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Marion Bönsch-Kauke
Nervenkrieg - von Aura bis Zweikampf
317 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2008 (2009)
ISBN: 978-3-86596-204-1
24,80 Euro.
Marion Bönsch-Kauke: Nervenkrieg - von Aura bis Zweikampf
"Nervenkrieg - von Aura bis Zweikampf" versteht sich als ein Lehrbuch über "Angewandte Psychologie für Trainer, Schachlehrer und Spieler."
Diese Rezension wirft den Blick auf und in das Werk im Fokus des Fernschachs. Deshalb wird sein Wert für Trainer und Schachlehrer außen vor gelassen und allein für den (Fernschach-) Spieler untersucht.
In 11 Kapiteln, hier Module genannt, stellt die Autorin ihre Erkenntnisse vor und versucht, diese für eine konstruktive Umsetzung aufzubereiten. Unter dem gewählten Rezensionsansatz sind folgende Kapitel interessant:
2 (in Teilen): Führungsvermögen: Qualitätsmanagement - Sozialkompetenz
4 (Abschnitt 4.4): Die bestmögliche Form: Fit für den Erfolg!
5: Vorbereitung auf den Gegner
6 (in Teilen): Fairplay-Verhalten im Schach
7 (in Teilen): Balancieren von Emotionen
8 (Abschnitt 8.4): Schachblindheit, Trugbilder und Aussetzer
Im Kapitel 2 wird u. a. die Leistungsmotivation behandelt. Was ist darunter zu verstehen, auf welchen Beweggründen basiert sie, wie kann man sie fördern? Welche - zwischenzeitlichen - Motivationskonflikte können auftreten? Der Fernschachspieler kann Nutzen zur Selbsterkenntnis aus den Erörterungen ziehen.
Im Fernschach ist der dem ambitionierten Turnierschach anhaftende Psychostress, unter dem die Nerven bewahrt werden müssen, weitgehend fremd. Deshalb gibt es für psychoregulative Verfahren, im Abschnitt 4.4 behandelt, eher spärlich Raum. Dass einzelne Buchhinweise zu diesem Punkt aber durchaus auch im Fernschach helfen können, zeigen behandelte Stressfaktoren wie "körperlich-geistiges Schwächegefühl, anstrengende Berufstätigkeit, Erholungsbedürftigkeit", "eine Partie aufgrund eines zu hohen Leistungsstrebens/Übermotivation verderben" und "Druckpositionen aushalten müssen, in denen der Gegner andauernde Initiative hat". Dabei werden Hinweise zur Stärkung der eigenen Potenziale gegeben.
Abgeschwächt und auf einzelne Elemente beschränkt gelten für das Fernschach auch die Regeln zum "ausgefuchsten Spiel und dem schmalen Grat zur Unfairness" aus Abschnitt 5.5. Die für das Brettschach offenen Versuche des Bluffens und Tarnens, die eine körperliche Präsenz des Gegners voraussetzen, fehlen. Phantom-Drohungen werden im Fernschach, besonders auch bei Rechnerunterstützung, schnell enttarnt. Gleiches gilt für Fallen, und echte Fingerfehler gibt es (fast) nicht. Ein Tipp, ggf. relativ viel Zeit in einfachen Situationen zu verbrauchen, um dem Gegner zu suggerieren, dass es etwas zu ergründen gebe, führt im Fernschach schnell zur Unfairness. Immerhin wird hier nicht in Minuten sondern in Tagen, Wochen und Monaten gerechnet.
Die situativen Unterschiede zwischen dem Brettschach und dem Fernschach sind zu groß, als dass der Fernschachspieler in einem bemerkenswerten Maße sowohl von "dirty tricks" betroffen werden oder diese selbst anwenden kann.
Das Kapitel 6 ("Fairplay-Verhalten im Schach") könnte als eine Grundlage zu einem eigenen Thema "Fairplay im Fernschach" genutzt werden. Auf Besonderheiten des Fernschachs übertragbare Buchausführungen sind für den Fernschachspieler von Nutzen. Nonverbale Störmanöver wie ein lautes Stuhlrücken gibt es allerdings nicht, wenn man von Geringfügigkeiten wie z.B. die Verwendungen von nicht "wertfreien" Karten beim Postfernschach o. ä. absieht. Manchmal sind im Brettschach verbotene Verhaltensweisen im Fernschach sogar regelkonform, was das Beispiel der Analyse einer aktuellen Stellung mit Dritten zeigt. Dass sich aber auch hier ab einem bestimmten Punkt die Frage nach der Grenze des Fairplay stellt (aber eher im verbalen Bereich), wird bei einer offenen Analyse der aktuellen Stellung zum Beispiel in einem Internetforum deutlich.
Für das Kapitel 7 ("Balancieren von Emotionen") gilt das schon für andere Inhalte angebrachte Urteil: Unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Fernschachs in Teilen hilfreich auch für den Fernschachspieler. Auch Fernpartien werden unter dem Einfluss von Emotionen gewonnen und verloren. Informationen hierzu helfen beim Umgang damit und zu deren positiver Beeinflussung.
Kann ein Fernschachspieler schachblind sein? Diese Frage kommt beim Durcharbeiten des Kapitels 8 auf (Schachblindheit, Trugbilder und Aussetzer). Ganz sicher muss man nach Fernschach mit und Fernschach ohne Engineunterstützung unterscheiden. Ohne den Einsatz eines Computers kann dieses Phänomen einen Fernschachspieler zweifellos treffen. Welcher erfahrene Spieler hätte nicht ein eigenes Beispiel auf Lager? "Schachmüdigkeit und psychische Sättigung" treten zwar anders als beim Brettschachspieler auf, müssen aber auch vom Fernschachspieler erkannt und bewältigt werden.
Aber auch bei der rechnergestützten Spielführung ist der Spieler nicht vollends vor Schachblindheit etc. gefeit. Das höchste Spielniveau ist nur unter dem kritischen Einsatz zu erreichen. Dies bedeutet, dass der Vorschlag des Computers nicht vorbehaltlos oder gar unkritisch umgesetzt werden darf. So ergibt sich auch hier der besagte kleine Raum an Schachblindheit.
"Nervenkrieg - von Aura bis Zweikampf" ist ganz sicher von hohem Nutzen für Trainer, Schachlehrer und Spieler, an die sich das Werk ausdrücklich richtet. Es hat diesen Wert natürlich auch für den Fernschachspieler, der daneben das Brettschach pflegt. Für denjenigen, der allein das Fernschachspiel betreibt, ergibt sich ein Nutzen wie beschrieben.
Dem Buch ist aber ein allgemeiner Nutzen für alle Spielerinnen und Spieler beizumessen: Es ist ganz sicher ein Werk, dass die Selbsterkenntnis fördert und Möglichkeiten und Wege zur Selbstbeeinflussung aufzeigt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E. Niggemann (www.schachversand.de) zur Verfügung gestellt.
(Uwe Bekemann)
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