die Vorkenntnisse des Lesers zu hoch, die verwendeten Beispiele zu speziell und die Erläuterungen zu wenig als Anleitung geeignet. Um aber dem erfahrenen Klubspieler und höher ein geordnetes Material an die Hand zu geben, um vorhandene Kenntnisse zu bewahren, durch Anwendung abzurufen und zu verfeinern, ist "Bishop Endings: An Innovative Course" zweifellos geeignet. Es werden dabei auch Inhalte bedacht, die in verschiedenen Werken der Eröffnungsliteratur verwendet worden sind.

Das Quellenverzeichnis ist sehr lang. Es enthält zahlreiche eigene frühere Veröffentlichungen von Grivas, einiges von Chessbase, aber auch ein breites Spektrum an Büchern bekannter Autoren zum Endspiel und zur Schachtheorie allgemein. Namentlich später im Text erwähnt werden häufiger beispielsweise Karsten Müller und Mark Dvoretsky, die entsprechend natürlich ebenfalls mit ihren Werken im Verzeichnis vertreten sind.
Wie dies das Quellenverzeichnis erwarten lässt, sind zahlreiche Beispiele irgendwo schon einmal erschienen. In "Bishop Endings: An Innovative Course" erhält der Leser diese neu aufbereitet bzw. in einer neuen Zusammenstellung angeboten. Teilweise nutzt Grivas Quellen zu einem "Feintuning" der Fähigkeiten des Lesers. Dies wird besonders deutlich an einem Beispiel auf Seite 48. Hier bespricht er eine Rauser-Analyse aus dem Jahr 1928 zur Konstellation Läufer mit Bauer gegen Bauer. Ich gehe mal davon aus, dass diese Analyse schon Gegenstand der Lehre zur Endspielführung war, als ich selbst noch als Kohl auf dem Acker stand. Im Rahmen der Behandlung referenziert Grivas eine Bemerkung Dvoretskys, die darauf basiert, einen in der Originalstellung auf a3 stehenden Bauern nach a2 zu verfrachten, um die Auswirkung dieser kleinen Änderung zu untersuchen.
Übrigens sind Beispiele wie dieses auch ein Grund dafür, dass ich "Bishop Endings: An Innovative Course" eher nicht als erstes Lehrbuch für den Neuling im Schach sehe, sondern seinen Wert im Trainingsbereich des fortgeschrittenen Spielers verorte.
Ergänzend sei angefügt, dass Grivas - zweifellos völlig zurecht - eine ganze Reihe von Stellungen als "einzuprägen" deklariert, was ebenfalls eher der Auffrischung des erfahrenen Spielers dienen kann als dem Anfänger für seine Partien praxisrelevant helfen. Bisweilen werden Varianten über bis zu rund 20 Züge ohne besondere Kommentierung geführt, so dass die Fortsetzung einer Partie nach der richtigen Weichenstellung entsprechend der Endspieltheorie bewiesen wird, was den spielstarken Schachfreund erreichen kann.

Am Ende des Werkes findet der Leser Übungen, an denen er sein (neu erworbenes oder wieder erinnerliches) Knowhow anwenden und unter Beweis stellen kann.

Einen ausdrücklichen Hinweis des Autors, den er im Rahmen einer Zusammenfassung auf Seite 70 gibt, möchte ich besonders aufgreifen. Er bemerkt, dass es sowohl für den Könner als auch für den Lernenden eine Empfehlung ist, unter Nutzung der Tablebases Endspiele zu analysieren bzw. die Endspielführung zu trainieren. Ein solcher Hinweis ist mir bei anderen Autoren bisher nicht aufgefallen.

Wer als Fremdsprachler bequem mit diesem in Englisch verfassten Buch arbeiten möchte, sollte über Kenntnisse auf gutem Schulniveau verfügen.
Etwas gestört haben mich Fehler in der Worttrennung, die mehr als nur Einzelfälle waren. Auch wenn dies inhaltlich bedeutungslos ist, hätte eine fundierte abschließende Korrekturlesung diese Fehler vermeiden lassen können.

Fazit: Ich empfehle "Bishop Endings: An Innovative Course" dem Spieler von Klubstärke aufwärts als Trainingsbuch für das Führen von Läuferendspielen. Neben dem Erfolg, bekannte Prinzipien sich wieder neu in Erinnerung zu rufen, wird dieser Leser eine Verfeinerung seiner Kenntnisse für sich verbuchen können.
Dem lernenden Spieler empfehle ich hingegen eher die oben bereits genannten Werke von Chess Evolution.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Fighting the London System

Fighting the London System

Kiril Georgiev
Fighting the London System
196 Seiten, kartoniert
ISBN: 9786197188158
19,95 Euro




Fighting the London System
Es gibt inzwischen eine recht breite Auswahl für den Spieler, der etwas zum Londoner System sucht, um sich für dessen Einsatz in seinen eigenen Partien zu präparieren. Mit "Fighting the London System" ist nun gewissermaßen das Gegenstück hierzu erschienen. Kiril Georgiev, Großmeister aus Bulgarien, Autor und nicht zuletzt ein brillanter Blitzschachspieler zeichnet sich als Autor verantwortlich. Erschienen ist das Werk im bulgarischen Verlag Chess Stars in dessen besonderer Form von Repertoirebüchern. Diese hebt sich dadurch von anderen Büchern dieses Genres ab, indem es einem pfiffigen Aufbau folgt. Zuerst werden dem Leser in einem Abschnitt "Main Ideas" die grundlegenden Ideen einer Variante, Ideen zur Spielführung, konkrete Pläne etc. dargestellt. In dem sich anschließen Abschnitt "Step by Step", wörtlich übersetzt also "Schritt für Schritt" kommt es dann zur intensiven theoretischen Erörterung, zur Vorstellung des von Georgiev zusammengestellten Repertoires. Der abschließende Teil "Annotated Games" enthält kommentierte Beispielpartien. Diese bilden nicht nur eine Brücke zwischen Theorie und Praxis, sondern setzen sich auch noch mit Nebenwegen auseinander bzw. gehen auch noch auf weniger erfolgversprechende Pläne ein. Eine wertende Zusammenfassung zieht um die wichtigsten Linien eine letzte Klammer.

"Fighting the London System" reibt sich bisweilen deutlich an anderen Werken. So stellt es Gegenpositionen auf zu Aussagen u.a. von Nikola Sedlak ("Winning With the London System"), von Alfonso Romero Holmes und Oscar de Prado ("The Agile London System") und auch Boris Awruch in "The Grünfeld Defence Volume One".
Wenn ich oben von einem "Gegenstück" gesprochen habe, so begründet sich dies damit, dass Georgiev mit "Fighting the London System" die Schwarzspieler wappnen möchte, um auf die weiße Wahl des Londoner System qualifiziert zu reagieren. Und wenn ich vorstehend zudem darauf aufmerksam gemacht habe, dass Georgiev sich häufig an den Aussagen anderer Autoren reibt, so geht dies regelmäßig auf genau diese unterschiedlichen Ansätze zurück. Georgiev hadert zumeist damit, dass wichtige - oft die in seinen Augen naheliegendsten - Zugalternativen von Schwarz nicht behandelt werden. Seine weiteren Kritikpunkte betreffen zumeist ausgesprochene Bewertungen oder Begründungen für eine ausgedrückte Einschätzung der anderen Autoren.

Noch bevor ich auf die spezifischen Inhalte von "Fighting the London System" eingehe, erlaube ich mir ein kurzes Zwischenfazit. In meinen Augen ist diese Arbeit ein sehr wichtiger Baustein in der Diskussion des Londoner Systems. Das Werk ist für Schwarz und für Weiß wichtig; der Nachziehende erhält neue, teilweise bisher noch nicht literarisch vorgestellte Repertoirelinien, der Anziehende eine Abrundung seines theoretischen Wissens und einen Blick hinter den Vorhang vor der schwarzen Repertoireküche.

Georgiev hat sein Werk in acht Kapitel untergliedert. Diese sehen dem Inhaltsverzeichnis entsprechend - sinngemäß ins Deutsche übertragen - wie folgt aus:

Kapitel 1: 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.Sf3 g6
Kapitel 2: Der Barry-Angriff 2.Sf3 Sf6 3.Lf4 g6 4.Sc3
Kapitel 3: 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.Sf3 g6 4.c4
Kapitel 4: 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.e3 e6 mit ...b6
Kapitel 5: 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.e3 e6 mit ...c5
Kapitel 6: 1.d4 d5 2.Lf4 c5
Kapitel 7: Das klassische Londoner System
Kapitel 8: Der Benoni-Ansatz.

Das Kapitel 7 folgt der klassischen Zugfolge des Londoner Systems mit 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.Lf4. Ansonsten legt er die beschleunigte Vorgehensweise mit 2.Lf4 zugrunde, bei der Weiß den Springer erst verzögert entwickelt. Georgiev begründet dies mit aktuellen Trends und der größeren Flexibilität, die Welß sich damit verschafft. Georgievs Favorit für ein Spielen auf Sieg gegen das Londoner System wird im 4. Kapitel behandelt. Schwarz verzichtet auf ein frühes ...c5 zugunsten einer Fianchettolösung am Damenflügel, womit er mehreren aktuellen weißen Möglichkeiten für ein aktives Vorgehen ausweicht.
Insgesamt lehnt sich Georgiev möglichst an Ideen aus Grünfeldindisch an. Dies erklärt seine Aussage, dass Schwarzspieler, die ohnehin bereits dieses System im Repertoire haben, sich schneller in seine Wege werden einfinden können. Bisweilen sind auch damenindische Ansätze zu erkennen.
Ein Zitat (in Übersetzung) wert ist mir die folgende Aussage Georgievs auf Seite 59 unter der Überschrift "Theoretical Status". Er schreibt: "Meine Hauptvarianten sind in den jüngsten Grünfeldindisch-Büchern praktisch unbehandelt geblieben. Der Überraschungseffekt dürfte für Schwarz sprechen."

Georgiev ist ein Meister des Erklärens und Begründens. Es bleibt kaum mal eine Einschätzung zur Lage auf dem Brett unbegründet, kaum eine Empfehlung zu einer bestimmten Variante bleibt die Begründung schuldig. Ein Werk wie "Fighting the London System" nimmt den Leser quasi Stück für Stück auf dem Weg in den Stoff an die Hand.

Ich habe oben hervorgehoben, dass Georgiev auch ein ausgezeichneter Blitzspieler war und ist. Er hat seine Erfahrung aus einer hohen Zahl praktischer Partien in "Fighting the London System" verarbeitet. Ich meine auch zu erkennen, dass diese Erfahrungen zu einem erheblichen Anteil ihre Keimzellen in Intuition hatten, die nicht zuletzt in Blitzpartien von ihm gefordert war. "Das wird gut sein" oder "das kann nicht schlecht sein" dürfte nicht selten der Hintergrund für seine Entscheidung am Brett gewesen sein, die dann später "technisch" unterfüttert wurde.

Der Leser mit Deutsch als Muttersprache sollte über Sprachkenntnisse auf Schulniveau verfügen, um bequem mit dem Buch arbeiten zu können. Im Original sind einige sprachliche Fehler bzw. "Sperrigkeiten" zu finden. Man braucht nur etwas Toleranz, um darüber hinwegsehen zu können. Für das Verständnis als Fremdsprachler ist meine Feststellung unbedeutend.

Fazit: "Fighting the London System" ist in meinen Augen eine beinahe unausweichliche Anschaffung für den Spieler mit Schwarz, der sich gegen das von Weiß gewählte Londoner System vorbereiten will, ohne die "pro System" verfügbare Literatur als einzige Quelle für sich zu akzeptieren. Gleiches gilt für die Weißspieler, die schon in der Vorbereitung erfahren wollen, was sie demnächst vermehrt am Brett von ihren Gegnern vorgesetzt erhalten werden.
Das Werk ist ein ausgezeichneter Vertreter der Serie von Repertoirebüchern von Chess Stars.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Queen's Gambit Declined - move by move

The Queen's Gambit Declined - move by move

Nigel Davies
The Queen's Gambit Declined - move by move
300 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-407-3
22,95 Euro




The Queen's Gambit Declined - move by move
Das abgelehnte Damengambit ist das Thema des Buches "The Queen's Gambit Declined - move by move", das GM Nigel Davies für Everyman Chess geschrieben hat. Wie es schon der Titel anzeigt, ist das Werk in die "move by move"-Reihe des Verlagshauses eingereiht, es bedient sich somit der besonderen Kommentierungsform mit eingestreuten und an den Leser gerichteten Fragen.
Anders als bei den bislang von mir besprochenen Vorgängern aus der Serie, die auch einer Eröffnung gewidmet waren, tritt beim vorliegenden Werk eher der Charakter eines Repertoirebuches in den Vordergrund. Die eingearbeiteten Fragen dienen weniger dem Aufbau des Verständnisses, das abgelehnte Damengambit als solches spielen zu können, als genau das von Davies erstellte Repertoire zu verstehen und auch dann via Überleitungen zu erreichen, wenn der Weißspieler über Flankeneröffnungen geht oder Zugumstellungen pfiffig aufzufangen sind.
Davies arbeitet nur mit Fragen, die der Leser beantworten soll. Frühere Bücher der "move by move"-Bücher arbeiteten mit weiteren Formen der Leserbeteiligung, so etwa mit Übungsaufgaben. Diese setzt Davies nicht ein.

Der Kerngedanke des Buches besteht darin, den Spieler mit Schwarz mit einem Repertoire auszustatten, das auf ...Sf6 und ...Le7 sowie normalerweise ...Sbd7 basiert. Dieses soll er möglichst gegen alles einsetzen können, was von weißer Seite kommt.
Davies denkt auch an die Weißspieler unter seinen Käufern, denen er das 1. Kapitel ans Herz legt. In diesem geht es um die Abtauschvariante mit Sf3. Als Anziehender soll der Leser auf d5 tauschen, sobald sich der erste geeignete Moment dafür ergibt, um der Anleitung des Buches zu folgen.

"The Queen's Gambit Declined - move by move" enthält fünf Kapitel, auf die sich insgesamt 72 kommentierte Partien als Träger aller Ausführungen zur Theorie verteilen. Wie für Repertoirebücher üblich sind diese Partien innerhalb einer Variante über Schlüsselzugfolgen miteinander verbunden. So hangelt sich der Leser auf den Pfaden des Autors durch die Partien. Wenn eine beachtenswerte Zugalternative in der laufenden Partie nicht behandelt wird, erscheint sie in einer der nächstfolgenden.
Das detaillierte Variantenverzeichnis am Ende des Werkes ist eine sehr gute Unterstützung bei der stofflichen Orientierung im Buch. Es ist um Diagrammstellungen bereichert, die dem Leser zusätzlich durch Visualisierung helfen.

Kein klares Bild ergibt sich für mich hinsichtlich der Antwort auf die Frage, an welchen Adressatenkreis Davies sich richtet. Es gibt Beispiele unter den an den Leser gerichteten Fragen, die sehr einfacher Natur sind. Sie vermitteln den Eindruck, dass schon ein unerfahrener Spieler mit dem Werk zurechtkommen wird. Demgegenüber sind andere Antworten nicht leicht zu finden und manche der von Davies gewählten Repertoirewege für einen Anfänger kaum fundiert zu spielen. Als eines von mehreren Beispielen greife ich gleich die Partie 1 auf. Hier handelt es sich um Bu Xiangzhi gegen J. Rowson, Turin 2006. Dem Partieverlauf entsprechend empfiehlt er ein weißes Vorgehen, das erhebliche Schwächen der eigenen Königsstellung in Kauf nimmt. Jenseits der "Arme der Theorie" lässt er den Leser zu 23.f4 fragen, ob dies nicht ein schrecklicher Zug ist, da er Schwarz einen Vorposten anbietet und einen eigenen Läufer zu einem Großbauern macht. In seiner Antwort zeigt er die positiven Aspekte des Zuges auf, die im Raumgewinn und einem eigenen Vorposten bestehen. Er zeigt auch auf, wie die vom Leser gesehene Problematik ggf. aufgelöst werden kann. Dies ist alles richtig und qualifiziert, aber Stoff für einen unerfahrenen Spieler? Ausdrücken möchte ich hiermit Ungereimtheiten in der Orientierung auf die Spielstärke des Lesers.
Im Ergebnis lege ich mich darauf fest, dass "The Queen's Gambit Declined - move by move" ein Werk für den fortgeschrittenen Spieler ist, der sich im Bereich des Klubspielers einordnen darf.

Nochmals kurz zu den eingestreuten Fragen: Einige Male hat mich das Gefühl befallen, dass sie bisweilen etwas willkürlich gesetzt sind. Mein Eindruck ist, dass erst im Nachgang der herkömmlichen Kommentierung die Inhalte dieser Fragen bestimmt worden sind. Es gibt etliche Stellen, an denen ich ein entsprechendes Nachhaken als gut platziert angesehen hätte, während ich es an anderen Stellen als allenfalls exemplarisch wertvoll angesehen habe. Diese Fälle sind vor dem Hintergrund, den Leser die Systeme als solche verstehen zu lassen, eher weniger überzeugend. Ein Beispiel dazu: In Partie 10 (Kaasen - Hänsen, Lund 2016) fragt der Leser zum 15. Zug, warum Weiß seinen Minoritätsangriff nicht mit 15.b5 fortgesetzt hat, und erhält zur Antwort, dass der Autor dies nicht weiß und das Vorgehen vielversprechend gewesen wäre. Zwei Züge später tätigt Schwarz mit 16...Lf5 den nächsten Schritt in seinem Plan, der aber nur eine schlichte Anmerkung erhält.
Mehrere Partien sind komplett ausschließlich herkömmlich kommentiert, was meinen beschriebenen Eindruck verstärkte.

Mehrere Partien werden durch recht grobe Fehler entschieden. Für die Darstellung des Repertoires mag dies nicht sonderlich von Belang sein, für die Stringenz der Partieführung bis ins Ergebnis hinein ist dies aber nicht bedeutungslos.

Das Quellenverzeichnis ist übersichtlich; neben einer Online-Datenbank enthält es nur fünf Bücher, die allesamt älteren Datums sind. Davies hat Varianten auch mittels Engine überprüft, die er allerdings nicht benennt.
Das Fernschachspiel ist im Werk kaum vertreten.

Um "The Queen's Gambit Declined - move by move" bequem nutzen zu können, sollte der Fremdsprachler Englischkenntnisse auf einem guten Schulniveau besitzen.

Fazit: "The Queen's Gambit Declined - move by move" ist ein gutes und empfehlenswertes Werk. Der Spieler auf Klubniveau, der ein Kernrepertoire zum Abgelehnten Damengambit sucht, das er eventuell auch über andere Systeme ansteuern kann, bekommt ein qualifiziertes Buch in die Hand. Dieses Kernrepertoire soll er verinnerlichen können, wobei Fragen und die Antworten darauf im Stil der "move by move"-Bücher helfen. Ein paar Aspekte, die man als "Schönheitsfehler" bezeichnen kann, beschränken den Einsatzwert des Werkes nicht, sie reizen die Möglichkeiten der Werke aus der bezeichneten Buchreihe allerdings nicht ganz aus.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Chameleon Variation

The Chameleon Variation

Carsten Hansen
The Chameleon Variation
160 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-86-8
19,95 Euro




The Chameleon Variation
Unter dem Titel "The Chameleon Variation" hat der dänische FIDE-Meister und FIDE-Trainer Carsten Hansen ein schmales Büchlein von 160 Seiten zur Zugfolge 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 für Russell Enterprises geschrieben, das 2017 auf den Markt gekommen ist. Der Untertitel des Werkes "Confronting the Sicilian on Your Own Terms" kann etwas frei und doch noch sinngemäß mit "den Gegner zwingen, die Sizilianische Verteidigung nach den Bedingungen von Weiß zu spielen" interpretiert werden. Wenn Sie nun bei den genannten Eingangszügen für sich an die Geschlossene Variante des Sizilianers gedacht haben, die vor allem auch durch das frühe Sb1-c3 charakterisiert wird, dann ist Ihnen ein Versehen unterlaufen, dem Hansen nach seinen eigenen Worten einige Punkte zu verdanken hat, indem seine Gegner dieselbe Idee hatten. Sie spulten ihre entsprechend eingeprägten Züge herunter und erkannten ihren Irrtum zu spät. Als prägnante Zugfolge gibt er 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 e6 4.g3 g6? 5.d4! cxd4 6.Sxd4 Lg7? 7.Sdb5 an.

Er sieht den Vorteil der Fortsetzung 3.Sge2 im Wesentlichen in zwei Punkten verankert. Zum einen ist dies die Möglichkeit, Schwarz aus seiner eröffnungstheoretischen Komfortzone zu locken auf ein Feld, auf dem er selbst mindestens ebenbürtige Kenntnisse hat, und auf dem er Eröffnungstheorie aus dem Weg gehen kann. Zum anderen ist es ihre Flexibilität, die ihr beinahe alle Wege in Varianten erlaubt, die auch über 3.Sf3 erreichbar wären, wenn der Anziehende dies will und eben dann unter den von ihm herbeigeführten Bedingungen. Diese Flexibilität ist auch der Hintergrund für seine Bezeichnung dieses Eröffnungsvorgehens als Chamäleon-Variante. Wie das hierfür Pate stehende Tierchen kann sich auch die Themavariante seines Buches verändern und den Gegebenheiten anpassen. Irgendeine allgemeine Anerkennung genießt diese Bezeichnung meines Wissens nicht.

Das Inhaltsverzeichnis ist zugbasiert aufgebaut und enthält einen entsprechenden Hinweis, wenn eine Zugfolge als Übergang in ein herkömmliches System der Sizilianischen Verteidigung fungiert. Es sieht, auf die Hauptlinien reduziert, auf deutsche Figurenzeichen umgestellt und übersetzt, wie folgt aus:

Kapitel 1: Ideen
Kapitel 2: 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 e5 etc.
Kapitel 3: 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 Sf6 4.g3 d5 etc.
Kapitel 4: 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 e6 4.g3 Sf6
Kapitel 5: 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 e6 4.g3 d5
Kapitel 6: 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 Sd4 etc.
Kapitel 7: 1.e4 c5 2.Sc3 e6 3.Sge2 a6 4 g3 b5 mit 6.0-0 etc.
Kapitel 8: 1.e4 c5 2.Sc3 e5 3.Sge2 a6 4.g3 b5 5.Lg2 Lb7 6.d4 etc.
Kapitel 9: 1.e4 c5 2.Sc3 e6 3.Sge2 d5
Kapitel 10: 1.e4 c5 2.Sc3 d6 3 Sge2 e5
Kapitel 11: 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3 Sge2 e6 4 d4 d5!? und 3...Sf6 4 d4 d5?! etc.
1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 Sf6 4.d4 d5?! etc.
Kapitel 12: Übergänge zur Drachenvariante, 2...Sc6 3.Sge2 g6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 Lg7 6.Sde2 Sf6 7.g3 etc.
2...d6 3.Sge2 Sf6 4.g3 Sc6 5.Lg2 g6 6.d4 cxd4 7.Sxd4 Ld7 8.Sde2
2...Sc6 3.Sge2 Sf6 4.g3 d6 5.d4 cxd4 6.Sxd4 g6 7.Sde2
2...Sc6 3.Sge2 g6 4.g3 Lg7 5.Lg2 d6 6.0-0 Sf6 7.d4 cxd4 8.Sxd4 Sxd4 9.Dxd4 0-0
Kapitel 13: Übergänge zur Najdorf-Variante
Kapitel 14: Übergänge zur Klassischen Variante
Kapitel 15: Ideen in der Geschlossenen Variante mit Sge2
1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 g6 4.g3 Lg7 5.Lg2 d6 6.d3
1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2 Sf6 4.g3 g6 5.Lg2 Lg7 6.0-0 0-0 7.d3 d6 8.h3 Tb8 9.f4
1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.Sge2 Sf6 4.g3 Sc6 5.Lg2 g6 6.0-0 Lg7 7.Sd5.

Das erste Kapitel setzt sich mit den wesentlichen Ideen der Spielweise generell auseinander. Die Folgekapitel sind im Aufbau vergleichbar. Sie werden regelmäßig kurz textlich eingeleitet, wobei Hansen auch hier Ideen und Besonderheiten anspricht. Den Abschluss bildet eine wertende Zusammenfassung. Dazwischen findet der Leser stark von Varianten dominierte Darstellungen. Das Rückgrat aller Ausführungen bildet im Baumaufbau, dem das Buch folgt, regelmäßig ein Fragment aus der Turnierpraxis. An diese Hauptvariante lehnt er die Abzweigungen an, die zumindest ganz überwiegend aus gespielten Partien stammen. Eigene Analysen Hansens sind mir nicht aufgefallen, abgesehen von einigen Vorschlägen für eine Abweichung von einem jeweils realen Spielverlauf. Die Nebenvarianten, die teilweise bis weit in die Partie und manchmal bis zu ihrem Ende führen, hat Hansen nur spärlich um Text ergänzt. Wenn dies der Fall ist, dann handelt es sich zumeist nicht um Erläuterungen von Ideen etc., sondern um Aussagen zum Stand in der Partie, zu den Chancen beider Seiten etc. Manchmal begründet er seine Einschätzung, zumeist allerdings nicht. So lässt sich feststellen, dass er vor allem eine enorme Fleißarbeit in der Sichtung und Zusammenstellung des Praxismaterials erfüllt hat, die "The Chameleon Variation" den Charakter einer Stoffsammlung verleiht.

Die Art der Darstellung mit dem Verzicht auf Erläuterungen in einem bemerkenswerten Umfang machen das Werk in meinem Augen zu einem Füllhorn an Material und damit Ideen aus der Praxis, das sich an den fortgeschrittenen Spieler richtet. Es kann meines Erachtens definitiv nicht von einem Spieler zufriedenstellend genutzt werden kann, der seine Stärken auf dem Brett noch nicht allzu weit ausbauen konnte. Der Spieler, der eine sehr gut sortierte Datenbank und etwa Chessbase hat, kann sich eine Materialsammlung und -auswertung in einer ähnlichen Form selbst verschaffen, "The Chameleon Variation" erspart ihm diesen Aufwand.

Illustrationspartien im eigentlichen Sinn enthält das Werk nicht, auch wenn manche der abgebildeten Duelle aus der Praxis bis zur Entscheidung aufgenommen worden sind.

Zahlreiche Fragmente stammen aus Fernpartien, was bestätigt, dass Hansen sich auch dieser Quelle intensiv bedient hat.

Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse sind nicht erwähnenswert. Einerseits sind Textkommentare begrenzt, andererseits halten sie sich an das übliche Vokabular der Schachkommentierung.

Fazit: "The Chameleon Variation" ist das Ergebnis einer Fleißarbeit, das sich eher dem erheblich fortgeschrittenen Spieler erschließen wird. Er kann das angebotene Material selbst einschätzen und bewerten, das Buch hält sich insofern sehr zurück. Der spielstarke Schachfreund erhält eine seriös aufgearbeitete Sammlung von Praxiserfahrungen nach den Initialzügen 1.e4 c5 2.Sc3 Sc6 3.Sge2.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames

Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames

Romain Edouard
Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames
276 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-94-9251-015-0
26,50 Euro




Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames
Romain Edouard, französischer GM und Buchautor, hat mit "Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames" den zweiten Spross einer Buchserie vorgelegt, die sich mit zu lösenden Diagrammaufgaben an den Leser richtet. Den ersten Band, der sich mit Mittelspielstellungen befasste und natürlich ebenfalls von Thinkers Publishing in den Markt gegeben worden ist, habe ich schon im vergangenen Jahr rezensiert.

Das neue Werk enthält insgesamt 424 zu bewältigende Aufgaben, die 11 Kapiteln zugeordnet sind. Zehn davon kategorisieren diese Übungen nach deren Natur bzw. der Art der vom Leser zu erbringenden Leistung, das Elfte ist ein Sammelbecken für Beispiele außerhalb der bereits behandelten Themen.
In der nachfolgenden Zusammenstellung der Inhalte habe ich die Kapitelüberschriften sinngemäß ins Deutsche übersetzt.

Kapitel 1: Aufwärmtraining
Die Aufgaben in diesem Bereich sind leichter als jene in den späteren Kapiteln und könnten jenen thematisch jeweils zugeordnet werden. Sie sollen den Leser quasi in den Lösungsmodus versetzen. Ein paar von ihnen, vielleicht eine Seite, soll er sich jeweils vornehmen, bevor er in spätere Kapitel einsteigt. Zu finden gibt es jeweils einen Gewinnzug oder aber eine Remismöglichkeit. Unter dem jeweiligen Diagramm steht, um was es im Einzelfall geht.

Kapitel 2:Testen Sie Ihre Reflexe
Hier ist der Leser gehalten, Instinkt und Intuition mit den Methoden der Endspielführung zu verbinden, sein Endspiel-Knowhow entsprechend fix umzusetzen. Er soll schnelle Entscheidungen treffen können, um mit wenig Bedenkzeit auszukommen. Zu finden sind Dinge wie eine automatische Verteidigung, natürliche Figurenaufstellungen, zu vermeidende Fallen, typische Gewinnschläge und mehr.

Kapitel 3: Finden Sie den technischen Gewinnweg!
In diesem Kapitel gilt es in den Aufgaben einen bestimmten Zug oder aber eine Variante zu finden. Im Vordergrund der Schulung bzw. des Trainings steht die Berechnungsfähigkeit des Lesers am Brett hinsichtlich ihrer "technischen Seite".

Kapitel 4: Unerwartete Schläge!
Dieses Kapitel stellt den Leser vor die Aufgabe, eine taktische Möglichkeit zu erkennen und zu nutzen, ohne die das Spiel zumeist in ein Remis laufen würde. Hier also ist es eine Grundbedingung für eine erfolgreiche Suche, die wesentlichen taktischen Motive zu kennen und zu beherrschen. Dabei soll der Leser nichts als offensichtlich annehmen.
Zu der letzten Aussage erlaube ich mir eine kleine Randbemerkung. Edouard unterläuft an dieser Stelle ein Widerspruch in seinen Ausführungen, den man dann erkennt, wenn man das Kapitel 8 hinzuzieht. Während der Leser im Kapitel 4 den Hinweis erhält, dass er nichts als offensichtlich annehmen soll, soll er dort gerade das Offensichtliche schnell erkennen lernen, über das er fix hinweggehen soll, ohne überraschende Möglichkeiten zu verpassen.

Kapitel 5: Finden Sie den Remisweg!
Die Überschrift des Kapitels scheint bereits erschöpfend anzugeben, wie sich die folgenden Aufgaben stellen werden. Dies ist aber nicht der Fall. Es ist vielmehr so, dass der Leser mittels Variantenberechnung eine Stellung auf dem Brett herbeiführen soll, die der um das Remis kämpfenden Partei zweifellos den Erfolg bringt.

Kapitel 6: Treffen Sie die richtige Wahl!
Hier werden dem Leser jeweils zwei Alternativen als Züge angeboten. Mittels Berechnung soll er herausfinden, welches die korrekte Wahl und welches der Fehler ist. Die Varianten sollen die Ergebnisse begründen. Teilweise gibt es unerwartete Möglichkeiten auf dem Weg, die es dann zu erkennen und zu nutzen gilt.

Kapitel 7: In Sekunden!
Dieses Kapitel korrespondiert mit dem zweiten. Der Leser erhält eine Aufgabe und nur ein paar Sekunden Zeit, z.B. 10 oder 30 Sekunden, um den richtigen Zug zu finden und Fallen aus dem Weg zu gehen.

Kapitel 8: Finden Sie den ausgelassenen Zug!
Aus einer jeweils angebotenen Variante soll der Leser an einer für ihn unbekannten Stelle eine versteckte Möglichkeit finden, die am Brett ausgelassen worden ist.

Kapitel 9: Schätzen Sie die Stellung ein!
Hier besteht die Aufgabe darin, den Gewinnplan zu finden oder festzustellen, dass es diesen nicht gibt. Weiterhin gibt es unter diesem Dach Aufgaben, in denen eine umfassende Stellunganalyse erforderlich ist.

Kapitel 10: Ein sechster Sinn für Endspiele?
In dieser Sammlung schwieriger Endspiele soll ein Gewinnzug oder ein das Remis sichernder Zug gefunden werden.

Kapitel 11: Spezialbereich
Dies ist das "Freestyle-Kapitel". Zur Lösung gibt es jeweils besondere Instruktionen. Auch sind hier Aufgaben abgebildet, die thematisch in die vorhergehenden Kapitel nicht eingegliedert sind.

Edouard gibt jeweils an, welchem Schwierigkeitsgrad er die Aufgaben eines Bereichs zuordnet. Manche hält er für nicht schwierig, jenseits dieser Schwelle unterscheidet er nach einer mittleren und einer hohen Schwierigkeit. In einem Kapitel können weniger schwierige Aufgaben auch schon mal ganz fehlen. Besonders herausfordernde Aufgaben sind ebenso gekennzeichnet wie solche Beispiele, die sich der Leser einprägen sollte.
Mit Ausnahme der Kapitel 1 und 7 gibt es für etliche Aufgaben gesammelt und nach Kapiteln geordnet einen Bereich mit zusätzlichen Hilfestellungen am Ende des Buches.

Die Lösungen findet der Leser unmittelbar im Anschluss an die Aufgabenstellungen immer im jeweiligen Kapitel.

Ich habe mir zunächst rein nach dem Zufallsprinzip ein paar Aufgaben vorgenommen, um eigene Erfahrungen beim Lösen in diese Besprechung einfließen lassen zu können. Es ist mir dabei nicht in einem einzigen Fall gelungen, die Lösung zumindest einigermaßen entsprechend der von Edouard angegebenen zu finden. Mehrere Male hatte ich die richtige Idee und eine korrekte Teillösung auf dem Zettel, mehr aber nicht. Von einem gewissen Ehrgeiz gepackt wollte ich es dann wissen und habe mich intensiver mit den Übungen befasst. Mein Fazit dazu: Die Aufgabenstellungen sind wirklich schwierig und entsprechen nicht meiner Kragenweite. Ein paar Beispiele habe ich mit "Schummeln" bewältigt, indem ich eine Engine eingesetzt habe, die mich aufs Pferd gesetzt hat.

"Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames" ist in englischer Sprache geschrieben, Schulenglisch reicht zu einem ordentlichen Verstehen aus.

Fazit: "Chess Calculation Training - Volume 2: Endgames" ist wie sein Vorgänger ein gelungenes Werk, das ich zum Kauf empfehlen kann, wobei ich aber auf den nach meiner Einschätzung hohen Schwierigkeitsgrad aufmerksam mache.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Most stunning victories of 2016

Most stunning victories of 2016

Arkadij Naiditsch, Csaba Balogh, Sebastien Maze
Most stunning victories of 2016
205 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-945362-8-2
24,95 Euro




Most stunning victories of 2016
Mit ihrer Partiensammlung "Most stunning victories of 2016" setzt das nunmehr um Sebastien Maze erweiterte Autorenteam aus Arkadij Naiditsch und Csaba Balogh seine Serie von Büchern mit kommentierten Meisterpartien für den polnischen Verlag Chess Evolution fort. Erschienen ist das Werk 2017.

Im Vorwort erklären die Verfasser wie früher schon, dass sie in ihrer Arbeit die Bedeutung der Eröffnungstheorie reduzieren und dem Leser zeigen wollen, wie die besten "Schachgehirne" der Welt am Brett arbeiten. Sie wollen die Partien so kommentieren, dass auch komplexe Angriffsideen einfach und gut nachvollziehbar verfolgt werden können.
Das Werk enthält insgesamt 50 Partien, die jeweils von einem aus dem genannten Trio kommentiert worden sind. Der Buchtitel kann sinngemäß mit "die großartigsten Siege in 2016" übersetzt werden. Dem Leser werden, geordnet nach dem Eco-Code, somit ausschließlich Duelle präsentiert, die auch einen Sieger gefunden haben und die ebenso ausschließlich in 2016 ausgetragen worden sind. In erheblicher Zahl stammen sie aus den Spitzenturnieren des Jahres mit der Weltelite am Brett.

Der Erfolg in den Partien ist sehr ungleichmäßig verteilt. Insgesamt 42 Mal verließ der Spieler mit Weiß den Turniersaal als Sieger, auf seine die schwarzen Steine führenden Gegner entfielen entsprechend nur acht Erfolge. Die durchschnittliche Partielänge beträgt rund 32 Züge. Weiß kam insgesamt etwas schneller zum Erfolg, nämlich innerhalb von rund 31 Zügen, während Schwarz spitz gerechnet 34,5 Züge ausführen musste, bis er seinen Sieg unter Dach und Fach hatte. Sowohl die kürzeste als auch die längste Partie endete mit einem Weißsieg, 19 bzw. 54 Züge stehen zu diesen Kriterien zu Buche.
Interessant ist die Verteilung der Partien nach Eco-Code. 11 Spiele sind Eco A zuzuordnen, 12 Eco B und 10 Eco C. Hier hat es Schwarz nur auf insgesamt drei Siege gebracht. In den 14 Partien zu Eco D und 3 Partien zu Eco E kam er demgegenüber zu fünf Erfolgen, zwei davon unter Eco E.
Man sieht, dass die Erfolgsstatistik sehr weißlastig ist.

Um beim Nachspielen richtig in den Genuss der Partien zu kommen, soll der Leser ein herkömmliches Schachbrett nutzen. Die Autoren unterstützen ihn dabei auch durch die Art ihrer Kommentierung, die ganz stark auf Texterläuterungen und wenig auf Varianten setzt. Dabei kann ich keine größeren Unterschiede danach erkennen, wer sich jeweils einer Partie angenommen hat. Diese werden auch alle zunächst mit einigen Worten, mal ein paar mehr und mal ein paar weniger, eingeleitet. Hier kann der Leser Informationen zu einem oder zu beiden Spielern erwarten, zur Turniersituation oder auch zu dem, was er alsbald im Duell sehen wird.

"Most stunning victories of 2016" ist ein unterhaltendes Werk, das aber auch eine schulende Wirkung erwarten lässt, da die Autoren die Abläufe sehr verständlich machen. So wird der Leser automatisch beim konzentrierten Nachspielen auch etwas für sein eigenes Spielverständnis und damit seine Spielstärke tun.

Die Buchsprache ist Englisch. Besondere Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers stellt das Werk nicht.

Fazit: "Most stunning victories of 2016" ist eine sehr unterhaltsame Sammlung von Meisterpartien aus dem Jahr 2016, die mit dem Sieg einer Seite beendet worden sind. Alle Partien sind etwas für das Auge des Schachfreundes, zumeist wegen überraschender, verblüffender oder auch spektakulärer Initialzüge, mit denen der erfolgreiche Spieler seinen Gewinn eingeleitet oder sichergestellt hat.
Die Kommentierung legt den Schwerpunkt auf Texterläuterungen, Varianten sind zumeist auf wesentliche Nebenwege reduziert.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

TP Chess Puzzle Book 2016

TP Chess Puzzle Book 2016

Dirk Sebastian, Georgios Souleidis
TP Chess Puzzle Book 2016
312 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-9492510105
26,50 Euro




TP Chess Puzzle Book 2016
Das Lösen von Schachaufgaben gilt als ein sehr gutes Mittel, um die eigenen praktischen Fähigkeiten zu verbessern und zu trainieren. Je nach Sammlung werden mit variablen Schwerpunkten das Erkennen von Stellungsmustern, die Anwendung taktischer Methoden, die Variantenberechnung als solche oder auch andere Fertigkeiten gefördert. Um dem Leser beim Einsatz tatsächlich Freude zu machen, sollte er hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades auf ihn bzw. auf seine Spielstärke zugeschnittene Aufgaben in einem Buch vorfinden.

Mit dem "TP Chess Puzzle Book 2016" haben die beiden in Hamburg lebenden Internationalen Meister Dirk Sebastian und Georgios Souleidis ein interessantes Werk dieses Genres in englischer Sprache erschaffen, dass von Thinkers Publishing aus Belgien auf den Markt gegeben worden ist. Das "TP" dürfte die Abkürzung für das Verlagshaus sein. Dies vermute ich, gelesen habe ich dazu nichts.
Das Werk beinhaltet 13 Kapitel, die allesamt gleichartig aufgebaut sind. Sie beginnen mit einer kurzen Einleitung, bisweilen um ein Beispiel als Appetitmacher erweitert, bevor Diagramm für Diagramm mit den Aufgabenstellungen folgt. Es schließt sich dann die Sammlung der Lösungen an, die somit das Kapitel komplettieren. Mit Ausnahme der ersten beiden Kapitel gibt es ausnahmslos Aufgaben, die auf Praxisbeispielen des Jahres 2016 basieren. Dies erklärt die Jahreszahl im Buchtitel. Die beiden ersten Kapitel sind dem Schaffen von Anna Muzychuk und Jeffery Ziong gewidmet, so dass sich hier ein abweichender thematischer Aufhänger ergibt, der die Berücksichtigung von Praxisstellungen auch aus anderen Jahren erklärt. Alle Aufgaben, im Englischen Puzzles genannt, sind Turnierpartien entnommen, haben sich also auch einer Spielerin oder einem Spieler in einem konkreten Wettkampf gestellt. Längst nicht alle Möglichkeiten sind von diesen genutzt worden, nicht nur in den Veranstaltungen mit einer enger limitierten Bedenkzeit. Auch hochrangige Turniere sind als Praxisquelle verzeichnet.
Zum Diagramm erfährt der Leser jeweils, nach welchem Zug in der Partie es zur Ausgangsstellung gekommen ist und welcher Art die sich ihm stellende Aufgabe ist. Es gibt jeweils einen einzigen Weg zum Erfolg, der mal in einem zu findenden Gewinnweg besteht, dann im Erringen eines Vorteils oder aber auch darin, den Gleichstand in der Partie zu halten. Besonders schwere Aufgabenstellungen sind mit einem zusätzlichen Sternchen gekennzeichnet.

Nachfolgend stelle ich die Kapitelüberschriften zusammen, wobei ich diese sinngemäß übersetze. Soweit sich hieraus nicht erkennen lässt, was genau Gegenstand der Aufgaben ist, füge ich kurze Hinweise hinzu.

Kapitel 1 und 2: Anna Muzychuk und Jeffery Ziong (siehe oben)
Kapitel 3: Schach-Olympiade
Kapitel 4: Wolga-Benkö-Gambit
Kapitel 5: Mit einem Isolani gewinnen
Kapitel 6: Lxh6!?
Kapitel 7: Fehler (siehe hierzu weitere Ausführungen unten)
Kapitel 8: vorbei/vorangeschritten und kurios (vorgerückte Freibauern)
Kapitel 9: schnell und kurios (Beispiele aus Partien unter verkürzter Bedenkzeit)
Kapitel 10: Superturniere
Kapitel 11: Nieder mit der Mauer! (Beispiele gegen die Berliner Verteidigung [Berlin Wall])
Kapitel 12: Bauernendspiele
Kapitel 13: größte Momente.

Ich muss zugeben, dass das Lösen von Schachaufgaben für mich nie so reizvoll gewesen ist, wie es vielleicht hätte sein sollen. So bin ich über sporadische Versuche nicht hinausgekommen. Ein innerer Zweifel am Nutzen für mich lag auch daran, dass ich früher keine ausreichende Nähe zur Praxis in meinen eigenen Partien gesehen habe. Bücher mit Schachaufgaben sind üblicherweise thematisch geordnet, zumeist nach gesuchten taktischen Motiven, und warten dann in den Beispielen regelmäßig mit spektakulären und unerwarteten Ideen auf. So habe ich dann immer nach beispielsweise einem Einschlag gesucht, der ausreichend abwegig erschien, um für die Aufnahme im Buch geeignet zu sein. In meinen Partien hätte ich ihn besonders auch deshalb regelmäßig nicht gefunden, weil er so spektakulär war, und ich hätte auch nicht viel Zeit zur Suche investiert. Anders als beim Lösen von Schachaufgaben weiß man in seiner eigenen Partie nun mal nicht, dass es etwas zu finden gibt.

"TP Chess Puzzle Book 2016" ist anders. Sehr viele Aufgaben sind herrlich unspektakulär. Ich kann mir vorstellen, dass ich in meiner eigenen Partie viele entsprechende Lösungen sogar gesucht hätte, aus der Struktur der jeweiligen Stellung heraus. Dies möchte ich an einem Beispiel aus dem Buch näher beschreiben. Im Kapitel 11 zum weißen Spiel gegen die "Berliner Mauer", das mich besonders interessiert hat, bin ich gleich an der ersten und durchaus recht einfachen Aufgabe gescheitert. Normal am Brett hätte ich die zu findende Aktionsmöglichkeit auch tatsächlich erkannt, da bin ich mir sicher. Weiß schlägt mit dem Springer den Bauern auf f7 und gibt dabei der eigenen Dame den horizontalen Blick auf den gegnerischen Springer auf f5 frei. Der auf e6 stehende schwarze Läufer ist zum Schlagen gezwungen und gibt dabei aufgrund seiner Überlastung die Deckung des Springers auf f5 auf. Fertig. Aufgrund meiner früheren Erfahrungen mit Aufgabenbüchern habe ich nach spektakulären Möglichkeiten Ausschau gehalten und das Einfache in der Stellung nicht gesehen. Um diese neue Erfahrung reifer habe ich dann weitere Beispiele aus den Anfängen dieses Kapitels und weiterer Kapitel zu lösen versucht, jeweils anhand des Diagramms und ohne Brett. Mehr als zwei Drittel der Aufgaben, die ich mir vorgenommen habe, habe ich insgesamt erfolgreich absolviert. Hier aber bleibt zu erwähnen, dass die Autoren die Aufgaben innerhalb der Kapitel in der Schwierigkeit gesteigert haben. Eine gleichartige Steigerung von Kapitel zu Kapitel liegt aber nicht vor.
Der Aufbau und der Inhalt des "TP Chess Puzzle Book 2016" ermöglichen ein praxistaugliches Lernen mit einer kontinuierlichen Steigerung der eigenen Spielstärke, das den Leser irgendwann tatsächlich auch nach den spektakulären Möglichkeiten schauen lässt.

Die Autoren geben den Ratschlag, dass der Leser möglichst an einem herkömmlichen Schachbrett mit dem Buch arbeiten und sich für jede Aufgabe auch genügend Zeit nehmen soll. Beispielhaft genannte 10 Minuten und bisweilen auch mehr waren und sind mir für eine einzelne Aufgabe mit Regelmäßigkeit nicht zu investieren möglich. Der Leser bekommt also mit den mehr als 300 Aufgaben im Buch nicht nur ein umfangreiches Trainingsmaterial in die Hand, sondern, humorvoll betrachtet, zugleich die Gewähr, dass er sich im Jahr nie wird langweilen müssen. Dies wird sich übrigens zeitlich wohl so fortsetzen, denn für das Jahr 2017 ist ein Nachfolgewerk angekündigt.

Als wichtiger Teil des Buchkonzeptes sind die Lösungen hervorzuheben. Die Autoren geben nicht einfach nur die Erfolgsvariante an, sondern nutzen die Antwort für eine breitere Darstellung. Der Leser erfährt auch, wie es in der Partie tatsächlich abgelaufen ist, sofern die Lösung am Brett nicht gefunden worden ist, Nebenvarianten zum Ablauf und nicht selten auch Erläuterungen zum Geschehen. Ich möchte die Gestaltung der Lösungen als mustergültig bezeichnen.

Dass das Werk nicht nur ein Arbeitsmedium sein soll, sondern auch unterhalten, erkennt man auch am Kapitel 7 über die Fehler, zu denen es am Brett gekommen ist. Hier gilt es für den Leser, eine Idee zu erkennen, die dem Aktiven jeweils als aussichtsreich erschienen ist, aber nicht funktioniert hat. Es ist gar nicht so einfach, einen plausiblen Fehler zu entdecken, der nicht zu einfach ist, um im Buch würdig vertreten zu sein. Aber auch dieser Teil schult den Leser; nicht selten muss er, um bei seiner Suche fündig werden zu können, eine sich dem Spieler bietende Möglichkeit erkennen, um dann zu überlegen, auf welche Abwege er geraten sein könnte.

An wen richtet sich "TP Chess Puzzle Book 2016"? Selten ist mir die Antwort auf diese Frage so leichtgefallen wie hier, denn die Autoren äußern sich dazu ganz ausdrücklich im Vorwort. Hier heißt es, sinngemäß übersetzt: "Das Buch richtet sich an den ambitionierten Spieler, wobei wir voraussetzen, dass er eine fortgeschrittene Schachausbildung hat und alle grundlegenden taktischen Motive kennt. Wir setzen weiter voraus, dass er in der Lage ist, auch längere Varianten zu berechnen, und dies auch, wenn mal mehr als 10 Minuten hierfür erforderlich sind. Aber sind wirklich 10 Minuten für jede Aufgabe aufzubringen? Nein, bleiben Sie entspannt. Alle Kapitel beginnen mit einfachen Aufgaben, der Schwierigkeitsgrad steigt dann jedoch an und in Abhängigkeit von den eigenen Fertigkeiten werden Sie auch schon mal mehr als 20 Minuten brauchen und manchmal auch die Lösung nicht finden. Und wir haben auch ein paar harte Nüsse als Aufgaben aufgenommen, von denen wir annehmen, dass selbst Großmeister Probleme beim Lösen haben werden."

Die Anforderungen an den Fremdsprachler sind niedrig. Auch mit einfachen Englischkenntnissen ist das Werk bequem zu nutzen.

Fazit: "TP Chess Puzzle Book 2016" ist eine gelungene Sammlung von Schachaufgaben mit ausführlichen Lösungen, die allesamt aus praktischen Partien stammen, bis auf jene in den beiden ersten Kapiteln aus dem Jahr 2016. Das Werk schult und ist unterhaltsam. Nach dem Motto "der Weg ist das Ziel" soll der Leser an den Aufgaben wachsen und er wird dies auch.
Für mich ist das Buch eine klare Empfehlung an den Klubspieler mit einem gesunden taktischen Basiswissen und in Sachen Spielstärke aufwärts.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

First Steps: the Queen's Gambit

First Steps: the Queen's Gambit

Andrew Martin
First Steps: the Queen's Gambit
224 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-380-9
22,25 Euro




First Steps: the Queen's Gambit
Wenn man Fernschachspieler fragt, wie sie ursprünglich zu dieser Variante des Spiels gekommen sind, dann hört man oft von der seinerzeitigen Motivation, dadurch die Theorie besser kennen zu lernen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, denn auch heutige Neueinsteiger geben dies nicht selten als Grund an. Wenn man es richtig anstellt, kann man seine Theoriekenntnisse tatsächlich über das Fernschachspiel verbessern. Früher galt sogar mal der Slogan "beim Fernschach lernt man spielend die Theorie", der mit seiner Doppeldeutigkeit auch darauf hinweist, wie es zu der angestrebten Verbesserung kommen kann. Man muss spielen und dabei die Quellen einsetzen, die Zugang zur Theorie verschaffen. Dies gilt besonders auch für die Stärkung des eigenen Eröffnungswissens.

Schachfreunde, die zwar bereits regelfest sind, sich in ihren Schachfertigkeiten aber noch im Bereich der Anfangsgründe befinden, benötigen Literatur, schriftlich oder in elektronischer Form, die von der Pike an eine Anleitung gibt. Nicht viel anders ist es beim schon etwas erfahreneren Freizeitspieler mit gewissen Grundkenntnissen, aber ohne eine systematisch erarbeitete Basis, bis zum Klubspieler in der Einstiegsregion. Zur Verbesserung der Spielstärke werden dabei auch Hilfsmittel gebraucht, die Grundwissen zur Eröffnung vermitteln und sich dabei auf bestimmte Systeme konzentrieren.

Unter dem Label Everyman Chess sind inzwischen mehrere Bücher einer Serie erschienen, die sich "First Steps:" nennt. Diese widmen sich unterschiedlichen Eröffnungen und erklären diese von Grund auf. Sie sollen den Spieler in die Grundprinzipien der jeweiligen Eröffnung einführen, ihm die Strategien in den einzelnen Varianten aufzeigen und ihn auf Tricks und Fallen aufmerksam machen. Dabei holen sie den Leser nicht ganz, aber fast bei null ab.

"the Queen's Gambit" aus dieser Serie ist ein Buch, das diesen Ansätzen sehr überzeugend gerecht wird. Mit Andrew Martin ist für dieses Werk allerdings auch ein Autor verantwortlich, der sowohl als Schachlehrer als auch als Autor einen sehr guten Ruf genießt. Er trägt den Titel eines Internationalen Meisters.

"First Steps: the Queen's Gambit" ist in meinen Augen ein ausgezeichnetes Buch, das bereits einem Anfänger im Schach das weite Feld des Damengambits näherbringt, so dass er weiß, wie die einzelnen Varianten zu spielen sind. Einen Repertoirewert darf man von ihm nicht erhoffen; es ist für die Vermittlung von Knowhow zuständig, das der Spieler braucht, um zu wissen, was er tut. Es ist auch ein Werk, das dem Fernschachspieler das Eindringen in die Theorie in Begleitung seiner praktischen Partien erlaubt.

Wie ich zu meiner Einschätzung komme und worin ich trotz meines sehr positiven Urteils auch einen Schönheitsfehler sehe, möchte ich im Folgenden genauer erläutern.

Zu den Gegenständen der theoretischen Betrachtung zeigt das Inhaltsverzeichnis (sinngemäß übersetzt) das folgende Gesicht:

1. Figurenendwicklung für Weiß
2. Figurenendwicklung für Schwarz
3. Abtauschsysteme
4. Angenommenes Damengambit
5. Abgelehntes Damengambit
6. Slawisch
7. Semi-Slawisch und Meraner Variante
8. Tarrasch-Verteidigung
9. Semi-Tarrasch
10. Seltene Ideen für Schwarz.

Sehr überzeugend ist der Einstieg über die Frage, wie beide Seiten ihre Kräfte entwickeln sollten. In jeweils einem eigenständigen Kapitel führt Martin den Leser für die weiße und für die schwarze Seite ein. Er folgt in seinen Darstellungen keinen Präferenzen für eine Partei, sondern nimmt den Blickwinkel beider Beteiligten am Brett ein. Indem er dem Leser in der Form einer Aufzählung die einzelnen Schritte im Vorgehen bzw. auch dabei offen stehende Alternativen aufzeigt, gibt er ihm zugleich einen Aufbauplan an die Hand. Diesem kann er folgen und wird dabei regelmäßig vernünftig in die Partie kommen. Illustriert und ausgebaut werden diese Informationen in der Folge über kommentierte Partien aus der Meisterpraxis. So erhält der Leser über die Verbindung zwischen dem abstrakten Plan und der konkreten Umsetzung in den Partien eine praxistaugliche Basisanleitung zum Umgang mit dem weiten Feld des Damengambits.

Die verschiedenen Systeme und Spielweisen werden dann in acht Folgekapiteln vorgestellt. Diese erwarten den Leser regelmäßig mit einer kurzen Einführung, die neben Grundinformationen zum behandelten Thema auch etwas zu dessen Reputation in der Schachwelt oder grob zur angezeigten Spielführung aussagen können. Sie sind wie die beiden Eingangskapitel aufgebaut, so dass die weitere Besprechung über Partien stattfindet, von denen es insgesamt 63 im Werk gibt (sofern nur die Hauptpartien gezählt werden und nicht auch im Rahmen der Kommentierung vollständig abgebildete Praxisbeispiele).

Martin erklärt und erläutert den Stoff mustergültig. Häufig greift er zum Mittel der Aufzählung, so dass der Leser deutlich und kompakt die gerade relevanten Informationen verfolgen und aufnehmen kann. Mal ist dies eine Stellungseinschätzung unter Abarbeiten der einzelnen relevanten Merkmale, dann ein Spielplan oder auch eine schlichte Zusammenstellung wesentlicher Aspekte eines Betrachtungsgegenstandes.
Er beschränkt sich nicht allein auf die Phase der Eröffnung in der Kommentierung der Partien, sondern bezieht die weiteren Phasen mit ein. Dies ist einer von mehreren Anhaltspunkten dafür, dass er den Leser ganzheitlich anleiten will. Ein weiteres konkretes Beispiel hierfür findet sich auf der Seite 198. Hier gibt er dem Lernenden sechs Aufzählungspunkte an die Hand, über die er prüfen kann, ob eine bestimmte Eröffnung etwas für ihn sein kann. Dabei führt er u.a. an, dass ihm die entstehenden Bauernstrukturen liegen sollten und die Eröffnung ihm eine gute Basis für den Übergang ins Mittelspiel bieten sollte.

"First Steps: the Queen's Gambit" arbeitet in der Kommentierung mit den typischen "Spezialkommentaren" der Serie, die hinter Titulierungen wie - übersetzt - Tipp, Anmerkung oder Warnung stehen. Tipps sind oft allgemeine Anregungen des erfahrenen Autors für den unerfahrenen Leser, beispielsweise in die Richtung, dass dieser über ein Befassen mit Meisterpartien seine eigenen Fertigkeiten ausbauen kann. Anmerkungen bieten regelmäßig Zusatzinformationen zum behandelten Thema oder zur Brettsituation an, während Warnungen das tun, was sie vermuten lassen - sie sollen den Leser vor groben Fehlern, Fallen etc. bewahren.

Wenn ich die Art und Weise, wie Martin den Stoff aufbereitet hat, als mustergültig bezeichne, so ist gerade hier aber auch der schon angekündigte kleine Schönheitsfehler zu finden. "First Steps: the Queen's Gambit" richtet sich ganz eindeutig an den unerfahrenen, den lernenden Spieler. Wenn auch nicht ständig, so aber doch an einigen Stellen gibt es ellenlange Fragmente aus Partien. Teilweise werden sie über 30 bis 40 Züge und (beinahe) unkommentiert abgebildet. Hier muss sich der Autor meines Erachtens fragen lassen, welchen Gewinn dies für den vom Werk adressierten Leser bedeuten soll. Hier wäre meines Erachtens weniger mehr gewesen, oder der Platz hätte anderweitig und auf den Adressatenkreis besser zugeschnitten genutzt werden können.

Ein ausführliches Variantenverzeichnis und ein Partienverzeichnis runden das Werk ab.

Die Buchsprache ist Englisch, Schulenglisch reicht für ein bequemes Verstehen aus.

Fazit: "First Steps: the Queen's Gambit" ist ein ausgezeichnetes Buch für den Anfänger und den noch nicht allzu spielstarken Schachfreund, der eine Anleitung sucht, um mit dem Damengambit in seinen wichtigsten Facetten vertraut zu werden. Wer aus dem bezeichneten Adressatenkreis über das Fernschachspiel die Eröffnungstheorie studieren möchte, bekommt mit diesem Werk ein sehr gutes Hilfsmittel an die Hand.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Kotronias on the King`s Indian - Volume five

Kotronias on the King`s Indian - Volume five

Vassilios Kotronias
Kotronias on the King`s Indian - Volume five
557 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78483-035-9
27,99 Euro




Kotronias on the King`s Indian - Volume five
"Volume five - Sämisch & The Rest" ist der letzte Band aus der epochalen Serie "Kotronias on the King's Indian" von Quality Chess. Alleiniger Autor aller Bände und damit auch des hier besprochenen Werkes ist Vassilios Kotronias, GM aus Griechenland. Verglichen mit Karl May, der mit seinen Kolportageromanen lässig die 5000-Seiten-Hürde übersprungen hat und dabei ebenfalls auf insgesamt fünf Bände gekommen ist, steht er mit seinen rund 2500 Seiten zur Königsindischen Verteidigung vielleicht auf verlorenem Posten, aber verglichen mit dem, was es sonst zu dieser Eröffnung gibt, ist seine monumentale Arbeit das Maß aller Dinge.
Schon in Rezensionen über Vorgängerbände hatte ich die Frage aufgeworfen, wer die potenziellen Käufer dieser Bücher sein können. Sie bieten allesamt eine Fülle an Inhalt, die auch vom Leser verarbeitet sein will, wenn sie ihm Nutzen bringen soll. Natürlich muss niemand alle Bände besitzen, um von Kotronias zu profitieren. Ebenso ist es klar, dass man sich auch innerhalb der einzelnen Bände auf bestimmte Zweige konzentrieren kann. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass die Serie aus der Sicht von Schwarz geschrieben ist, der Nachziehende aber nicht steuern kann, in welches System sein Gegner die Partie lenkt. Um für alle Varianten gewappnet zu sein, braucht man für die Seite mit Schwarz tatsächlich alle Bände.
Aus dem Lager der Brettschachspieler kann ich mir nur die Hochkaräter als "Rundum-Adressaten" vorstellen. Daneben ist es gerade die Gilde der Fernschachspieler, die den Nutzen aus der vollständigen Serie für sich ziehen können. Beim Spiel im Land und rund um den Globus kann jedes Buch die Partie begleitend eingesetzt werden und zur aktuellen Stellung Rat geben. Hier ist die perfekte Nutzungsmöglichkeit gegeben, die Bücher werden quasi zum Teil der Spielstärke des Fernschachspielers.

Wie sieht es mit dem Wert des Werkes für die Weißspieler aus? Zur Beantwortung dieser Frage ist in das gleiche Horn wie bei den Vorbänden zu stoßen. Kotronias' Perspektive sorgt dafür, dass der Nachziehende dem Buch alle wichtigen weißen Fortsetzungen entnehmen kann. Für Weiß gilt dies gespiegelt nicht, da er nur im Rahmen der Repertoireempfehlungen für Schwarz Material vorfindet, auf das er sich in seiner Partie einstellen muss. Hier können wichtige Zweige, die Kotronias nicht ins Repertoire aufgenommen hat, fehlen.

Dieser 5. Band ist inhaltlich breit gefächert. Er beschäftigt sich zunächst mit den Entwicklungen, zu denen es bei einem weißen Verzicht auf die Zentrumseroberung mit e2-e4 kommt (in insgesamt sechs Kapiteln). Namentlich sei hier u.a. die Smyslow-Variante erwähnt, die über die einleitenden Züge 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.Sf3 0-0 5.Lg5 auf dem Brett entsteht. Weitere acht der insgesamt 28 im Buch zu findenden Kapitel sind Systemen gewidmet, in denen Weiß auf ein frühes Sf3 verzichtet und auf 3.Sc3 und 4.e4 setzt. Dem schließen sich der Vierbauernangriff in vier Kapiteln und die Sämisch-Variante in 10 Kapiteln an. Es lässt sich also feststellen, dass "Volume five - Sämisch & The Rest" neben zwei "Schwergewichten" und einem "Mittelgewicht" einige Leichtgewichte enthält, sprich relativ selten auf dem Turnierbrett erscheinende Nebenlinien. Aus Platzgründen und unter dem Hinweis auf Informationsmöglichkeiten im Internet verzichte ich auf eine Abbildung des Inhaltsverzeichnisses im Rahmen dieser Rezension. Es gibt noch etwas, was bei der Aufzählung der Inhalte des vorliegenden Bandes nicht vergessen werden darf, nämlich Updates zu den ersten vier Bänden der Serie. Diese Updates enthalten Fehlerkorrekturen und tragen nach Kotronias' Worten neuen Erkenntnissen Rechnung, die u.a. auch über Leserhinweise an den Autor gelangt sind.

Die gesamte Buchreihe erinnert in seiner Gestaltung sehr an die "Grandmaster Repertoire"-Serie von Quality Chess, in die diese fünf Bände meines Erachtens auch gepasst hätten. Der Aufbau der Werke ist weitgehend identisch. Sowohl dort wie auch hier erhält der Leser Knowhow zur Eröffnungstheorie ohne begleitende Illustrationspartien, die einzelnen Kapitel werden über ein Verzeichnis der darin behandelten Varianten eingeführt, das sich mit dem ausführlichen Variantenverzeichnis am Buchende vernetzt. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass auch der Band 5 wieder mit einer Fülle an Diagrammstellungen (84 an der Zahl) beginnt, die sich der Leser früh vornehmen soll und die er inhaltlich ummantelt in den Kapiteln des Werkes sukzessive wieder antrifft. Meine Zweifel daran, dass diese Methode ein Gewinn ist, und die ich schon in früheren Rezensionen zum Ausdruck gebracht habe, sind mir geblieben. Dies aber ist meine sehr subjektive Einschätzung, andere mögen dies ganz anders sehen.

Ich finde, dass sich Kotronias in der Art seiner Besprechung der Theorie sich im Zuge seiner Arbeit gesteigert hat, wobei ich die Brille von Otto-Normalschachspieler aufgesetzt habe. Der neue Band ist mit dem vorhergehenden vergleichbar, für mich im positiven Sinn. Während zu Beginn eine gewisse Variantenlastigkeit auffiel, die nicht etwa auf die Besonderheiten der besprochenen Systeme zurückgeführt werden musste, nehme ich das neue Werk so ähnlich wie seinen Vorgänger wahr, in dem Kotronias Erläuterungen und Erklärungen deutlich mehr Raum gegeben hat als zuvor. Der Leser bekommt von ihm Auskunft auch über strategische Prinzipien der Systeme und über die Beweggründe des Autors, eine Empfehlung auszusprechen oder eine Warnung. Stellungsurteile werden häufig verbal begründet und nicht mit einem schlichten Schachsymbol nur ausgesprochen.

Kotronias hat zahlreiche eigene Analysen beigesteuert und bietet nicht zuletzt deshalb eine Menge von Neuerungen an. Diese sind sowohl in seinen Hauptvarianten als auch in Abzweigungen verortet. So wird auch der erfahrene Leser in seinen Spezialsystemen das Buch mit der Erwartung in die Hand nehmen dürfen, etwas Neues für sich zu finden.
Neue Bücher sind von Kotronias zunächst einmal nicht mehr zu erwarten, denn er will sich bis auf Weiteres als Autor zurückziehen, soweit ich ihn richtig verstehe. Er spricht von seiner Zukunft als reinem Spieler. Nach einer so intensiven und ihn so lange bindenden Arbeit, die ihn nach eigener Einschätzung auch rund 125 Elo-Punkte gekostet hat, ist dies nachvollziehbar.

Es ist kein Geheimnis, wenn ich Ihnen verrate, dass "Kotronias on the King`s Indian - Volume five" in englischer Sprache geschrieben ist und es, bislang zumindest, keine deutsche Übersetzung gibt. Wer mit einem "ausreichend" im Abschlusszeugnis die Schule verlassen hat und den Grundwortschatz zumindest überwiegend noch beherrscht, sollte recht bequem mit dem Werk arbeiten können.

Das Variantenverzeichnis am Ende des Buches, das wie schon erwähnt mit den spezifischen Einzelverzeichnissen zu Beginn jedes Kapitels korrespondiert, ist erneut sehr ausführlich gehalten und die gewohnt gute Hilfe bei der Orientierung über die Inhalte des Werkes hinweg.

"Kotronias on the King`s Indian - Volume five" gibt es kartoniert für 27,99 Euro. Für einen Aufschlag von 5 Euro und somit für 32,99 Euro ist das Werk auch mit Bindung als Hardcover zu haben.

Fazit: Zu "Kotronias on the King`s Indian - Volume five" lässt sich ein ähnliches Fazit wie für seine vier Vorgänger in dieser fünfbändigen Buchserie ziehen. Das Werk ist einzeln wie im Verbund mit den Schwesterbänden nutzbar. Im Verbund dürfte es auf Jahre hinaus das Maß aller Dinge hinsichtlich eines umfassenden Repertoires in der Königsindischen Verteidigung sein. Der Fernschachspieler, insbesondere mit den schwarzen Steinen am Brett, dürfte neben Hochkarätern im Turnierschach den größten Nutzen aus der Komplettserie ziehen können.
Dieser 5. Band profitiert von einer zunehmenden Vervollkommnung des Autors in seinem Schreibstil. Der Leser erhält in Fülle Informationen, die Kotronias' Einschätzungen, Bewertungen und Analyseergebnisse nachvollziehen lassen. Diese helfen ihm dabei, den Stoff echt zu verstehen, wobei er sich mit seiner eigenen Spielstärke bereits irgendwo im Bereich des Klubspielers bewegen sollte.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.