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Fernschach - eine prima Alternative für Frauen!

24.03.2012, Raymund Stolze, Hoppegarten bei Berlin

(Der Beitrag wurde unter der Adresse https://www.schachbund.de/news/fernschach-eine-prima-alternative-fuer-frauen.html auf der Website des Deutschen Schachbundes e.V. veröffentlicht. Dort ist er dauerhaft und um Fotos erweitert zu lesen. Auf der Website des Deutschen Fernschachbundes e.V. wird der Beitrag mit der freundlichen Genehmigung des Autors abgebildet.)

In dem sehr empfehlenswerten KARL-Themenheft FERNSCHACH (4/2011), mit dem man eine spannende Reise durch den Fernschachkosmos machen kann, habe ich eigentlich nur die Frauen gesucht. In den umfangreichen Statistiken gibt es zwar eine Rubrik der Weltmeisterinnen. Als Erste hat sich in diese Chronik 1972 Olga Rubzowa (Foto, UdSSR) eingetragen, die sich den Titel bei den Frauen 1956 auch im Nahschach in Moskau im WM-Turnier geholt hatte. Ein fleißiges Googlen half mir auch, einige Hintergrundinfos vor allem auf dem Portal bei www.schachchronik.de zu den inzwischen acht abgeschlosssenen Titelkämpfen zu finden. Aber dass bei den Damen auch in schöner Regelmäßigkeit Fernschach-Olympiaden stattfinden, darauf hat mich eine eigene Korrespondenzpartie beim Deutschen E-Mail-Schachclub gebracht.

Meine Gegnerin in der 2. Runde des DESC Open 2010 ist nämlich mit Kirstin Auburger aus Ludwigsburg eine aktive Olympionikin. Die Premiere (1974 bis 1979) wurde seinerzeit natürlich auch von der Sowjetunion gewonnen. Aber Silber ging bei acht Mannschaften mit jeweils vier Spielerinnen - darunter auch die fünftplazierte DDR-Auswahl - an die Bundesrepublik Deutschland. Ein wichtiger Leistungsträger war in diesem Team mit Edith Mechelke, Elke Beyer und Rita Heigl Juliane Hund (Foto, 1928 - 1999). Mit dem Fernschach begann sie 1959 wegen der Geburt ihrer Kinder - die vier Töchter Susanne, Barbara, Isabel und Dorothee sind ebenfalls starke Schachspielerinnen geworden. Erfolge blieben dann auch nicht aus. So gewann sie zweimal die Deutsche Frauen-Fernschachmeisterschaft der Bundesrepublik (1964-1967, 1979-1982) und triumphierte schließlich 1998 beim ersten kontinentalen Championat, das mit Vor- und Endrunde mehr als elf Jahre dauerte...
Es lohnt sich ganz sicherlich - das ist mein Eindruck - nicht nur das Porträt dieser beindruckenden Frau und Persönlichkeit, die erst Anfang der 1950er Jahre das Schachspiel von ihrem Vater in Frankfurt/Main erlernte, wo sie Rechtswissenschaften studierte und ihr erstes Staatsexamen bestand, aufzuschreiben, sondern gleichermaßen die Chronik der deutschen Fernschach-Frauen mit Leben zu füllen. Beispielsweise ist doch interessant, dass Deutschland bis zur VII. Weltmeisterschaft (2002-2006) warten musste, ehe es die erste Einzelmedaille gab. Sie holte Myrna Siewert, die dann bei der 7. Fernschach-Olympiade gemeinsam mit Ricarda Flügel, Sandra Seidel und Silvia Kamp Bronze hinten Slowenien und Litauen gewann.
Nachdem die deutschen Frauen bei der folgenden achten Auflage auf dem undankbaren vierten Platz landeten, hat nun bei der 9. Fernschach-Olympiade das aktuelle Quartett in der Aufstellung Constanze Jaeckel, Silvia Kamp, Swetlana Kloster und Kirstin Auburger wieder eine Medaille als Zielstellung. Und das ist trotz der starken Konkurrenz von immerhin zwölf Nationen durchaus realistisch. "Hier sind nicht nur Computer-Bediener aktiv, sondern, Schachspielerinnen, die auch Nahschach erfahren sind", so der Team-Captain der deutschen Olympiamannschaft Elke Schludecker. Was natürlich meine Neugierde weckte, und so bat ich die fünf Damen, sich doch auf der DSB-Homepage kurz vorstellen und meine "Masterfrage" beantworten, warum sie Fernschach gut finden...

Constanze Jaeckel (Jahrgang 1965), Brett 1:
Arbeitet zur Zeit in der Kundenbetreuung bei Edeka Nonfood Logistik.
Fernschach find ich gut, weil...
... es sich für mich zeitlich viel besser mit Job und Familie vereinbaren lässt als Nahschach und weil es mir möglich ist, international zu spielen und dadurch "Chessfriends" auf der ganzen Welt kennen zu lernen.

Silvia Kamp (Jahrgang 1972), Brett 2:
Ist von Beruf Industriekauffrau und mit Silber (6. Olympiade 2003-2005) und Bronze (2007-2009) die erfolgreichste Spielerin im aktuellen deutschen Team.
Fernschach find ich gut, weil...
... ich vor allem bei der ersten Olympiade den persönlichen Kontakt zu meinen Gegnerinnen aus den anderen Ländern sehr spannend fand und ich mich mit den Stellungen genauer auseinander setzen kann als im Nahschach.

Swetlana Kloster (Jahrgang 1962), Brett 3:
Die gebürtige Minskerin (Weißrussland), die zunächst als Kindererzieherin tätig war, ist von Beruf Schachtrainerin für den Nachwuchsbereich und hat für diese Zielgruppe auch ein Buch geschrieben (www.schachzauber.de).
Fernschach find ich gut, weil...
...man gezwungen wird, sich intensiv mit der Eröffnung zu beschäftigen und Endspiele sehr gründlich studieren und genießen kann, was beim Nahschach nicht möglich ist. Außerdem kann man sich die Zeit frei einteilen, wann man sich mit seinen Partien befasst. Und schließlich erlebt man das Schachspielen in einer sehr hohen Qualität!

Kirstin Auburger (Jahrgang 1986), Brett 4:
Die Mathe- und Chemielehrerin am Ludwigshafener Carl-Bosch-Gymnasium macht gerade ihr Staatsexamen in beiden Fächern. Bei der Damen-Mannschaft des TSV Mutterstadt (2. Frauen-Bundesliga Süd) spielte sie in der bereits beendeten Saison 2011/12 an Brett 1 und wird künftig für den SK Landau aktiv sein.
Fernschach find ich gut, weil...
...man nette Leute aus unterschiedlichen Nationen kennen lernt und seine Schachpartien bis ins kleinste Details und ohne Zeitdruck zu Hause analysieren kann.

Elke Schludecker (Jahrgang 1953), Team-Captain:
Ist von Beruf Verwaltungsfachangestellte und spielt seit fast 25 Jahren Fernschach im Deutschen Fernschachbund (BdF). Seit drei Jahren nimmt sie auch verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten im BdF wahr. So ist sie u.a. Damenreferentin und setzt sich in dieser Funktion aktiv für die Förderung des Frauenfernschachs ein.
Fernschach find ich gut, weil...
Man sich die Zeit für das Schachspiel frei einteilen kann und so der Faktor Zeitdruck entfällt. Außerdem können mit den Spielpartnern - auch aus verschiedenen Nationen - oft sehr nette und interessante Kontakt entstehen.
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Wie es scheint, ist Fernschach also wirklich eine prima Alternative vor allem für Frauen, die ja mit Beruf und Familie ganz schönen Belastungen ausgesetzt sind, denen sie aber trotzdem nicht unbedingt missen möchten. Aber einem zeitaufwendigen Hobby wie Schach nachzugehen, ist dann eben nicht ohne Probleme...
Was den Zwischenstand der 9. Damen-Fernschach-Olympiade angeht, so ist die aktuelle Tabelle (Stand 19. März 2012) noch wenig aussagekräftig. Mit Russland und der Ukraine (jeweils 6,5 Punkte) sowie England hat sich ein Trio an die Tabellenspitze gesetzt. Der Deutschland-Vierer liegt zur Zeit auf Platz 5 mit 4,0 Punkten, die sich wie folgt verteilen: Constanze Jaeckel 1 aus 2, Swetlana Kloster 2/4 und Kirstin Auburger 1/1. Bei sechs Remisen und einem Sieg ging dabei keine Begegnung verloren. Noch keine Partie hat Silvia Kamp beendet.
P.S. Übrigens läuft auch meine Partie gegen Kirstin Auburger noch. In einem Königsinder mit Schwarz war ich sogar guter Hoffnung, das Brett 4 unserer Frauen-Fernschach-Olympiamannschaft ganz schön zu quälen, aber dann habe ich einen Bauern unnötig eingestellt, weil ich schon einen Zug weiter war im Kopf als die Stellung. Zum Glück hatte die Stellung dann taktische Möglichkeiten, und so hoffe ich, am Ende Kirstin ein Remis abzutrotzen...