Fernschach-Vortreffen in
Eisenach 1951

Ein weiteres Vortreffen der Deutschen Fernschachtreffen fand im Jahre 1951 in der Lutherstadt Eisenach statt. Die Ausgabe 2/1951 der Zeitschrift Fernschach berichtete wie folgt:

F E R N S C H A C H

Herausgeber Hans Werner von Massow


Nr. 2 August 1951 12. Jahrgang

Deutsche Fernschachspieler trafen sich in Eisenach
Unter den Gästen Erik Larsson (Stochholm) - Dr. Engel Turniersieger


Vom 17. - 23. Juni kamen Fernschachspieler aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes zusammen, bei dem von der Sektion Schach/Fernschach des Deutschen Sportausschusses veranstalteten Fernschachtreffen in Eisenach. Wie bereits im vergangenen Jahre in dem Erzgebirgsstädtchen Frauenstein weilte unter ihnen auch der Turnierdirektor des Weltfernschachbundes (ICCF) Erik Larsson, Stockholm. In dem herrlichen Grottensaal des "Hotels der Wartburgstadt" saßen sie sich gegenüber am Brett der 64 Felder, auf dem sie sonst nur per Fernschachkarte ihre Kämpfe austragen. Eine interessante Schachausstellung umrahmte den Turniersaal. Wertvolle Stücke waren zu sehen: eine Fotokopie vom Schach Zabelbuch des Königs Alfons des Weisen aus Spanien vom Jahre 1283 und im Original das erste Schachbuch in deutscher Sprache von Gustav Selenus aus dem Jahre 1616, antike Schachbretter, symbolische Schachfigurensätze und Schacherinnerungsstücke.

Für abwechselungsvolle Unterhaltung in der Freizeit war bestens gesorgt: Peter Firmenich (Köln) plauderte am Demonstrationsbrett über Theorie und Psychologie des Schachs. Bachs Geburtshaus wurde besichtigt und die Wartburg, auf einer Fahrt in das nahe gelegene Bad Salzungen u. a. das Kinderdorf in Wilhelmsthal, wo in dem Schloß, in dem einst Goethe weilte, Waisenkinder des letzten Krieges eine Heimstatt fanden. Bei dem Empfang durch den Oberbürgermeister von Eisenach erklangen im Rokokosaal des Schlosses u. a. Meisterwerke Johann Sebastian Bachs, gespielt auf den Instrumenten seiner Zeit, die Abschiedsfeier wurde verschönt durch Musik und Gesang der Kulturgruppe der Rheinmetall Werke Sömmerda. Als Ausgleich zu dem harten Geisteskampf, am Schachbrett fand auf Anregung Erik Larssons ein kleines Tischtennisturnier statt.

An einem spielfreien Nachmittag trafen sich die Fernschachspieler zu einer mehrstündigen Diskussion über Turnierfragen mit dem 1. Turnierleiter der Arbeitsgemeinschaft deutscher Fernschachfreunde (BdF), Eberhardt Wilhelm (Hamburg). Einleitend hielt Erik Larsson einen Vortrag über die Entwicklung des internationalen Fernschachs, bei dem er besonders die 1928 in Berlin erfolgte Gründung des Internationalen Fernschachbundes (IFSB) als Pioniertat würdigte und seiner Freude Ausdruck gab, in Kurt Laue (Halle) und Haus Werner v. Massow (Hamburg), zwei der Gründer begrüßen zu können.

Im Meisterturnier des Fernschachtreffens siegte wie im Vorjahre in Frauenstein Dr. Engel (Leipzig). Sein Sieg stand bereits zwei Runden vor Schluß fest: fünf Partien gewann er hintereinander, in den beiden letzten allerdings mußte er sich geschlagen bekennen. Im Hauptturnier schien Altmeister Laue (Halle) einem sicheren Siege zuzusteuern, wurde aber im Endspurt von dem talentierten Nachwuchsspieler Kunze (Meisdorf) überflügelt. Die Turnierergebnisse im einzelnen:
Meisterturnier: Dr. Engel (Leipzig) 5, Vlk (Eisleben), Diemer (Scheidegg) und Wolff (Laage) je 4, Firmenich (Köln) und Kunerth (Weilheim) je 3,5, Vogt (Berlin) und Rüster (Krölpa) je 2,
Hauptturnier: (7 Runden Schweizer System): Kunze (Meisdorf) 6, Wacker (Dresden), Laue (Halle und Kretschmar (Oelsnitz) je 5, Wilde (Zeuthen), Roscher (Dresden) und Stabenow (Bremen) je 4,5, Sielaff (Elmshorn) und Buschendorf (Halle) je 4, Kretschmer (Dittelsdorf), Reich (Stadtroda) und Gregor (Berlin) je 3,5, Rittner (Werdau), Merten (Hamburg), Rötschke (Halle), Richter (Dresden) und Landmann (Frankenhain) je 3, Lüdicke (Meinsdorf) 2,5, Neukirch (Pößneck) 2, Friemann (Hamburg) Kayhatz (Hilter) und Baum (Eschwege) je 1,5.
Die Teilnehmer des Meisterturniers und mehrere Spitzenspieler des Hauptturniers vereinbarten als Revanche ein Fernturnier, das als "Eisenach-Revanche" unter der Turnierleitung von Eberhardt Wilhelm (Hamburg) begonnen hat.

Alle Teilnehmer erhielten neben einer Bildmappe mit Fotos von dem Turnier ein großes, schön eingerahmtes Bild, der Wartburg als Erinnerungsgabe. Allen werden die Tage in Eisenach unvergeßlich bleiben - vielfach haben das die Teilnehmer des Fernschachtreffens bekundet.
Erik Larsson erklärte: "Ich bin sehr glücklich, hier in Eisenach bei dem zweiten Fernschachtreffen in der Deutschen Demokratischen Republik zu sein. Diese Fernschachtreffen sind sehr wichtig für die Völkerverständigung, und ich würde mich sehr freuen, wenn der Deutsche Sportausschuß solche Fernschachtreffen jedes Jahr veranstalten könnte, mit Teilnahme von Fernschachfreunden aus aller Welt. Meiner Meinung nach werden solche internationalen Fernschachtreffen zum Frieden beitragen, den wir alle so tief wünschen."
Der Senior des Treffens, der 70jährige Rektor i.R. Max Kayhatz, (Hilter), schrieb in das Gästebuch: "Hochbefriedigt kehre ich nach den schönen Tagen in Eisenach nach dem Teutoburger Wald zurück und werde das Fernschachtreffen in bleibender Erinnerung behalten."
Der Zeitkontrolleur der Arbeitsgemeinschaft deutscher Fernschachfreunde (BdF) Kurt Klar (Bodenteich) schrieb folgende launige Zeilen: "Ja, die liebe Zeit! Die liebe Zeit vergeht dem armen Schächer immer viel zu schnell. Der arme Zeitkontrolleur kann ein Lied davon singen. Aber hier möchte er selber gern die Zeit überschreiten - so schön waren diese herrlichen Tage." Eberhardt Wilhelm (Hamburg) schrieb: "Deutsche Menschen aus Ost und West in Frieden und Freundschaft beisammen - das ist Eisenach 1951!"

Die Wartburgstadt Eisenach als Ort des Fernschachtreffens war eine glückliche Wahl. Hier auf der Wartburg schuf Luther durch die Bibelübersetzung die deutsche Spracheinheit.
In Rom wirft der Scheidende eine Münze in die Fontana Trevi und soll so die Gewißheit erhalten, daß er wiederkehren wird in die Heilige Stadt. Deutschland hat keine Heilige Stadt. Sein Nationalheiligtum ist eine Burg, örtlich und geistig Herzstück des Landes. Zu ihr kehrt zurück, wer einmal durch den matten Dämmer ihrer Säle und Gänge, Stuben und Kemnaten voll fortwirkender Vergangenheit geschritten ist und dann vom Südturm über die ewige Gegenwärtigkeit des heiter und kraftvoll drängend von Horizont zu Horizont wogenden Waldgebirges einen Blick geworfen hat. Dieser Blick fällt tief in das eigene Herz, unverlierbar und unentwendbar.
Um Gnade, Zukunft und Leben haben hier die Kräfte des Deutschen gerungen: Wolfram von Eschenbach, die heilige Elisabeth, Luther, Goethe und die namenlosen Scharen der akademischen Jugend, die sich am 18. Oktober 1817 zum Wartburgfest vereinten, um die Freiheit und Einigkeit ihres Vaterlandes zu fordern, und am Abend dieses denkwürdigen Tages der deutschen Geschichte auf dem Wartenberg, gegenüber der Wartburg, ein Feuer entzündeten, darin sie die Herrschaftszeichen der Unterdrückung und des Rückschritts verbrannten: den Schnürleib, den Zopf und den Korporalstock.

Die Wartburg ist ein Mahnmal der deutschen Einheit. Hieran anknüpfend, erklärte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft deutscher Fernschachfreunde (BdF), Hans Werner v. Massow (Hamburg), als er bei der Abschlußfeier namens der Gäste für die herzliche Aufnahme dankte: "Die unheilvolle Spaltung unseres deutschen Vaterlandes darf nicht zu einer Entfremdung der deutschen Menschen untereinander führen. Über all' das, was uns vielleicht mehr oder minder in unseren Auffassungen trennen mag, müssen wir stets das Gemeinsame setzen! Wir deutschen Menschen in West und Ost, wir sprechen eine Sprache, wir haben eine Heimat und ein Vaterland: Deutschland! Untrennbar gehören wir zusammen, und unser Wille heißt: Friede!
Der Leiter der Sektion Schach im Deutschen Sportausschuß, Gustav Müller (Berlin), hob hervor, daß gleichermaßen wie die kurz zuvor in Bad Klosterlausnitz beendete Deutsche Frauenmeisterschaft auch dieses Fernschachtreffen im Zeichen des Friedens und der Freundschaft stand und gab seiner Freude Ausdruck, daß das deutsche Schach, sowohl das "Nahschach" wie das Fernschach, keine Trennung durch die widernatürliche Zonengrenze kennt.

[Anmerkung: ein Gruppenbild konnte auf Grund der schlechten Qualität des Drucks nicht eingearbeitet werden. Dieses zeigte:
1. Reihe: Friemann, Hamburg; Peter Wilhelm, Hamburg; Merten, Hamburg; 2. Reihe: Burzlaff, Bad Lausick; Frau Rüster, Otto Rüster, Krölpa; Laue, Halle; Firmenich, Köln; Hans Werner v. Massow, Hamburg; Frau Larsson, Gustav Müller, Berlin; Frau v. Massow, Erik Larsson, Stockholm; Eberhardt Wilhelm, Hamburg; Blankenstein, Berlin. 3. Reihe: Stein, Sömmerda; Dr. Engel, Leipzig; Lüdicke, Meinsdorf: Böttger, Dresden; Kunerth, Weilheim; Vogt, Berlin; Vlk, Eisleben; Elison, Berlin; Neukirch, Pößneck; Klar, Bodenteich; Wolff, Laage; Kretschmar, Oelsnitz; Richter, Dresden; Gregor, Berlin; Kübart, Leipzig; Lauffer, Berlin; Frau Lauffer, Stabenow, Bremen; Hartmann, Staßfurt; Diemer, Scheidegg: Kayhatz, Hilter; Sielaff, Elmshorn; Neupert, Sömmerda; Buschendorf, Halle; Kühnel, Halle. 4. Reihe: Churs, Eisleben; Landmann, Frankenhain; Baum, Eschwege; Wend, Herzberg; Adler, Weißenfels; Kunze, Meisdorf; Roscher, Dresden; Wilde, Zeuthen; Frau Wacker, Frl. Knittel, Weißenfels; Wacker, Dresden; Frl. Michaelis, Altenburg; Rittner, Werdau; Reich, Stadtroda; Kretschmer, Dittelsdorf, Brösel, Weißenfels; Rötschke, Halle.]