BdF-Mitglieder
Presseschau
im
Presseportrait

 

 

 

Presseschau - BdF-Mitglieder im Presseportrait

 

 

Günter Schmandt, Sillenbuch

Vorgestellt in einem Artikel der Stuttgarter Zeitung - Blick vom Fernsehturm - vom 3.2.2006. Der Abdruck auf der Homepage des BdF erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung.

Zum Originalartikel

Zum Artikel als Textversion

 

 


Artikel im Original

Günter Schmandt

Artikel (Text)

Das wohl langsamste Hobby der Welt

FERNSCHACH Günter Schmandt übt sich in Geduld - Das muss er auch: Seine Züge schreibt er auf Postkarten, die er weltweit verschickt

Sillenbuch. Es gibt rasante Hobbys, spannende, Adrenalin befördernde Freizeitvergnügen. Aber das ist nichts für Günter Schmandt: Der pensionierte Schreinermeister hat sich dem wohl langsamsten Hobby der Welt verschrieben. Dem Fernschach. (Von Frederike Poggel)

Dort oben scheint die Welt irgendwie in Ordnung. In einer ruhiger 30er-Zone in Sillenbuch lebt das Ehepaar Schmandt in einer kleinen Wohnung, die so ist, wie man sie sich eben vorstellt: Im Wohnzimmer steht eine gemusterte Couchgarnitur aus Stoff, bestickte Deckchen liegen auf den Tischen, kleine Figuren stehen sauber aufgereiht in der altmodischen Vitrine. Alles hat seinen Platz, auch die Briefmarkenalben von Günter Schmandt, vielleicht 20 an der Zahl, die im Wandregal des Esszimmers lehnen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Denn bevor der 77-jährige Rentner zum Briefmarken sammeln kam, war da das Schachspiel. Mit zehn Jahren lernte er es in der ehemaligen DDR, wo er herkommt. 1954 wurde er im ostdeutschen Freyburg Stadtmeister, spielte von 1958 bis 1966 mit der Schachgemeinschaft Stuttgart in der Landesliga und ist seither im SC Sillenbuch aktiv.
"Es gibt zig Varianten. Millionen von Möglichkeiten. Das ist das Spannende am Schach", sagt Günter Schmandt. "Kein Spiel ist wie das andere." Er findet es so spannend, dass er jeden Tag spielt. Abends fernschauen gibt es nicht. "Das macht meine Frau alleine. Ich bin dann in meinem Schachzimmer."
Zu tun hat er da genug. Er spielt nicht gegen sich selbst und nicht gegen einen Computer, sondern - so ulkig das klingt - gegen Postkarten. Oder besser: Gegen Gegner, die er noch nie gesehen hat und vermutlich nie sehen wird. Die Züge übermitteln die Gegner ihm via Post.
Und das dauert. In der Vorrunde des Jubiläumsturniers vom ICCF, dem Weltfernschachverband, das nur alle paar Jahre stattfindet, hat Günter Schmandt gegen zehn Gegner gespielt. Das heißt, er korrespondiert mit zehn Gegnern auf der ganzen Welt, indem er seinen jeweils nächsten Spielzug auf die Postkarte schreibt. 30 Tage hat er dafür insgesamt Zeit. Seinen Gegnern bleiben wiederum 30 Tage. So gehen mitunter zwei, drei Jahre ins Land, bis eine Partie beendet ist. Und so kommt Günter Schmandt auch an seine unglaublich vielen Briefmarken.

Makaber, aber nicht allzu selten ist es, dass ein Schachgegner das Ende der Partie nicht mehr erlebt. Denn wie Günter Schmandt sind wohl fast alle Teilnehmer im Rentenalter. "Zwei- dreimal ist es mir schon passiert, dass mein Gegner verstorben ist", sagt er und seine Frau Lisa, die neben ihm im Sessel der gemusterten Couchgarnitur sitzt, muss unfreiwillig schmunzeln. Dabei ist es gar nicht immer zum Lachen, wenn der Ehemann einem Hobby so ausgiebig frönt, wie der ihre das tut. Wie lange er denn am Tag spiele? "Ganz unterschiedlich", sagt Günter Schmandt. Ob eher eine oder eher vier Stunden? "Ha, unter vier sind es nie", sagt er, ist ein wenig stolz und seine Frau lächelt teilnahmslos. "Nein, das ist nicht immer einfach", sagt sie. Sie habe dafür andere Hobbys, sagt Günter Schmandt. "Sie macht viel im Garten."

Ansonsten ist in der kleinen Wohnung alles auf Schach ausgelegt. An der Wand im Flur hängt die Intarsie einer Weltkarte, die der Schreiner selbst gemacht hat. Mit kleinen selbstklebenden Zetteln, die aussehen wie die Kleber, mit denen man den Inhalt von Gefrierbeuteln angibt, sind manche Länder beschriftet. "Da hatte ich überall schon Gegner", sagt Günter Schmandt. Und wenn nicht selbst, so war er zumindest überall mit dem Finger auf der Weltkarte.
In seinem Schachzimmer hat er zig Spielbretter, auf denen er die Züge mit seinen Postkarten-Gegnern nachstellt. Die Bretter stehen auf selbst geschnitzten Tischen, deren Füße aus Schachfiguren bestehen. Und wenn Günter Schmandt an seinem Schreibtisch sitzt, kann er rechts neben dem Fenster mit Blick auf die Gartenmauer das Poster sehen, auf dem große Spieler wie Veselin Topalov unterschrieben haben.
"Ha, davon habe ich noch viel mehr", sagt er und kramt geschäftig in dem Aktenschrank. "Hier, da habe ich Zeitungsausschnitte und Autogramme gesammelt", sagt er. Gary Kasparov, der viele Jahre die Weltrangliste anführte, und Großmeister Bobby Fischer sind nur zwei der Unterzeichner. Abgeheftet ist auch ein Zeitungsausschnitt von Felix Magath, wie er in den 70ern über einem Schachspiel grübelt. Johannes Rau, Otto Schily, alle beim Schachspielen.

Fünf DIN-A4-Ordner hat der passionierte Spieler und Sammler prall gefüllt. Und so lange alles an seinem Platz ist, ist die kleine Welt bei Schmandts in Ordnung.