Gerard Welling & Michael Basman: "U Cannot Be Serious!"

von Frank Hoppe (Kommentare: 0)

Gerard Welling & Michael Basman
U Cannot Be Serious!
300 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789464201147
22,95 Euro

Wenn sich der englische IM Michael Basman statt des Schachspiels dem Bergwandern verschrieben hätte, würde man ihm sicher kaum auf den Normalrouten zum Gipfel begegnen. Vermutlich würde er das schwierige und teilweise weglose Gelände, das die Route zu einem Alpinwanderweg macht, vorziehen. Aber er ist halt Schachspieler geworden, was alle Anhänger eines inspirierten, phantasievollen, ausgetretene Pfade der Theorie vermeidenden Spiels nur freuen kann.


U Cannot Be Serious!“ von Gerard Welling, ebenfalls IM, allerdings aus den Niederlanden stammend, setzt dem „Wanderer“ abseits der Theorie ein Denkmal und beschreibt auch die Routen, die er ausgearbeitet und begangen hat. In seiner Einleitung zu diesem 2021 bei Thinkers Publishing erschienenen Werk erklärt Gerard Welling, dass er die meiste Schreibarbeit geleistet hat, es aber nicht wie gelungen möglich geworden wäre, wenn Basman nicht mitgewirkt hätte. Diese Aussage ist sehr gut nachvollziehbar, wenn man sich weiter mit dem Buch befasst. Und weil er auch persönliches Material Michael Basmans verwendet und dieser Unterstützung geleistet hat, ist Basman zugleich auch als Mitautor bezeichnet. Aus dem Buch wird deutlich, dass beide eine lange Bekanntschaft bzw. Freundschaft verbindet.
Du kannst nicht ernst/ernsthaft sein!“ ist die ins Deutsche übersetzte Aussage des Buchtitels. Sie kann grundsätzlich vorwurfsvoll wie auch anerkennend gemeint sein. Hier richtet sie sich an denjenigen, dem das Buch gewidmet ist, also Michael Basman. Und die nette Spielerei, „U“ statt „You“ zu schreiben, unterstreicht die Gesamtaussage des Werkes, dass Basman eben nicht ins Muster eines gewöhnlichen Spielers passt. Ernsthaftes Schach aber hat er immer gespielt, nur eben nicht auf den Wegen des Mainstreams.

U Cannot Be Serious!“ ist keinem Genre exakt zuzuordnen. Es trägt Elemente einer Partiensammlung, einer Biografie wie auch eines Theoriewerkes in sich.
Es gibt 115 kommentierte Partien im Buch, die leider nicht durchnummeriert sind, so dass ich sie zählen musste. So hoffe ich, dass ich mich nicht verzählt habe und es nicht 1 oder 2 Partien mehr oder weniger sind.
Diese Partien verteilen sich auf 7 Kapitel, die sich auf Basmans Auftritte als Spieler sowie auf seine Beiträge zur Eröffnungstheorie konzentrieren. Der folgende Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis zeigt nicht nur auf, was den Leser im Werk erwartet, sondern lässt diesen auch die gewisse emotionale Richtung fühlen, in der Welling seine Arbeit verstanden sehen möchte.

  • Kapitel 1: Basmania in Biel
  • Kapitel 2: Basmania in Belgium
  • Kapitel 3: St. George’s Opening with Black and White
  • Kapitel 4: Grob’s Inheritance
  • Kapitel 5: Global Opening Play
  • Kapitel 6: Basmania for the 21st Century
  • Kapitel 7: Outro.

Indem Welling mehrfach von „Basmania“ spricht, somit den Namen seines Freundes wortspielerisch mit „mania“ und damit einer verrückten, manischen und wahnsinnigen Entwicklung, vielleicht Hysterie, in Verbindung bringt, spricht er zugleich Respekt und Anerkennung aus. Immerhin ist es nicht jedem vergönnt, mit seinem Namen für geradezu eine ganz eigene Entwicklung der Behandlung von Schacheröffnungen zu stehen.

Im Kapitel 1 geht es um Basmans Auftreten beim Turnier in Biel 1979. Mit seinem unorthodoxen Eröffnungsspiel sorgt er für Aufsehen, auch bei Gerard Welling. In lockerem Stil beschreibt Welling das Geschehen, informativ und unterhaltsam. Das Kapitel enthält nicht allein Basman-Partien aus diesem Turnier, sondern auch aus dem Vorfeld, soweit diese innere Bezüge zum Auftritt in Biel haben. So beispielsweise traf Basman in Biel mit Schwarz auf Grünfeld und, wie sollte es anders sein, wählte nach 1.e4 einen Aufbau mit e7-e6, a7-a6, b7-b5 usw. Rund ein Jahr zuvor hatte er Grünfeld in London und ebenfalls mit Schwarz gegenübergesessen, dort aber mit Erfolg einen Aufbau mit b7-b6, Lc8-b7, g7-g6 und h7-h6 usw. gewählt. Er präsentierte Grünfeld also erneut eine Spielweise abseits der Hauptwege, allerdings abweichend vom ersten Zusammentreffen, und gewann erneut.
Im Jahr 1981 nahmen Welling und Basman am Liege-Open in Belgien teil. Dies bildet den Hintergrund für das Kapitel 2, für das ich meine Worte zum Erzählstil vorstehend zum 1. Kapitel wiederholen könnte.
1983 ist Basmans „Play the St George“ erschienen. 1993 kam „The New St. George“ von ihm heraus; dieses Buch habe ich mir damals gekauft. Basman hat über viele Jahre hinweg getüftelt und praktische Erfahrung aufgebaut, um 1.e4 systematisch mit dem Aufbau e7-e6, a7-a6, b7-b5 zu bekämpfen. Das 3. Kapitel widmet sich seinen Partien, in denen dieser Aufbau zum Tragen kommt, teilweise mit Weiß und somit gespiegelt.
Im 4. Kapitel geht Welling darauf ein, wie Basman Grob’s Angriff 1.g4 für sich adaptiert hat. Auch hier gilt dies nicht nur für seine Weißpartien mit diesem Eröffnungszug, sondern auch für seine Reaktion g7-g5 als Reaktion auf e2-e4.
Die Partien im Kapitel 5 sind davon geprägt, dass Basman auch die Strategie verfolgt hat, im frühest möglichen Stadium beide Randbauern um ein Feld nach vorne zu rücken, mit Weiß und mit Schwarz.
Im 6. Kapitel findet der Leser Stoff aus dem 21. Jahrhundert, insbesondere natürlich nach 2000 und in verschiedenen Turnieren gespielte Partien.
Das 7. Kapitel kann als eine Art Epilog verstanden werden. Hier übrigens bin ich auf eine sehr interessante Stütze für Basmans Wege abseits der Theorie getroffen. Das Buch erinnert daran, dass die Schachelite Schach als Sport praktiziert und hier die Ergebnisse das einzige sind, was zählt. Der Amateur ist freier in seinen Experimenten. Engines werten die Stellungen, die sich im frühen Stadium beim Einsatz von Basmans Ideen ergeben, ab, weil sie darauf basieren, zunächst keine Bauern ins Zentrum zu führen. Aber er wird versuchen, das gegnerische Zentrum anzugreifen. Und dann wird der Gegner beweisen müssen, dass er das frühe Stellungsurteil der Engines mit seinem eigenen Spiel bestätigen kann.
Je kürzer die Bedenkzeit in der Partie ist, desto schwieriger ist es für den Gegner, das richtige Konzept und die richtigen Züge abseits der Theorie zu finden. Entsprechend vermittelt das Spiel nach Basmans Ideen die Chance, den Gegner aus seiner Komfortzone zu locken und mit der eigenen besseren Vorbereitung zu praktischen Chancen zu kommen.

Die Partien sind in einem Mix aus Text und Varianten kommentiert. Dabei dürfte viel aus Basmans eigenem Fundus stammen, weil er, wie oben schon erwähnt, viel Material beigesteuert hat. Welling hatte, wie zu lesen ist, die Erlaubnis, dieses zu editieren. Auf jeden Fall ist eine runde Sache daraus geworden, was ich feststellen möchte.
U Cannot Be Serious!“ will unterhalten, mit Text und Partien, aber nicht nur. Es soll auch dargestellt werden, wie ernsthaft und mit Erfolg Schach gespielt werden kann, ohne auf gängige Eröffnungsideen und Systeme zurückzugreifen. „U Cannot Be Serious!“ zeigt ein erfolgsorientiertes Schach mittels eines systematischen Spiels, dem andere das Potenzial für einen ernsthaften Einsatz absprechen.
Die Kommentierung will unterhalten, aber auch dem Spiel abseits der Eröffnungstheorie Respekt einbringen, indem sie zeigt, wie Basman damit objektiv gute Stellungen erreicht hat.
Damit will Gerard Welling als offenkundiger Hauptautor seinem Partner Michael Basman zugleich auch ein Denkmal setzen.

Die Anforderungen an die Fremdsprachenkenntnisse des deutschsprachigen Lesers sind moderat.

Fazit: „U Cannot Be Serious!“ ist ein empfehlenswertes Werk, unterhaltsam, etwas biografisch und mit Ideen für ein Eröffnungsspiel abseits der gängigen Theorie im Gepäck.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann zur Verfügung gestellt.

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