Vorgestellt in einem Artikel der NRZ (Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung) vom 06.12.2006. Der Abdruck auf der Homepage des BdF erfolgt mit freundlicher Genehmigung der NRZ.
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FERNSCHACH / Der Weseler Horst Broß ist Mannschaftsweltmeister in einer Sportart, bei der man in Jahren denkt.
(Gabi Gies) Preisfrage: Wann hat die DDR ihre letzte Medaille gewonnen? Richtig, 1995, sechs Jahre nach der Wende. Als die 10. Fernschach-Mannschaftsolympiade nach acht Jahren zu Ende ging und die damals noch als Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates angetretenen Denksportler als Dritte auf dem Treppchen landeten. Der Weseler Diplomingenieur Horst Broß hat mit seinem Team immerhin nur fünf Jahre gebraucht, um 14. Fernschachmannschaftsweltmeister zu werden. Wer seine Vorgänger sind, weiß er nicht - die 13. Ausgabe des Wettbewerbs läuft noch. Was auch daran liegt, dass die noch per Postkarte gestartet wurde, während Broß und seine Kollegen erstmals in der Fernschachgeschichte im Turnier per E-Mail kommunizierten. Manchmal verschwimmen Zeit und Raum - eine ungewöhnliche Erscheinung in der so schnelllebigen und ereignisorientierten Sportwelt.Seine schönste Partie habe über fünf Jahre gedauert, sagt der 41-jährige Weltmeister. "Da stecken heute noch viele Emotionen drin." Begegnet ist er seinem Gegner aus Georgien nie. Die Postkarten, mit denen sie ihre Züge übermittelten, waren oft einen Monat unterwegs. Im Turnier hatte Broß damals relativ schnell seine Punkte zusammen. "Ich dachte, es käme auf diese Partie nicht mehr an. Bis ich feststellte, dass der Mann aus Georgien genauso gut stand wie ich. Da wusste ich, dass ich diese Partie Remis halten musste." Das Turnier gewann er schließlich.
Es war ein Schritt auf seinem Weg in die Weltspitze des Fernschachs. "Eigentlich sind meine Möglichkeiten beim Schach begrenzt - ich bin kein Kasparov", sagt Broß. "Beim Brettschach muss man in einer bestimmten Zeit agieren, sein Wissen abrufen können. Da geschieht es leicht, dass man in Zeitnot Fehler macht." Um dennoch erfolgreich zu sein, hat er sich die Eigenheiten des Fernschachs zunutze gemacht. Anders als beim Brettschach darf man beim Fernschach auf alle erdenklichen Hilfsmittel zurückgreifen. Bei Broß sind dies unter anderem drei bis vier Millionen im PC gespeicherte Schachpartien oder Fachbücher. Dazu kommt die außergewöhnlich lange Bedenkzeit - 60 Tage für jeweils zehn Züge. Natürlich sei der Computer nur bis zu einem gewissen Grad eine Hilfe, so Broß, denn irgendwann sei man auf sich allein gestellt.Genau genommen sei er eher ein unsportlicher Typ, sagt der Ingenieur über sich. "Wir hatten in der Grundschule ein Mal im Jahr einen Schullauf. Ich glaube, ich war viermal der Letzte." Es hat ihn geprägt, und nie wieder losgelassen. Das Laufen hat er fortan trainiert. Ein paar Jahre später sei er dann immer mit bei den Besten gewesen, erinnert er sich mit einem Lächeln. In dieser Zeit begann Broß mit dem Rudern und betrieb dies bald als Leistungssport. Zuletzt war er in der Senior- B-Klasse deutscher Vizemeister im Doppel-Vierer. Als er den Rudersport an den Nagel hing - "zu einem bestimmten Zeitpunkt konnte ich mir keine erreichbaren Ziele mehr stecken" - packte ihn eine neue Leidenschaft, das Fallschirmspringen. Nach einem schlimmen Unfall, an dessen Folgen er noch leidet, sattelte er um. Fuhr mit dem Rennrad von Oberhausen bis zum Nordkap und den Ötztal-Radmarathon. "Wenn ich die Entscheidung getroffen habe, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann lässt mir das keine Ruhe", versucht der 41-jährige Familienvater eine Erklärung.