auf der BdF - Homepage
Rezensionen
Literatur
Schachsoftware

 

 

 

 

Rezensionen (Einstellungsjahr 2017)
von Uwe Bekemann
   
knopf
World Chess Championship 1948
knopf
The Complete Manual of Positional Chess
knopf
Legendary Chess Careers: Vlastimil Hort
knopf
The Complete Chess Course
knopf
Mastering Minor Piece endings 1
knopf
The Sicilian Dragon - move by move
knopf
The Zaitsev System
knopf
Playing 1.e4
knopf
Pearls of Azerbaijan
knopf
A World Champion`s Guide to Chess
knopf
Timman's Titans
knopf
Checkmate
knopf
David vs Goliath
knopf
Najdorf x Najdorf
knopf
The Agile London System
knopf
Mastering Queen and Pawn endgames
knopf
New Weapons in the King's Indian
knopf
First Steps: the Colle and London Systems
knopf
Maneuvering - The Art of Piece Play
knopf
1.e4 vs The Sicilian III

 

World Chess Championship 1948

World Chess Championship 1948

Paul Keres
World Chess Championship 1948
542 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-91-983665-0-1
37,50 Euro




World Chess Championship 1948
Hin und wieder kommt es vor, dass ich mich mit einer großen Vorfreude an die Rezension eines Buches mache. So geschehen ist es auch bei "World Chess Championship 1948" von Paul Keres. Hierbei handelt es sich um eine Übersetzung von "Maailmameistri Turniir Haag-Moskva 1948" ins Englische. Übersetzt hat diesen Klassiker Jan Verendel, erschienen ist das neue Werk bei Verendel Publishing in Schweden, was damit eine Art Selbstverlag-Projekt ist. Auf seiner Website gibt Verendel an, dass das vorliegende Buch sein erstes Projekt ist, das sofort einen sehr großen Zuspruch erhielt. Die 1. Auflage war in kurzer Zeit ausverkauft, eine neue ist gedruckt.

Meine Vorfreude hat mich nicht betrogen, das Buch ist klasse. Für den Schachliebhaber mit bibliophilen Neigungen ist es in meinen Augen ein Muss. Ausgeliefert wird es in gebundener Form mit Schutzumschlag.
Erstmals ist dieses Werk in englischer Sprache verfügbar. 1949 war es ist estnischer und in russischer Sprache erschienen. Eine deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt.

Kernstück des Buches sind die von Keres kommentierten Partien. Diese stammen alle aus dem WM-Turnier 1948, das in zwei Abschnitten in zunächst Den Haag und dann in Moskau ausgetragen wurde. In fünf Runden traten Michail Botvinnik, Max Euwe, Paul Keres, Samuel Reshevsky und Wassili Smyslov gegeneinander an, um den durch Alexander Aljechins Tod 1946 vakant gewordenen Weltmeistertitel unter der Regie der FIDE auszukämpfen. Zur Teilnahme nominiert war auch Reuben Fine, der aber von seinem Recht zurücktrat.
Über die fünf Runden hinweg hatte jeder Teilnehmer insgesamt fünf Partien gegen jeden seiner Gegner auszutragen. Wegen der ungeraden Zahl der Wettstreiter hatte ein Spieler in einer Runde jeweils spielfrei. Somit waren insgesamt 50 Turnierpartien auszutragen, die allesamt im Buch Aufnahme gefunden haben.

Paul Keres zählt nicht nur zu den stärksten Spielern aller Zeiten, denen es nicht vergönnt war, den Weltmeistertitel zu erringen, sondern gilt als ein hervorragender Autor. Dies hat er mit dem vorliegenden Werk voll unter Beweis gestellt. Die Partien sind in einer Mischung aus Wort und Varianten kommentiert, sie sind zugleich unterhaltsam und meißeln die Wahrheit im Schach aus dem groben Klotz der Notation heraus. Ich habe mir fünf Partien vorgenommen, je eine aus allen Runden. Unabhängig von den Kontrahenten, insbesondere ob Keres selbst mit am Brett gesessen hat oder nicht, habe ich mich in die Feinheiten des Kampfes eingeweiht gefühlt. In einer Klarheit, wie man sie nicht allzu oft erfährt, trifft Keres seine Aussagen zum Geschehen, zur Stellungsbewertung etc. Für die Deutlichkeit in seinen Aussagen entschuldigt er sich quasi in seiner Einleitung; er begründet sie mit seinem Anspruch, auch dem schwächeren Spieler alles so aufzuzeigen, dass er profitieren kann. Keres ist nicht nur als untadeliger Sportsmann am Brett und im persönlichen Umgang bekannt, sondern auch als Autor ein Gentleman.

Jede Runde leitet er mit einer kurzen Übersicht zum Stand im Turnier und besonders zum Verlauf sowie zum Ergebnis der neu ausgetragenen Partien ein.

Wie es sich für ein Spitzenwerk aus dem Genre der Turnierbücher gehört, werden zunächst die Regularien beschrieben, unter denen die Teilnehmer antreten, um dann diese selbst mittels ihrer bis dahin erreichten Erfolge und Ergebnisse vorzustellen. Nach der sich anschließenden Dokumentation des Ergebnisses anhand der Turniertabelle und drei Begegnungstabellen widmet sich der Autor unter der Überschrift "Overview of Opening Theory" den im Turnier gewählten Eröffnungen, um sich dann intensiv und umfangreich den in den einzelnen Runden gespielten Partien zu widmen.
Abgeschlossen wird das Werk von einem Index der gespielten Eröffnungen.

Fazit: "World Chess Championship 1948" ist ein wunderbares Buch. Es ist an sich schon ein Turnierbuch von Beispiel gebender Qualität. Dazu ist es ein wichtiges Stück Schachgeschichte. Die Auslieferung in gebundener Form mit Schutzumschlag gibt dem Ganzen auch noch den angemessenen "technischen" Rahmen. Mit 37,50 Euro ist es nicht billig, aber es ist jeden Cent wert.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Complete Manual of Positional Chess

The Complete Manual of Positional Chess

Konstantin Sakaev, Konstantin Landa
The Complete Manual of Positional Chess
320 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-682-4
27,95 Euro




The Complete Manual of Positional Chess
Wenn sich ein Buch darauf berufen kann, auf Material der russischen Schachschule aufzubauen, dann ist dies wie eine Art Prä-Qualifizierung. Was von dort kommt, muss gut sein, denn Erfolge lügen nicht - so oder ähnlich sieht die Wirkung auf den Betrachter aus.

"The Complete Manual of Positionel Chess" von Konstantin Sakaev und Konstantin Landa, 2016 von New In Chess (NIC) auf den Markt gebracht, basiert auf Material, mit dem Schachlehrer der DYSS, Talentschule im russischen Schach, schon viele fortgeschrittene junge Spielerinnen und Spieler zur weiteren Entwicklung verholfen haben. Ausgerichtet ist es an einer Spielstärke der Schützlinge, die sich an einer Elozahl von ca. 2000 bis 2200 orientiert. Die Autoren wollen in erster Linie Schachlehrer mit ihrem Werk erreichen und ihnen Material, Anleitung und Unterstützung zukommen lassen. Daneben richten sie sich auch an Autodidakten, was ich nach der Gestaltung des Werkes und der schon sehr respektablen Spielstärke der adressierten Spielerinnen und Spieler für sehr nachvollziehbar halte.

Das Buch besteht aus zwei Teilen, die insgesamt 30 Kapitel beinhalten. Teil 1 befasst sich mit der Eröffnung, Teil 2 mit dem Mittelspiel. Das Inhaltsverzeichnis ist sehr konkret und damit besonders aussagekräftig. Deshalb habe ich mich entschieden, es vollständig aufzunehmen, auch wenn es einen erheblichen Umfang hat.
"The Complete Manual of Positionel Chess widmet sich den folgenden Gegenständen des Positionsspiels:

Teil I - The Opening
Kapitel 1: An advantage in development
Kapitel 2: The centre and its significance
Kapitel 3: Do not make unnecessary pawn moves if you have not completed your development
Kapitel 4: Do not develop the queen too early
Kapitel 5: Do not move the same piece twice
Kapitel 6: Do not leave the king in the centre
Kapitel 7: An unprepared attack

Teil II - The Middlegame
Kapitel 8: Calculation of variations and methods of taking decisions
Kapitel 9: The piece and pawn centre and the fight against it
Kapitel 10: Coordination and piece activity
Kapitel 11: Developing the initiative
Kapitel 12: Prophylactic thinking. Fighting against the opponent’s ideas
Kapitel 13: Limiting the opponent’s counterplay and piece manoeuvrability
Kapitel 14: Prophylaxis, strengthening one’s own position
Kapitel 15: Schematic thinking. Regrouping one’s forces, transferring pieces to more favourable positions
Kapitel 16: A space advantage
Kapitel 17: The problem of exchanges. Simplifying positions
Kapitel 18: Weak squares. Control of key central squares or a complex thereof
Kapitel 19: Open and half-open files
Kapitel 20: The advantage of two bishops
Kapitel 21: ‘Good’ and ‘bad’ bishops
Kapitel 22: Knight or bishop?
Kapitel 23: Opposite-coloured bishops
Kapitel 24: Secure points, outposts
Kapitel 25: A knight on the edge of the board stands badly/well
Kapitel 26: Play on the wing. Do not attack on the wing if the centre is insecure!
Kapitel 27: Transferring the king from flank to flank
Kapitel 28: ‘Superfluous’ pieces
Kapitel 29: Paying attention to the opponent’s possibilities. Loss of concentration
Kapitel 30: Methods of defence

Die Kapitel sind grundsätzlich gleichartig aufgebaut. Zunächst findet der Leser eine Einleitung vor, die eine Beschreibung des behandelten Gegenstandes mit Erfahrungswissen verbindet. So erfährt er nicht nur, worum es im Detail gerade geht, sondern auch etwas zum Auftreten in einer Partie, zu Stellungstypen und mehr. Es ist nicht so, dass die "Basics" des Positionsspiels in der Einleitung ganz außen vor bleiben, sie werden nur nicht weiter ausgeführt. So spricht das Werk beispielsweise von guten und schlechten Läufern sowie von schwachen Feldern und sagt dann, was einen Läufer dem einen oder dem anderen Lager zuordnen lässt bzw. wie sich die Schwäche eines Feldes definiert. Damit sollte dem Leser klar sein, worum es geht. Die Detailkenntnisse sollte er dann parat haben, was angesichts der Ausrichtung des Buches an einer Spielstärke jenseits von 2000 Elo angemessen ist.

Der Einführung schließen sich kommentierte Partiefragmente, ausnahmsweise auch ganze Partien an, die das eigentliche Schulungsmaterial ergeben. Ein oder mehrere Sterne geben einen Hinweis auf den Schwierigkeitsgrad des folgenden Stoffes, immer von einfach bis schwer geordnet.
Der Schachlehrer soll, so empfehlen es die Autoren zu Beginn des Werkes, seinen Schüler immer erst zu einer eigenen Stellungseinschätzung animieren und ihn ausführen lassen, wie die Partie weiter behandelt werden sollte, mit welchem Zug fortgesetzt werden sollte etc. Der Schüler soll sich selbst mit einer Stellung auseinandersetzen und sich so das Gefühl für die angebrachte Behandlung erarbeiten. Dem dient auch der Hinweis, dass die Partien komplett durchgegangen werden sollen, also immer auch die angegebenen Varianten. Diese sind bewusst insoweit reduziert, dass sie die generellen Vorgehensweisen verdeutlichen, den Schüler also lernend profitieren lassen. Anders als bei allgemein kommentierten Partien geht es also weniger um die Abbildung alles dessen, was im Verlauf eines Duells schlummerte oder wie alle plausiblen Varianten hätten verlaufen können, sondern immer nur um das Herausfeilen der Aspekte, die ein gutes Beispiel für die richtige Spielführung bilden.

Den Kapitelabschluss bildet fast immer die Zusammenstellung von Ergänzungsmaterial, bestehend aus Partien, die dann aus einer anderen Quelle stammen müssen, regelmäßig aus einer Partiendatenbank.

Das für den Schachlehrer beschriebene Vorgehen empfehlen die Autoren auch dem autodidaktisch lernenden Spieler. Auch er soll sich immer zunächst seine eigenen Gedanken machen, bevor er den Partien und Kommentaren folgt. Ihm fehlen dann allerdings die Rückmeldungen eines Tutors.

Die Autoren legen Wert auf die Feststellung, dass "The Complete Manual of Positionel Chess" durchgearbeitet werden kann, ohne dass die Reihenfolge der Kapitel eingehalten werden muss. Es sollte nur sichergestellt sein, dass alle Stoffgebiete am Ende auch tatsächlich behandelt worden sind.

Die zur Schulung verwendeten Partien stammen aus fast allen Epochen des Schachspiels. Es sind also sehr alte Schätzchen genauso wie Duelle aus der modernen Turnierpraxis enthalten. Das Alter eines Beispiels spielt bei einem Buch wie diesem keine nachteilige Rolle, eine damit verbundene Skepsis ist unbegründet. Wenn es schon vor zig Jahren bewiesen hat, dass es gut zur Anleitung taugt, dann wird es diese Eignung auch nicht verloren haben.

Im Rahmen der Einführung geben die Autoren noch allgemeine Empfehlungen zur Anleitung eines Spielers und damit auch zur Selbst-Schulung. Die hier ausgeführten Punkte von Studium der Partien aus Partiensammlungen bis zur Analyse der eigenen Spiele, von Empfehlungen zur Steigerung der Kompetenz im Schach sowie zur Rolle des körperlichen und des psychischen Befindens des Spielers sind genereller Natur und zählen zum Standard von Handbüchern ("Manuals") wie diesem.

Die Buchsprache ist Englisch, die Anforderungen an die Fähigkeiten des Fremdsprachlers sind nicht allzu hoch.

Zu erwähnen bleibt, dass "The Complete Manual of Positionel Chess" der erste Band einer zweiteiligen Mini-Serie ist. Angekündigt ist Band 2 mit dem Fokus auf die Bauern und die Dynamik im Mittelspiel.

Fazit: "The Complete Manual of Positionel Chess" ist ein qualifiziertes Schulungs- und Trainingsbuch, das den schon recht spielstarken Schachfreund (ca. 2000 - 2200 Elo) im Auge hat. Es richtet sich an Schachlehrer und Autodidakten und enthält eine umfängliche Darstellung der Elemente des Positionsspiels. Diese vermittelt es in einer Weise, die dem Lernenden ein Verinnerlichen der Methoden erlauben soll.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Legendary Chess Careers: Vlastimil Hort

Legendary Chess Careers: Vlastimil Hort

Tibor Károlyi
Legendary Chess Careers: Vlastimil Hort
125 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-944290-5-8
19,99 Euro




Legendary Chess Careers: Vlastimil Hort
"Legendary Chess Careers" ist eine Reihe aus jeweils nicht besonders umfangreichen Büchern des polnischen Verlagshauses Chess Evolution, in denen es Werk für Werk um eine Persönlichkeit aus dem Spitzenschach geht. Nach Jan Timman und Lajos Portisch war es im Jahr 2016 Vlastimil Hort, der vom ungarischen GM und bekannten Autor Tibor Károlyi porträtiert wurde. Nicht von ungefähr ist Károlyi der Verfasser aller drei Bände, denn er hatte ursprünglich vor, ein Buch mit mehreren Porträts zu schreiben. Er hatte bereits Material gesammelt, war aber nicht zur Umsetzung gekommen. Czaba Balogh hat ihm dann vorgeschlagen, mehrere Bücher nach der Ursprungsidee zu schreiben, wozu es dann auch gekommen ist.
So ist es auch zu erklären, dass ein mit Hort durchgeführtes Interview schon sieben Jahr alt war, als "Vlastimil Hort" als Buch in der Reihe "Legendary Chess Careers" erschien.

Es gibt zwei Hauptbestandteile des Buches - Interviewfragen mit Horts Antworten darauf sowie einige kommentierte Partien und Partiefragmente. Für mich selbst ist der Smalltalk zwischen Károlyi und Hort das interessantere Element von beiden, aber dies mag ein anderer Leser für sich ganz anders sehen.
Die Fragen interessieren sich für eine bunte Mischung aus persönlichen Belangen, Dingen aus der Karriere Horts, aus politischen Umständen, Fragen nach Sympathien und Antipathien gegenüber Spielerkollegen, besondere Fähigkeit wie auf Schwächen auf dem Schachbrett und manches mehr. Wenn man die Antworten liest, bekommt man automatisch die Stimme Horts ins geistige Ohr, so wie sie sich in oftmaligen Fernsehsendungen eingeprägt hat. Ergänzt um seinen netten Dialekt ist sie unverkennbar mit ihm verbunden, ebenso wie sein oft leicht verschmitztes Lächeln, das vom eigenen geistigen Auge gleich hinzu geliefert wird. Kurzum, das Interview liest sich genauso wie es sich anhören ließe, wenn es denn elektronisch verfügbar wäre.

Es sind etliche Dinge in meiner Erinnerung verblieben, die ich über das Interview erfahren habe. So hat mich die besondere Situation beeindruckt, über die Hort, damals noch in seinem Geburtsland CSSR, zum Schachspiel gekommen ist. Erlernt hat er es von einem Krankenhausarzt, der Nachtdienst hatte und sich des kleinen Jungen von etwa sechs Jahren auf seiner Station annahm. Hort war wegen einer Infektionskrankheit, die zuvor niemand genau einschätzen konnte, in die stationäre Behandlung gegeben worden. Der Arzt spielte selbst Fernschach und zeigte seinem kleinen Patienten, wie Schach gespielt wurde. Er hatte also einen großen Anteil daran, dass sein Schützling eine große Schachkarriere startete, erfuhr es aber nie, weil er bald darauf in die Schweiz emigrierte und in Zürich bei einem Autounfall ums Leben kam.

Lev Polugajewski war ein Spieler, den er später überhaupt nicht mochte. Hort erklärt dies unter anderem auch mit einem Gedanken aus dem politischen Bereich, aber so wie es sich insgesamt liest, dürfte es wohl mindestens auch eine allgemeine persönliche Abneigung gewesen sein, die bei ihm vorlag. Interessant ist dies auch in dem Zusammenhang, wie er sich vor einer Partie gegen den nicht geschätzten Kontrahenten selbst aufgeputscht hat. Ein Sieg in der Partie würde etwas für die Ewigkeit sein, hämmerte er sich ein, und es wurde etwas für die Ewigkeit.

Das vorhergehende Beispiel macht deutlich, dass Hort auch ein sehr psychologisches Verhältnis zum Schach hat(te) und dass er in seiner Spitzenzeit ein sehr psychologisches Schach gespielt hat. "I played psychological chess always, always, always" ist ein Zitat aus dem Buch, das diesen Aspekt in Horts Spiel kaum deutlicher hervorheben könnte.

Die Partien und die Partiefragmente sind unterhaltsam in einer guten Mischung aus Text und Analysen kommentiert. Natürlich kann man auch von diesen Partien lernen, wie Károlyi in seinem Vorwort erklärt, ich persönlich sehe aber den Unterhaltungsaspekt ganz vorne stehen.
Auswahlkriterien für die Partien waren nach der Aussage des Autors ein Sieg gegen einen Weltmeister oder mindestens gegen einen Spieler der Weltklasse sowie ein herrlich geführtes Endspiel.

Vlastimil Jansa, Rainer Knaak und Jan Smejkal waren vom Autor Tibor Károlyi gebeten worden, ein kurzes Statement zu Vlastimil Hort abzugeben. Sie sind der Bitte nachgekommen und haben damit den Stoff für die letzten 1,5 Seiten im Buch beigetragen, so zur Abrundung des Ganzen quasi.

Vom Wortschatz und grammatikalisch ist das in Englisch geschriebene Werk keine Herausforderung an den Fremdsprachler. Da es allerdings sehr viel Text zu lesen gibt, wie es nun mal bei Interviews nicht überraschen sollte, sind gesicherte Englischkenntnisse auf Schulniveau von Vorteil.

Fazit: "Vlastimil Hort" aus der Reihe "Legendary Chess Careers" von Chess Evolution ist ein in erster Linie unterhaltsames und kurzweilig zu lesendes Werk.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Complete Chess Course

The Complete Chess Course

Fred Reinfeld
The Complete Chess Course
288 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-24-0
22,95 Euro




The Complete Chess Course
"The Complete Chess Course" von Fred Reinfeld, Russell Enterprises 2016, zählt zu jenen Werken, über die mir eine Rezension zu schreiben schwergefallen ist. Es ist mit mehreren Besonderheiten verbunden, die seinen Wert ganz nach dem Auge des Betrachters sehr hoch oder entgegensetzt nur niedrig erscheinen lassen dürften. Ich habe mich deshalb dazu entschieden, es nur zu beschreiben und mich zu bemühen, keinerlei subjektive Bewertungen einfließen zu lassen. So kann der Leser dieser Rezension von mir unbeeinflusst entscheiden, ob das Buch für ihn ein Kaufkandidat sein kann oder eben auch nicht.

Zunächst aber ein paar Worte zum Autor: Fred Reinfeld war Amerikaner und hat von 1920 bis 1964 gelebt. Er war ein starker Schachspieler und hat mehr als 100 Bücher geschrieben, die meisten davon zum Schachspiel.
Und nun zum Buch:

"The Complete Chess Course" enthält acht Kapitel, hier als "Buch" bezeichnet, auf die sich in großer Zahl einzelne thematisch orientierte Abschnitte verteilen. Die Abbildung des Inhaltsverzeichnisses würde den Umfang dieser Rezension sprengen, so dass sich nur die Aufnahme der acht Kapitelüberschriften anbietet. Diese Zusammenstellung ergibt das folgende Bild:

Book One - The Basic Rules of Chess
Book Two - The Nine Bad Moves
Book Three - How to Play the White Pieces
Book Four - How to Play the Black Pieces
Book Five - How to Win When You're Ahead
Book Six - How to Fight Back
Book Seven - How to Play the e-pawn Openings
Book Eight - How to Play the d-pawn Openings.

Kleine Anmerkung: Mit "The Nine Bad Moves" im Kapitel 2 sind Dinge wie der gedankenlose Bauernraub, die Schwächung der eigenen Rochadestellung und sich fesseln lassen gemeint.

Wie schon der Buchtitel ankündigt (ins Deutsche sinngemäß übersetzt "ein vollständiger Kurs zum Schachspiel") und auch die Inhaltsübersicht bestätigt, ist "The Complete Chess Course" ein Universalist zum Schach. Das Werk enthält von einer Einführung ins Schachspiel bis zu Insidertipps für den schon recht weit entwickelten Spieler eine breite Palette von Einzelangeboten. Es kann damit von einem Interessenten als Einstieg ins Spiel genutzt werden und von einem anderen als Trainingswerk oder Anleitung zur Steigerung seiner Spielstärke.

Und nun zur Aufzählung der Dinge, die mir als erwähnenswert aufgefallen sind:

  • In seiner aktuellen Veröffentlichung ist "The Complete Chess Course" das Ergebnis einer Überarbeitung des amerikanischen Spielers und bekannten Schachbuchautors Peter Kurzdorfer.
  • Das Buch ist ursprünglich nicht in einer zusammengestellten Form von Fred Reinfeld ausgeliefert worden, sondern über Teilveröffentlichungen. Dies erklärt auch, dass die einzelnen Kapitel als "Buch" und eben nicht als "Kapitel" bezeichnet sind. Reinfeld hatte seine Arbeit aber von Anfang an so konzipiert, dass die Einzellieferungen in ihrer Gesamtheit einen einheitlichen Kurs ergeben sollten.
  • Im Original waren die einzelnen "Bücher" in der sogenannten Englischen Notation erschienen, die von Kurzdorfer selbst als "archaisch" bezeichnet wird. "The Complete Chess Course" aber greift vollständig auf die heute gebräuchliche algebraische Notation zurück. Das Werk ist also komplett umgesetzt worden.
  • Kurzdorfer freut sich, dass mit der Neuausgabe das Werk von Fred Reinfeld erhalten und überliefert werden kann. Er versteht es somit entsprechend auch als eine Hommage.
  • Die beiden abschließenden "Kapitel" zur Behandlung der Eröffnungen mit dem e- und mit dem d-Bauern sind inhaltlich nicht mehr aktuell, was auch Kurzdorfer anspricht.
  • Die letzte Buchseite ist Korrekturen vorbehalten, die Kurzdorfer hier zusammenstellt. Jeweils mit Bezug auf die Fundstelle im Werk zeigt er die fehlerhafte Stelle auf und verbessert sie. Er erklärt dazu, dass er beim Überarbeiten des Originals mit dem Computer gearbeitet hat, der Reinfeld damals noch nicht zur Verfügung gestanden hat. Es sind insgesamt 14 Korrekturen auf dieser Seite zu finden.
  • Die Buchsprache ist Englisch.
Fazit: Es hängt stark von der persönlichen Neigung des Schachfreundes vom Buchsammler über den Historiker bis zum Spieler auf der Suche nach Trainingsmaterial ab, ob "The Complete Chess Course" für ihn eine Anschaffung lohnenswert wäre.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Mastering Minor Piece endings 1

Mastering Minor Piece endings 1

Adrian Michaltschischin, Csaba Balogh
Mastering Minor Piece endings 1
251 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-945362-2-0
24,95 Euro




Mastering Minor Piece endings 1
"Mastering Minor Piece endings 1" ist der 2. Band aus der Reihe "The Modern Endgame Manual" aus dem polnischen Verlag "Chess Evolution". Vor wenigen Wochen hatte ich bereits die Gelegenheit, mit "Mastering Queen and Pawn endgames" das Premierenwerk zum Zweck einer Rezension zu prüfen.
Verlag und Autoren haben die Endspiele mit gleichartigen Leichtfiguren auf zwei Bände verteilt. Den Anfang machen hier nun die Läuferendspiele, die Springerendspiele bilden den Gegenstand des 3. Bandes, dem sich dann zwei Werke mit unterschiedlichen Materialkonstellationen anschließen werden. Darin werden dann sicher auch die Endspiele zwischen Läufer und Springer behandelt werden.

Die Autoren sind Adrian Michaltschischin und Csaba Balogh, wobei im Vorwort des Herausgebers und im Rückentext auch noch Efstratios Grivas als Mitautor genannt wird. Ich vermute, dass dies aber nicht für "Mastering Minor Piece endings" gilt, sondern für erst noch zu veröffentlichende weitere Bücher aus der Serie.
Es gibt noch etwas, was mir im Vergleich zum 1. Band als neue bzw. als abweichende Information des Herausgebers aufgefallen ist. Er gibt nunmehr an, dass die gesamte Serie aus neun Bänden bestehen wird, während zuvor von 14 Bänden die Rede war. Nach der früheren Ankündigung waren die Bände 9 bis 14 für praktische Endspiele zum Selbststudium und mit Übungen zu allen Endspieltechniken vorgesehen, zu denen nun aber keine Aussage mehr getroffen wird. Band 9 soll sich nun den Abtäuschen und Vereinfachungen widmen, für die früher Band 8 vorgesehen war. Da sich in der Reihenfolge der Behandlung weitere Unterschiede zum Vorwort im früheren Band ergeben, gehe ich davon aus, dass die Planung der gesamten Serie neu erstellt worden und die Anzahl der insgesamt vorgesehenen Bände reduziert worden ist, muss aber ein kleines Fragezeichen dazu anbringen. Wir werden sehen!

"Mastering Minor Piece endings 1" enthält vier Kapitel, wobei das letzte davon zu "ungewöhnlichen praktischen Endspielen" nur einen sehr geringen Umfang hat. Wesentlich sind die drei vorangehenden Teile, in denen sich die Autoren zunächst den Endspielen von Läufern gegen Bauern widmen und dann dem Läuferkampf untereinander, gegliedert nach gleichfarbigen und ungleichfarbigen Protagonisten auf dem Brett. Im Detail und auf die Darstellungen der Theorie beschränkt ist das Werk wie folgt aufgebaut:

Kapitel 1: Läufer gegen Bauern
1.0: Matt mit zwei Läufern
1.1. Läufer und Bauer vs König
1.2. Läufer und Bauer vs König und Bauern
1.3. Läufer vs mehrere Bauern

Kapitel 2: Endspiele mit gleichfarbigen Läufern
2.1. Läufer und Bauer vs Läufer
2.2 Läufer und zwei Bauern vs Läufer oder Läufer und Bauer
2.3. Komplexe Läuferendspiele
2.4. Aufbau von Barrieren
2.5. Praktische Läuferendspiele

Kapitel 3: Endspiele mit ungleichfarbigen Läufern
3.1. Läufer und verbudene Bauern vs Läufer
3.2. Läufer und getrennte Bauern vs Läufer
3.3. Komplexe Läuferendspiele
3.4. Praktische Läuferendspiele

Kapitel 4: Ungewöhnliche praktische Endspiele.

Der Stoff wird jeweils von leicht bis schwierig, von einfach bis komplex entwickelt. Der Leser wächst in seinem Knowhow mit, soweit er bei 0 anfangen musste. Als erfahrenem Spieler waren für mich die Einstiege jeweils weniger interessant, aber im Verlauf der Abschnitte und Kapitel sah ich mich dann zunehmend herausgefordert. Aus einer solchen Warte heraus rufen die ersten Inhalte eines Bereichs jeweils Endspielwissen aus der Erinnerung des Lesers ab und lassen ihn seine Fertigkeiten trainieren, während er je nach Vorkenntnissen irgendwann im weiteren Verlauf sein Wissen zu erweitern vermag.
Regelmäßig werden ihm über Diagramme, die theoretisch wichtige Formationen zeigen, die dann kommentiert in die weitere Zugfolge entwickelt werden, die grundsätzlichen Manöver etc. illustriert. Er begleitet dabei sowohl die richtige Behandlung als auch ein Vermeiden von Fehlern, die ihm in gleicher Weise als möglich vor Augen geführt werden. Auf diesem Grundwissen aufbauend konfrontieren die Autoren den Leser dann mit Diagrammstellungen, die nach praktischen Aspekten ausgewählt worden sind. Hier wird er schon näher an Situationen gebracht, die ihn in seiner eigenen Partie erwarten werden. In der Materialverteilung mit Läufern auf beiden Seiten schließen sich dann komplexe Endspielstellungen an, die teilweise bereits erheblich "ans Eingemachte" gehen.

"Mastering Minor Piece endings 1" ist genauso wie Band 1 der Serie weit davon entfernt, ein klassisches Buch zum Einpauken der Endspielbehandlung zu sein. Die Autoren arbeiten nach dem Prinzip, die wichtigsten Merkmale einer Stellung und damit einer Konstellation aus materiellen und dynamischen Aspekten aufzuzeigen, um dann zu demonstrieren, wie bei bestem Spiel ein Sieg errungen oder als Verteidiger eine Remisstellung erreicht werden kann. Der Leser lernt also am - ausgezeichnet - erklärten Beispiel. Regeln werden dabei gut verpackt im Rahmen der Kommentierung formuliert und nicht als Merksätze herausgestellt.
Durch Abwandlung einer gerade behandelten Stellung in eine neue, zum Beispiel durch ein Verschieben der Stellung um eine Reihe oder Linie, lassen die Autoren den Leser die Unterschiede erkennen und dabei die Auswirkungen auf die Stellungseinschätzung sowie das erforderliche Vorgehen verstehen.
Die Autoren erklären und erläutern ausgezeichnet. Es gibt viel Text zu lesen und Varianten nur insoweit, wie dies aus einer praktischen Sicht erforderlich ist. Dies passt insoweit auch gut zur Intention des Buches, den Leser für das Gros seiner selbst gespielten Partien zu rüsten und nicht für solche mit Ausnahmeendspielen. Dem Leitsatz "wir wollen, dass der Leser in den 99 % seiner Partien, die in einem üblichen Endspiel enden, mehr Punkte holt, und wir wollen nicht, dass er in dem einen Prozent, die selten vorkommen und für die ganz speziell viel Theorie erlernt werden müsste, punktet", folgen die Autoren konsequent. Studien beispielsweise, die einen ausgeklügelten Weg zum Erfolg in einem immens schwierig zu führenden Endspiel zeigen, haben keinen Platz im Werk gefunden. So kann ich meine Aussage schon zum vorhergehenden Band wiederholen: "Mastering Minor Piece endings 1" passt nicht zum Image früherer verkrusteter Endspielbücher.

Ich habe Spaß empfunden, als ich mich zur Vorbereitung dieser Rezension mit "Mastering Minor Piece endings 1" beschäftigt habe. Um einen echten Zugang zu dem Werk zu finden, habe ich mich mit mehreren Passagen so befasst, als hätte ich es mir gezielt gekauft. Sehr angenehm ist, dass man keinen noch so gearteten Druck zum Lernen verspürt; man muss keine Regeln etc. auswendig lernen, also verspürt man auch kein schlechtes Gewissen, wie wenn man sich einer solchen Erwartung eines Buches entzieht. Man erkennt zudem, dass die Beschäftigung mit dem Werk fruchtet, indem man aus den Ideen des zuvor behandelten Stoffes heraus mit mehr Sinn und Verstand an die komplexen Stellungen herangeht. In der Art seiner Gestaltung animiert "Mastering Minor Piece endings 1" den Leser dazu, bei der Stange zu bleiben, es motiviert zum Lernen.

Ein Neuling im Schach, der die Regeln sicher beherrscht, wird bereits mit diesem Buch arbeiten und von ihm profitieren können.
Nach oben gibt es im Bereich des Klubspielers kaum eine Grenze. Auch der schon erfahrene und spielstarke Schachfreund wird für sich neben Trainingsmaterial auch Neues finden.

Mit 24,95 Euro ist "Mastering Minor Piece endings 1" nicht gerade billig. Wenn man zudem bedenkt, dass der Erwerb der kompletten Reihe nach aktuellem Stand den Kauf von neun Büchern erforderlich machen wird, kommt schon eine stattliche Summe zusammen. Dafür erhält der Leser dann aber eine Ausstattung zur Endspielführung, die zeitlos ist. Anders als Bücher aus dem Bereich der Eröffnungsliteratur werden die Werke aus der der Serie "The Modern Endgame Manual" künftig kaum etwas an ihrer Gültigkeit einbüßen.
Zusätzlich lässt das bandweise erscheinen dem Schachfreund die Möglichkeit, das Portemonnaie nur für ausgewählte Endspiele nach seinem ganz eigenen Bedarf zu öffnen. Wie schon sein Vorgänger lässt sich auch der hier besprochene Band problemlos eigenständig im Sinne von isoliert nutzen.

Das Buch kommt aus einem polnischen Verlagshaus, ist aber in Englisch geschrieben. Mit ordentlichem Schulenglisch wird der Leser bestens durch das Werk kommen.

Fazit: "Mastering Minor Piece endings 1" ist eine klare Empfehlung für den gerade mal regelfesten Anfänger im Schach bis zum erfolgreichen Klubspieler, der sich in den Läuferendspielen, die das Gros in seinen eigenen Partien ausmachen werden, verbessern oder diese trainieren will. Das Buch lebt von Erläuterungen und Erklärungen und nicht von Variantenketten, Studien und Merksätzen.
Die FIDE hat die Genehmigung dazu gegeben, das eigene Logo auf der Titelseite abzubilden. Dies darf als sicherer Hinweis dafür angesehen werden, dass die Weltorganisation der Schachspieler zu einer ähnlich positiven Einschätzung kommt.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Sicilian Dragon - move by move

The Sicilian Dragon - move by move

Carsten Hansen
The Sicilian Dragon - move by move
464 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-226-0
24,95 Euro




The Sicilian Dragon - move by move
Die Drachenvariante der Sizilianischen Verteidigung zählt zu den Systemen, für die es besonders weit in die Partie hinein und breit angelegt Empfehlungen der Theorie gibt. So ist es schon eine Herausforderung, der sich ein Autor stellt, wenn er sie so in einem Buch aufzubereiten versucht, dass der Leser Verständnis und genügend theoretisches Rüstzeug zugleich erhält. Mit "The Sicilian Dragon - move by move" hat sich der dänische FM Carsten Hansen der Aufgabe angenommen und ein stattliches Werk von 464 Seite abgeliefert. Wie schon angedeutet, ist das Buch in der "move by move"-Reihe von Everyman Chess erschienen, und dies im Jahr 2016.

Zunächst zum Autor: Als Verfasser von Schachbüchern ist er sehr erfahren. Bei einem Dutzend Werken habe ich zu zählen aufgehört, als ich mir über das Internet einen Überblick verschaffen wollte. Teilweise ist er als Co-Autor aufgetreten, auch in Zusammenarbeit mit "Schwergewichten" in der Schachwelt.
Sehr lange, für rund 15 Jahre, hat er für Chesscafe.com geschrieben. Den Mittelpunkt seiner Arbeit dort haben Rezensionen über Eröffnungsbücher gebildet. Er weiß also, worauf es ankommt, wenn man ein gutes Buch dieses Genres abgeben möchte. Und ohne viel vorwegnehmen zu wollen, kann ich sagen, dass er nach meiner Einschätzung genau dies auch geschafft hat.

"The Sicilian Dragon" ist in drei Teile untergliedert, die insgesamt 16 Kapitel beinhalten. Diese drei Teile teilen den Stoff wie folgt auf sich auf:
Teil 1: 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 ohne Übergang in den Jugoslawischen Angriff
Teil 2: 6.Le3 Lg7 7.f3 0-0 8.Dd2 Sc6 Jugoslawischer Angriff ohne Varianten mit Lc4
Teil 3: Wie Teil 2, aber alles mit Lc4.

Hansen stellt die Theorie anhand von 80 kommentierten Partien dar, wobei die Anmerkungen auch auf das typische "move by move"-Merkmal von eingestreuten und an den Leser gerichteten Fragen zurückgreifen, die gleich im Anschluss im Rahmen der Erörterungen beantwortet werden. Damit alles auf die oben schon genannten 464 Buchseiten passt, hat der Verlag gleich mal das Schriftbild verkleinert, was sich bei einem Vergleich mit zumindest einigen früheren Bänden aus der Serie zeigt.

Die Schwerpunktsetzung des Autors bei der Kommentierung der einzelnen Partien gefällt mir ausgezeichnet. Zunächst einmal hat Hansen sein besonderes Augenmerk auf die vorderen Passagen gerichtet, wie es auch sein muss. Hier geht er sehr ins Detail, während er die Anmerkungen im Umfang weit zurückfährt, sobald die Phase der Eröffnung gelaufen ist. Indem er den Leser dennoch weiter durch die Partie bis zu deren Ende begleitet, schafft er es, die Folgen der Eröffnungsbehandlung auch mit dem Mittelspiel und dem Endspiel in eine natürliche Verbindung zu bringen.
Die jeweils sehr ausführliche Behandlung der Züge, die er in einer Variante auf den Prüfstand stellt, mutet dem Leser einiges zu. Er erläutert, wie dieser die Spielweise anfassen sollte, spart aber zugleich auch nicht mit Zugfolgen, die er in seiner eigenen Partie kennen sollte. Hier hat es der Fernschachspieler leichter als sein Kollege am Turnierschachbrett, indem er "The Sicilian Dragon" auch zum Nachschlage nutzen kann. Wer den Drachen im Turniersaal einsetzen will, kommt ohnehin nicht umhin, sich einiges dazu einzuprägen. Hansen hilft dabei durch seine Auswahl. Dies ist für mich zugleich das Stichwort für einen Hinweis. Ich habe die Drachenvariante früher auch selbst gespielt und bin erst davon abgegangen, als sie mich doch etwas überfordert hat, auch hinsichtlich der Breite des vorauszusetzenden Variantenwissens. Nach meinem Eindruck versucht Hansen den Leser auch dadurch zu unterstützen, indem er Theorie auszublenden versucht. Er bedient sich, wenn ich in meiner Annahme richtig liegen sollte, dabei des Mittels, durchaus aussichtsreiche Alternativen zu Hauptzügen zu behandeln, sofern die Partie erstens schon einiges vorangeschritten ist und zweitens hinter dieser Alternative deutlich weniger Theorie steht als hinter dem Hauptzug.

Damit sind wir bei einer weiteren Funktion von "The Sicilian Dragon - move by move", nämlich jener, zugleich auch ein gewisses Grundrepertoire für die Drachenvariante anzubieten. Und hier muss sich das Werk gegen eine sehr qualifizierte Konkurrenz behaupten, insbesondere auch gegen "The Dragon 1" und "The Dragon 2", beide aus der Feder von GM Gawain Jones und 2015 erschienen bei Quality Chess.
Ich denke, dass das versprochene Werk diese Konkurrenz nicht fürchten muss, aber eher einen anderen Leser bedient als die Jones-Bände. Auch diese habe ich damals rezensiert und den Leser, der von ihnen profitiert, im Leistungsbereich des Klubspielers und höher verortet. Angesichts der oben schon angesprochenen Anforderungen an die Fertigkeiten des Lesers gilt das Gleiche für mich auch für das vorliegende Werk. Es ist aber mehr auf den Nahschachspieler ausgerichtet als die beiden Bücher von Quality Chess. Und nicht unerwähnt bleiben sollte dabei auch, dass "The Sicilian Dragon - move by move" 24,95 Euro kostet, während die beiden Jones-Bücher schon in ihrer kartonierten Fassung fast 50 Euro verlangen (gebunden und mit festem Einband sogar fast 60 Euro).
Es kommt also darauf an, was der Spieler will und wofür er sich wappnet.

Das Variantenverzeichnis auf den letzten Seiten des Buches ist angenehm ausführlich und eine echte Hilfe bei der Navigation im Buch.
Von den insgesamt 80 behandelten Partien wurden mehrere im Fernschach gespielt. Daneben ist das Fernschachspiel durch zahlreiche Partiefragmente referenziert, die Hansen im Rahmen seiner Kommentierung verwendet.

Die Buchsprache ist Englisch. Fremdsprachkenntnisse auf einem guten Schulniveau sollten ausreichen, um bequem mit dem Werk arbeiten zu können.

Fazit: "The Sicilian Dragon - move by move" ist eine empfehlenswerte Anschaffung für den Spieler, der seine Spielstärke im Bereich des Klubspielers oder höher einordnet. Das Werk ist der gelungene Versuch, den schwer zu zähmenden "Sizilianischen Drachen" aufzubereiten, so dass der Spieler seine eigenen Partien ohne weitere Literatur darauf fußen lassen kann. Der Nahschachspieler, Disziplin und Ehrgeiz beim Durcharbeiten eines anspruchsvollen Buches wie diesem vorausgesetzt, wird mit einem Wissen ausgestattet, dass auf Spielverständnis und eingeprägten Varianten basiert und jenem der meisten Gegner überlegen sein dürfte.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Zaitsev System

The Zaitsev System

Alexey Kuzmin
The Zaitsev System
255 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-684-8
27,95 Euro




The Zaitsev System
Im fortgeschrittenen Jahr 2016 ist "The Zaitsev System" bei New In Chess (NIC) erschienen. Geschrieben hat es Alexey Kuzmin, früherer Mitarbeiter im Trainerstab von Anatoly Karpov und Sekundant von Alexander Morosewitsch. Schon zu seiner Zeit an der Seite von Karpov hat er begonnen, sich intensiv mit dem Saitzew-System (oder auch Flohr-Saitzew-System) zu befassen, wie es in Deutsch geschrieben wird. Er verfügt somit über eine Jahrzehnte lange Erfahrung, die ihn als Autor gerade für das vorliegende Werk qualifiziert. Es ist gespickt mit Neuerungen aus seiner Analyseküche und bietet in einem eigenständigen Teil eine Behandlungsweise der Eröffnung an, die als separate und neue Variante angesehen werden kann. Er bezeichnet sie als "Saratov-Variante", dazu später mehr.

Das Saitzew-System gehört zur Spanischen Partie und wird in der Behandlung des Buches über die Züge 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3 Lb7 10.d4 Te8 11.Sbd2 Lf8 erreicht. Es liegt in der Hand von Schwarz, ob es auf das Brett kommt, und der Nachziehende ist auch der Adressat von "The Zaitsev System". Mit seiner Wahl gibt er seinem Gegenüber allerdings die Möglichkeit in die Hand, über eine Zugwiederholung ein frühes Remis zu erreichen. Diesen Weg will Kuzmin durch "seine" Saratov-Variante verschließen. Wenn ihm dies in der Praxis dauerhaft gelingen sollte, würde diese beliebte Eröffnung sicher noch weitere Anhänger gewinnen, denn die frühe Remismöglichkeit in des Gegners Hand hält so machen Spieler von ihrer Wahl ab.
Weiß kann die Partie über 11.Sg5 Tf8 12.Sf3 Te8 13.Sg5 Tf8 14.Sf3 ins Remis dirigieren. Ein Weg zur Vermeidung liegt im Übergang in die Smyslow-Variante mit 12…h6.

Kuzmin, der übrigens eine enorme Ähnlichkeit zum früheren Fußball-Torhüter Oliver Kahn aufweist, hat das Buch in sechs Teile mit insgesamt 20 Kapiteln gegliedert. Es macht wenig Sinn, hier einen Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis abzubilden, weil er den behandelten Varianten teilweise eigene Namen gibt. Es ließe sich also kaum erkennen, was der Leser konkret hinter den einzelnen Einträgen zu erwarten hätte. Um dennoch die Inhalte zumindest grob skizzieren zu können, zeige ich nachstehend auf, womit jeweils die einzelnen Varianten eingeleitet werden.

Teil 1: 12.a4
Teil 2: 12.a3
Teil 3: 12.d5
Teil 4: 12.Lc2
Teil 5: 11. Sg5, 11.Lg5, 11.a4, 11.a3 und 11.Sbd2 Lf8 12.Sg5
Teil 6: The Saratov Variation, a Way to Avoid the Repetition": 10…Sd7 11.Sbd2 exd4 12.cxd4 Lf6 13.Sf1 Sa5 14.Lc2 Te8.

Davor findet der Leser noch ein Vorwort von Fabiano Caruana, ein weiteres Vorwort von Peter Svidler, eine Einführung von niemandem anders als Igor Saitzew, eine weitere Einführung von Alexey Kuzmin sowie "ein bisschen Geschichte" zur Variante im Buch.

Wie oben schon kurz angesprochen hat Kuzmin das Material aus der Sicht von Schwarz zusammengestellt. Dies bedeutet, dass alle wichtigen Zugalternativen für Weiß behandelt werden, für Schwarz aber nur jene, die des Autors Empfehlung sein sollen.
"The Zaitsev System" soll ein Handbuch sein und ist es auch. Kuzmin legt einen Schwerpunkt auf verbale Kommentare. Über sie gibt er durchgehend eine Anleitung, wie das System zu spielen ist. Er zeigt die Strategie auf, macht auf die taktischen Aspekte aufmerksam und wird hierdurch nicht müde, den Leser verstehen zu lassen. So kann ich versprechen, dass der konzentriert mit dem Werk arbeitende Leser im Anschluss bestens weiß, wie er in seiner eigenen Partie vorgehen muss. Aus seinem über das Buch gewonnenem Verständnis heraus wird er die Züge finden, die in seiner jeweiligen Brettsituation angeraten sind, und ist nicht auf sein Gedächtnis angewiesen. Angesichts dessen, dass das Saitzew-System erst nach einigen Anfangszügen erreicht wird, dürfte ohnehin die Mehrzahl der Klubspieler bald danach an der Grenze der eigenen Erinnerungsfähigkeit angekommen sein.

Im Aufbau erinnert mich das Werk ein wenig an einen interessanten Vortrag, der unterstützt von an die Wand geworfenen Folien gehalten wird. Die erste Seite eines Kapitels zeigt wie eine Agenda-Folie den Überblick über die Ausgangszugfolge, behandelte Varianten und theoretisches Neuland. Die jeweils letzte Kapitelseite präsentiert eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnis und hält für den Leser fest, was er auf den Punkt gebracht für sich mitnehmen soll. Und dazwischen liegt viel Vortrag.
Ohne dass ich dies als nachteilig empfinde, wirkt das Werk auf mich insgesamt etwas "unaufgeräumt". Eben wie in einem Vortrag geht Kuzmin Thema für Thema durch. Als Leser folgt man ihm und nimmt quasi einen Informationsstrahl auf. Das Werk ist gut geordnet, aber es ist nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren. Innerhalb der Kapitel gibt es Varianten, die sich weiter gliedern und untergliedern. Die Systematik wird in der Form einer Mischung aus (römischen) Zahlen und Buchstaben erreicht. Im Variantenverzeichnis am Ende des Werkes sind die Nummerierungen aber nicht übernommen worden.
Indem sehr Platz sparend kein Absatz oder mehr nach einer Variante gemacht wird, findet das Auge des Lesers nicht immer sofort im Text die Stelle, die er konkret aufsuchen möchte, z.B. bei einem Zurückschlagen zu einer vorher bearbeiteten Zugfolge.

Kuzmin hat eine sehr angenehme Art der Darstellung. Er plaudert nicht selten geradezu, wirft Anekdoten ein, zitiert jemanden, z.B. einen Philosophen, oder erzählt etwas aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz. So macht es Spaß, sich mit dem Material zu beschäftigen. Das Buch gibt also genügend Motivationsspritzen, um den Leser bei der Stange zu halten.
Der schon in der Saitzew-Variante erfahrene Spieler wird zudem mit Spannung verfolgen, welche Neuerungen er im Buch findet. Dabei ist festzuhalten, dass es zahlreiche mit einem "N" und damit als Neuerung markierte Züge im Werk gibt.

Bemerkenswert ist, dass Kuzmin rechnergestützt nach seinen Empfehlungen gesucht hat, aber die Empfehlungen des Computers um einen menschlichen Faktor ergänzt hat. Dies ist besonders ein Vorzug für den Leser, der die Saitzew-Variante im Brettschach einsetzen möchte. Ihm wird eher nicht eine Variante empfohlen, die der Rechner allemal halten würde und die er deshalb mit einer guten Bewertung klassifiziert, sondern jene, die Kuzmin auch am Brett von einem Menschen für spielbar ansieht.
Er sagt an einer Stelle im Text aus (Seite 69), dass er nicht mehr gerne aktuelle Fernschachpartien für seine Arbeit nutzt. Dies begründet er damit, dass er bei ihnen einen menschlichen Faktor vermisst und sie nur wie vom Computer gespielt aufwarten. Dies ist schlüssig hinsichtlich seines Anspruches, nur von ihm persönlich nachvollziehbare und damit "menschliche" Züge zu empfehlen. Nicht so ganz schlüssig ist seine Aussage aber zu einer Bemerkung an anderer Stelle (Seite 37), dass es außerhalb von forcierten Zugfolgen fast immer mehrere Zugalternativen gibt (zwei oder drei), die gespielt werden können, ohne dass der Verzicht auf eben einen anderen Zug ein Fehler wäre. Genau dies aber zeigt auch ein Rechner auf. Er bietet mehrere Züge mit akzeptablen Bewertungen an. Und in dieser Auswahl sind zweifellos auch die Züge zu finden, die Kuzmin als "menschliche" Züge ansieht und empfiehlt. Nur der Fernschachspieler, der immer einen Enginezug übernimmt, der einen vielleicht noch so kleinen Bewertungsvorteil anzeigt, kann eine Partie produzieren, deren Züge in einen Vorbehalt gegen Fernpartien allgemein passen.

Die Buchsprache ist Englisch und es kommt reichlich Text vor. Dennoch sind die Anforderungen an den Fremdsprachler nicht allzu hoch. Mit einem ordentlichen Schulenglisch kommt man allemal zurecht.

Fazit: Ich bewerte "The Zaitsev System" als ein sehr gutes Buch, um diese Eröffnung mit Schwarz in der Spanischen Partie verstehen und spielen zu lernen. So kann ich es sehr zum Kauf empfehlen und dies besonders auch für den Spieler am Nahschachbrett.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Playing 1.e4

Playing 1.e4

John Shaw
Playing 1.e4
628 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-907982-22-4
27,99 Euro




Playing 1.e4
"Playing 1.e4" von John Shaw ist ein an den Spieler mit Weiß gerichtetes Repertoirebuch, das 2016 bei Quality Chess erschienen ist. Der Autor ist ein auch als Autor sehr bekannter Großmeister von der britischen Insel; drei Mal hat er sich den schottischen Meistertitel gesichert. Als Autor ist sein Name besonders auch mit dem 2013 auf den Markt gekommenen Monumentalwerk "The King's Gambit" eng verbunden.

Das besprochene Buch ist einer von zwei Bänden, die gemeinsam ein Komplettrepertoire auf der Basis des Anzuges mit dem Königsbauern ergeben sollen. Trotz dieser Aufsplittung bedarf es ganz klarer Entscheidungen zur Zusammensetzung des Stoffes und damit auch zum Ausschluss von Systemen. Die beiden wichtigsten Weichenstellungen hat Shaw in der Weise getroffen, dass er nach 1…e5 2.Sf3 Sc6 die Spanische Partie meidet und stattdessen mit 3.d4 Schottisch ansteuert sowie er sich gegen Caro-Kann auf die Vorstoßvariante mit 3.e5 festgelegt hat. Damit sind auch bereits die beiden wichtigsten behandelten Systeme genannt. Weiter im Buch zu finden sind die Russische und die Skandinavische Verteidigung, ein Abschnitt mit Ausführungen zu nur etwas sporadisch von Schwarz eingesetzten Systemen von der Philidor- bis zur Aljechin-Verteidigung, abgeschlossen von einem Kapitel mit seltenen und teilweise als etwas suspekt angesehenen Linien.

Mit der Aufnahme von Schottisch statt Spanisch lässt Shaw den Leser mit weniger Theoriebergen in sein Repertoire gehen, auch wenn die Schottische Verteidigung heute schon allein ganze Bände füllen kann, und er geht u.a. dem Marshall-Angriff und der Berliner Mauer aus dem Weg, die manchem Anziehenden die Wahl von Spanisch etwas verleiden.

Zu seinem methodischen Vorgehen gibt er an, dass er schwerpunktmäßig auf Abspiele gesetzt hat, in denen Weiß Aussicht auf ein aktives und raumgreifendes Spiel mit Aussichten auf Angriff hat. Seine Empfehlungen stützt er bei mehreren gleich viel versprechenden Varianten auf jene, die am wenigsten ein Studium der Theorie zumutet. Gibt es eine eindeutige Nummer 1, so setzt er auf diese, auch wenn sie dem Leser in Sachen Theorie einen erheblichen Einsatz abverlangt.

Die gesamten Darstellungen der Theorie stützen sich auf insgesamt 111 intensiv untersuchte und um allgemeine Ausführungen und Analysen angereichte Partien. Diese stammen überwiegend aus der absoluten Meisterpraxis, aber nicht nur. Mir persönlich sagt die offene Herangehensweise, die sich durch die Aufnahme auch von Partien, die unterhalb der höchsten Ebenen gespielt worden sind, bestätigt, sehr zu. Damit hat deren spezifische Eignung den Ausschlag bei der Auswahl gegeben und nicht unbedingt ein Prädikat "in der Weltklasse" gespielt. Als sehr erfreulich sehe ich es zudem auch an, dass mehrere vollständige Partien aus dem Fernschachspiel einen Platz im Werk gefunden haben, neben reichlich Fragmenten, die in die Kommentierungen eingebaut worden sind.

Wer "The King's Gambit" von Shaw kennt, der wird seine Handschrift auch in "Playing 1.e4" wiedererkennen. Er beschreibt und erklärt intensiv, der Leser soll die Systeme verstehen lernen und sie sich nicht einfach nur einprägen. Dabei setzt er, vielleicht abgesehenen von den Einleitungen der Kapitel, ein gewisses Knowhow bereits voraus. So ist das Werk für mich eher etwas für den Klubspieler, der bereits ein Stück weit von den Anfangsgründen des Schachspiels entfernt ist, als für den Schachfreund, der noch auf der Suche nach seinem ersten Repertoire ist. Allerdings ist "Playing 1.e4" durchaus auch ein Buch, an dem der Leser wachsen kann und mittels dessen er sein Eröffnungswissen wie auch seine allgemeine Spielstärke entwickeln kann.
In diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass Shaw sich sehr mit den Empfehlungen anderer Autoren auseinandergesetzt hat. Das Literatur- bzw. Quellenverzeichnis, zu finden schon auf den ersten Buchseiten, ist immens lang. Es handelt sich hier aber eher nicht um den Hinweis auf eine Art Datenfriedhof. Sehr häufig gibt Shaw anderweitige Empfehlungen weiter, unterstützt sie oder geht bisweilen auch in Widerspruch zu diesen oder er erklärt, dass er die Begründung für eine fremde Einschätzung nicht kennt oder sie nicht nachvollziehen kann. Diese recht intensive Interaktion mit anderen Werken korrespondiert mit seiner im Buch getroffenen Aussage, dass der Leser möglichst unterschiedliche Bücher zur Verfügung haben sollte, um sein Repertoire möglichst gut beherrschen zu lernen und abrunden zu können. Indem er die Sichtweisen mehrerer Autoren erfährt, kann er seine eigene Einschätzung schärfen.

Die Kapitel im Buch, insgesamt 20 an der Zahl, sind allesamt ähnlich aufgebaut. Anfangs erhält der Leser eine Übersicht in der Form eines Variantenverzeichnisses, das dann auch schon auf die konkreten Partien hinweist, in denen im weiteren Verlauf das jeweilige Abspiel erörtert wird. Damit ist sichergestellt, dass man sich gut im Werk inhaltlich orientieren kann. Dies habe ich bei anderen Werken, die sich ebenfalls einer Abfolge von Partien bedienten, um die Theorie darzustellen, auch schon mal anders gesehen. Zusammen mit dem Variantenverzeichnis auf den letzten Seiten des Buches, das den Überblick über das gesamte Werk gibt, ist ein optimaler roter Faden über alle Kapitel hinweg gesichert.

Ein besonderes Wort sei noch Computeranalysen gewidmet. Verschiedentlich zeigt Shaw an, dass er sich des Rechners zur Überprüfung bedient hat, wobei die eingesetzte oder die eingesetzten Engines nicht genannt werden. Mehrfach ist mir aufgefallen, dass er sie auch vor dem Hintergrund einer praktischen Partie am Brett wertet. Für den Fernschachspieler mag dieser Hinweis weniger wichtig sein, für den Turnierspieler am Nahschachbrett aber schon.

Die Buchsprache ist Englisch. Der mit Fremdsprachkenntnissen auf einem ordentlichen Schulniveau ausgestattete Leser dürfte keine Probleme mit dem Verstehen haben, auch wenn er die eine oder andere Vokabel vielleicht nachschlagen muss.

Fazit: "Playing 1.e4" ist ein sehr gut gelungenes Repertoirebuch, insbesondere für den Spieler im Bereich des Klubniveaus. Inwieweit der Leser seinen persönlichen Profit daraus ziehen kann, hängt zuvorderst auch von der Auswahl der behandelten Systeme ab. Zusammen mit einem zweiten Band, der die weiteren schwarzen Erwiderungen auf 1.e4 enthält, ergibt sich ein Komplettrepertoire.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Pearls of Azerbaijan

Pearls of Azerbaijan

Djakhangir Agaragimov
Pearls of Azerbaijan
229 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-944290-8-9
19,95 Euro




Pearls of Azerbaijan
Als ich das Werk "Pearls of Azerbaijan", übersetzt also "Perlen aus Aserbaidschan" zur Rezension erhielt, stand es für mich fest, eine Sammlung von Partien aus der Schacholympiade 2016 in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, vor mir zu haben. Auf der Titelseite platzierte Hinweise auf diese Veranstaltung dürften ihren Teil dazu beigetragen haben. Tatsächlich aber ist diese Arbeit von GM Agaragimov etwas ganz anderes, nämlich eine umfängliche Sammlung von Kombinationsaufgaben. Diese stammen allesamt aus der Praxis von Spielern dieses Landes, was die hinter diesem Buch steckende Idee weiter umschreibt.

Insgesamt 559 Aufgaben warten darauf, vom Leser gelöst zu werden. Sie sind nach den Schwierigkeitsgraden leicht, mittel und schwer gegliedert und entsprechend drei Abschnitten im Werk zugeordnet.
Zur Art der Aufgabengestaltung hat sich der Autor etwas einfallen lassen. Nichts Ungewöhnliches ist zunächst die Einführung der Ausgangsstellung über ein Diagramm. Gleiches gilt für die Anzeige, welche Seite stärker ist und für die eine Kombinationslösung gefunden werden soll, indem die üblichen Stellungssymbole Plus und Minus verwendet werden. Darüber hinaus aber sind zahlreiche Diagramme mit einem zusätzlichen Smiley versehen, der dem Leser anzeigt, in welcher Richtung er denken soll. Vier verschiedene Smileys kommen zum Einsatz, so dass es insgesamt fünf unterschiedliche Aufgaben- und Lösungskategorien gibt. Diese sind:

1. Diagramme ohne Smiley: Der Leser ist völlig auf sich allein gestellt.
2. Smiley mit 2 gespreizten Fingern ("victory"): Es gibt zwei Lösungswege.
3. Smiley mit einem auf die Lippen gelegten Finger ("pssst"): Zu Anfang wird ein stiller Zug gesucht.
4. Smiley mit Sonnenbrille ("cool"): Intuition ist gefragt. Wenn die Berechnung nicht weiterführt, so liegt der Leser dann richtig, wenn er das Gefühl hat, es läuft.
5. Smiley mit Ausrufezeichen ("gute Idee"): Es ist Zeit für eine tiefe Prüfung. Es muss nicht der offensichtliche, der auf der Hand liegende Zug sein, der zum Erfolg führt, sondern vielleicht ist es ein alternativer, dessen Kraft sich erst über eine tiefe Prüfung erschließt.

Im Abschnitt mit den leichten Aufgabenstellungen sind nur einzelne Diagramme mit einem zusätzlichen Smiley versehen, während später die schweren Brocken ganz überwiegend damit gekennzeichnet sind.

Innerhalb der Abschnitte sind die Beispiele chronologisch geordnet. Sie stammen jeweils, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus den jüngsten Jahren. Historische Schätzchen sind nicht verwendet worden.

Zu jedem Schwierigkeitsgrad gibt es einen eigenen Lösungsteil, der sich unmittelbar an die Aufgabenstellungen anschließt. Die Lösungen beschränken sich auf die Züge, sowohl hinsichtlich der gesuchten Kombination als auch der Nebenvarianten, ergänzt um Schachsymbole. Textliche Erläuterungen werden nicht gegeben. Entsprechend ist es auch so gut wie bedeutungslos, dass das Werk in Englisch verfasst ist, denn wer als Leser auf diverse Vorworte verzichten kann, braucht keine Fremdsprachkenntnisse dafür.

"Pearls of Azerbaijan" ist gut geeignet, um seine kombinatorischen Fähigkeiten zu trainieren. Der zunehmende Schwierigkeitsgrad der Aufgaben erlaubt eine Entwicklung und macht es schon dem Spieler auf einem niedrigen Klubniveau möglich, mit Freude an das Lösen zu gehen. Er wird sich permanent verbessern und sich über die Arbeit mit dem Werk das nötige Rüstzeug verschaffen, um sich auch an die schwierigeren Beispiele machen zu können. Unterhaltsam sind Bücher dieses Genres allemal, sie kommen dabei ohne Text aus.
Neben dem autodidaktischen Spieler ist das Buch auch ein Füllhorn an Material für den Trainer und Übungsleiter.

Das Rezensionsexemplar wies einen kleinen technischen Mangel auf. Zwei einführende Seiten sind mit Druckerschwärze verschmutzt. Hierbei dürfte es sich um eine Besonderheit handeln, die zudem den Gebrauchswert des Buches nicht beeinträchtigt. Ansonsten ist es gut verarbeitet.

Fazit: "Pearls of Azerbaijan" ist ein Buch, das den Leser zum Lösen von Aufgabenstellungen animiert, die seine kombinatorischen Fähigkeiten ansprechen und auch fördern dürften. Konzept und Umsetzung sind gelungen, auch der noch nicht allzu weit in seiner Spielstärke fortgeschrittene Schachfreund kann es sich zunutze machen und dabei stärker werden. Das umfangreiche Material ist zudem für den Trainereinsatz geeignet. Englischkenntnisse sind grundsätzlich entbehrlich.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

A World Champion`s Guide to Chess

A World Champion`s Guide to Chess

Susan Polgar, Paul Truong
A World Champion`s Guide to Chess
384 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-32-5
17,95 Euro




A World Champion`s Guide to Chess (Eine Gastrezension von Gerd Schowalter, Bad Kreuznach)
Susan (früher in Ungarn: Szusza) Polgar, frühere Weltmeisterin der Frauen und Internationale Großmeisterin bei Frauen und Männern, legt ein umfangreiches Lehrbuch vor, das man mit „Ein Führer zum Schach durch eine Weltmeisterin“ mit dem Untertitel „Schritt für Schritt, um beim Schach zu gewinnen mit der Polgar-Methode“ von einer international anerkannten Schachtrainerin, übersetzen kann.

Das Buch im Paperback hat 384 Seiten, bei sehr sauberem übersichtlichem Satz. Die beiden Autoren schreiben ein leicht verständliches Englisch, das man mit einfachem herkömmlichem Schulenglisch verstehen kann.
Die drei Polgar Schwestern, die es allesamt in die Weltspitze schafften, sind hinlänglich bekannt. Spätestens 1988, als sie, zusammen mit Ildiko Madl, 1988 in Saloniki die Russinnen entthronten und die Olympiade der Frauen für Ungarn gewinnen konnten. („Polgarien“). Aber wer ist Paul Truong? Auf der hinteren Umschlagseite erfahren wir, dass er elf nationale Titel gewonnen hat, gemeint sind wohl Erfolge der von ihm betreuten Mannschaften. Er selbst, geboren in Vietnam, errang 2001 die USA-Meisterschaft im Blitzschach. In den Staaten wurde er ein erfolgreicher Autor und Trainer. Seit 2006 ist er mit Susan Polgar verheiratet. Sie unterhält nicht nur eine Schachschule (Polgar Chess Center) in New York, sondern auch eine Stiftung, bei der Paul Truong als Vizepräsident tätig ist.
Bei beiden handelt es sich um erfahrene Schachtrainer, die hauptsächlich in den USA allseits bekannt sind. Susan versichert, dass sie die Polgar-Methode weiterführt, die ihr Vater bei seinen drei Töchtern kreierte. Bekanntlich mussten sie in Ungarn nicht in eine allgemeinbildende Schule gehen, sondern wurden von den Eltern zu Hause unterrichtet. Der Vater, Laszlo Polgar, hatte Philosophie studiert und promoviert mit einer schachpädagogischen Arbeit. Er wollte beweisen, dass Bildung und Erziehung der Kinder nicht nur in Schulsälen, sondern auch zu Hause möglich sind und auf einem Gebiet hervorragende Ergebnisse zeitigen können. Das ist ihm und seiner Frau mehr als gelungen. Susan, als die älteste Tochter, war auch schon bald in die Ausbildung von Sofia und Judith, ihrer beiden jüngeren Schwestern, einbezogen, was sie wiederholt erwähnt.

Ihr Buch wurde ein ganz anderes Lehrbuch als wir es kennen. Es gliedert sich in eine allgemeine Einführung und 24 Kapitel nebst vier großen „Sektionen“. Übersichtlich und gekonnt, wird selbst der kenntnislose Anfänger Schritt für Schritt in das königliche Spiel eingeführt. Daher ist es nicht nur für Schachunterricht, Schul- oder Jugendschach, sondern auch zum Selbststudium geeignet. Auf vier in die Regeln einführende Artikel folgen zunächst elementare Hinführungen zu Aufgaben, die streng den pädagogischen Grundsatz „Vom Leichten zum Schweren“ berücksichtigen.

Die zahlreichen, übersichtlich gestalteten Diagramme gestatten einen stetigen Lernzuwachs, selbst bei einer Eisenbahnfahrt. Taktische Aufgaben werden gut vorbereitet und beinhalten beispielsweise: Matt in einem Zug, Figurengewinn, Gabeln, Fesselungen, Doppelschach, Zwischenzüge, Pattstellungen, Ewiges Schach, Verteidigung, um nur einige zu nennen. Die gestellten Aufgaben erfahren wenige Seiten später die Lösungen zum Abgleichen, können also leicht aufgefunden werden. Der nicht pädagogisch tätige Vereinsspieler wird in der zweiten „Sektion“ über Endspiele überrascht, wie gründlich Endspielwissen vermittelt wird, das er früher mal gehört und gar vergessen hat.
In der dritten „Sektion“ folgen weitere Aufgaben. Zunächst geht es um einzügige Mattsetzung, dann um Zweizüger und schließlich um Matt in drei Zügen. Das kann auf der Reise wirklich zu sinnvoller Unterhaltung führen.
Die Sektion IV beinhaltet Tipps für Turnierspieler. Worum geht es bei diesem Spiel eigentlich? Was habe ich zu tun in der Eröffnung, im Mittelspiel oder im Endspiel? Die Antworten auf solche Fragen finden sich in vielen Schachbüchern, aber hier werden sie von ausgesuchten Praktikern gegeben. Susan Polgar lässt es sich schließlich nicht nehmen, zwei eigene Partien vorzustellen und intensiv nach jedem Zug zu besprechen. Außerdem gibt es nach jedem Zug ein hilfreiches Diagramm. In der ersten Partie besiegt sie den leider viel zu früh verstorbenen Weltklassespieler IGM Bent Larsen mit den weißen Steinen (Monte Carlo 1994). Dann folgt ein Sieg mit den schwarzen Steinen, den sie 1996 in Oslo in einem Schnellturnier errungen hat. Der unterlegene Spieler ist kein Geringerer als der norwegische IGM Simen Agdestein, der Trainer des jetzigen Weltmeisters Magnus Carlsen. Beide Musterbeispiele sind erfrischend kommentiert und lehrreich.

Der Anhang mit Vorschlägen für ein faires Spiel bei Turnieren ist nicht unbedingt nötig. Aber der Abschluss für Eltern und Trainer kann da schon eher gefallen.

Fazit: Dieses Lehrbuch (Russell Enterprise, Inc. Milford, CT USA 2015) nach der Polgar-Methode wird die Welt nicht aus den Angeln heben. Es kann aber durchaus für Lehrer und Übungsleiter empfohlen werden oder als Reiselektüre, da es mit großzügigen Diagrammen ausgestattet ist und leicht zu handhaben ist. Die Korrektoren haben außerdem ganze Arbeit geleistet (erst auf Seite 350 finde ich einen Lapsus: In der Larsen-Partie wurde der 11. Zug Le3-d2 vergessen zu notieren. Das ist jedoch nicht schlimm, da er beim nächsten Diagramm vollzogen werden kann.
Alles in allem, ein Schachbuch zum Liebhaben.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Timman's Titans

Timman's Titans

Jan Timman
Timman's Titans
332 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-672-5
26,95 Euro




Timman's Titans
"Timman's Titans", 2016 erschienen bei New In Chess (NIC)", ist ein Buch, das mich in der Vorbereitung dieser Rezension ausgezeichnet unterhalten hat. Und ich meine, dass genau dies auch der Anspruch ist, den sein Autor Jan Timman sich selbst gestellt hat. Selbst viele Jahre unter den weltbesten Schachspielern etabliert und mehrfach in den Kampf um die Krone eingebunden kennt er die Elite seiner Zeit so gut wie nur wenige andere. Und dies gilt auch für die Weltmeister. Soweit sich ihre Karrieren gekreuzt haben, hat er auch gegen sie gespielt. Er hat Beziehungen aufgebaut, zu dem einen mehr und zu dem anderen weniger, kann von Begebenheiten und gemeinsamen Erlebnissen berichten etc. In die Texte eingebunden findet der Leser zudem so manche Information, die selbst für einen langjährigen Anhänger des Schachspiels, der sich auch für die Schachszene als solche interessiert, noch neu ist.

Timman porträtiert die früheren Weltmeister Aljechin, Euwe, Botwinnik, Smyslov, Tal, Petrosjan, Spasski, Fischer, Karpov und Kasparow in Wort und Partien. Mit Aljechin verbindet ihn natürlich kein persönlicher Kontakt, denn er wurde erst nach dessen Tod geboren, aber ein Schachspiel. Ein von ihm in Lissabon gekauftes Spiel stammt aus dem Besitz des früheren Weltmeisters. Und er hatte Kontakt zu Personen, die ihrerseits auf Aljechin getroffen oder anders mit ihm verbunden waren. Aus persönlichen Gesprächen stammende Informationen hat er im Porträt verwendet. So wie alle weiteren Texte wirken Timmans Ausführungen sehr authentisch.
Zu Botwinnik beschreibt er u.a. eine Situation, als dieser einen Raum betrat und auf eine ehrfürchtige Aufmerksamkeit traf. Es wunderte ihn, verglichen mit Keres und Smyslov, Botwinniks geringe Körpergröße, die so im Widerspruch zur beschriebenen Reaktion der Anwesenden zu stehen schien. Es gab eine gewisse Aura, die den dreifachen Weltmeister umgab, die sich in der Begebenheit widerspiegelte. Timman gibt weiter ein Beispiel für Botwinniks Stringenz im Verhalten, auch gegenüber anderen. Ein Mensch, der bei ihm in Ungnade gefallen war, wurde erbarmungslos ignoriert, selbst wenn man sich in demselben Raum bewegte.
Zu Spasski fällt Timman u.a. eine Erfahrung ein, die für ihn belegt, wie sehr dessen Niederlage gegen Fischer in Reykjavik 1972 Wunden in seiner Psyche hinterlassen hat. Als ein Gegenüber ihm im Gespräch erklärte, dass er ihn damals im Titelkampf bewundert habe, erntete er die sarkastische Reaktion "ich bewundere meine damaligen dummen Fehler auch", woraufhin Spasski sich entfernte. Timman zeigt auf, dass Spasski 1972 gleich gegen zwei Gegner verloren hat, natürlich gegen Fischer und daneben auch gegen das Sport-Komitee. Dieses hatte ihm befohlen, nach Moskau zurückzukehren, als Fischer zur zweiten Partie nicht erschienen war. Sein Widersetzen leitete die Niederlage gegen einen Gegner ein, gegen den ein Sieg nicht möglich war.

Diese kleine Auswahl soll zeigen, wie persönlich und auch interessant Timmans Porträtinhalte sind. Er begnügt sich eben gerade nicht mit solchen öffentlichen Informationen, die man schon oft genug irgendwo gelesen hat, wenn man nur lange genug dem Schach verbunden ist. Timman öffnet das Tor zu Neuland.

Ein Porträtbuch im Schach ist ohne Partien nicht wirklich vorstellbar. Und natürlich enthält "Timmans's Titans" in hoher Zahl kommentierte Begegnungen aller Weltmeister, teilweise im unmittelbaren Kampf gegen ihn selbst. Die Anmerkungen stammen aus seiner Feder. Ich war schon immer ein Fan der Kommentierung á la Timman. Er macht das Geschehen auf dem Brett so nachvollziehbar, dass man sich tief in die Geheimnisse der Partie eindringen fühlt und sich die Bestätigung gibt, das Wesentliche verstanden zu haben. Er arbeitet nicht mit Varianten, die er weit verzweigt und in eine besondere Tiefe führt, sondern setzt auf Text. Gerade diese Entscheidung prägt den hohen Unterhaltungswert auch der Partien.

Alles in allem ist "Timman's Titans" ein sehr gelungenes Werk, geschrieben von einem Insider, der sich darauf versteht, sein hohes fachliches Knowhow für den herkömmlichen Schachfreund verständlich darzustellen.

Literaturempfehlungen, ein Partien- und ein Namensverzeichnis schließen das Werk ab. Nicht unerwähnt bleiben sollen großformatige Fotos, die dem jeweils porträtierten Weltmeister noch "ein Gesicht geben".

Das Werk ist in Englisch geschrieben. Obwohl es viel Text enthält, dürfte der mit Schulenglisch ausgestattete Leser seine Freude daran haben, denn die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse sind niedrig. Der Satzbau ist einfach und der Wortschatz verlässt eher selten den Bereich des Herkömmlichen.

Fazit: "Timman's Titans" ist in meinen Augen eine Kaufempfehlung an den Freund von Schachunterhaltung durch Insiderporträts und meisterhaft insbesondere textlich kommentierter Partien.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Checkmate

Checkmate

Bobby Fischer
Checkmate
128 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1941270516
17,95 Euro




Checkmate
Als Autor des Werkes "Checkmate", einer 2016er Neuerscheinung bei Russell Enterprises wird Bobby Fischer angegeben. Dies ist inhaltlich korrekt, ein besonderes Buchmanuskript hat der frühere Weltmeister und vielleicht beste Spieler aller Zeiten nie vorgelegt.
Bei dem neuen Werk handelt es sich vielmehr um eine Zusammenstellung von Artikeln, die Fischer in frühen Jahren in einem Jungen-Magazin veröffentlicht hat. Entstanden sind sie in den Jahren 1966 (Dezember) bis 1970 (Januar). In diesen Beiträgen hat Fischer auf Fragen seiner Leser geantwortet, kommentierte Partien vorgestellt, Tipps gegeben, Schachaufgaben gestellt und von Turnieren und seinen Erfahrungen daraus berichtet.

Als Editor ist Peter Kurzdorfer angegeben. Ein Vorwort stammt von Andy Soltis. Zwischen einzelnen Beiträgen aufgenommene Anmerkungen aus Fischers Karriere sind den Angaben entsprechend dem Buch "Bobby Fischer: The Career and Complete Games of the American World Champion" von Karsten Müller entnommen.

Es ist ganz schwer, dieses Werk zu bewerten, weil es sich weder eindeutig einer bestimmten Kategorie noch einem klaren Adressatenkreis zuordnen lassen will. Um dennoch mein subjektives Urteil abgeben zu können, schlüpfe ich mal in die Rolle verschiedener Adressaten, so wie ich sie mir hier vorstelle.

Aus der Warte des Klubspielers ist der auf unmittelbar das Schachspiel bezogene Informationswert niedrig. Was Fischer behandelt, ist dem nicht mehr ganz taufrisch auftretenden Schachfreund bekannt. Der Neuling findet Neues für sich, wird aber mit strukturierten Werken, die sich auf ihn konzentrieren, besser bedient.
Für den Fischer-Fan ist "Checkmate" ein Muss. Er erhält neue Facetten aus dem Schaffen seines Idols und neue Einblicke in seine Auffassungen und Denkweisen, was das Buch denn auch tatsächlich für sich in Anspruch nimmt.
Der Sammler von Schachbüchern dürfte sich mit dem neuen Werk ebenfalls gut anfreunden können, denn es kommt ihm ein Alleinstellungsmerkmal zu.
Und für den Schachfreund "wie du und ich" ist "Checkmate" ein Buch nach dem Prinzip "nice to have" - man muss es nicht haben, aber es ist unterhaltsam und vermag durchaus zum Weiterlesen animieren.

Die Anforderungen an die Englischkenntnisse des Lesers sind niedrig. Mit Schulenglisch kommt man allemal aus.

Fazit: "Checkmate" ist ein Buch, das für den Fan von Bobby Fischer und den Sammler von Schachbüchern einen höheren Wert haben dürfte. Für alle weiteren Schachfreunde kann ich das Werk unter meinen Konkretisierungen im Text empfehlen.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

David vs Goliath

David vs Goliath

Peter Zhdanov
David vs Goliath
251 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-945362-1-3
24,95 Euro




David vs Goliath
"David vs Goliath" von Peter Zhdanov, erschienen bei Chess Evolution, widmet sich dem ewig jungen Thema "klein schlägt groß", Außenseiter gewinnt gegen Favorit. Außenseiter ist dabei jeweils derjenige, der eine um mindestens 300 Punkte niedrigere Elozahl als sein Gegner aus der Meistergilde hat.

Wer als Leser allerdings mit der Vorstellung in das Werk gehen sollte, eine systematische Aufarbeitung des Themas vorzufinden, wird enttäuscht werden.
Dies bietet "David vs Goliath" nicht. Ich persönlich hätte mir etwas mehr in dieser Richtung gewünscht, zumal man sich auch ein wenig dorthin geleitet sieht. Der Rückentext stellt die Frage "wie schlägt ein Amateur einen Top-Großmeister?" und in der Einführung werden verschiedene Gründe angeführt, die für ein Malheur des Favoriten verantwortlich sein können. De facto wird dieser Aspekt dann aber nicht mehr konkret aufgegriffen.

Dennoch halte ich "David vs Goliath" für ein gelungenes Buch. In der Hand des "richtigen" Lesers wird es Freude bereiten.
Aber was hat es zu bieten? Formal betrachtet sind dies vier Dinge. Das Inhaltsverzeichnis ist meines Erachtens etwas unglücklich gestaltet, so dass ich die Pluspunkte ohne einen Hinweis darauf beschreibe. In einem ersten Block findet der Leser 31 kommentierte Partien mit einem "David-Sieg". Sie stammen zumeist aus der "Neuzeit" des Schachspiels, das Werk wartet also nicht mit angegrauten Schätzchen auf. Sie werden in einer chronologischen Reihenfolge behandelt, von 1980 und 1983 als älteste Beispiele bis 2015, bei denen also die Tränen des Großmeisters gerade erst getrocknet sind.

Die Kommentierung ist ein Mix aus Varianten und Text. Unter Varianten sind sowohl Analysen als auch Partiefragmente zu verstehen. "Fragmente" ist dabei extensiv zu verstehen. "David vs Goliath" enthält zahlreiche, auch längere Zugfolgen bis nicht selten ganze Partien als Anmerkung. Hier wäre für meinen Geschmack einige Male ein vorzeitiges Ende angebracht gewesen.

Die Stärke des Buches sehe ich in den drei weiteren werthaltigen Elementen. Es sind dies "Puzzles", also Schachaufgaben, die dem Leser zum eigenen Lösen vorgestellt werden. Diese sind Rapid-Partien, Blitzpartien und Partien aus Simultanveranstaltungen, in entsprechenden eigenständigen Teilen angeboten.
"Amateur schlägt Meister" ist dabei natürlich als Auswahlkriterium beibehalten worden.
Dieser Buchinhalt ist gut gemacht. Die Aufgaben werden per Diagramm und Aufgabenformulierung in Textform gestellt. Mal kann es kurz die Frage nach dem richtigen nächsten Zug für eine Partei sein, dann ist es aber auch schon mal eine umfassendere Ausarbeitung, die der Leser zu leisten hat. Regelmäßig beziehen sich mehrere aufeinander folgende Aufgaben auf eine einzige Quellpartie. So ergibt sich eine kontinuierliche Behandlung dieser Partie nicht nur in der Bearbeitung des Lesers, sondern auch bei der späteren Besprechung im Lösungsteil des Buches. Alle Lösungen werden en block abgebildet, also ohne tiefe Unterscheidung nach der Turnier- oder Spielart, der die jeweilige Partie entstammt. Die Lösung ist in der Form einer herkömmlichen Partiekommentierung gestaltet.
Die Arbeit mit diesen "Puzzles" macht Spaß und sie wird gewiss die Spielstärke fördern.

Wie meine Beschreibung veranschaulichen mag, wird "David gegen Goliath" nicht speziell dabei helfen, einen Sieg zu erringen, wenn einem beim nächsten Mal ein Großmeister vor die Flinte - Entschuldigung, vor die Schleuder natürlich - kommt. Aber das Buch wird dem Leser gegen die vielen anderen Davids helfen, mit denen wir uns am Schachbrett messen dürfen.

Noch ein paar allgemeine Randbemerkungen: Im ersten Buchabschnitt erhält der Leser regelmäßig zu Beginn der Partie ein paar Infos zum jeweiligen Außenseiter. Diese Zugabe finde ich gut. Einige Male zeigt sie allerdings, dass "David" oft auch ein Hochkaräter war, noch werden sollte oder früher einmal gewesen war. Ein "2400er" ist, was für die meisten von uns gelten dürfte, eben auch keiner von uns.
Im Bereich der Schachaufgaben kommen auch einige ältere Beispiele zum Einsatz. In einem Simultanmatch war dabei G. Kasparow der Favorit und M. Wahls der "Amateur", ausgestattet mit Elo 2285. Zumindest dem etwas älteren Schachfreund macht dieses Beispiel besonders deutlich, dass "Außenseiter" nicht gleich "Außenseiter" ist.

"David vs Goliath" ist in Englisch geschrieben, die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind nicht nennenswert.

Fazit: In der Hand des Lesers, der sich keine spezielle Aufarbeitung des Themas "Außenseiter schlägt Favorit" von "David vs Goliath" verspricht, ist das Werk eine gelungene Sache. Es bietet Unterhaltung durch kommentierte interessante Partien und kategorisierte Schachaufgaben. Diese lassen ihn zudem seine Spielstärke fördern.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Najdorf x Najdorf

Najdorf x Najdorf

Liliana Najdorf
Najdorf x Najdorf
208 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-39-4
24,95 Euro




Najdorf x Najdorf
"Najdorf x Najdorf" ist ein Werk, das sich kaum mit anderen vergleichen lässt. Dies gilt für seine inhaltliche Kategorisierung, für das Verhältnis Autorin/Autor und die im Mittelpunkt des Interesses stehende Person aus dem Schachgeschehen, die Rolle des Übersetzers aus Spanisch nach Englisch und mehrerlei darüber hinaus. Aber alles der Reihe nach!

In "Najdorf x Najdorf" geht es um ... nicht schwer zu erraten, Miguel Najdorf, im Kern jedenfalls. Die Autorin Liliana Najdorf ist dessen Tochter; sie ist, wie ihre Schwester Mirta, aus der zweiten von drei Ehen eines der größten Schachspieler aller Zeiten hervorgegangen. Und schon sind wir mitten im Thema, der Kategorisierung des Buches. Liliana Najdorf hat eine Biografie verfasst, wie sie kaum jemand anders hätte schreiben können. Sie steckt voller persönlicher Details, die teilweise als solche und allgemein in der Fülle niemandem außerhalb der Familie bekannt sein können. Mehrmals habe ich beim Lesen ein gewisses Schuldgefühl entwickelt, wenn ich etwas erfahren habe, was mir als zu intim für meine Außenseiteraugen vorgekommen ist. Die Autorin scheint mir mit dem Werk auch sich selbst einen Gefallen getan zu haben, indem sie manches aufgearbeitet und für sich persönlich abgearbeitet hat. Für sie und ihre Schwester war es oft nicht leicht, Tochter nicht nur eines berühmten und viel in Sachen Schach reisenden Vaters gewesen zu sein, sondern weil dieser zugleich die besondere Persönlichkeit eines Miguel Najdorf hatte. So war das Verhältnis geprägt von Liebe und Problemen zugleich. Miguel Najdorf wird beschrieben als herzlicher, emotionaler, durchaus autokratischer Mensch, der Schach gelebt hat. Im Schach war er ein Genie, im Alltagsleben aber bisweilen etwas zerstreut. Ich musste beim Lesen an den Professor im Witz denken, der das Bonbon wegwirft und das Papier kaut. Dazu gleich mehr.

Liliana Najdorf beschreibt das Vater-Tochter-Verhältnis an vielen Beispielen. Sie hat ihren Vater bewundert, aber er war oft nicht da, wenn sie ihn brauchte. Sie hat ihn geliebt, bisweilen aber auch gehasst, zum Beispiel als sie über Nacht mit Freunden verreisen wollte und er es verbot. Aber er zeigte einen Ausweg auf: Die Freunde sollten gegen ihn im Schach antreten, er würde blind simultan spielen. So geschah es - Liliana blieb zu Hause. Sie hat seine Selbstachtung, um religiöse Züge ergänzt, an ihm geachtet. Als sie auf seinen Spuren gewandelt ist, besonders auch in Polen, hat sie ihn verstanden.

Miguel Najdorf ist als Moishe Mendel (Mikel) Najdorf im Jahr 1910 in Polen geboren. Als er 1939 für Polen an der Schacholympiade in Argentinien teilnahm, wurde Polen von Nazi-Deutschland überfallen. Seine Frau und seine kleine Tochter waren in der Heimat. Als Juden waren sie wie er bedroht. Er reiste nicht zurück, sondern versuchte seine Familie nachzuholen. Er hatte keinen Erfolg. Außer seiner Familie verlor er sehr viele weitere Verwandte.
In Argentinien fand er später seine zweite Frau, mit der er die beiden Töchter Liliana und Mirta bekam. Er zeigte ihnen, dass es ihm eine stolze Genugtuung war, wenn ihm als Juden von Andersgläubigen eine Ehrung erwiesen wurde.
Nach dem krankheitsbedingten Tod seiner Frau heirate Miguel Najdorf ein drittes Mal. Im hohen Alter verlor er auch sie.

Najdorf war ein Spieler mit viel Intuition und vergleichsweise wenig Theoriekenntnissen. Dies mag verwundern, weil das heute beliebteste System in der Sizilianischen Verteidigung nach ihm benannt ist. Aber auch der Schlüsselzug 5...a6 ist Spross besonders seiner Intuition.
Er war ein phänomenaler Blindschachspieler. Im Buch ist beschrieben, wie er es geschafft hat, zig Partien nebeneinander zu bestreiten, ohne jemals den Überblick zu verlieren. Im "wahren" Leben war dies aber nicht so sicher. So kann man nur schmunzeln, wenn man liest, dass er eine Feier besuchte und erst nach dem Essen erkannte, dass es die falsche war. Ihm kamen alle anderen Gäste fremd vor ... Gleiches gilt für die Szene, dass er tief in Gedanken zum Schach versunken nackt aus der Dusche ins Wohnzimmer kam und erst auf einen Ausruf seiner Tochter hin sein Versehen bemerkte und sich bedeckte.
Zurück zum Schachspieler Miguel Najdorf: Er durfte nicht am WM-Turnier 1948 teilnehmen, obwohl er nach den zuvor festgelegten Kriterien hätte eingeladen werden müssen. Es geht wahrscheinlich auf eine Intervention Botvinniks zurück, dass dies so geschah. Dessen Feindschaft hatte er sich zuvor zugezogen, als er vor einer Partie gegen ihn Wetten auf seinen Sieg angeboten hatte. Dies erfahren wir beim Lesen von "Najdorf x Najdorf" weniger durch Liliana Najdorfs Ausführungen denn aus zusätzlichen Buchinhalten. So kommen im weiteren Verlauf des Werkes auch Weggefährten Najdorfs und Zeitgenossen zu Wort, von Panno bis Quinteros. Und nicht zuletzt ist dies Taylor Kingston, Übersetzer des Werkes und großer Kenner der Schachgeschichte. Er beleuchtet auch die 1948er Vorgänge.
In den Kapiteln von Liliana Najdorf tritt er immer wieder mit Anmerkungen und Korrekturen auf. So ist der Originaltext jeweils erhalten geblieben und doch kann sich der Leser keine falschen Daten zu Najdorf, Turnieren etc. aneignen. Das Werk ist authentisch geblieben und verbreitet keine - wie sagt man heute leider geflügelt - Fakenews. In Erzählungen, Anekdoten etc. kann schon mal der Bereich zwischen Wahrheit, Mangel an Erinnerung und Fantasie verwischen. In "Najdorf x Najdorf" nicht.

Ich habe das Werk komplett durchgearbeitet, es war meine Urlaubslektüre. Eine Ausnahme bilden nur die Partien - ja, die gibt es auch. Sie sind teilweise in den Text eingebunden, auch mit Originalkommentaren Najdorfs. Zudem sind 12 Najdorf-Partien enthalten, zusammengefasst in einer eigenen Sektion des Buches, die von Jan Timman sehr ansprechend kommentiert worden sind, mit dem Schwerpunkt von Textanmerkungen. Mein Urteil beschränkt sich auf meine Erkenntnisse beim Durchgehen der Partien ohne Brett.

Interessant ist zudem eine tabellarische Zusammen- und Gegenüberstellung von Weltereignissen politisch und im Schach mit Eckpunkten im Leben von Miguel Najdorf.

Gerade weil "Najdorf x Najdorf" meine Urlaubslektüre war, war es mir möglich, mich besonders intensiv mit dem Buch ihm zu befassen. Und so konnte ich auch mit mehr Hingabe damit umgehen, dass es wirklich hohe Ansprüche an die Englischkenntnisse des Lesers stellt. Der Satzbau ist relativ unproblematisch, der Wortschatz aber ist unglaublich breit.

Für wen ist das Werk eine Empfehlung, sofern er genügend gut Englisch kann? Es ist ein Buch für den Schachfreund, der eine sehr breite Beziehung zum Spiel hat und auch besonders an Informationen hinter dem Brett interessiert ist. Wer Miguel Najdorf als Spieler und als Mensch gefühlt sehr nahekommen möchte, ist mit "Najdorf x Najdorf" bestens beraten.

Der Rezension lag die Printausgabe des Werkes, das übrigens bei Russell Enterprises erschienen ist, zugrunde. Es ist auch als eBook erhältlich.

Fazit: "Najdorf x Najdorf" ist ein besonderes Werk, das nicht kopierbar ist. Unter den Beschreibungen im Text spreche ich meine Kaufempfehlung aus, gerichtet an den des Englischen gut Mächtigen und umfassend am Schach interessierten Anhänger des Spiels.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

The Agile London System

The Agile London System

Alfonso Romero Holmes, Oscar de Prado Rodriguez
The Agile London System
335 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-90-5691-689-3
26,95 Euro




The Agile London System
"The Agile London System" von Alfonso Romero Holmes und Oscar de Prado Rodriguez ist ein weiteres aktuelles Werk, das sich mit dem Londoner System beschäftigt, also einer ganz bestimmten und universellen Aufbauidee gegen verschiedene von Schwarz eingeschlagene Eröffnungswege. Es ist eine 2016er Neuerscheinung bei New In Chess (NIC), als Übersetzung aus dem Spanischen. Das Ursprungswerk trägt den Titel "El Sistema Londres" und stammt aus dem Jahr 2014. Die englische Neufassung ist nach den einleitenden Informationen im Buch gegenüber dem Original aktualisiert und erweitert worden.

"The Agile London System" enthält insgesamt 13 Kapitel. Neun Kapitel enthalten die zentralen Ausführungen zur Theorie. Das erste Kapitel ist eine Einführung, das Kapitel 11 enthält Übungsaufgaben und das Kapitel 12 die Lösungen dafür. Im Kapitel 13 wird der Pereyra-Angriff kurz behandelt, zu dem ich ansonsten nichts sagen kann. Zu den Übungsaufgaben im 11. Kapitel bleibt noch zu erwähnen, dass sie in einen Taktik- und in einen Strategieteil aufgeteilt sind, was ich für einen interessanten und durchaus gelungenen Ansatz ansehe.

Die Universalität des Londoner Systems spiegelt sich auch sehr schön im Inhaltsverzeichnis wider. Die Theoriekapitel widmen sich immer genau einem Einsatzbereich und zeigen diesen auch im Titel auf. So lässt sich aus dem folgenden Auszug - in der Originalsprache belassen - sehr gut erkennen, gegen welchen schwarzen Aufbau das System zum Einsatz kommen kann und von den Autoren entsprechend behandelt wird:

Kapitel 2 The London System versus the Grünfeld
1.d4 Nf6 2.Bf4 g6 3.e3 Bg7 and ...d7-d5

Kapitel 3 The London System versus the King's Indian
1.d4 Nf6 2.Bf4 g6 3.e3 Bg7 and ...d7-d6

Kapitel 4 The London System versus the Queen's Indian
1.d4 Nf6 2.Bf4 e6 3.Nf3 b6

Kapitel 5 The London System versus the Benoni
1.d4 Nf6 2.Bf4 c5

Kapitel 6 The London System versus the Dutch
1.d4 f5 2.Nf3 Nf6 3.Bf4

Kapitel 7 The London System versus the Slav
1.d4 d5 2.Bf4 Nf6 3.e3 Bf5 4.c4

Kapitel 8 The London System versus ...d7-d5 without an early ...e7-e6
1.d4 d5 2.Bf4 various

Kapitel 9 The London System versus ...d7-d5 with an early ...e7-e6
1.d4 d5 2.Bf4 Nf6 3.e3 e6 4.Nf3

Kapitel 10 The London System versus other defences.

Die Besprechung erfolgt anhand von vollständigen Partien, die ganz überwiegend in unserer Zeit gespielt worden sind. Nur ausnahmsweise kommen ältere Begegnungen zum Einsatz. Jedes Kapitel beginnt mit einer Übersichtsseite, die das jeweilige Thema skizziert und eine Variantenübersicht anbietet. Dem schließt sich eine textliche Einführung an. In ihr werden die wesentlichen Ideen beschrieben, es werden die strategischen Pläne dargestellt und bei Bedarf auch taktische Hinweise gegeben.
Die einzelnen Partien werden mit einer Zusammenfassung abgeschlossen. Dies ist keine Besonderheit in Büchern wie "The Agile London System", hier aber ist sie mir als besonders gelungen aufgefallen. Der Leser erfährt in einer komprimierten Form sowohl allgemeine Handlungsempfehlungen als auch konkrete Hinweise, die er für wichtig nehmen kann. So lernt er nicht nur am Beispiel der jeweiligen Partie, sondern bekommt quasi abgeleitete Lernsätze.
In ähnlicher Form werden dann auch die einzelnen Kapitel abgeschlossen. Hier bekommt der Leser nach Abschluss seiner Arbeit mit dem Systemeinsatz gegen den jeweiligen schwarzen Aufbau die Gesamtaufstellung aller wichtigen Aspekte angeboten. Diese ist zudem eine gute Adresse, wenn er sich später mal schnell wieder in das System eindenken will.

Die Partien werden in einer Mischung aus Text und Varianten und eben mit dem Schwerpunkt der Eröffnungserkenntnisse kommentiert. Die Varianten machen einen erheblichen Anteil aus, werden aber zumeist um Erläuterungen ergänzt. Der Anteil der Varianten ohne Text ist allerdings durchaus nicht nur klein. Hier muss der Leser dann in der Lage sein, aus den Schachsymbolen sich selbst zu erschließen, warum denn nun die eine oder andere Seite etwas besser steht oder warum ein bestimmter Zug besser als ein anderer ist.

Der Hinweis auf die Art und Weise, wie Alfonso Romero Holmes und Oscar de Prado Rodriguez ihre Erkenntnisse präsentieren, führt dann auch zur Frage nach dem Leser, für den "The Agile London System" ein Gewinn sein dürfte.
Ich verorte ihn im Bereich des Klubspielers. Dies deckt sich dann auch mit dem Spielerkreis, der das Londoner System in erster Linie einsetzt.

Ich hatte in jüngerer Zeit mehrere Werke über das Londoner System zum Schreiben einer Rezension in der Hand. Inzwischen findet der interessierte Spieler einiges an Material in den Bücherregalen dazu und das vorliegende Buch ist dabei in meinen Augen durchaus eine Bereicherung.

Im Quellenverzeichnis am Ende des Werkes vermisse ich "The London System - properly played" von Marcus Schmücker. Dort ist auch "Winning with the Modern London System" von Nikola Sedlak nicht verzeichnet, was sich aber damit erklären lassen dürfte, dass "The Agile London System" im Wesentlichen bereits 2014 fertig gestellt war. Das Schmücker-Buch mag vielleicht in Spanien, dem Heimatland der beiden Autoren, nicht so bekannt geworden sein, dass es sich als Quelle anbot.

Ebenfalls auf den letzten Seiten des Buches zu finden ist ein Variantenverzeichnis. Es bildet neben den wesentlichen Weichenstellungen in der theoretischen Behandlung auch Diagramme ab, die zusammen eine gute Orientierung über alle Kapitel hinweg unterstützen.

Die Anforderungen an die Englischkenntnisse des Lesers sind unspektakulär. Mit einem ordentlichen Schulenglisch sollte die Arbeitet mit "The Agile London System" keine Probleme bereiten.

Fazit: "The Agile London System" ist ein weiteres Buch, das es sich zur Aufgabe gestellt hat, das Londoner System im Einsatz gegen verschiedene schwarze Aufbaupläne darzustellen. Es ist gut gegliedert und stellt den Stoff in einer übersichtlichen Weise vor. Für den Spieler ab Klubniveau ist es gut geeignet, um sich das System für den Einsatz in eigenen Partien qualifiziert zu erarbeiten.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Mastering Queen and Pawn endgames

Mastering Queen and Pawn endgames

Adrian Michaltschischin, Csaba Balogh
Mastering Queen and Pawn endgames
269 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-83-945362-0-6
24,95 Euro




Mastering Queen and Pawn endgames
Unter dem polnischen Label "Chess Evolution" ist eine sehr ehrgeizige Buchreihe in Angriff genommen worden, die insgesamt 14 in Englisch geschriebene Werke umfassen soll. Sie widmet sich der Endspielführung, soll den Anfänger und auch den Spitzenspieler ansprechen und letztlich Kompendium und Handbuch in einem sein.

"Mastering Queen and Pawn endgames" ist der erste Spross der Serie. Die Autoren Adrian Michaltschischin und Csaba Balogh haben sich die Aufgabe gestellt, den Leser auf insgesamt 269 Seiten zu befähigen, die Damen- und die Bauernendspiele zu beherrschen.
Um dieses Werk richtig einordnen zu können, ist es angebracht, es zunächst in die beabsichtigte Themenfolge der gesamten Serie zu verorten.
"The Modern Endgame Manual", das ist der Name der Buchreihe als solcher, wird am Ende und dann in voller Pracht die folgenden weiteren Bände umfassen:

Band 2: Läufer- und Springerendspiele
Bände 3 bis 5: Turmendspiele
Bände 6 und 7: Unterschiedliche Materialkonstellationen
Band 8: Abtäusche und Vereinfachungen
Bände 9 bis 14: Praktische Endspiele zum Selbststudium und mit Übungen, wobei alle Endspieltechniken angesprochen werden sollen.

Nun können wir uns intensiv dem Premierenwerk "Mastering Queen and Pawn endgames" zuwenden.
Das Buch beinhaltet acht Kapitel, fünf zu den Bauern- und drei zu den Damenendspielen. Diese enthalten dann in unterschiedlicher Zahl Abschnitte, die sich nach der Materialverteilung unterscheiden bzw. auch nach bestimmten Themen, beispielsweise die Behandlung der Endspiele mit verbundenen Bauern. Die acht Kapitel sind:

Kapitel 1: Theoretical positions with 1 vs 0 pawn
Kapitel 2: Theoretical positions with 1 vs 1 pawns
Kapitel 3: Theoretical positions with 2 vs 1 pawns
Kapitel 4: Complex (4+ pawns) theoretical positions
Kapitel 5: Practical games
Kapitel 6: Theoretical positions with Queen vs pawn
Kapitel 7: Theoretical positions with Queen + pawn vs Queen
Kapitel 8: Complex positions - Practical games.

Ein ganz dickes Lob muss ich der Aufmachung zollen. Alle Themen werden mit einem Diagramm eingeführt. Dieses ist, soweit es eine Theoriestellung zeigt, mit "Theoretical Position" überschrieben. So weiß der Leser sofort, dass er hier etwas mit einer grundlegenden Bedeutung vor sich hat. Um sich das angestrebte theoretische Rüstzeug anzueignen, das er für diese Art von Stellung braucht, muss er sich die Aussagen und die gezeigten Manöver zu Eigen machen. Hiervon zu unterscheiden sind die Diagramme mit der Überschrift "Practical Position". In den hiermit eingeleiteten Beispielen geht es darum, mit dem (neuen) theoretischen Wissen in einer typischen Partiestellung zum Erfolg zu kommen. Hier legen die Autoren Wert darauf, dass das Endspiel-Knowhow des Lesers die Verbindung zur Praxis bekommt. Ein Leser, der in der Endspieltheorie 100000 Volt zu bieten hat, bei dem aber in seiner praktischen Partie die Birne ausgeht, ist das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen.

In meinen Augen beeindruckend gut sind auch die Erläuterungen. "Mastering Queen and Pawn endgames" wirkt nicht selten wie ein Lesebuch mit eingestreuten Schachzügen. Den Schwerpunkt ihres Schaffens haben die Autoren auf die Texterläuterungen gesetzt. Eine gewisse Ausnahme bilden nur zwei Kapitel, je eines für die Bauern- und eines für die Damenendspiele, in denen die Endspielführung anhand von praktischen Partien behandelt wird. Hier gehen die Analysen auch schon mal weit in die Tiefe, was aber dem genannten Ansatz entspricht. Wie generell im Buch werden auch hier nur Partiefragmente zugrunde gelegt, so dass kein Platz für die nicht relevanten Partiephasen verloren geht.

Wer sich in der Vergangenheit mit der Endspieltheorie beschäftigt hat, mag Endspielbücher mit einem gewissen verkrusteten Image verbinden. Auch mein eigenes geistiges Auge präsentiert mir dabei Erinnerungen an Seiten, die Stellung um Stellung behandeln, die geradezu eine Wand bilden. Studienhafte Endspielführungen provozieren schon beim Durchgehen die Frage, ob man in seiner eigenen Partie wohl jemals auch nur entfernt daraus Profit ziehen kann und überfordern das eigene Vermögen wie auch die eigene Motivation schnell. Unzählige Diagramme, in die Brettzonen eingezeichnet sind, in denen Figuren nicht stehen dürfen oder im Gegenteil stehen müssen, sollen einem ins visuelle Gedächtnis gebrannt werden, was aber regelmäßig nicht passiert. "Mastering Queen and Pawn endgames" ist anders. Man liest, wird angeleitet, erhält anschauliche Beispiele und versteht.

Natürlich ist dies nur eine subjektive Einschätzung, aber ich kann mir vorstellen, dass sich "The Modern Endgame Manual" zu einer Standardreihe zur Endspielbehandlung entwickeln wird. Ohne einen Blick in die Kristallkugel werfen zu wollen, meine ich, dass es in der Art der Gestaltung genau die Erwartung einer breiten Leserschaft erfüllen kann, wenn die weiteren Bände auch nur einigermaßen so überzeugen können wie der hier besprochene.
Zusätzlich hat jeder Interessent die Option, sich auf einige Themen zu konzentrieren, um nicht gleich alle Bände kaufen zu müssen. Sie sind - zumindest bis zum Band 7 - absehbar konzeptionell auch eigenständig zu nutzen.

Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind nicht allzu hoch. Allerdings sollte er sich gerne englischen Texten widmen, denn davon gibt es reichlich im Buch.

Fazit: "Mastering Queen and Pawn endgames" ist der verheißungsvolle Auftakt in eine Buchreihe zur Endspielführung, die sich zu einem Standard entwickeln kann.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

New Weapons in the King's Indian

New Weapons in the King's Indian

Milos Pavlovic
New Weapons in the King's Indian
237 Seiten, kartoniert
ISBN: 9789492510020
27,95 Euro




New Weapons in the King's Indian
"New Weapons in the King's Indian" von Milos Pavlovic, erschienen bei Thinkers Publishing, ist für mich ein typischer Vertreter jener Bücher, die in der Hand des "richtigen" Lesers Freunde machen und Gewinn bringen können, in der Hand des "falschen" aber für Enttäuschung und Verdruss sorgen. Und wer ist in diesem Fall der richtige und wer der falsche Leser? In meinen Augen gehört das Werk in die Hand des erfahrenen Spielers, in dessen Eröffnungsrepertoire die Königsindische Verteidigung bereits länger einen festen Platz einnimmt. Ihn erwarten Ideen, Analysen und Spezialvarianten, die von der Theorie bisher weniger geschätzt worden sind und die Pavlovic für eine gute Wahl hält. Sein Urteil versucht er über Partiefragmente und eigene Analysen zu begründen.
Wer die Königsindische Verteidigung neu erlernen und verstehen möchte, ist mit einem Kauf anderer Werke, die eher einen Lehrbuchcharakter aufweisen, besser beraten. Weniger erfahrene Spieler werden von "New Weapons in the King's Indian" schlicht ganz schnell überfordert sein.

Das Buch ist in englischer Sprache geschrieben. Die Anforderungen an die Fremdsprachkenntnisse des Lesers sind niedrig. Dies liegt nicht nur am engen Wortschatz, der zum Einsatz kommt, und an dem erkennbaren Bemühen, mit möglichst einfachen Sätzen zu arbeiten, sondern vor allem an der insgesamt nur rudimentären Textkommentierung. Pavlovic setzt in erster Linie auf Varianten, die teilweise auch recht verzweigt sein können. Wenn er diese zusätzlich um Text erweitert, ist dies zumeist eine beschreibende Ergänzung und keine tiefe Begründung seiner Einschätzung, keine Erläuterung, wie das Spiel strategisch weiter zu planen ist etc. Der Leser erhält oft eine Stellungseinschätzung in der Art einer Aussage, dass die eine oder andere Seite besser steht oder das Läuferpaar die Chance eröffnet, die Stellung zu halten, aber eben keine "inneren Einblicke". Der erfahrene Spieler wird sie kaum vermissen, der weniger erfahrene aber sehr.
Noch eine kurze Ergänzung zur Verschachtelung von Varianten: Der Leser wird durch eine farbliche Nuancierung zwischen Varianten verschiedener Ordnung in seiner Orientierung unterstützt, was ich hier für eine gelungene Umsetzung halte.

Das Buch ist in sieben Teile gegliedert, die sich insgesamt 22 Kapitel teilen. Diese sieben Teile sind, in einer deutschen Übersetzung:

Teil 1: Sämisch-Angriff
Teil 2: Klassisches System mit h3
Teil 3: Klassisches System mit Le2
Teil 4: Systeme mit Sge2
Teil 5: Awerbach-System
Teil 6: Vierbauern-Angriff
Teil 7: Fianchetto-System.

Jedes Kapitel enthält zur Einführung eine kurze Beschreibung des in ihm behandelten Systems. Der Text ist jeweils dem Charakter des Buches entsprechend kurz gehalten, er reicht für einen Auftakt aber auch aus. Dem schließt sich eine Variantenübersicht an, was mir gut gefällt. Der Leser erhält hiermit einen Kompass in die Hand, mit dessen Hilfe er sich gut über die Kapitel des Abschnitts hinweg orientieren kann. Der Detaillierungsgrad ist mäßig, in meinen Augen diesem Werk aber angemessen.

Nicht viel sagen kann ich zu der Frage, ob die von Pavlovic vorgeschlagenen Varianten bzw. Spielweisen tatsächlich vielversprechende neue oder wieder neu zu entdeckende Wege sind. Mehrere Ideen sind mir beim Durchgehen des Werkes als interessant ins Auge gestochen. Für diese habe ich mir ein Urteil anhand von Auswertungen meiner Partiendatenbanken zu verschaffen versucht. Auf jeden Fall hat Pavlovic es geschafft, weniger gängige Varianten auszugraben und auch solche Züge zu reaktivieren, die vielleicht ein neues Urteil zu ihrer Qualität verdienen.
Zudem ist es ihm zweifellos gelungen, Material zu präsentieren, das weiter erprobt werden und diskutiert werden kann.

Fazit: "New Weapons in the King's Indian" ist ein Buch, das für einen erfahrenen Spieler, der bereits auf die Königsindische Verteidigung als eigene Eröffnung setzt, neue Wege und Ideen und damit neue Chancen bereit halten kann.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

First Steps: the Colle and London Systems

First Steps: the Colle and London Systems

Cyrus Lakdawala
First Steps: the Colle and London Systems
238 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78194-367-0
22,75 Euro




First Steps: the Colle and London Systems
"First Steps: the Colle and London Systems" von Cyrus Lakdawala ist eine Neuerscheinung aus 2016, die auf der Basis von 33 Partien aus der Praxis eine Einführung in die Theorie des Colle-Systems und des Londoner Systems vermittelt. Verknüpft ist sie mit der Zusammenstellung eines Grundrepertoires. Das Werk ist von Everyman Chess in den Markt gegeben worden.

Die beiden genannten Eröffnungssysteme verbindet eine enge Verwandtschaft. Dies zeigt Lakdawala bereits mit seinen einleitenden Worten auf. Dabei gibt er auch Hinweise dazu, für welche gegnerische Eröffnungswahl welche der beiden Spielweisen nach seiner Anschauung am besten geeignet sein dürfte. So wird dem Leser schnell klar, dass er auf Synergieeffekte hoffen darf, indem er sich beide Systeme aneignet. Da ich das Buch sehr auf die Bedürfnisse des Klubspielers und dies bereits ab einem noch recht niedrigen Spielstärkeniveau zugeschnitten sehe, ist diese Verdeutlichung durch den Autor aus meiner Sicht sehr wichtig.

"First Steps: the Colle and London Systems" ist im Stil der neuen "First Steps:"-Buchreihe erschienen, die hinsichtlich ihrer Methodik und Gestaltung sehr an die "move by move"-Reihe aus demselben Verlagshaus erinnert. Die Kommentierung aller Partien greift auf besondere und textlich hervorgehobene Einschübe zurück, die den Leser ganz gezielt und spezifisch mit Wissen versorgen sollen bzw. seine persönliche Mitwirkung erfordern, über die er dann über "learning by doing" profitieren soll. So erhält er Hintergrundwissen bzw. Begleitwissen unter dem Titel "Did you know?", Anmerkungen unter "Note", ganz spezifische Tipps unter dem Kennwort "Tip" und auch Warnungen vor Fehlern, die dann eben als "Warning" bezeichnet werden. Sogenannte "Exercises", also Übungen, die dann regelmäßig eine ganz bestimmte Fertigkeit beim Leser fördern sollen, verlangen ihm ein Mitdenken und Anwendung bereits erlernter Inhalte ab.
Eine Zusammenfassung am Ende der Partie stellt kurz und präzise für ihn zusammen, was er im Kern aus ihr mitnehmen sollte.
Eine erhebliche Anzahl der Partien hat Lakdawala selbst gespielt, so dass er auch deshalb tief in ihre Materie eingedrungen ist.

Insgesamt setzt die Kommentierung in erster Linie auf Texterläuterungen. Dabei geht Lakdawala auch auf grundlegende und einfache Aspekte ein, was zeigt, dass er sich als Leser auf den Bereich der regelkundigen Schachfreunde ohne weit ausgebaute Erfahrung konzentriert. So ist es keine Seltenheit, dass er auch zu Beginn der Partie bisweilen fast jeden einzelnen Zug mit einer Anmerkung versieht.
Anmerkungen in Form von Partiefragmenten und Analysen sind zurückhaltend eingesetzt, aber auch durchgängig Element der Kommentierung. Zumeist bleiben sie dem Adressatenkreis entsprechend auf eine übersichtliche Ebene begrenzt, in Einzelfallen aber dürften Lakdawala auch schon mal die Pferde durchgegangen sein. So sind hin und wieder auf Variantenketten und recht verschachtelte Analysen im Werk zu finden.

Positiv ist mir die an markanten Stellen sehr analytische Herangehensweise an die Darstellung von Brettsituationen, strategische Vorteile etc. aufgefallen. Hier arbeitet Lakdawala wiederkehrend mit Aufzählungen, die die wichtigen Aspekte auf den Punkt bringen.

Das Inhaltsverzeichnis sieht, bezogen auf die Theoriekapitel, wie folgt aus:

1. Colle Versus Slav, ...e6 and ...d5 Set-ups
2. Colle Versus Queen's Indian
3. Exchange Slav and Gambit Lines
4. London Versus King's Indian
5. London Versus Reti
6. London Versus Grünfeld
7. Dutch Defence and Other Lines.

Es gibt einen guten Überblick darüber, welche Einsatzgebiete Lakdawala vornehmlich für die beiden behandelten Systeme sieht.
Als zweitrangig bedeutsam sehe ich die Frage an, ob das Werk in seinen Empfehlungen immer die aktuelle Nummer 1 trifft, ob also der Zug X die richtige Weichenstellung für die eigene Aufstellung ist oder ob Zug Y eine Nuance besser sein dürfte. Irrwege jedenfalls sind mir nicht aufgefallen und auf dem niedrigen Klubniveau ist ein übersichtlicher Qualitätsunterschied unter korrekten und damit spielbaren Zügen ohne Ausschlag.

Die Buchsprache ist Englisch. Lakdawala hat seinen offenkundig sehr breiten Wortschatz ausgelebt, was das Verständnis durch den Fremdsprachler herausfordert. So werden durchaus auch ordentliche Englischkenntnisse auf die Probe gestellt. Das Nachschlagen von Begriffen wird sich für die meisten Leser an etlichen Stellen kaum vermeiden lassen, wenn sie denn alles vollständig verstehen wollen.

Ein Variantenverzeichnis ist vorhanden, es ist im Bereich der letzten Seiten des Buches abgebildet.

Fazit: "First Steps: the Colle and London Systems" ist ein Lehr- und Repertoirebuch für den aufstrebenden Spieler ab einem niedrigen Klubniveau. Es leitet ihn an, die beiden behandelten Spielwiesen selbst einsetzen zu können, indem es ihm ein inneres Verständnis ihrer Ansätze und Methoden zu vermitteln versucht.
Für mich handelt es sich um ein gelungenes und damit empfehlenswertes Buch für den Leser, der die Herausforderungen an den englischen Sprachschatz anzunehmen bereit ist.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

Maneuvering - The Art of Piece Play

Maneuvering - The Art of Piece Play

Mark Dvoretsky
Maneuvering - The Art of Piece Play
215 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-941270-37-0
24,95 Euro




Maneuvering - The Art of Piece Play
"Maneuvering - The Art of Piece Play" ist ein neues Werk eines der zuletzt besten Schachlehrer unserer Zeit, des im September 2016 verstorbenen Mark Dvoretsky. Mit ihm will er die Spielstärke des Lesers über Schachaufgaben und die jeweils sehr ausführliche Besprechung der Lösungen heben. Gemessen an dem, was ich im Zuge der Erarbeitung von Rezensionen an Büchern dieses Genres in die Hand bekommen habe, war er für mich zumindest der beste unter den Trainern, die ihr Fachwissen als Autoren an die Schachgemeinde zu geben versuchen.

Bereits der Rückentext dieser 2016 von Russell Enterprises herausgegebenen Neuerscheinung zeigt sehr gut an, was der Leser thematisch erwarten darf. Es geht darum, die Fähigkeiten des Spielers auf dem Sektor des Positionsspiels zu fördern, in dem es um Figurenmanöver und darum geht, die besten Felder für die eigenen Kräfte zu finden. Dabei basieren Dvoretskys Ansätze darauf, dass die Spielstärke des einzelnen in erster Linie damit steigt oder fällt, dass er positionelle Möglichkeiten erkennt und diese so schnell und so genau wie möglich ausarbeitet.

"Maneuvering - The Art of Piece Play" enthält insgesamt 228 Diagramme mit Aufgaben, die der Leser lösen soll. Diese decken das Spektrum von leicht bis sehr schwer ab. Dvoretsky erwartet nicht nur, dass der Leser Schlüsselzüge findet, sondern detailliert ausgearbeitete Lösungen. Dies wird auch darin deutlich, dass die von ihm ins Buch genommenen Musterlösungen sehr ausführlich sind und in meinen Augen den größten Anteil am Lernerfolg des Lesers haben werden. Sie lehnen sich "charakterlich" an eine intensive Kommentierung von Partien an. Indem sich der Leser zunächst in die Probleme und Möglichkeiten einer Stellung tief eingedacht hat und er dann die Lösung Dvoretskys, die alles Wesentliche ausführlich thematisiert, mit seinen eigenen Ergebnissen vergleicht, wird er zweifellos profitieren. So ist "Maneuvering - The Art of Piece Play" nicht nur ein Buch, mit dem der Leser seine Fähigkeiten überprüfen kann, sondern auch für das Erlernen von Methoden. Den Anspruch, ein gezieltes Lehrbuch zu sein, erhebt das Werk nicht. Es wird keine Theorie des Positionsspiels aufgearbeitet. So findet der Leser keine Lehrsätze etc. vor, sondern jeweils eine stellungsbezogene Evaluation der Problemlage, der daraus resultierenden Anforderungen und Möglichkeiten sowie die Ausarbeitung des Vorgehens.

Für mich ist "Maneuvering - The Art of Piece Play" kein Werk, dass am Stück durchgearbeitet werden kann oder sollte. Zumindest gilt dies für den Freizeitspieler. Er wird seinen höchsten Nutzen dann daraus ziehen, wenn er sich Zeit nimmt. Mit einem gewissen regelmäßigen Pensum kann er mit dem Buch arbeiten, seine Fähigkeiten Stück für Stück verbessern und so quasi einen Trainings- und Qualifizierungskurs durchlaufen.

Um die Ordnung im Buch zu skizzieren, bilde ich nachfolgend auszugsweise und sinngemäß ins Deutsche übersetzt das Inhaltsverzeichnis ab (kleiner Hinweis dazu: Auf jeden Eintrag im Inhaltsverzeichnis nach der Einführung folgen jeweils die Lösungen auf die Aufgaben des Abschnitts).

Einleitung
Aufwärm-Übungen
Studien
Die Eröffnung
Das Endspiel
Stellungen ohne Damen
Damen und Türme
Mittelspielstellungen
Kleine Meisterstücke
Beispiele mit zusätzlichen Aufgaben
Schwierige Übungen.

Die obengenannte Einführung ist ein Ausblick auf die späteren Buchinhalte und nicht eine solche zum Positionsspiel an sich.

"Maneuvering - The Art of Piece Play" ist nicht das erste Dvoretsky-Buch, in dem er mit Aufgabenstellungen wie hier arbeitet. Jetzt und früher hat er Beispiele aus seiner Trainertätigkeit verwendet. Käufer früherer Bücher können nach Darstellung des Autors davon ausgehen, dass Überschneidungen des verwendeten Materials weitgehend vermieden sind.

Die Buchsprache ist Englisch. Um geschmeidig mit dem Werk arbeiten zu können, sind Fremdsprachkenntnisse auf einem guten Schulniveau von Vorteil.

Fazit: "Maneuvering - The Art of Piece Play" ist ein sehr qualifiziertes Werk, das nach der Methode "learning by doing" arbeitet und dabei höchsten Wert auf die Musterlösung der insgesamt 228 im Buch gestellten Aufgabenstellungen legt. Es richtet sich an Spieler (fast) jeder Leistungsstärke, ein unteres Klubniveau sollte persönlich erreicht sein. Den noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Spieler werden die enthaltenen Aufgaben schnell an seine Grenzen oder darüber hinaus führen, doch über die ehrgeizige Arbeit mit den Lösungen wird auch er sich in seinem Leistungsvermögen verbessern.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.


 

1.e4 vs The Sicilian III

1.e4 vs The Sicilian III

Parimarjan Negi
1.e4 vs The Sicilian III
488 Seiten, kartoniert
ISBN: 978-1-78483-023-6
25,99 Euro




1.e4 vs The Sicilian III
Im 3. Band seiner monumentalen Arbeit zur Ausarbeitung eines Weißrepertoires gegen die Sizilianische Verteidigung im Rahmen der Grandmaster Repertoire-Serie von Quality Chess behandelt der indische GM Parimarjan Negi die Taimanov-Variante, die Paulsen-Variante (auch als Kan-Variante bekannt), das Scheveninger System sowie seltene Abspiele des Nachziehenden im 2. Zug. Das Inhaltsverzeichnis sieht insoweit in einer sinngemäßen deutschen Übersetzung wie folgt aus:

Taimanov-Variante
1. Einführung und 5...a6
2. 6...Sf6
3. Verschiedene Möglichkeiten im 7. und 8. Zug
4. Einführung zu 8...Le7
5. Neue Hauptvariante
6. 8...Lb4 - Alte Linien
7. 8...Lb4 - Moderne Linien

Paulsen-Variante (Kann-Variante)
8. Verschiedene Möglichkeiten im 5. Zug
9. Einführung zu 5...Sf6
10. 6...Dc7
11. 5...Lc5 - Einführung zu 6.Sb3 La7
12. 6.Sb3 La7 mit 7...Se7
13. Einführung zu 6...Le7
14. Hauptvariante

Scheveninger System
15. 4...Sc6 und 5...d6
16. Keres-Angriff - Verschiedene Möglichkeiten im 6. Zug
17. Verschiedene Möglichkeiten im 7. Zug
18. 7...Sc6

Seltene Abspiele
19. 2...d6
20. 2...Sc6
21. 2...e6
22. Verschiedene Möglichkeiten im 2. Zug.

Negi nutzt den vorliegenden Band, eine Neuerscheinung aus 2016, außerdem für einen Nachtrag zu Band 1. Dort hatte er die Aufnahme einer Variante zum Drachenaufbau vergessen, die nun als Appendix im vorliegenden Buch zu finden ist.

Wie seine Vorgänger ist auch "1.e4 vs The Sicilian III" als klassisches Eröffnungsbuch mit einer Baumstruktur aus Haupt- und Nebenvarianten aufgebaut. Illustrationspartien sind nicht enthalten, so wie es für die Bücher aus der "Grandmaster Repertoire"-Serie typisch ist. Der Leser erhält somit Theorie pur, was übrigens auch Wiederholungen vermeidet. Bücher mit Praxisbeispielen enthalten natürlicherweise Wiederholungen, indem theoretisch bereits erörterte Zugfolgen eben auch darin wieder vorkommen.

"1.e4 vs The Sicilian III" enthält eine Fülle an Stoff. Dies macht auch dieses Werk in meinen Augen vor allem für den ambitionierten fortgeschrittenen Spieler wie auch den Fernschachspieler besonders interessant. Gerade die Stofffülle der Grandmaster-Repertoire-Bücher habe ich in der Vergangenheit immer wieder mal auch als Vorbehalt ihnen gegenüber wahrgenommen. Mehrfach habe ich als Kritikpunkt gelesen, dass sich kein Mensch das immense Material merken könne. Verständlich ist dieses Argument für mich nicht so recht, denn niemand behauptet, dass diese Werke ihren Nutzen nur entfalten, wenn man sich ihren Inhalt vollständig einprägt. Für den Fernschachspieler gilt es ohnehin nicht, weil er seine Partie unter Rückgriff auf Literatur spielt. Er muss sich nichts einprägen, er nutzt die Theoriedarstellungen unmittelbar. Und der Turnierschachspieler sucht sich für seine Vorbereitung das aus dem "Grandmaster-Repertoire" heraus, was für ihn wichtig und interessant ist. Für die nachgehende Analyse steht ihm dann das geballte Wissen daraus zur Verfügung. Immerhin muss sich doch auch niemand durch die Speisekarte essen, wenn er ein gutes Lokal betritt.

Negi gibt sich große Mühe, dem Leser die Theorie verständlich zu machen. Er erklärt und erläutert viel und intensiv. Die Darstellungen weisen generell einen hohen Textanteil auf. Lange Variantenketten kommen zwar auch vor, fallen aber nicht ins Gewicht. Grundsätzliche Aspekte greift das Werk nicht auf, was aus meiner Sicht sinnvoll ist, wenn man seinen von mir angenommenen Kern-Adressatenkreis berücksichtigt, neben dem Fernschachspieler den fortgeschrittenen Schachfreund.

Die einzelnen Kapitel werden mit einer Übersicht der nachfolgend behandelten Varianten eingeführt. Hierüber erfährt der Leser unter Angabe auch der Seitenzahlen, wo er im Kapitel welche Zugfolgen findet. Zusammen mit dem gewohnt detaillierten Gesamt-Variantenverzeichnis am Ende des Buches erlaubt es dem Leser eine ausgezeichnete Navigation im Stoff.
Neben einem Diagramm zur Ausgangszugfolge des Kapitels gibt es als Appetitmacher weitere Diagramme zur Brettsituation nach Neuerungen im sich anschließenden theoretischen Teil. Abgeschlossen werden die Kapitel mit einer kurzen wertenden Zusammenfassung.

Die Buchsprache ist Englisch, mit Fremdsprachkenntnissen auf einem guten Schulniveau wird der Leser keine nennenswerten Probleme mit dem Verständnis haben.

Fazit: "1.e4 vs The Sicilian III" ist als einzelnes Werk wie auch als weiteres Element zu einem umfassenden Weißrepertoire gegen die von Schwarz gewählte Sizilianische Verteidigung eine echte Empfehlung besonders für den Fernschachspieler und den ambitionierten fortgeschrittenen Nahschachspieler.

Dieser Rezension liegt die kartonierte Fassung des Buches zugrunde. Gegen einen Aufpreis von 4 Euro ist es auch in gebundener Form und mit einem festen Einband erhältlich.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.