Dagobert Kohlmeyer: "Schachhelden"

von Uwe Bekemann (Kommentare: 0)

Dagobert Kohlmeyer
Schachhelden
197 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-3-944158-26-6
20,00 Euro

Wenn der Name Dagobert Kohlmeyer als Autor auf der Titelseite eines Schachbuches steht, dann kann man als Leser sicher sein, dass in Sachen Unterhaltung Hochprozentiges geliefert wird. Und dies ist auch bei seinem neuen Werk „Schachhelden“ der Fall, das im laufenden Jahr im Verlag Chaturanga erschienen ist.


Kohlmeyer stellt 12 frühere Schachmeister im Rahmen jeweils eines Porträts aus Wort, Bild (ggf. Zeichnung) und Partien und Partiefragmenten vor, von denen er zu Recht sagt, dass sie unsere Wertschätzung verdienen, und dass ihr Beitrag zum Schach erhalten werden muss. Die meisten, nicht alle, dieser Spieler waren mir über ihren Namen hinaus ein Begriff. Dabei aber kommt zum Tragen, dass ich dem Schachspiel seit mehr als 50 Jahren eng verbunden bin und mir diese Spieler über die Zeit hinweg oft und immer wieder begegnet sind. Dies kann dann eine „unsterbliche Partie“ gewesen sein, an der sie mitgewirkt haben, oder eine faszinierende Kombination, die sie am Brett gefunden haben, Beiträge zur Eröffnungstheorie oder auch etwas Anderes.
Aber welche Chance haben jüngere Generationen der Anhänger des königlichen Spiels, die „Schachhelden“ früherer Tage sowie das, was sie auszeichnet oder damals berühmt gemacht hat, noch kennen zu lernen? Auch im Schach hat sich die Welt geändert. Heute verlangen die Arbeiten am und mit dem Computer, die Eröffnungsarbeit und manches mehr Zeit und Kraft ab. Die Schachmeister der Vergangenheit finden darin nicht mehr viel Platz, vom beispielsweise für eine Eröffnungsvariante hinterlassenen Namen einmal abgesehen.

In seinem Vorwort beklagt Kohlmeyer, dass sich heutzutage immer weniger Schachanhänger für die Vergangenheit interessieren und immer weniger von den Brettkünstlern früherer Zeiten wissen. Dabei spannt er einen Bogen zu Jeremy Silman, Spieler und Autor aus den USA, der den Mangel an Bewusstsein zur Schachgeschichte in Verbindung mit der gleichen Entwicklung in anderen Bereichen der Kultur sieht, so etwa zur Literatur und zur Musik.

Mit „Schachhelden“ leisten Autor und Verlag einen wertvollen Beitrag, um die porträtierten Meister und ihr schöpferisches Erbe [Zitat] zu bewahren. Und mit diesem Beitrag erhalten jüngere Schachanhänger die Chance(!), einen Blick in die Schachgeschichte zu werfen.

Ihren Platz im Werk haben die folgenden Spieler erhalten: Lionel Kieseritzky, Curt von Bardeleben, Akiba Rubinstein, Ossip Bernstein, Jefim Bogoljubow, Richard Réti, Salo Flohr, Alexander Kotow, Reuben Fine, Robert Wade, Jefim Geller und Lew Polugajewski. Diese Auswahl ist bunt und ich kann nicht sagen, nach welchen Kriterien sie zusammengestellt ist. Diese sind auf jeden Fall auch subjektiver Natur und können teilweise damit zusammenhängen, was Dagobert Kohlmeyer mit den Spielerpersönlichen verbindet. Er ist seit vielen Jahren sehr gut vernetzt, was an einigen Stellen des Werkes deutlich wird. So kann er teilweise über persönliche Kontakte berichten (zu Porträtierten selbst oder zu deren Angehörigen, so wie beispielsweise zur Witwe Alexander Kotows), teilweise auch aus eigenen Interviews Inhalte einstreuen oder von Begebenheiten erzählen, die er im Laufe seines Lebens erfahren und in seine Erinnerung aufgenommen hat. Sein Fundus scheint unermesslich zu sein. An verschiedenen Stellen des Werkes wird aber auch eine spezifische Recherchearbeit erkennbar.
Das früheste Geburtsjahr aller porträtierten Meister ist 1806, das späteste Sterbejahr 2008. So gesehen stellt Kohlmeyer „Schachhelden“ aus 200 Jahren vor.

Was verbinden wir mit dem Namen Lionel Kieseritzky? Klar, er hat 1851 an der unsterblichen (ewig jungen) Partie mit Adolf Anderssen mitgewirkt. Er hat sie verloren. Ein Verlierer-Image hat er aber ganz sicher nicht verdient. Den privaten Wettkampf gegen Anderssen (die „Unsterbliche“ war keine offizielle Turnierpartie), aus dem die Partie stammt, hat er gewonnen. Und auch ansonsten hat er Großartiges im Schach – und auch außerhalb des Brettes – geleistet. In „Schachhelden“ kann man dies endlich mal nachlesen, unterhaltsam geschrieben und kompakt zusammengestellt.

Was verbinden wir mit dem Namen Ossip Bernstein? Das Wichtigste haben die meisten von uns – ich bisher dazugezählt – sicherlich nicht auf dem Schirm. Er hat im Jahr 1918 im wahren Wortsinn am Schachbrett um sein Leben gekämpft. Die Umstände möchte ich hier nicht verraten. Beim Lesen in die Situation hineinversetzt läuft einem ein Schauer über den Rücken.

Fragen wie die voranstehenden zu Kieseritzky und Bernstein lassen sich mit jedem der porträtierten Schachmeister verbinden. „Schachhelden“ gibt die Antworten und auch die Geschichten dazu.

Mich persönlich haben die Porträttexte am meisten gefesselt, inhaltlich und natürlich auch als Ergebnis der packenden Erzählweise des Autors. Die kommentierten Partien oder Fragmente, beispielsweise solche zur Vorführung einer Kombination, sind nicht weniger unterhaltsam, doch sind sie in der Regel natürlich in diesem Werk nicht erstmals veröffentlicht worden. So etwa ist mir die unsterbliche Partie zwischen Anderssen und Kieseritzky schon oft begegnet, und doch darf sie in einem Porträt Kieseritzkys sicher nicht fehlen. Wer mittels „Schachhelden“ erstmals einen Blick in die Schachhistorie wirft, wird die Kunst der früheren Meister am Brett in allen Beispielen „unverbraucht“ genießen können.

Das Buch enthält neben Bildern der Spieler auch weitere Fotos, beispielsweise Gruppenbilder, von Grabstätten der Meister, vom Notationsblatt zu einer Partie u.m. Zahlreiche Diagramme unterstützen den Leser bei der Aufnahme der Partie oder beim Übertrag auf das eigene Schachbrett, z.B. zur Grundstellung zu einem Partiefragment.
Für den Druck ist ein hochwertiges mattes Papier verwendet worden, die Schriftgröße übertrifft die sonst übliche etwas, was manchem Leser einen bequemeren Umgang mit dem Werk erlauben dürfte.
Ich habe kaum drucktechnische Fehler gesehen, so dass auch formell eine hohe Qualität erreicht ist (nur zur Einschätzung: Wenn beispielsweise am Ende des Namens von Svetozar Gligorić sich ein Zeichensatzfehler eingeschlichen hat, ist dies eine Bagatelle).

Ein Gedanke ist mir bei der Arbeit mit „Schachhelden“ mehrfach gekommen: Dieses Werk ist auch eine gute Geschenkidee. Wer einem Schachanhänger ein Buch zu dessen Hobby schenken möchte, wird mit „Schachhelden“ immer einen Treffer landen und Freude auslösen.

Fazit „Schachhelden“ ist eine gelungene und empfehlenswerte Ergänzung zur Schachhistorie. Das Buch trägt dazu bei, dass den 12 porträtierten Meistern eine ihnen gebührende Ehrung zuteilwird und ihr schöpferisches Erbe erhalten bleibt.
Schachhelden“ ist ein überaus unterhaltsames Werk.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise vom Verlag Chaturanga zur Verfügung gestellt.

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