auf der BdF - Homepage
Rezensionen
Literatur
Schachsoftware

 

 

 

 

Rezensionen (Einstellungsjahr 2017)
von Uwe Bekemann
   
knopf
Pearls of Azerbaijan
knopf
A World Champion`s Guide to Chess
knopf
Timman's Titans
knopf
Checkmate
knopf
David vs Goliath
knopf
Najdorf x Najdorf
knopf
The Agile London System
knopf
Mastering Queen and Pawn endgames
knopf
New Weapons in the King's Indian
knopf
First Steps: the Colle and London Systems
knopf
Maneuvering - The Art of Piece Play
knopf
1.e4 vs The Sicilian III

 

Pearls of Azerbaijan

Pearls of Azerbaijan

Djakhangir Agaragimov
Pearls of Azerbaijan
229 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-944290-8-9
19,95 Euro




Pearls of Azerbaijan
Als ich das Werk "Pearls of Azerbaijan", übersetzt also "Perlen aus Aserbaidschan" zur Rezension erhielt, stand es für mich fest, eine Sammlung von Partien aus der Schacholympiade 2016 in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, vor mir zu haben. Auf der Titelseite platzierte Hinweise auf diese Veranstaltung dürften ihren Teil dazu beigetragen haben. Tatsächlich aber ist diese Arbeit von GM Agaragimov etwas ganz anderes, nämlich eine umfängliche Sammlung von Kombinationsaufgaben. Diese stammen allesamt aus der Praxis von Spielern dieses Landes, was die hinter diesem Buch steckende Idee weiter umschreibt.

Insgesamt 559 Aufgaben warten darauf, vom Leser gelöst zu werden. Sie sind nach den Schwierigkeitsgraden leicht, mittel und schwer gegliedert und entsprechend drei Abschnitten im Werk zugeordnet.
Zur Art der Aufgabengestaltung hat sich der Autor etwas einfallen lassen. Nichts Ungewöhnliches ist zunächst die Einführung der Ausgangsstellung über ein Diagramm. Gleiches gilt für die Anzeige, welche Seite stärker ist und für die eine Kombinationslösung gefunden werden soll, indem die üblichen Stellungssymbole Plus und Minus verwendet werden. Darüber hinaus aber sind zahlreiche Diagramme mit einem zusätzlichen Smiley versehen, der dem Leser anzeigt, in welcher Richtung er denken soll. Vier verschiedene Smileys kommen zum Einsatz, so dass es insgesamt fünf unterschiedliche Aufgaben- und Lösungskategorien gibt. Diese sind:

1. Diagramme ohne Smiley: Der Leser ist völlig auf sich allein gestellt.
2. Smiley mit 2 gespreizten Fingern ("victory"): Es gibt zwei Lösungswege.
3. Smiley mit einem auf die Lippen gelegten Finger ("pssst"): Zu Anfang wird ein stiller Zug gesucht.
4. Smiley mit Sonnenbrille ("cool"): Intuition ist gefragt. Wenn die Berechnung nicht weiterführt, so liegt der Leser dann richtig, wenn er das Gefühl hat, es läuft.
5. Smiley mit Ausrufezeichen ("gute Idee"): Es ist Zeit für eine tiefe Prüfung. Es muss nicht der offensichtliche, der auf der Hand liegende Zug sein, der zum Erfolg führt, sondern vielleicht ist es ein alternativer, dessen Kraft sich erst über eine tiefe Prüfung erschließt.

Im Abschnitt mit den leichten Aufgabenstellungen sind nur einzelne Diagramme mit einem zusätzlichen Smiley versehen, während später die schweren Brocken ganz überwiegend damit gekennzeichnet sind.

Innerhalb der Abschnitte sind die Beispiele chronologisch geordnet. Sie stammen jeweils, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus den jüngsten Jahren. Historische Schätzchen sind nicht verwendet worden.

Zu jedem Schwierigkeitsgrad gibt es einen eigenen Lösungsteil, der sich unmittelbar an die Aufgabenstellungen anschließt. Die Lösungen beschränken sich auf die Züge, sowohl hinsichtlich der gesuchten Kombination als auch der Nebenvarianten, ergänzt um Schachsymbole. Textliche Erläuterungen werden nicht gegeben. Entsprechend ist es auch so gut wie bedeutungslos, dass das Werk in Englisch verfasst ist, denn wer als Leser auf diverse Vorworte verzichten kann, braucht keine Fremdsprachkenntnisse dafür.

"Pearls of Azerbaijan" ist gut geeignet, um seine kombinatorischen Fähigkeiten zu trainieren. Der zunehmende Schwierigkeitsgrad der Aufgaben erlaubt eine Entwicklung und macht es schon dem Spieler auf einem niedrigen Klubniveau möglich, mit Freude an das Lösen zu gehen. Er wird sich permanent verbessern und sich über die Arbeit mit dem Werk das nötige Rüstzeug verschaffen, um sich auch an die schwierigeren Beispiele machen zu können. Unterhaltsam sind Bücher dieses Genres allemal, sie kommen dabei ohne Text aus.
Neben dem autodidaktischen Spieler ist das Buch auch ein Füllhorn an Material für den Trainer und Übungsleiter.

Das Rezensionsexemplar wies einen kleinen technischen Mangel auf. Zwei einführende Seiten sind mit Druckerschwärze verschmutzt. Hierbei dürfte es sich um eine Besonderheit handeln, die zudem den Gebrauchswert des Buches nicht beeinträchtigt. Ansonsten ist es gut verarbeitet.

Fazit: "Pearls of Azerbaijan" ist ein Buch, das den Leser zum Lösen von Aufgabenstellungen animiert, die seine kombinatorischen Fähigkeiten ansprechen und auch fördern dürften. Konzept und Umsetzung sind gelungen, auch der noch nicht allzu weit in seiner Spielstärke fortgeschrittene Schachfreund kann es sich zunutze machen und dabei stärker werden. Das umfangreiche Material ist zudem für den Trainereinsatz geeignet. Englischkenntnisse sind grundsätzlich entbehrlich.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

A World Champion`s Guide to Chess

A World Champion`s Guide to Chess

Susan Polgar, Paul Truong
A World Champion`s Guide to Chess
384 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-32-5
17,95 Euro




A World Champion`s Guide to Chess (Eine Gastrezension von Gerd Schowalter, Bad Kreuznach)
Susan (früher in Ungarn: Szusza) Polgar, frühere Weltmeisterin der Frauen und Internationale Großmeisterin bei Frauen und Männern, legt ein umfangreiches Lehrbuch vor, das man mit „Ein Führer zum Schach durch eine Weltmeisterin“ mit dem Untertitel „Schritt für Schritt, um beim Schach zu gewinnen mit der Polgar-Methode“ von einer international anerkannten Schachtrainerin, übersetzen kann.

Das Buch im Paperback hat 384 Seiten, bei sehr sauberem übersichtlichem Satz. Die beiden Autoren schreiben ein leicht verständliches Englisch, das man mit einfachem herkömmlichem Schulenglisch verstehen kann.
Die drei Polgar Schwestern, die es allesamt in die Weltspitze schafften, sind hinlänglich bekannt. Spätestens 1988, als sie, zusammen mit Ildiko Madl, 1988 in Saloniki die Russinnen entthronten und die Olympiade der Frauen für Ungarn gewinnen konnten. („Polgarien“). Aber wer ist Paul Truong? Auf der hinteren Umschlagseite erfahren wir, dass er elf nationale Titel gewonnen hat, gemeint sind wohl Erfolge der von ihm betreuten Mannschaften. Er selbst, geboren in Vietnam, errang 2001 die USA-Meisterschaft im Blitzschach. In den Staaten wurde er ein erfolgreicher Autor und Trainer. Seit 2006 ist er mit Susan Polgar verheiratet. Sie unterhält nicht nur eine Schachschule (Polgar Chess Center) in New York, sondern auch eine Stiftung, bei der Paul Truong als Vizepräsident tätig ist.
Bei beiden handelt es sich um erfahrene Schachtrainer, die hauptsächlich in den USA allseits bekannt sind. Susan versichert, dass sie die Polgar-Methode weiterführt, die ihr Vater bei seinen drei Töchtern kreierte. Bekanntlich mussten sie in Ungarn nicht in eine allgemeinbildende Schule gehen, sondern wurden von den Eltern zu Hause unterrichtet. Der Vater, Laszlo Polgar, hatte Philosophie studiert und promoviert mit einer schachpädagogischen Arbeit. Er wollte beweisen, dass Bildung und Erziehung der Kinder nicht nur in Schulsälen, sondern auch zu Hause möglich sind und auf einem Gebiet hervorragende Ergebnisse zeitigen können. Das ist ihm und seiner Frau mehr als gelungen. Susan, als die älteste Tochter, war auch schon bald in die Ausbildung von Sofia und Judith, ihrer beiden jüngeren Schwestern, einbezogen, was sie wiederholt erwähnt.

Ihr Buch wurde ein ganz anderes Lehrbuch als wir es kennen. Es gliedert sich in eine allgemeine Einführung und 24 Kapitel nebst vier großen „Sektionen“. Übersichtlich und gekonnt, wird selbst der kenntnislose Anfänger Schritt für Schritt in das königliche Spiel eingeführt. Daher ist es nicht nur für Schachunterricht, Schul- oder Jugendschach, sondern auch zum Selbststudium geeignet. Auf vier in die Regeln einführende Artikel folgen zunächst elementare Hinführungen zu Aufgaben, die streng den pädagogischen Grundsatz „Vom Leichten zum Schweren“ berücksichtigen.

Die zahlreichen, übersichtlich gestalteten Diagramme gestatten einen stetigen Lernzuwachs, selbst bei einer Eisenbahnfahrt. Taktische Aufgaben werden gut vorbereitet und beinhalten beispielsweise: Matt in einem Zug, Figurengewinn, Gabeln, Fesselungen, Doppelschach, Zwischenzüge, Pattstellungen, Ewiges Schach, Verteidigung, um nur einige zu nennen. Die gestellten Aufgaben erfahren wenige Seiten später die Lösungen zum Abgleichen, können also leicht aufgefunden werden. Der nicht pädagogisch tätige Vereinsspieler wird in der zweiten „Sektion“ über Endspiele überrascht, wie gründlich Endspielwissen vermittelt wird, das er früher mal gehört und gar vergessen hat.
In der dritten „Sektion“ folgen weitere Aufgaben. Zunächst geht es um einzügige Mattsetzung, dann um Zweizüger und schließlich um Matt in drei Zügen. Das kann auf der Reise wirklich zu sinnvoller Unterhaltung führen.
Die Sektion IV beinhaltet Tipps für Turnierspieler. Worum geht es bei diesem Spiel eigentlich? Was habe ich zu tun in der Eröffnung, im Mittelspiel oder im Endspiel? Die Antworten auf solche Fragen finden sich in vielen Schachbüchern, aber hier werden sie von ausgesuchten Praktikern gegeben. Susan Polgar lässt es sich schließlich nicht nehmen, zwei eigene Partien vorzustellen und intensiv nach jedem Zug zu besprechen. Außerdem gibt es nach jedem Zug ein hilfreiches Diagramm. In der ersten Partie besiegt sie den leider viel zu früh verstorbenen Weltklassespieler IGM Bent Larsen mit den weißen Steinen (Monte Carlo 1994). Dann folgt ein Sieg mit den schwarzen Steinen, den sie 1996 in Oslo in einem Schnellturnier errungen hat. Der unterlegene Spieler ist kein Geringerer als der norwegische IGM Simen Agdestein, der Trainer des jetzigen Weltmeisters Magnus Carlsen. Beide Musterbeispiele sind erfrischend kommentiert und lehrreich.

Der Anhang mit Vorschlägen für ein faires Spiel bei Turnieren ist nicht unbedingt nötig. Aber der Abschluss für Eltern und Trainer kann da schon eher gefallen.

Fazit: Dieses Lehrbuch (Russell Enterprise, Inc. Milford, CT USA 2015) nach der Polgar-Methode wird die Welt nicht aus den Angeln heben. Es kann aber durchaus für Lehrer und Übungsleiter empfohlen werden oder als Reiselektüre, da es mit großzügigen Diagrammen ausgestattet ist und leicht zu handhaben ist. Die Korrektoren haben außerdem ganze Arbeit geleistet (erst auf Seite 350 finde ich einen Lapsus: In der Larsen-Partie wurde der 11. Zug Le3-d2 vergessen zu notieren. Das ist jedoch nicht schlimm, da er beim nächsten Diagramm vollzogen werden kann.
Alles in allem, ein Schachbuch zum Liebhaben.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Timman's Titans

Timman's Titans

Jan Timman
Timman's Titans
332 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-672-5
26,95 Euro




Timman's Titans
"Timman's Titans", 2016 erschienen bei New In Chess (NIC)", ist ein Buch, das mich in der Vorbereitung dieser Rezension ausgezeichnet unterhalten hat. Und ich meine, dass genau dies auch der Anspruch ist, den sein Autor Jan Timman sich selbst gestellt hat. Selbst viele Jahre unter den weltbesten Schachspielern etabliert und mehrfach in den Kampf um die Krone eingebunden kennt er die Elite seiner Zeit so gut wie nur wenige andere. Und dies gilt auch für die Weltmeister. Soweit sich ihre Karrieren gekreuzt haben, hat er auch gegen sie gespielt. Er hat Beziehungen aufgebaut, zu dem einen mehr und zu dem anderen weniger, kann von Begebenheiten und gemeinsamen Erlebnissen berichten etc. In die Texte eingebunden findet der Leser zudem so manche Information, die selbst für einen langjährigen Anhänger des Schachspiels, der sich auch für die Schachszene als solche interessiert, noch neu ist.

Timman porträtiert die früheren Weltmeister Aljechin, Euwe, Botwinnik, Smyslov, Tal, Petrosjan, Spasski, Fischer, Karpov und Kasparow in Wort und Partien. Mit Aljechin verbindet ihn natürlich kein persönlicher Kontakt, denn er wurde erst nach dessen Tod geboren, aber ein Schachspiel. Ein von ihm in Lissabon gekauftes Spiel stammt aus dem Besitz des früheren Weltmeisters. Und er hatte Kontakt zu Personen, die ihrerseits auf Aljechin getroffen oder anders mit ihm verbunden waren. Aus persönlichen Gesprächen stammende Informationen hat er im Porträt verwendet. So wie alle weiteren Texte wirken Timmans Ausführungen sehr authentisch.
Zu Botwinnik beschreibt er u.a. eine Situation, als dieser einen Raum betrat und auf eine ehrfürchtige Aufmerksamkeit traf. Es wunderte ihn, verglichen mit Keres und Smyslov, Botwinniks geringe Körpergröße, die so im Widerspruch zur beschriebenen Reaktion der Anwesenden zu stehen schien. Es gab eine gewisse Aura, die den dreifachen Weltmeister umgab, die sich in der Begebenheit widerspiegelte. Timman gibt weiter ein Beispiel für Botwinniks Stringenz im Verhalten, auch gegenüber anderen. Ein Mensch, der bei ihm in Ungnade gefallen war, wurde erbarmungslos ignoriert, selbst wenn man sich in demselben Raum bewegte.
Zu Spasski fällt Timman u.a. eine Erfahrung ein, die für ihn belegt, wie sehr dessen Niederlage gegen Fischer in Reykjavik 1972 Wunden in seiner Psyche hinterlassen hat. Als ein Gegenüber ihm im Gespräch erklärte, dass er ihn damals im Titelkampf bewundert habe, erntete er die sarkastische Reaktion "ich bewundere meine damaligen dummen Fehler auch", woraufhin Spasski sich entfernte. Timman zeigt auf, dass Spasski 1972 gleich gegen zwei Gegner verloren hat, natürlich gegen Fischer und daneben auch gegen das Sport-Komitee. Dieses hatte ihm befohlen, nach Moskau zurückzukehren, als Fischer zur zweiten Partie nicht erschienen war. Sein Widersetzen leitete die Niederlage gegen einen Gegner ein, gegen den ein Sieg nicht möglich war.

Diese kleine Auswahl soll zeigen, wie persönlich und auch interessant Timmans Porträtinhalte sind. Er begnügt sich eben gerade nicht mit solchen öffentlichen Informationen, die man schon oft genug irgendwo gelesen hat, wenn man nur lange genug dem Schach verbunden ist. Timman öffnet das Tor zu Neuland.

Ein Porträtbuch im Schach ist ohne Partien nicht wirklich vorstellbar. Und natürlich enthält "Timmans's Titans" in hoher Zahl kommentierte Begegnungen aller Weltmeister, teilweise im unmittelbaren Kampf gegen ihn selbst. Die Anmerkungen stammen aus seiner Feder. Ich war schon immer ein Fan der Kommentierung á la Timman. Er macht das Geschehen auf dem Brett so nachvollziehbar, dass man sich tief in die Geheimnisse der Partie eindringen fühlt und sich die Bestätigung gibt, das Wesentliche verstanden zu haben. Er arbeitet nicht mit Varianten, die er weit verzweigt und in eine besondere Tiefe führt, sondern setzt auf Text. Gerade diese Entscheidung prägt den hohen Unterhaltungswert auch der Partien.

Alles in allem ist "Timman's Titans" ein sehr gelungenes Werk, geschrieben von einem Insider, der sich darauf versteht, sein hohes fachliches Knowhow für den herkömmlichen Schachfreund verständlich darzustellen.

Literaturempfehlungen, ein Partien- und ein Namensverzeichnis schließen das Werk ab. Nicht unerwähnt bleiben sollen großformatige Fotos, die dem jeweils porträtierten Weltmeister noch "ein Gesicht geben".

Das Werk ist in Englisch geschrieben. Obwohl es viel Text enthält, dürfte der mit Schulenglisch ausgestattete Leser seine Freude daran haben, denn die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse sind niedrig. Der Satzbau ist einfach und der Wortschatz verlässt eher selten den Bereich des Herkömmlichen.

Fazit: "Timman's Titans" ist in meinen Augen eine Kaufempfehlung an den Freund von Schachunterhaltung durch Insiderporträts und meisterhaft insbesondere textlich kommentierter Partien.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Checkmate

Checkmate

Bobby Fischer
Checkmate
128 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1941270516
17,95 Euro




Checkmate
Als Autor des Werkes "Checkmate", einer 2016er Neuerscheinung bei Russell Enterprises wird Bobby Fischer angegeben. Dies ist inhaltlich korrekt, ein besonderes Buchmanuskript hat der frühere Weltmeister und vielleicht beste Spieler aller Zeiten nie vorgelegt.
Bei dem neuen Werk handelt es sich vielmehr um eine Zusammenstellung von Artikeln, die Fischer in frühen Jahren in einem Jungen-Magazin veröffentlicht hat. Entstanden sind sie in den Jahren 1966 (Dezember) bis 1970 (Januar). In diesen Beiträgen hat Fischer auf Fragen seiner Leser geantwortet, kommentierte Partien vorgestellt, Tipps gegeben, Schachaufgaben gestellt und von Turnieren und seinen Erfahrungen daraus berichtet.

Als Editor ist Peter Kurzdorfer angegeben. Ein Vorwort stammt von Andy Soltis. Zwischen einzelnen Beiträgen aufgenommene Anmerkungen aus Fischers Karriere sind den Angaben entsprechend dem Buch "Bobby Fischer: The Career and Complete Games of the American World Champion" von Karsten Müller entnommen.

Es ist ganz schwer, dieses Werk zu bewerten, weil es sich weder eindeutig einer bestimmten Kategorie noch einem klaren Adressatenkreis zuordnen lassen will. Um dennoch mein subjektives Urteil abgeben zu können, schlüpfe ich mal in die Rolle verschiedener Adressaten, so wie ich sie mir hier vorstelle.

Aus der Warte des Klubspielers ist der auf unmittelbar das Schachspiel bezogene Informationswert niedrig. Was Fischer behandelt, ist dem nicht mehr ganz taufrisch auftretenden Schachfreund bekannt. Der Neuling findet Neues für sich, wird aber mit strukturierten Werken, die sich auf ihn konzentrieren, besser bedient.
Für den Fischer-Fan ist "Checkmate" ein Muss. Er erhält neue Facetten aus dem Schaffen seines Idols und neue Einblicke in seine Auffassungen und Denkweisen, was das Buch denn auch tatsächlich für sich in Anspruch nimmt.
Der Sammler von Schachbüchern dürfte sich mit dem neuen Werk ebenfalls gut anfreunden können, denn es kommt ihm ein Alleinstellungsmerkmal zu.
Und für den Schachfreund "wie du und ich" ist "Checkmate" ein Buch nach dem Prinzip "nice to have" - man muss es nicht haben, aber es ist unterhaltsam und vermag durchaus zum Weiterlesen animieren.

Die Anforderungen an die Englischkenntnisse des Lesers sind niedrig. Mit Schulenglisch kommt man allemal aus.

Fazit: "Checkmate" ist ein Buch, das für den Fan von Bobby Fischer und den Sammler von Schachbüchern einen höheren Wert haben dürfte. Für alle weiteren Schachfreunde kann ich das Werk unter meinen Konkretisierungen im Text empfehlen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

David vs Goliath

David vs Goliath

Peter Zhdanov
David vs Goliath
251 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-945362-1-3
24,95 Euro




David vs Goliath
"David vs Goliath" von Peter Zhdanov, erschienen bei Chess Evolution, widmet sich dem ewig jungen Thema "klein schlägt groß", Außenseiter gewinnt gegen Favorit. Außenseiter ist dabei jeweils derjenige, der eine um mindestens 300 Punkte niedrigere Elozahl als sein Gegner aus der Meistergilde hat.

Wer als Leser allerdings mit der Vorstellung in das Werk gehen sollte, eine systematische Aufarbeitung des Themas vorzufinden, wird enttäuscht werden.
Dies bietet "David vs Goliath" nicht. Ich persönlich hätte mir etwas mehr in dieser Richtung gewünscht, zumal man sich auch ein wenig dorthin geleitet sieht. Der Rückentext stellt die Frage "wie schlägt ein Amateur einen Top-Großmeister?" und in der Einführung werden verschiedene Gründe angeführt, die für ein Malheur des Favoriten verantwortlich sein können. De facto wird dieser Aspekt dann aber nicht mehr konkret aufgegriffen.

Dennoch halte ich "David vs Goliath" für ein gelungenes Buch. In der Hand des "richtigen" Lesers wird es Freude bereiten.
Aber was hat es zu bieten? Formal betrachtet sind dies vier Dinge. Das Inhaltsverzeichnis ist meines Erachtens etwas unglücklich gestaltet, so dass ich die Pluspunkte ohne einen Hinweis darauf beschreibe. In einem ersten Block findet der Leser 31 kommentierte Partien mit einem "David-Sieg". Sie stammen zumeist aus der "Neuzeit" des Schachspiels, das Werk wartet also nicht mit angegrauten Schätzchen auf. Sie werden in einer chronologischen Reihenfolge behandelt, von 1980 und 1983 als älteste Beispiele bis 2015, bei denen also die Tränen des Großmeisters gerade erst getrocknet sind.

Die Kommentierung ist ein Mix aus Varianten und Text. Unter Varianten sind sowohl Analysen als auch Partiefragmente zu verstehen. "Fragmente" ist dabei extensiv zu verstehen. "David vs Goliath" enthält zahlreiche, auch längere Zugfolgen bis nicht selten ganze Partien als Anmerkung. Hier wäre für meinen Geschmack einige Male ein vorzeitiges Ende angebracht gewesen.

Die Stärke des Buches sehe ich in den drei weiteren werthaltigen Elementen. Es sind dies "Puzzles", also Schachaufgaben, die dem Leser zum eigenen Lösen vorgestellt werden. Diese sind Rapid-Partien, Blitzpartien und Partien aus Simultanveranstaltungen, in entsprechenden eigenständigen Teilen angeboten.
"Amateur schlägt Meister" ist dabei natürlich als Auswahlkriterium beibehalten worden.
Dieser Buchinhalt ist gut gemacht. Die Aufgaben werden per Diagramm und Aufgabenformulierung in Textform gestellt. Mal kann es kurz die Frage nach dem richtigen nächsten Zug für eine Partei sein, dann ist es aber auch schon mal eine umfassendere Ausarbeitung, die der Leser zu leisten hat. Regelmäßig beziehen sich mehrere aufeinander folgende Aufgaben auf eine einzige Quellpartie. So ergibt sich eine kontinuierliche Behandlung dieser Partie nicht nur in der Bearbeitung des Lesers, sondern auch bei der späteren Besprechung im Lösungsteil des Buches. Alle Lösungen werden en block abgebildet, also ohne tiefe Unterscheidung nach der Turnier- oder Spielart, der die jeweilige Partie entstammt. Die Lösung ist in der Form einer herkömmlichen Partiekommentierung gestaltet.
Die Arbeit mit diesen "Puzzles" macht Spaß und sie wird gewiss die Spielstärke fördern.

Wie meine Beschreibung veranschaulichen mag, wird "David gegen Goliath" nicht speziell dabei helfen, einen Sieg zu erringen, wenn einem beim nächsten Mal ein Großmeister vor die Flinte - Entschuldigung, vor die Schleuder natürlich - kommt. Aber das Buch wird dem Leser gegen die vielen anderen Davids helfen, mit denen wir uns am Schachbrett messen dürfen.

Noch ein paar allgemeine Randbemerkungen: Im ersten Buchabschnitt erhält der Leser regelmäßig zu Beginn der Partie ein paar Infos zum jeweiligen Außenseiter. Diese Zugabe finde ich gut. Einige Male zeigt sie allerdings, dass "David" oft auch ein Hochkaräter war, noch werden sollte oder früher einmal gewesen war. Ein "2400er" ist, was für die meisten von uns gelten dürfte, eben auch keiner von uns.
Im Bereich der Schachaufgaben kommen auch einige ältere Beispiele zum Einsatz. In einem Simultanmatch war dabei G. Kasparow der Favorit und M. Wahls der "Amateur", ausgestattet mit Elo 2285. Zumindest dem etwas älteren Schachfreund macht dieses Beispiel besonders deutlich, dass "Außenseiter" nicht gleich "Außenseiter" ist.

"David vs Goliath" ist in Englisch geschrieben, die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind nicht nennenswert.

Fazit: In der Hand des Lesers, der sich keine spezielle Aufarbeitung des Themas "Außenseiter schlägt Favorit" von "David vs Goliath" verspricht, ist das Werk eine gelungene Sache. Es bietet Unterhaltung durch kommentierte interessante Partien und kategorisierte Schachaufgaben. Diese lassen ihn zudem seine Spielstärke fördern.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Najdorf x Najdorf

Najdorf x Najdorf

Liliana Najdorf
Najdorf x Najdorf
208 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-39-4
24,95 Euro




Najdorf x Najdorf
"Najdorf x Najdorf" ist ein Werk, das sich kaum mit anderen vergleichen lässt. Dies gilt für seine inhaltliche Kategorisierung, für das Verhältnis Autorin/Autor und die im Mittelpunkt des Interesses stehende Person aus dem Schachgeschehen, die Rolle des Übersetzers aus Spanisch nach Englisch und mehrerlei darüber hinaus. Aber alles der Reihe nach!

In "Najdorf x Najdorf" geht es um ... nicht schwer zu erraten, Miguel Najdorf, im Kern jedenfalls. Die Autorin Liliana Najdorf ist dessen Tochter; sie ist, wie ihre Schwester Mirta, aus der zweiten von drei Ehen eines der größten Schachspieler aller Zeiten hervorgegangen. Und schon sind wir mitten im Thema, der Kategorisierung des Buches. Liliana Najdorf hat eine Biografie verfasst, wie sie kaum jemand anders hätte schreiben können. Sie steckt voller persönlicher Details, die teilweise als solche und allgemein in der Fülle niemandem außerhalb der Familie bekannt sein können. Mehrmals habe ich beim Lesen ein gewisses Schuldgefühl entwickelt, wenn ich etwas erfahren habe, was mir als zu intim für meine Außenseiteraugen vorgekommen ist. Die Autorin scheint mir mit dem Werk auch sich selbst einen Gefallen getan zu haben, indem sie manches aufgearbeitet und für sich persönlich abgearbeitet hat. Für sie und ihre Schwester war es oft nicht leicht, Tochter nicht nur eines berühmten und viel in Sachen Schach reisenden Vaters gewesen zu sein, sondern weil dieser zugleich die besondere Persönlichkeit eines Miguel Najdorf hatte. So war das Verhältnis geprägt von Liebe und Problemen zugleich. Miguel Najdorf wird beschrieben als herzlicher, emotionaler, durchaus autokratischer Mensch, der Schach gelebt hat. Im Schach war er ein Genie, im Alltagsleben aber bisweilen etwas zerstreut. Ich musste beim Lesen an den Professor im Witz denken, der das Bonbon wegwirft und das Papier kaut. Dazu gleich mehr.

Liliana Najdorf beschreibt das Vater-Tochter-Verhältnis an vielen Beispielen. Sie hat ihren Vater bewundert, aber er war oft nicht da, wenn sie ihn brauchte. Sie hat ihn geliebt, bisweilen aber auch gehasst, zum Beispiel als sie über Nacht mit Freunden verreisen wollte und er es verbot. Aber er zeigte einen Ausweg auf: Die Freunde sollten gegen ihn im Schach antreten, er würde blind simultan spielen. So geschah es - Liliana blieb zu Hause. Sie hat seine Selbstachtung, um religiöse Züge ergänzt, an ihm geachtet. Als sie auf seinen Spuren gewandelt ist, besonders auch in Polen, hat sie ihn verstanden.

Miguel Najdorf ist als Moishe Mendel (Mikel) Najdorf im Jahr 1910 in Polen geboren. Als er 1939 für Polen an der Schacholympiade in Argentinien teilnahm, wurde Polen von Nazi-Deutschland überfallen. Seine Frau und seine kleine Tochter waren in der Heimat. Als Juden waren sie wie er bedroht. Er reiste nicht zurück, sondern versuchte seine Familie nachzuholen. Er hatte keinen Erfolg. Außer seiner Familie verlor er sehr viele weitere Verwandte.
In Argentinien fand er später seine zweite Frau, mit der er die beiden Töchter Liliana und Mirta bekam. Er zeigte ihnen, dass es ihm eine stolze Genugtuung war, wenn ihm als Juden von Andersgläubigen eine Ehrung erwiesen wurde.
Nach dem krankheitsbedingten Tod seiner Frau heirate Miguel Najdorf ein drittes Mal. Im hohen Alter verlor er auch sie.

Najdorf war ein Spieler mit viel Intuition und vergleichsweise wenig Theoriekenntnissen. Dies mag verwundern, weil das heute beliebteste System in der Sizilianischen Verteidigung nach ihm benannt ist. Aber auch der Schlüsselzug 5...a6 ist Spross besonders seiner Intuition.
Er war ein phänomenaler Blindschachspieler. Im Buch ist beschrieben, wie er es geschafft hat, zig Partien nebeneinander zu bestreiten, ohne jemals den Überblick zu verlieren. Im "wahren" Leben war dies aber nicht so sicher. So kann man nur schmunzeln, wenn man liest, dass er eine Feier besuchte und erst nach dem Essen erkannte, dass es die falsche war. Ihm kamen alle anderen Gäste fremd vor ... Gleiches gilt für die Szene, dass er tief in Gedanken zum Schach versunken nackt aus der Dusche ins Wohnzimmer kam und erst auf einen Ausruf seiner Tochter hin sein Versehen bemerkte und sich bedeckte.
Zurück zum Schachspieler Miguel Najdorf: Er durfte nicht am WM-Turnier 1948 teilnehmen, obwohl er nach den zuvor festgelegten Kriterien hätte eingeladen werden müssen. Es geht wahrscheinlich auf eine Intervention Botvinniks zurück, dass dies so geschah. Dessen Feindschaft hatte er sich zuvor zugezogen, als er vor einer Partie gegen ihn Wetten auf seinen Sieg angeboten hatte. Dies erfahren wir beim Lesen von "Najdorf x Najdorf" weniger durch Liliana Najdorfs Ausführungen denn aus zusätzlichen Buchinhalten. So kommen im weiteren Verlauf des Werkes auch Weggefährten Najdorfs und Zeitgenossen zu Wort, von Panno bis Quinteros. Und nicht zuletzt ist dies Taylor Kingston, Übersetzer des Werkes und großer Kenner der Schachgeschichte. Er beleuchtet auch die 1948er Vorgänge.
In den Kapiteln von Liliana Najdorf tritt er immer wieder mit Anmerkungen und Korrekturen auf. So ist der Originaltext jeweils erhalten geblieben und doch kann sich der Leser keine falschen Daten zu Najdorf, Turnieren etc. aneignen. Das Werk ist authentisch geblieben und verbreitet keine - wie sagt man heute leider geflügelt - Fakenews. In Erzählungen, Anekdoten etc. kann schon mal der Bereich zwischen Wahrheit, Mangel an Erinnerung und Fantasie verwischen. In "Najdorf x Najdorf" nicht.

Ich habe das Werk komplett durchgearbeitet, es war meine Urlaubslektüre. Eine Ausnahme bilden nur die Partien - ja, die gibt es auch. Sie sind teilweise in den Text eingebunden, auch mit Originalkommentaren Najdorfs. Zudem sind 12 Najdorf-Partien enthalten, zusammengefasst in einer eigenen Sektion des Buches, die von Jan Timman sehr ansprechend kommentiert worden sind, mit dem Schwerpunkt von Textanmerkungen. Mein Urteil beschränkt sich auf meine Erkenntnisse beim Durchgehen der Partien ohne Brett.

Interessant ist zudem eine tabellarische Zusammen- und Gegenüberstellung von Weltereignissen politisch und im Schach mit Eckpunkten im Leben von Miguel Najdorf.

Gerade weil "Najdorf x Najdorf" meine Urlaubslektüre war, war es mir möglich, mich besonders intensiv mit dem Buch ihm zu befassen. Und so konnte ich auch mit mehr Hingabe damit umgehen, dass es wirklich hohe Ansprüche an die Englischkenntnisse des Lesers stellt. Der Satzbau ist relativ unproblematisch, der Wortschatz aber ist unglaublich breit.

Für wen ist das Werk eine Empfehlung, sofern er genügend gut Englisch kann? Es ist ein Buch für den Schachfreund, der eine sehr breite Beziehung zum Spiel hat und auch besonders an Informationen hinter dem Brett interessiert ist. Wer Miguel Najdorf als Spieler und als Mensch gefühlt sehr nahekommen möchte, ist mit "Najdorf x Najdorf" bestens beraten.

Der Rezension lag die Printausgabe des Werkes, das übrigens bei Russell Enterprises erschienen ist, zugrunde. Es ist auch als eBook erhältlich.

Fazit: "Najdorf x Najdorf" ist ein besonderes Werk, das nicht kopierbar ist. Unter den Beschreibungen im Text spreche ich meine Kaufempfehlung aus, gerichtet an den des Englischen gut Mächtigen und umfassend am Schach interessierten Anhänger des Spiels.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Agile London System

The Agile London System

Alfonso Romero Holmes, Oscar de Prado Rodriguez
The Agile London System
335 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-689-3
26,95 Euro




The Agile London System
"The Agile London System" von Alfonso Romero Holmes und Oscar de Prado Rodriguez ist ein weiteres aktuelles Werk, das sich mit dem Londoner System beschäftigt, also einer ganz bestimmten und universellen Aufbauidee gegen verschiedene von Schwarz eingeschlagene Eröffnungswege. Es ist eine 2016er Neuerscheinung bei New In Chess (NIC), als Übersetzung aus dem Spanischen. Das Ursprungswerk trägt den Titel "El Sistema Londres" und stammt aus dem Jahr 2014. Die englische Neufassung ist nach den einleitenden Informationen im Buch gegenüber dem Original aktualisiert und erweitert worden.

"The Agile London System" enthält insgesamt 13 Kapitel. Neun Kapitel enthalten die zentralen Ausführungen zur Theorie. Das erste Kapitel ist eine Einführung, das Kapitel 11 enthält Übungsaufgaben und das Kapitel 12 die Lösungen dafür. Im Kapitel 13 wird der Pereyra-Angriff kurz behandelt, zu dem ich ansonsten nichts sagen kann. Zu den Übungsaufgaben im 11. Kapitel bleibt noch zu erwähnen, dass sie in einen Taktik- und in einen Strategieteil aufgeteilt sind, was ich für einen interessanten und durchaus gelungenen Ansatz ansehe.

Die Universalität des Londoner Systems spiegelt sich auch sehr schön im Inhaltsverzeichnis wider. Die Theoriekapitel widmen sich immer genau einem Einsatzbereich und zeigen diesen auch im Titel auf. So lässt sich aus dem folgenden Auszug - in der Originalsprache belassen - sehr gut erkennen, gegen welchen schwarzen Aufbau das System zum Einsatz kommen kann und von den Autoren entsprechend behandelt wird:

Kapitel 2 The London System versus the Grünfeld
1.d4 Nf6 2.Bf4 g6 3.e3 Bg7 and ...d7-d5

Kapitel 3 The London System versus the King's Indian
1.d4 Nf6 2.Bf4 g6 3.e3 Bg7 and ...d7-d6

Kapitel 4 The London System versus the Queen's Indian
1.d4 Nf6 2.Bf4 e6 3.Nf3 b6

Kapitel 5 The London System versus the Benoni
1.d4 Nf6 2.Bf4 c5

Kapitel 6 The London System versus the Dutch
1.d4 f5 2.Nf3 Nf6 3.Bf4

Kapitel 7 The London System versus the Slav
1.d4 d5 2.Bf4 Nf6 3.e3 Bf5 4.c4

Kapitel 8 The London System versus ...d7-d5 without an early ...e7-e6
1.d4 d5 2.Bf4 various

Kapitel 9 The London System versus ...d7-d5 with an early ...e7-e6
1.d4 d5 2.Bf4 Nf6 3.e3 e6 4.Nf3

Kapitel 10 The London System versus other defences.

Die Besprechung erfolgt anhand von vollständigen Partien, die ganz überwiegend in unserer Zeit gespielt worden sind. Nur ausnahmsweise kommen ältere Begegnungen zum Einsatz. Jedes Kapitel beginnt mit einer Übersichtsseite, die das jeweilige Thema skizziert und eine Variantenübersicht anbietet. Dem schließt sich eine textliche Einführung an. In ihr werden die wesentlichen Ideen beschrieben, es werden die strategischen Pläne dargestellt und bei Bedarf auch taktische Hinweise gegeben.
Die einzelnen Partien werden mit einer Zusammenfassung abgeschlossen. Dies ist keine Besonderheit in Büchern wie "The Agile London System", hier aber ist sie mir als besonders gelungen aufgefallen. Der Leser erfährt in einer komprimierten Form sowohl allgemeine Handlungsempfehlungen als auch konkrete Hinweise, die er für wichtig nehmen kann. So lernt er nicht nur am Beispiel der jeweiligen Partie, sondern bekommt quasi abgeleitete Lernsätze.
In ähnlicher Form werden dann auch die einzelnen Kapitel abgeschlossen. Hier bekommt der Leser nach Abschluss seiner Arbeit mit dem Systemeinsatz gegen den jeweiligen schwarzen Aufbau die Gesamtaufstellung aller wichtigen Aspekte angeboten. Diese ist zudem eine gute Adresse, wenn er sich später mal schnell wieder in das System eindenken will.

Die Partien werden in einer Mischung aus Text und Varianten und eben mit dem Schwerpunkt der Eröffnungserkenntnisse kommentiert. Die Varianten machen einen erheblichen Anteil aus, werden aber zumeist um Erläuterungen ergänzt. Der Anteil der Varianten ohne Text ist allerdings durchaus nicht nur klein. Hier muss der Leser dann in der Lage sein, aus den Schachsymbolen sich selbst zu erschließen, warum denn nun die eine oder andere Seite etwas besser steht oder warum ein bestimmter Zug besser als ein anderer ist.

Der Hinweis auf die Art und Weise, wie Alfonso Romero Holmes und Oscar de Prado Rodriguez ihre Erkenntnisse präsentieren, führt dann auch zur Frage nach dem Leser, für den "The Agile London System" ein Gewinn sein dürfte.
Ich verorte ihn im Bereich des Klubspielers. Dies deckt sich dann auch mit dem Spielerkreis, der das Londoner System in erster Linie einsetzt.

Ich hatte in jüngerer Zeit mehrere Werke über das Londoner System zum Schreiben einer Rezension in der Hand. Inzwischen findet der interessierte Spieler einiges an Material in den Bücherregalen dazu und das vorliegende Buch ist dabei in meinen Augen durchaus eine Bereicherung.

Im Quellenverzeichnis am Ende des Werkes vermisse ich "The London System - properly played" von Marcus Schmücker. Dort ist auch "Winning with the Modern London System" von Nikola Sedlak nicht verzeichnet, was sich aber damit erklären lassen dürfte, dass "The Agile London System" im Wesentlichen bereits 2014 fertig gestellt war. Das Schmücker-Buch mag vielleicht in Spanien, dem Heimatland der beiden Autoren, nicht so bekannt geworden sein, dass es sich als Quelle anbot.

Ebenfalls auf den letzten Seiten des Buches zu finden ist ein Variantenverzeichnis. Es bildet neben den wesentlichen Weichenstellungen in der theoretischen Behandlung auch Diagramme ab, die zusammen eine gute Orientierung über alle Kapitel hinweg unterstützen.

Die Anforderungen an die Englischkenntnisse des Lesers sind unspektakulär. Mit einem ordentlichen Schulenglisch sollte die Arbeitet mit "The Agile London System" keine Probleme bereiten.

Fazit: "The Agile London System" ist ein weiteres Buch, das es sich zur Aufgabe gestellt hat, das Londoner System im Einsatz gegen verschiedene schwarze Aufbaupläne darzustellen. Es ist gut gegliedert und stellt den Stoff in einer übersichtlichen Weise vor. Für den Spieler ab Klubniveau ist es gut geeignet, um sich das System für den Einsatz in eigenen Partien qualifiziert zu erarbeiten.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Mastering Queen and Pawn endgames

Mastering Queen and Pawn endgames

Adrian Michaltschischin, Csaba Balogh
Mastering Queen and Pawn endgames
269 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-945362-0-6
24,95 Euro




Mastering Queen and Pawn endgames
Unter dem polnischen Label "Chess Evolution" ist eine sehr ehrgeizige Buchreihe in Angriff genommen worden, die insgesamt 14 in Englisch geschriebene Werke umfassen soll. Sie widmet sich der Endspielführung, soll den Anfänger und auch den Spitzenspieler ansprechen und letztlich Kompendium und Handbuch in einem sein.

"Mastering Queen and Pawn endgames" ist der erste Spross der Serie. Die Autoren Adrian Michaltschischin und Csaba Balogh haben sich die Aufgabe gestellt, den Leser auf insgesamt 269 Seiten zu befähigen, die Damen- und die Bauernendspiele zu beherrschen.
Um dieses Werk richtig einordnen zu können, ist es angebracht, es zunächst in die beabsichtigte Themenfolge der gesamten Serie zu verorten.
"The Modern Endgame Manual", das ist der Name der Buchreihe als solcher, wird am Ende und dann in voller Pracht die folgenden weiteren Bände umfassen:

Band 2: Läufer- und Springerendspiele
Bände 3 bis 5: Turmendspiele
Bände 6 und 7: Unterschiedliche Materialkonstellationen
Band 8: Abtäusche und Vereinfachungen
Bände 9 bis 14: Praktische Endspiele zum Selbststudium und mit Übungen, wobei alle Endspieltechniken angesprochen werden sollen.

Nun können wir uns intensiv dem Premierenwerk "Mastering Queen and Pawn endgames" zuwenden.
Das Buch beinhaltet acht Kapitel, fünf zu den Bauern- und drei zu den Damenendspielen. Diese enthalten dann in unterschiedlicher Zahl Abschnitte, die sich nach der Materialverteilung unterscheiden bzw. auch nach bestimmten Themen, beispielsweise die Behandlung der Endspiele mit verbundenen Bauern. Die acht Kapitel sind:

Kapitel 1: Theoretical positions with 1 vs 0 pawn
Kapitel 2: Theoretical positions with 1 vs 1 pawns
Kapitel 3: Theoretical positions with 2 vs 1 pawns
Kapitel 4: Complex (4+ pawns) theoretical positions
Kapitel 5: Practical games
Kapitel 6: Theoretical positions with Queen vs pawn
Kapitel 7: Theoretical positions with Queen + pawn vs Queen
Kapitel 8: Complex positions - Practical games.

Ein ganz dickes Lob muss ich der Aufmachung zollen. Alle Themen werden mit einem Diagramm eingeführt. Dieses ist, soweit es eine Theoriestellung zeigt, mit "Theoretical Position" überschrieben. So weiß der Leser sofort, dass er hier etwas mit einer grundlegenden Bedeutung vor sich hat. Um sich das angestrebte theoretische Rüstzeug anzueignen, das er für diese Art von Stellung braucht, muss er sich die Aussagen und die gezeigten Manöver zu Eigen machen. Hiervon zu unterscheiden sind die Diagramme mit der Überschrift "Practical Position". In den hiermit eingeleiteten Beispielen geht es darum, mit dem (neuen) theoretischen Wissen in einer typischen Partiestellung zum Erfolg zu kommen. Hier legen die Autoren Wert darauf, dass das Endspiel-Knowhow des Lesers die Verbindung zur Praxis bekommt. Ein Leser, der in der Endspieltheorie 100000 Volt zu bieten hat, bei dem aber in seiner praktischen Partie die Birne ausgeht, ist das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen.

In meinen Augen beeindruckend gut sind auch die Erläuterungen. "Mastering Queen and Pawn endgames" wirkt nicht selten wie ein Lesebuch mit eingestreuten Schachzügen. Den Schwerpunkt ihres Schaffens haben die Autoren auf die Texterläuterungen gesetzt. Eine gewisse Ausnahme bilden nur zwei Kapitel, je eines für die Bauern- und eines für die Damenendspiele, in denen die Endspielführung anhand von praktischen Partien behandelt wird. Hier gehen die Analysen auch schon mal weit in die Tiefe, was aber dem genannten Ansatz entspricht. Wie generell im Buch werden auch hier nur Partiefragmente zugrunde gelegt, so dass kein Platz für die nicht relevanten Partiephasen verloren geht.

Wer sich in der Vergangenheit mit der Endspieltheorie beschäftigt hat, mag Endspielbücher mit einem gewissen verkrusteten Image verbinden. Auch mein eigenes geistiges Auge präsentiert mir dabei Erinnerungen an Seiten, die Stellung um Stellung behandeln, die geradezu eine Wand bilden. Studienhafte Endspielführungen provozieren schon beim Durchgehen die Frage, ob man in seiner eigenen Partie wohl jemals auch nur entfernt daraus Profit ziehen kann und überfordern das eigene Vermögen wie auch die eigene Motivation schnell. Unzählige Diagramme, in die Brettzonen eingezeichnet sind, in denen Figuren nicht stehen dürfen oder im Gegenteil stehen müssen, sollen einem ins visuelle Gedächtnis gebrannt werden, was aber regelmäßig nicht passiert. "Mastering Queen and Pawn endgames" ist anders. Man liest, wird angeleitet, erhält anschauliche Beispiele und versteht.

Natürlich ist dies nur eine subjektive Einschätzung, aber ich kann mir vorstellen, dass sich "The Modern Endgame Manual" zu einer Standardreihe zur Endspielbehandlung entwickeln wird. Ohne einen Blick in die Kristallkugel werfen zu wollen, meine ich, dass es in der Art der Gestaltung genau die Erwartung einer breiten Leserschaft erfüllen kann, wenn die weiteren Bände auch nur einigermaßen so überzeugen können wie der hier besprochene.
Zusätzlich hat jeder Interessent die Option, sich auf einige Themen zu konzentrieren, um nicht gleich alle Bände kaufen zu müssen. Sie sind - zumindest bis zum Band 7 - absehbar konzeptionell auch eigenständig zu nutzen.

Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind nicht allzu hoch. Allerdings sollte er sich gerne englischen Texten widmen, denn davon gibt es reichlich im Buch.

Fazit: "Mastering Queen and Pawn endgames" ist der verheißungsvolle Auftakt in eine Buchreihe zur Endspielführung, die sich zu einem Standard entwickeln kann.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

New Weapons in the King's Indian

New Weapons in the King's Indian

Milos Pavlovic
New Weapons in the King's Indian
237 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510020
27,95 Euro




New Weapons in the King's Indian
"New Weapons in the King's Indian" von Milos Pavlovic, erschienen bei Thinkers Publishing, ist für mich ein typischer Vertreter jener Bücher, die in der Hand des "richtigen" Lesers Freunde machen und Gewinn bringen können, in der Hand des "falschen" aber für Enttäuschung und Verdruss sorgen. Und wer ist in diesem Fall der richtige und wer der falsche Leser? In meinen Augen gehört das Werk in die Hand des erfahrenen Spielers, in dessen Eröffnungsrepertoire die Königsindische Verteidigung bereits länger einen festen Platz einnimmt. Ihn erwarten Ideen, Analysen und Spezialvarianten, die von der Theorie bisher weniger geschätzt worden sind und die Pavlovic für eine gute Wahl hält. Sein Urteil versucht er über Partiefragmente und eigene Analysen zu begründen.
Wer die Königsindische Verteidigung neu erlernen und verstehen möchte, ist mit einem Kauf anderer Werke, die eher einen Lehrbuchcharakter aufweisen, besser beraten. Weniger erfahrene Spieler werden von "New Weapons in the King's Indian" schlicht ganz schnell überfordert sein.

Das Buch ist in englischer Sprache geschrieben. Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind niedrig. Dies liegt nicht nur am engen Wortschatz, der zum Einsatz kommt, und an dem erkennbaren Bemühen, mit möglichst einfachen Sätzen zu arbeiten, sondern vor allem an der insgesamt nur rudimentären Textkommentierung. Pavlovic setzt in erster Linie auf Varianten, die teilweise auch recht verzweigt sein können. Wenn er diese zusätzlich um Text erweitert, ist dies zumeist eine beschreibende Ergänzung und keine tiefe Begründung seiner Einschätzung, keine Erläuterung, wie das Spiel strategisch weiter zu planen ist etc. Der Leser erhält oft eine Stellungseinschätzung in der Art einer Aussage, dass die eine oder andere Seite besser steht oder das Läuferpaar die Chance eröffnet, die Stellung zu halten, aber eben keine "inneren Einblicke". Der erfahrene Spieler wird sie kaum vermissen, der weniger erfahrene aber sehr.
Noch eine kurze Ergänzung zur Verschachtelung von Varianten: Der Leser wird durch eine farbliche Nuancierung zwischen Varianten verschiedener Ordnung in seiner Orientierung unterstützt, was ich hier für eine gelungene Umsetzung halte.

Das Buch ist in sieben Teile gegliedert, die sich insgesamt 22 Kapitel teilen. Diese sieben Teile sind, in einer deutschen Übersetzung:

Teil 1: Sämisch-Angriff
Teil 2: Klassisches System mit h3
Teil 3: Klassisches System mit Le2
Teil 4: Systeme mit Sge2
Teil 5: Awerbach-System
Teil 6: Vierbauern-Angriff
Teil 7: Fianchetto-System.

Jedes Kapitel enthält zur Einführung eine kurze Beschreibung des in ihm behandelten Systems. Der Text ist jeweils dem Charakter des Buches entsprechend kurz gehalten, er reicht für einen Auftakt aber auch aus. Dem schließt sich eine Variantenübersicht an, was mir gut gefällt. Der Leser erhält hiermit einen Kompass in die Hand, mit dessen Hilfe er sich gut über die Kapitel des Abschnitts hinweg orientieren kann. Der Detaillierungsgrad ist mäßig, in meinen Augen diesem Werk aber angemessen.

Nicht viel sagen kann ich zu der Frage, ob die von Pavlovic vorgeschlagenen Varianten bzw. Spielweisen tatsächlich vielversprechende neue oder wieder neu zu entdeckende Wege sind. Mehrere Ideen sind mir beim Durchgehen des Werkes als interessant ins Auge gestochen. Für diese habe ich mir ein Urteil anhand von Auswertungen meiner Partiendatenbanken zu verschaffen versucht. Auf jeden Fall hat Pavlovic es geschafft, weniger gängige Varianten auszugraben und auch solche Züge zu reaktivieren, die vielleicht ein neues Urteil zu ihrer Qualität verdienen.
Zudem ist es ihm zweifellos gelungen, Material zu präsentieren, das weiter erprobt werden und diskutiert werden kann.

Fazit: "New Weapons in the King's Indian" ist ein Buch, das für einen erfahrenen Spieler, der bereits auf die Königsindische Verteidigung als eigene Eröffnung setzt, neue Wege und Ideen und damit neue Chancen bereit halten kann.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

First Steps: the Colle and London Systems

First Steps: the Colle and London Systems

Cyrus Lakdawala
First Steps: the Colle and London Systems
238 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-367-0
22,75 Euro




First Steps: the Colle and London Systems
"First Steps: the Colle and London Systems" von Cyrus Lakdawala ist eine Neuerscheinung aus 2016, die auf der Basis von 33 Partien aus der Praxis eine Einführung in die Theorie des Colle-Systems und des Londoner Systems vermittelt. Verknüpft ist sie mit der Zusammenstellung eines Grundrepertoires. Das Werk ist von Everyman Chess in den Markt gegeben worden.

Die beiden genannten Eröffnungssysteme verbindet eine enge Verwandtschaft. Dies zeigt Lakdawala bereits mit seinen einleitenden Worten auf. Dabei gibt er auch Hinweise dazu, für welche gegnerische Eröffnungswahl welche der beiden Spielweisen nach seiner Anschauung am besten geeignet sein dürfte. So wird dem Leser schnell klar, dass er auf Synergieeffekte hoffen darf, indem er sich beide Systeme aneignet. Da ich das Buch sehr auf die Bedürfnisse des Klubspielers und dies bereits ab einem noch recht niedrigen Spielstärkeniveau zugeschnitten sehe, ist diese Verdeutlichung durch den Autor aus meiner Sicht sehr wichtig.

"First Steps: the Colle and London Systems" ist im Stil der neuen "First Steps:"-Buchreihe erschienen, die hinsichtlich ihrer Methodik und Gestaltung sehr an die "move by move"-Reihe aus demselben Verlagshaus erinnert. Die Kommentierung aller Partien greift auf besondere und textlich hervorgehobene Einschübe zurück, die den Leser ganz gezielt und spezifisch mit Wissen versorgen sollen bzw. seine persönliche Mitwirkung erfordern, über die er dann über "learning by doing" profitieren soll. So erhält er Hintergrundwissen bzw. Begleitwissen unter dem Titel "Did you know?", Anmerkungen unter "Note", ganz spezifische Tipps unter dem Kennwort "Tip" und auch Warnungen vor Fehlern, die dann eben als "Warning" bezeichnet werden. Sogenannte "Exercises", also Übungen, die dann regelmäßig eine ganz bestimmte Fertigkeit beim Leser fördern sollen, verlangen ihm ein Mitdenken und Anwendung bereits erlernter Inhalte ab.
Eine Zusammenfassung am Ende der Partie stellt kurz und präzise für ihn zusammen, was er im Kern aus ihr mitnehmen sollte.
Eine erhebliche Anzahl der Partien hat Lakdawala selbst gespielt, so dass er auch deshalb tief in ihre Materie eingedrungen ist.

Insgesamt setzt die Kommentierung in erster Linie auf Texterläuterungen. Dabei geht Lakdawala auch auf grundlegende und einfache Aspekte ein, was zeigt, dass er sich als Leser auf den Bereich der regelkundigen Schachfreunde ohne weit ausgebaute Erfahrung konzentriert. So ist es keine Seltenheit, dass er auch zu Beginn der Partie bisweilen fast jeden einzelnen Zug mit einer Anmerkung versieht.
Anmerkungen in Form von Partiefragmenten und Analysen sind zurückhaltend eingesetzt, aber auch durchgängig Element der Kommentierung. Zumeist bleiben sie dem Adressatenkreis entsprechend auf eine übersichtliche Ebene begrenzt, in Einzelfallen aber dürften Lakdawala auch schon mal die Pferde durchgegangen sein. So sind hin und wieder auf Variantenketten und recht verschachtelte Analysen im Werk zu finden.

Positiv ist mir die an markanten Stellen sehr analytische Herangehensweise an die Darstellung von Brettsituationen, strategische Vorteile etc. aufgefallen. Hier arbeitet Lakdawala wiederkehrend mit Aufzählungen, die die wichtigen Aspekte auf den Punkt bringen.

Das Inhaltsverzeichnis sieht, bezogen auf die Theoriekapitel, wie folgt aus:

1. Colle Versus Slav, ...e6 and ...d5 Set-ups
2. Colle Versus Queen's Indian
3. Exchange Slav and Gambit Lines
4. London Versus King's Indian
5. London Versus Reti
6. London Versus Grünfeld
7. Dutch Defence and Other Lines.

Es gibt einen guten Überblick darüber, welche Einsatzgebiete Lakdawala vornehmlich für die beiden behandelten Systeme sieht.
Als zweitrangig bedeutsam sehe ich die Frage an, ob das Werk in seinen Empfehlungen immer die aktuelle Nummer 1 trifft, ob also der Zug X die richtige Weichenstellung für die eigene Aufstellung ist oder ob Zug Y eine Nuance besser sein dürfte. Irrwege jedenfalls sind mir nicht aufgefallen und auf dem niedrigen Klubniveau ist ein übersichtlicher Qualitätsunterschied unter korrekten und damit spielbaren Zügen ohne Ausschlag.

Die Buchsprache ist Englisch. Lakdawala hat seinen offenkundig sehr breiten Wortschatz ausgelebt, was das Verständnis durch den Fremdsprachler herausfordert. So werden durchaus auch ordentliche Englischkenntnisse auf die Probe gestellt. Das Nachschlagen von Begriffen wird sich für die meisten Leser an etlichen Stellen kaum vermeiden lassen, wenn sie denn alles vollständig verstehen wollen.

Ein Variantenverzeichnis ist vorhanden, es ist im Bereich der letzten Seiten des Buches abgebildet.

Fazit: "First Steps: the Colle and London Systems" ist ein Lehr- und Repertoirebuch für den aufstrebenden Spieler ab einem niedrigen Klubniveau. Es leitet ihn an, die beiden behandelten Spielwiesen selbst einsetzen zu können, indem es ihm ein inneres Verständnis ihrer Ansätze und Methoden zu vermitteln versucht.
Für mich handelt es sich um ein gelungenes und damit empfehlenswertes Buch für den Leser, der die Herausforderungen an den englischen Sprachschatz anzunehmen bereit ist.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Maneuvering - The Art of Piece Play

Maneuvering - The Art of Piece Play

Mark Dvoretsky
Maneuvering - The Art of Piece Play
215 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-37-0
24,95 Euro




Maneuvering - The Art of Piece Play
"Maneuvering - The Art of Piece Play" ist ein neues Werk eines der zuletzt besten Schachlehrer unserer Zeit, des im September 2016 verstorbenen Mark Dvoretsky. Mit ihm will er die Spielstärke des Lesers über Schachaufgaben und die jeweils sehr ausführliche Besprechung der Lösungen heben. Gemessen an dem, was ich im Zuge der Erarbeitung von Rezensionen an Büchern dieses Genres in die Hand bekommen habe, war er für mich zumindest der beste unter den Trainern, die ihr Fachwissen als Autoren an die Schachgemeinde zu geben versuchen.

Bereits der Rückentext dieser 2016 von Russell Enterprises herausgegebenen Neuerscheinung zeigt sehr gut an, was der Leser thematisch erwarten darf. Es geht darum, die Fähigkeiten des Spielers auf dem Sektor des Positionsspiels zu fördern, in dem es um Figurenmanöver und darum geht, die besten Felder für die eigenen Kräfte zu finden. Dabei basieren Dvoretskys Ansätze darauf, dass die Spielstärke des einzelnen in erster Linie damit steigt oder fällt, dass er positionelle Möglichkeiten erkennt und diese so schnell und so genau wie möglich ausarbeitet.

"Maneuvering - The Art of Piece Play" enthält insgesamt 228 Diagramme mit Aufgaben, die der Leser lösen soll. Diese decken das Spektrum von leicht bis sehr schwer ab. Dvoretsky erwartet nicht nur, dass der Leser Schlüsselzüge findet, sondern detailliert ausgearbeitete Lösungen. Dies wird auch darin deutlich, dass die von ihm ins Buch genommenen Musterlösungen sehr ausführlich sind und in meinen Augen den größten Anteil am Lernerfolg des Lesers haben werden. Sie lehnen sich "charakterlich" an eine intensive Kommentierung von Partien an. Indem sich der Leser zunächst in die Probleme und Möglichkeiten einer Stellung tief eingedacht hat und er dann die Lösung Dvoretskys, die alles Wesentliche ausführlich thematisiert, mit seinen eigenen Ergebnissen vergleicht, wird er zweifellos profitieren. So ist "Maneuvering - The Art of Piece Play" nicht nur ein Buch, mit dem der Leser seine Fähigkeiten überprüfen kann, sondern auch für das Erlernen von Methoden. Den Anspruch, ein gezieltes Lehrbuch zu sein, erhebt das Werk nicht. Es wird keine Theorie des Positionsspiels aufgearbeitet. So findet der Leser keine Lehrsätze etc. vor, sondern jeweils eine stellungsbezogene Evaluation der Problemlage, der daraus resultierenden Anforderungen und Möglichkeiten sowie die Ausarbeitung des Vorgehens.

Für mich ist "Maneuvering - The Art of Piece Play" kein Werk, dass am Stück durchgearbeitet werden kann oder sollte. Zumindest gilt dies für den Freizeitspieler. Er wird seinen höchsten Nutzen dann daraus ziehen, wenn er sich Zeit nimmt. Mit einem gewissen regelmäßigen Pensum kann er mit dem Buch arbeiten, seine Fähigkeiten Stück für Stück verbessern und so quasi einen Trainings- und Qualifizierungskurs durchlaufen.

Um die Ordnung im Buch zu skizzieren, bilde ich nachfolgend auszugsweise und sinngemäß ins Deutsche übersetzt das Inhaltsverzeichnis ab (kleiner Hinweis dazu: Auf jeden Eintrag im Inhaltsverzeichnis nach der Einführung folgen jeweils die Lösungen auf die Aufgaben des Abschnitts).

Einleitung
Aufwärm-Übungen
Studien
Die Eröffnung
Das Endspiel
Stellungen ohne Damen
Damen und Türme
Mittelspielstellungen
Kleine Meisterstücke
Beispiele mit zusätzlichen Aufgaben
Schwierige Übungen.

Die obengenannte Einführung ist ein Ausblick auf die späteren Buchinhalte und nicht eine solche zum Positionsspiel an sich.

"Maneuvering - The Art of Piece Play" ist nicht das erste Dvoretsky-Buch, in dem er mit Aufgabenstellungen wie hier arbeitet. Jetzt und früher hat er Beispiele aus seiner Trainertätigkeit verwendet. Käufer früherer Bücher können nach Darstellung des Autors davon ausgehen, dass Überschneidungen des verwendeten Materials weitgehend vermieden sind.

Die Buchsprache ist Englisch. Um geschmeidig mit dem Werk arbeiten zu können, sind Fremdsprachkenntnisse auf einem guten Schulniveau von Vorteil.

Fazit: "Maneuvering - The Art of Piece Play" ist ein sehr qualifiziertes Werk, das nach der Methode "learning by doing" arbeitet und dabei höchsten Wert auf die Musterlösung der insgesamt 228 im Buch gestellten Aufgabenstellungen legt. Es richtet sich an Spieler (fast) jeder Leistungsstärke, ein unteres Klubniveau sollte persönlich erreicht sein. Den noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Spieler werden die enthaltenen Aufgaben schnell an seine Grenzen oder darüber hinaus führen, doch über die ehrgeizige Arbeit mit den Lösungen wird auch er sich in seinem Leistungsvermögen verbessern.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

1.e4 vs The Sicilian III

1.e4 vs The Sicilian III

Parimarjan Negi
1.e4 vs The Sicilian III
488 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78483-023-6
25,99 Euro




1.e4 vs The Sicilian III
Im 3. Band seiner monumentalen Arbeit zur Ausarbeitung eines Weißrepertoires gegen die Sizilianische Verteidigung im Rahmen der Grandmaster Repertoire-Serie von Quality Chess behandelt der indische GM Parimarjan Negi die Taimanov-Variante, die Paulsen-Variante (auch als Kan-Variante bekannt), das Scheveninger System sowie seltene Abspiele des Nachziehenden im 2. Zug. Das Inhaltsverzeichnis sieht insoweit in einer sinngemäßen deutschen Übersetzung wie folgt aus:

Taimanov-Variante
1. Einführung und 5...a6
2. 6...Sf6
3. Verschiedene Möglichkeiten im 7. und 8. Zug
4. Einführung zu 8...Le7
5. Neue Hauptvariante
6. 8...Lb4 - Alte Linien
7. 8...Lb4 - Moderne Linien

Paulsen-Variante (Kann-Variante)
8. Verschiedene Möglichkeiten im 5. Zug
9. Einführung zu 5...Sf6
10. 6...Dc7
11. 5...Lc5 - Einführung zu 6.Sb3 La7
12. 6.Sb3 La7 mit 7...Se7
13. Einführung zu 6...Le7
14. Hauptvariante

Scheveninger System
15. 4...Sc6 und 5...d6
16. Keres-Angriff - Verschiedene Möglichkeiten im 6. Zug
17. Verschiedene Möglichkeiten im 7. Zug
18. 7...Sc6

Seltene Abspiele
19. 2...d6
20. 2...Sc6
21. 2...e6
22. Verschiedene Möglichkeiten im 2. Zug.

Negi nutzt den vorliegenden Band, eine Neuerscheinung aus 2016, außerdem für einen Nachtrag zu Band 1. Dort hatte er die Aufnahme einer Variante zum Drachenaufbau vergessen, die nun als Appendix im vorliegenden Buch zu finden ist.

Wie seine Vorgänger ist auch "1.e4 vs The Sicilian III" als klassisches Eröffnungsbuch mit einer Baumstruktur aus Haupt- und Nebenvarianten aufgebaut. Illustrationspartien sind nicht enthalten, so wie es für die Bücher aus der "Grandmaster Repertoire"-Serie typisch ist. Der Leser erhält somit Theorie pur, was übrigens auch Wiederholungen vermeidet. Bücher mit Praxisbeispielen enthalten natürlicherweise Wiederholungen, indem theoretisch bereits erörterte Zugfolgen eben auch darin wieder vorkommen.

"1.e4 vs The Sicilian III" enthält eine Fülle an Stoff. Dies macht auch dieses Werk in meinen Augen vor allem für den ambitionierten fortgeschrittenen Spieler wie auch den Fernschachspieler besonders interessant. Gerade die Stofffülle der Grandmaster-Repertoire-Bücher habe ich in der Vergangenheit immer wieder mal auch als Vorbehalt ihnen gegenüber wahrgenommen. Mehrfach habe ich als Kritikpunkt gelesen, dass sich kein Mensch das immense Material merken könne. Verständlich ist dieses Argument für mich nicht so recht, denn niemand behauptet, dass diese Werke ihren Nutzen nur entfalten, wenn man sich ihren Inhalt vollständig einprägt. Für den Fernschachspieler gilt es ohnehin nicht, weil er seine Partie unter Rückgriff auf Literatur spielt. Er muss sich nichts einprägen, er nutzt die Theoriedarstellungen unmittelbar. Und der Turnierschachspieler sucht sich für seine Vorbereitung das aus dem "Grandmaster-Repertoire" heraus, was für ihn wichtig und interessant ist. Für die nachgehende Analyse steht ihm dann das geballte Wissen daraus zur Verfügung. Immerhin muss sich doch auch niemand durch die Speisekarte essen, wenn er ein gutes Lokal betritt.

Negi gibt sich große Mühe, dem Leser die Theorie verständlich zu machen. Er erklärt und erläutert viel und intensiv. Die Darstellungen weisen generell einen hohen Textanteil auf. Lange Variantenketten kommen zwar auch vor, fallen aber nicht ins Gewicht. Grundsätzliche Aspekte greift das Werk nicht auf, was aus meiner Sicht sinnvoll ist, wenn man seinen von mir angenommenen Kern-Adressatenkreis berücksichtigt, neben dem Fernschachspieler den fortgeschrittenen Schachfreund.

Die einzelnen Kapitel werden mit einer Übersicht der nachfolgend behandelten Varianten eingeführt. Hierüber erfährt der Leser unter Angabe auch der Seitenzahlen, wo er im Kapitel welche Zugfolgen findet. Zusammen mit dem gewohnt detaillierten Gesamt-Variantenverzeichnis am Ende des Buches erlaubt es dem Leser eine ausgezeichnete Navigation im Stoff.
Neben einem Diagramm zur Ausgangszugfolge des Kapitels gibt es als Appetitmacher weitere Diagramme zur Brettsituation nach Neuerungen im sich anschließenden theoretischen Teil. Abgeschlossen werden die Kapitel mit einer kurzen wertenden Zusammenfassung.

Die Buchsprache ist Englisch, mit Fremdsprachkenntnissen auf einem guten Schulniveau wird der Leser keine nennenswerten Probleme mit dem Verständnis haben.

Fazit: "1.e4 vs The Sicilian III" ist als einzelnes Werk wie auch als weiteres Element zu einem umfassenden Weißrepertoire gegen die von Schwarz gewählte Sizilianische Verteidigung eine echte Empfehlung besonders für den Fernschachspieler und den ambitionierten fortgeschrittenen Nahschachspieler.

Dieser Rezension liegt die kartonierte Fassung des Buches zugrunde. Gegen einen Aufpreis von 4 Euro ist es auch in gebundener Form und mit einem festen Einband erhältlich.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.